Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Stadt- u Schulrat Grubitz in Magdeburg v. <?>2.1846 (Keilhau)


F. an Stadt- u Schulrat Grubitz in Magdeburg v. <?>2.1846 (Keilhau)
(BN 457, Bl 2-3, undat. Entwurf 1 B 8° 4 S. 3R folgt nach 2R. Text von 3 auf Blankenburger Abrechnung über Spielgaben 1-5 v. 26.11.1840. Adressat nach F.s Brief an Härter v.28.2./3.3.1847, Datierung nach F.s Brief an Auerbach v.13./23.2.1847)

Verehrtester Herr Stadtrath

Hoffentlich werden Sie nicht vor Monatsfrist von mir keine Nach-
richt über die mir von Ihrem Vertrauen zur Bildung übersandten
Auguste Windhorn und also nicht früher als eben jetzt erst erwartet haben, weil sehr häufig die
ersten Eindrücke besonders bei Jungfrauen teuschend sind, so viel
Mühe man sich auch giebt, den Schein vom Wahren zu trennen.
In Beziehung jedoch auf die mir von Ihnen, hochgeehrtester Hr Schrath zur Bildung für Kinderpflege an-
vertraute Auguste W. - freue ich Ihnen aussprechen zu können,
daß der Einfache gute die besten Hoffnungen weckende Eindruck
welches ihr erstes Erscheinen machte u gleich ihre erst sinnige Achtsamkeit
welche sie gleich in den ersten Unterrichtsstunden bewies zeigte
sich ohne allen Wandel bisher immer gleich bewiesen bestätigt hat.
Ja hochverehrter HErr Schulrath, ich freue mich gar sehr
über die Wahl welche Sie getroffen haben - wohl kenne ich
nun Auguste erst einen Monat u dieß ist eigentlich in Bezieh[un]g
auf ein Ffür Eerziehende Kinderpflege bestimmtes JMädchen immer
noch wenig - doch hoffe erwarte ich nicht, daß sie meine Hoffnung in ihrem
künftigen Wirkungskreise teuschen wird. Mein Urtheil stützt
sich darauf daß sie während der ga[n]z[en] Zeit ihres hierseyns nun
ganz gleichmäßig freudig gewesen ist, daß sie in allen Unterricht
ständig immer gleich ohne allen Wechsel ruhig aufmerksam u sinnig thä-
tig gewesen ist; sie spricht wohl zu Zeiten aus, daß ihr nicht
gleich alles, wie z. B. einer andern ihrer Bildungsgenoss[inn]en, leicht
werde; allein durch den sinnigen Ernst und der g[an]z hingegebenen
Ruhe, mit der sie alles betreibt, dadurch hoffe ich, daß
sie sogar zum Gewinn ihres künftigen Wirkens, jenes was
ihr als Mangel erscheint leich ersetzen wird.
Was ich Ihnen im Vorstehenden schrieb suchte ich als ein treues Na-
turzeichen von Gegeben[em] treu wieder zu geben; Möge es sich nun
auch nicht nur hier während auf der die Dauer ihres Aufenthaltes sondern auch besonders auch in ihrer künftigen
Wirksamkeit als
eine freundliche dankbare Gegengabe für Ihr mehrfaches
Vertrauen und zur Erreichung ihrer [sc.: Ihrer] menschenfreundlichen Wünsche
hinsichtl[ich] der eines großen Kreises vorschulpflichtiger Kinder Magde[-]
burgs u zu deren Seegen bestätigen - was Gott gebe.
Doch Sie werden auch gern etwas bestimmtes von der/
[2R]
Benutz[ung] der bis jetzt verflossen[en] 4 Wochen wissen wollen, und zwar
auch ausgesprochen von mir ob ich gleich nicht zweifle, daß auch
Auguste Ihnen einen kleinen Bericht gegeben haben wird .
Meiner Schüler[inn]en sind wie Sie wissen bis jetzt mit Augusten vier, da
der rechtzeitige Eintritt einiger andern d[urc]h Umstände verspätet wurde[.]
