Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Christian Lorenz Sommer in Rudolstadt von <nach>3.3.1846 (Keilhau)


F. an Ch. B. Sommer in Rudolstadt von <nach>3.3.1846 (Keilhau)
(BN 707a, Bl 39-40, undat. Entwurf 2 schmale Streifen fol, 4 S. ohne Adressat. Der Adressat Konsistorial-Assessor und Professor Christian Lorenz Sommer ergibt sich aus der Anrede und inhaltlichen Bezügen, ebenso wie die Datierung aus S.39R: „verfloss. Montag am 3.“, der Gründung des Erziehungsvereins Schwarza am 3.3.1846.)

Hochzuehrender Herr Professor
In Ihren freundlichen gütigen Zeilen vom 7' v. M. sprachen
Sie mir Ihren aufrichtigen u herzlichen Antheil an meinen
erziehenden Bestrebungen aus
Ihre mit dem Ausdruck der aufrichtigsten Herzlichkeit mir
in Ihren freundl. Zeilen vom 7' d. v. M[o]n. mir ausgesprochener
gütiger lebenvol[l]er Antheil an meinem erziehenden Leben u Bestrebungen
macht mich so frey, ermuthiget mich, Ihnen
auch meine jüngsten B erziehe[nden] Bestrebungen zur geneigten
Beachtung u Prüfung vorzulegen.
Aus dem Thüringer Volksfreund u vielleicht
auch aus andern öffentl. Blättern ist Ihnen
vielleicht mein jüngster Aufruf zur Bildung von
Erziehungsvereinen durch deutsche Männer u Väter be-
kannt geworden; sollte er es nicht seyn so erlaube
ich mir hier einen Abdruck desselben beyzulegen
dieser Aufruf nun ist eine Frucht, ein Ergebniß
meiner Reise u wie es fast stets auch später
[bei] in höchster Allgemeinheit sich bestätigenden Ideen
u Gedanken der Fall ist; - sie gehen durch eine
besondere Veranlassung hervor bilden dann
Ihre allgem. Gültigkeit u Charakter immer
mehr aus so ist es auch mit dieser Idee, dem Ge[-]
danken gegangen. Freunde der Idee der Kindergärten
wünschten solche um Frankfurt allgem. ausgeführt
sie erkannten dazu am zweckmäßigsten einen Verein
für diesen Zweck; allein bald ergab es sich das [sc.: , daß] nur
das Interesse an der Erziehung überhaupt die Überzeugung von der durchgreifenden
Nothwendigkeit überhaupt, das
Interesse für diesen besonderen Gegenstand derselben
beleben könne, ja, daß man nun die früheste
Kinderpflege in ihrer Wurzel zu erfassen
man dabey wenigstens der Übersicht nach
das Gesammte besonders Volks Erziehungswesen ins Auge fassen
müßte - wie dieß auch ein Fr[eun]d in der
Didaskalia ausspricht - diese
Aus den vielfachen Bestrebungen am Main Necka[r] u
Rhein zur Begründung u Ausführung früher entspre[-]
chender Kinderpflege unter den verschiedensten
Verhältnissen zu Stadt u Land u den sich <doch>
überall entgegen stellenden Hemnissen zeigenden Erscheinungen ging klar
die Überzeugung hervor, daß selbst eine durch[-]
greifende Erfassung der frühesten
Kinderpflege u die wahren Früchte derselben
nur zu erreichen seyn: durch eine Erfassung des
gesammten Erziehungswesens von seinem Keim[-]
punkte an bis zu
und Beachtung ersten Bege der Gesammten
Erziehungszeit des Menschen von ihrem Beginn bis zu
ihrer Beendigung, und daß dieß so wie überhaupt der gesammte Zweck
der Erziehung nur durch allgem.
Erziehungsvereine zu erreichen [sey] wie es dieß auch ein Freund
der ausübenden zeitgemäßen Erziehung in No
der Didaskalia bestimmt ausspricht.
Sehen Sie hochzuehrender Herr Professor
so ging die Idee der Erziehungsvereine viel[-]
fach aus dem Bedürfnisse des Lebens hervor
u selbst der Aufruf dazu selbst war so
das Ergebniß einer vielfachen Berathung[.]
