Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 20.1.1846 (Keilhau)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 20.1.1846 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 112-113. - In der Edition gesperrte Passagen werden hier unterstrichen wiedergegeben [so wohl im Orig.]; Passagen, die in der Edition in Normalschrift statt Fraktur gesetzt sind, werden hier kursiv wiedergegeben [im Original wohl Antiqua-Schrift].)

Keilhau, am 20. Januar 1846.
Um das Postporto - da Sie mir erlaubt haben, Ihnen, lieber Herr Prediger, die Sachen unfrankirt zu senden - soviel als möglich zu verringern, habe ich die Bogen, welche den von Ihnen gewünschten Aufsatz enthalten, aus dem Bande der Weil'schen Jahrbücher herausgetrennt. Ich fürchte ja nicht, daß ich in dem Übrigen etwas zuviel behalten habe, was Ihnen zu besitzen lieb wäre. Sollten Sie nach gemachtem Gebrauch vielleicht bis Ende März, mir das Ganze zurücksenden können, so würde es mir aus dem Grunde lieb sein, weil in den nächsten Monaten hier ein junger, wacker ausgerüsteter Schulamtskandidat aus dem sächsischen Voigtlande unter meinen Schülern und Zuhörern ist, welcher nach gründlichem Bekanntgewordensein mit der Sache solche weiter, zunächst in seiner engeren Heimat, in einem Aufsatze bearbeiten will, was mir, ich gestehe es offen, lieb ist, indem so der Gegenstand in den verschiedensten Gegenden Deutschland und von dem verschiedensten Standpunkte aus zur Sprache kommt. Weil der junge Mann zu Anfang jeder Stunde das in voriger Stunde Abgehandelte in gedrängter Kürze schriftlich wieder dem Kreise vorführt, so freue ich mich der Theilnahme desselben an dem jetzigen Kursus auch um der jüngeren, und so auch um unserer Schülerin aus N. [sc.: Annaburg] willen, von welcher ich überhaupt hoffe, daß sie als ausführend wenigstens unser Aller Erwartungen entsprechen wird; als den Geist deutend, wie ihn erfassend, stehen ja Sie, theuerer Freund, und der Herr Dr. S. ihr zur Seite.
Soeben, als ich dies Packet zuschließen will, sendet mir der Buchhändler in Rudolstadt einen Aufsatz, welchen die jüngste Nummer des bei ihm herauskommenden Thür. Volksfreundes über die Feier des Pestalozzi-Festes in Keilhau enthält. Da ich weiß, welchen aufrichtigen und warmen Antheil Sie an unserem Leben in seinem Wirken, wie in seiner Entwickelung nehmen, so erlaube ich mir, Ihnen ein paar Exemplare zu freiem Gebrauche zu übersenden, ohngeachtet der Aufsatz eine persönliche Hervorhebung meiner enthält, von welcher ich viel lieber sähe, es wäre solche zurückgetreten, und die Sache, die mir über Alles geht, bei dieser Gelegenheit mehr hervorgehoben worden; die Sache nach Grundlage und Ausgangspunkt, nach Ziel und Zweck, Mittel und Weg und ganz vor allem nach thatsächlichem Ergebnis, was doch schon so vielseitig vorliegt. Ist aber alles dies noch Nichts - wogegen ich auch ganz und gar nichts einwende, sondern es gern, ja sehr gern mit der reinsten Freude zugestehe - so bitte ich eines nur, reichen Sie mir fortgehend Ihre treue, feste Freundeshand, daß wir für das Keimen, Wachsen, Blühen in dem guten Elblandboden gesunden Samen ausstreuen; dann wollen wir sehen, was der 12. Januar 1847 an Blüten mindestens zeigt.
Eines wünschte ich mir, mein hochgeschätzter Herr Prediger und theuerer Freund, daß recht bestimmt ausgesprochen und anerkannt würde: daß ich die Möglichkeit der Erreichung des vorgesteckten, aber nicht willkürlich gesetzten, sondern von der jetzigen Entwickelungsstufe der deutschen Menschheit unabweichbar gegebenen Zieles - nur in die innige Einigung einer Mehrheit sich innig und ganz verstehender Geister setze. Da nun aber dies unter Lebenden so sehr schwer zu erreichen ist, so suche ich es zunächst wenigstens im Einklange und im Zusammenwirken mit den Geistern verstorbener Menschheitskämpfer zu erreichen, d.h. ich suche von einer Seite her alles das in seinem Einigungspunkte und Keime zu erfassen, was alle Edlen der Menschheit beider Ge- /
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schlechter von jeher für die Menschheit zur Erreichung zunächst ihrer irdischen Bestimmung, dann ihrer ewigen Bestimmung und ihres Berufes an sich ersehnten, um ihn wenigstens in diesem kleinen, ja unscheinbaren Punkte, die doch unerläßliche Pflege zu verschaffen.- Aber Alles Gott befohlen!
Ihr Freund
Friedrich Fröbel.