Um 7 Uhr beginnt der Arbeitstag in der Anstalt und die Schülerinnen
theilen jederzeit die Morgenstunden derselben, wie sie in den nun
folgen[den] Stunden von 7-8 den [sc.: die] ReligionsStunde in den 3 verschiedenen
Classen theilen. Ich halte dieß für wichtig damit Sdie Mädchen als
künftige Erzieherinnen wenigstens in sich so klar und selbst in der Beh[an]dl[ung]
des Gegenstandes so vielseitig als mögl[ich] gebildet werden, denn
was man klar u vielseitig besitzt kann man dann auch klar
u vielseitig der Kindesnatur angemessen behandeln; und unser
Religionslehrer Hfrr Middendorff wird als ein so geist[-] u gemüthvoll
als das lebensgewandtererfassender u besonders R[eligions]lehre[r] anerkannt - Von 8-9 ist
Haben die Mädchen frey u Von 9-10 haben sie über Erziehliche
Kinderbeachtung, Kinderpflege u Kindererziehung allgem: Unterricht
bey mir; wir gehen hier von der Betrachtung des Kindes
wie es wirklich von seiner Geburt an in den verschieden[en]
Entwicklungsstufen erscheint aus u entwickeln daraus was
in u für jede die Erziehung des Kindes erfordert; mein Be-
streben ist dabei in die Forderungen so vielseitig anschaulich als mögl[ich] zu machen. Die
folgenden Stunden des Tages zunächst von 10-12
theilen sich nun in prakt Übungen theils die Vorübungen der
Schüler[inne]n unter sich, theils mit Kindern und zwar hier wieder
theils mit den kleinen Kindern unserer eigenen Familien, theils
währ[end] 2 mal 2 Stunden mit den abwechselnd großen u klein[en]
Kindern der Schule in dem Mutterdorfe. 2 Mal in der Woche
von 12-1 nehmen sie auch Antheil an den allgem. Gesangbildungs[-]
stunden der Anstalt - Nachmittags sind sie wieder unter meiner
besondern unmittelbaren Leitung von 2-4 u von 5-7 beschäftigt.
In diese sämtl[ichen] Stunden ist nun folgender Unterricht vertheilt.
1. Der der Glieder[-] u Sinnes Entwickelung, theils als eigene Übung theils
auch als Anregung der dazu anzuwenden[den] kleinen deutenden
u das Gemüth wecken[den] u bildenden Liedchen[.]
2. Einübung u Anwendung der sich daraus weiter entwickelnden
Glieder[-] Sinne[-] u Bewegungsspiele für die nächste Altersstufe [.]/
[3R]
3. Als Ganzes Spielgegenst[an]d haben wir nun bald den Ball mit
ersten sein[en] verschieden bildenden [Spielen] und die sich daran anknüpf[enden]
Bewegungsspiele nebst den dazu sie begleitenden Geist u Gemüth entwickeln[d]en
Liedchen beendet.
4. Ebenso haben wir auch schon den nächst[en] Spielgegenst[an]d die 2e
Spielgabe die Kugel u der Würfel u die Walze in Beziehung auf die Geist[-] u Gemüths[-] Entwicklung u Lebens<Äußerung> des Kindes bald be[en]digt. Wir kommen demnächstens nun zur Betrachtung der ersten Gestalt Bauspiele[.]