Mit dieser Idee als der meiner schönsten Frucht meiner
Reise welche besonders in Frkf a/m ihre volle
Klarheit erhielt kam ich nach Hause, wo
ich solche natürlich meinen Fr[eun]den zuerst mittheilte
auch diese erkannten solche in ihrer Fruchtbarkeit
an u so wurde sie auch unserm strebsamen
Herrn Pfar[r]er als Freund selbst Mitarbeiter
an unserer Anstalt bekannt. Er faßte den
Gedanken u die M[ö]glichkeit auf einen solchen Verein
im eigenen Pfarrspiele zu begründen u der 14' 
Febr der erste Tag der Zusammenkunft
bestätigte seine Erwartung u schon in der dritten
Versammlung am 28' konnten wir uns über
die H[au]ptpunkte des Vereines seines Wirkens
u Zweckes so verständigen, daß daraus
eine Grundlage oder eine Art <Artikel>
schriftl. Vereinsbestimmungen hervorgingen
welche als Gr[un]dl[a]ge der Vereinigung von allen
unterzeichnet wurde, welche sich von jenem
Tage durch angezogen von dem Geiste derselben
von Tag zu Tag Versammmlung zu Versammlung
durch wackere strebsame Mitglieder aus
dem Pfarrspiele vermehrt hat.
Auch dem unsern Herrn Pfarrer befreundeten Herrn
Amtsbruder d[em] He. Archid. [sc.: Archidiaconus] M[.] Schuma[nn], u dem He.
Pfarrer Heubel theilten wir die Idee mit
u sie wurden nicht nur beyde von der hohen Zweck- /
[39R]
mäßi[g]keit Wichtigkeit u Ausführbarkeit dieser Vereine
überzeugt daß sie sich nicht nur
beyde s[o]gl. entschlossen ausprachen für die Ausführung
in ihrem Berufskreise wirksam zu seyn
sondern der He. Pfarrer Heubel wirkl. H[a]nd
ans Werk legte, so daß er uns am verfl.
Mont[a]g am 3' schon zu einer Vorberathung
zur Gründung eines solchen Vereines nebst mehrern achtbaren Männern <Schwager> zu sich einlud.
Wie weit die Sache dort gediehen weiß ich
nun nicht. Herr Archidiac[.] D[r.] M[.] Schuma[nn]
hat mir jedoch schriftl. seine Thätige Wirksam[-]
keit für die auch ihm wichtige Sache in seinem Wirkungskreis
wiederholt
zugesichert. Auch der Herr Pfarrer
Dr. Wohlfahrt
zu Kirchhasel erfuhr
den Gedanken besonders bei einem persönl.
Besuch welchen er uns in Keilhau machte
den Gedanken sehr lebhaft förderl.
u theilnehmend, wie alles dieß die
hier beiligenden schriftl. Belege beweisen.
Während dieser Zeit war dieser der gedachte
Aufruf mehrfach veröffentlicht worden
z[.]B[.] wie früher in der Didaskalia No 45 so auch
im Allgem. Anz. der Deutschen No 54 u selbst
in der Dorfzeitung No 36 hatte ich
ein sehr bestimmtes Urtheil darüber
ausgesprochen, durch dieß veranlaßt
erhielt ich nachstehend beiliegenden Brief von
HE. Kammerh[errn] C. v. Pfaffenrath den
Begründer der Landwirthschaftl. Zeitung
u Mitherausgeber des Allg. deutschen
Volksblattes, worauf ich ihm das
Gewünschte mittheilte:
Erzieher Fr[eun]de der Kinder u Volkser[-]
ziehung b an Rhein u Neckar wie auch in
den hiesigen Nachbarländern theilen die
Idee; so steht es auch mit der
Begründung - Verbreitung u Aner-
k[ennun]g, wie Ausführung der Idee
- Allgem. Erziehungsvereine
deutscher Mütter u Väter -.
Ob [n]un gleich die Sache noch nicht
so weit gediehen u sich in seinen Früchten
ja auch nur in seinen Blüthen soweit ent[-]
wickelt hat, daß es gestattet
seyn könnte schon einer hochfürstl. Erziehungs[-]
u Schulbehörde ein[em] hochfürstl. Consisto[-]
rium davon geziemend Anzeige zu
machen, so drängte mich doch das hohe
innige Vertrauen mit welchem mich
Ihre höchst wirkl. freundschaftl. theilnehm[-]
nehmende Zuschrift erfüllt hat, Ihnen
nicht nur Gedanken u Ausführung überhaupt
sondern ganz besonders
noch in Beziehung auf unsere thüring.
u geliebte Heimath zur Prüfung vor[-]
zulegen: Lassen Sie mich gütigst mit
dem letzten beginnen.
Als Sie persönl. u mündl. meinem Erziehungs-
unterrichte Ihre Beachtung schenkten sprachen
Sie die Überzeugung aus, daß wohl manches Kind auch
in unserer l. Heimath besonders
auf dem thüringer Walde sey, welches
bei einer entsprechenden Pflege bald schöne
Früchte der Erziehung u des Unterrichtes
zeigen würde. Diese Überzeugung hege ich längst
u längst hoffte wünschte [ich] dafür wirken
zu können, daß die Erfahrung sie bestätige[.]