5. Theils um Wechsel in die Beschäftigung[en] zu bringen, theils um
für Gegenstände welche längere Zeit Darstellung u eigene Übung zur eignen Belehrung u
Fertigkeit fordern - die nöthige Zeit zu gewinnen, theils um
am Ende der festgesetzten Zeit auch den Ziklus [sc.: Zyklus] der erziehenden Kinder[-]
beschäftigungs Mittel beendigt zu haben mußte
ich [auf] manche Gegenst[än]de der Beschäftigungen vorgreifen, so
z B in der Bildung der Hand u des Auges zum Zeichnen und Schreiben
eine Reihe von Beschäftigungen welche in der Anwendung bei den Kindern erst nach mehr
entwickelter Kraft auch schon Hand[-] u Fingergewandtheit folgen z. B. dann die Bildung von hohlen cubischen Raumkörper (Kästchen) aus Papierflächen, gleich<wegs> zur Bildung des Körper[-] Formen[-] u Geistes Sinnes, wie auch der Hand u zur Anw[en]d[ung] im praktischen Leben [,]
dann das Umwandeln einer u derselben Geviertfläche in verschiedenen Gestalten z. Bildung des Auges für Form Größe u Gestalt u zur Bildung der Finger u der Hand [,]
dann die Bildung Anwendung einer u derselben [Geviertfläche] durch Aus[-] u Abschneiden in verschiedene theils Geistes u Gestaltungsformen theils einfachen linienwinkliche Schönheitsformen sowohl als Bildung des Auges der Hand u des Schönheits- Ordnungs Rechnungssinnes, so wie von vielfach praktischen Zwecken für das Leben [.]
Diese 7 Übungen welche ich als mit zu [den] wichtigsten wie <anerkennenden> [sc.. anerkanntesten] auch den liebsten u <erfreuendsten> der Kinderbeschäftigungen rechne sind nun bald beendigt[.] –
Längere <Übung u wohl> mit <Abtrennung der> in den 6 Monaten zu <beacht[enden]> Übung ohne doch die beyden [ersten]
daher ich solche jetzt schon begonnen habe /
[3]
sie sind doppelter Art und bestehen in der freyen Entwickelung des Armes, der Hand u der Finger, so wie überwiegend
mehr in der Bildung des Auges für Größe Lage Form u Gestalt.
Hier haben wir eben erst begonnen[.]
Nach meiner Erfahrung findet diese Beschäftigung bei Kindern im 6n Jahre
erspriesliche Anwendung und die Kinder thun es gern. Doch
gehen diesen Übungen andere voraus, welche wir jedoch aus
den angeführten Gründen nun erst noch nachholen müssen.
Wir haben freilich auch sehr viel d[urc]hzunehmen, doch da ich glaube daß
wir die Zeit gut benutzen so hoffe ich daß wir zur festgesetzten
Zeit unser Ziel so zieml[ich] erreicht haben werden.
Recht sehr freue ich mich, daß Auguste wenn auch nicht eine
eben vorzügl besonders begabte Sängerin ist, sie doch eine solche
Stimme u solchen Gesan[g] hat, daß ich nicht zweifle, sie wird sich
in dieser Beziehung unsern billigen Erwartungen entsprechen. Sollte
es nun nach einer frühern Äußerung mögl [ich] werden Auguste später in
ihre einstige Wirksamkeit selbst einzuführen, so daß sie vor völlig selbst[-]
ständiger Wirks erst in ihre Wirksamkeit ein[-] wie <umzugehe>, so hoffe
ich wirklich da bey [ihrer] vollen Fähigkeit den besten u Seegensreichen Erfolg diesem Unternehmen[.]
Ich glaubte Ihrem großen so thätigen u sprechend bewiesenen männlichen Wirken
diese zwar etwas ausgedehnliche doch einfache u ganz ungeschminkte
Darlegung unseres bisherigen Treibens schuldig zu seyn, wie ich aber auch
hoffe, daß Sie darin den Beweis finden werden daß wir uns beständig in
demselben voll zu bethätigen [bemühen.]
Ich wünschte mir daß Sie noch eine 2e Auguste gefunden hätten, daß
sie sich gegenseitig ermuntert u <erhal[t]en> hätten[.]
Bemerken will ich noch daß Auguste sowohl in der Dorfschule als
auch mit den Kindern des Hauses von dem Spielehalten aus mit
allen auf das sinnigste u mildeste umgeht
und bis jetzt habe ich auch hier noch nichts Tadelnswerthes gefunden.