Doch es zeigte sich mir kein durchgreifend
genügendes Mittel dazu. Dieß scheint
mir nun die Erziehungsvereine zu
reichen, besonders da nach dem Ur[theile] /
[40]
des genannten Herrn Pfarrer[s]
sich auf dem Walde besonders
doch gewiß auch auf dem platten
Lande nicht allein Geistliche sondern
auch Schullehrer und in den Orten
derselben auch wackere
Einwohner fänden, welche sich
für Ausführung dieser Vereine
mit ganzer Seele wirksam zeigen
würden. O dieß ist schon selten
viel, so wenig nun auch immer
die Vereine Anfangs leisten mögten
etwas würden sie doch leisten u bei
stetigkeit u Ausdauer, das wissen
wir ja alle steigert sich auch
die Wirksamkeit des Kleinsten.
Und so bin ich tief überzeugt die Früchte
<sittlicher> wie schaffender That-
kraft, die Früchte im kirchlichen
wie im bürgerl. im häusl. wie im
öffentl. im frommen wie im verständigen
Leben würden sich gar bald zeigen.
Und es bedarf dazu gewiß wenig
wenn nur das Auge alle Erziehungs-
bestrebung des Heimathlandes in einem Blick
zusammenfassende Auge von Oben
wieder mild u pflegend, anerkennend
u ermuthigend von Oben auf die
Bestrebungen zurück blickt. Ja
hochzuverehrender Herr Professor, soll darf ich
Ihnen aussprechen was dem Wirken dem Blick u dem Auge
eines einzigen solchen Mannes [zu verdanken ist.]
Deßhalb erlaube ich mir schon von
dieser Seite Ihnen die Sache zur Prüfung vorzulegen, ehe dies
nach <Vergleich> in dieser Beziehung mögl ist und solche der hochfürstl.
Erziehungsbehörde zu[gän]gl[ich] wird.
Doch der Gegenstand hat, wie ihn
die kurze Anzeige in der Dorfzeitung
ganz richtig erfaßt eine viel tiefere
Bedeutung, Bedingung für das gesammte
theure Vaterl.- Wie wichtig für
dasselbe wenn sich die Erziehungs[-]
vereine in ihrer Wirksamkeit in
ihrem Erfolg bethätigten bestätigten[.]
Nur das Beyspiel, die Erfahrung die
Anschauung kann jetzt wirken -
wie ehre[nvoll] für unsere That für unser
Pfarrspiel zunächst wenn es
hierin etwas musterhaftes
vorbildl. - ein Vorbild für
ganz Deutschland
aufstellte.- Wie
noch ehre[n]voller
für unser theures Hei-
mathland, wenn
sie das Gleiche für
unser ganzes Vaterl.
aufstellte, in
tiefer überzeugung bin
ich Thal u Land
Pfarrspiel u Fürsten[-]
thum wird es
erreichen. Wir werden
es erreichen wenn Sie
uns gütig pflegend die
H[an]d reichen, nicht von
vielen hängt zuerst
das Durchführen des
anerkannt Guten
ab nur von einigen
dieß zeigt die tägl.
Erfahrung[.] Möchte es Ihnen
daher gefallen den Aufruf
allseitig so wohl in Beziehung
auf seine Begründung als sein Ziel
den Weg zu demselben [zu] prüfen[.]
Nur d[urc]hgehende Einsicht in
das an sich so einfache natürl. Wese[n] u nothwendige Wesen wie in die nothwendig[en]
[hochkant am Rand geschrieben, nicht zum Text gehörig:]
Wer glückl u zufrieden froh u freudig leben will
der vergesse nicht, daß diese Güter nur durch Einsicht, Muth,
Ausdauer, und durch Kampf Mühe u Entsagung bleibend zu erringen sind
Kampf im Innern u Kampf nach Außen
durch Einkehr in sich u richtige Erfassung der Dinge u
Verhältnisse
Glaube Zufrieden[heit] u Frohs[in]n u Freudigkeit Selbstständigkeit des Lebens
diese vielersehnten Güter des Lebens
bleibend sind sie nur zu erreichen durch tiefe Einsicht
ächten Muth, festen Willen, wahre Ausdauer, nur durch
Entsagung, Mühe u Kampf. Wohl dem Jüngl.
der dieß frühe erkennt u nach dieser Erkenntniß besonders sein Leben in Selbstständigkeit
das Leben beachtet, das Leben behandelt, ihm
wird als sie dann als Mann des Lebens befreyen ächte reife Früchte reichen[.] /
[40R]
[{]Früchte / Wirkungen} derselben kann zum Ziel
führen - also nur
allgemein ist es mögl. unter sich
organisch verbundene Erziehungsver[-]
eine können zum Ziele führen.
Soll der Erziehungszweck alle
auch im Einzelnen vollkommen er[-]
reicht werden [Text bricht ab]
Keilhau [keine Schlußfloskel, "Keilhau" wohl Ansatz für Schlußdatierung] /

[40]
[im gleichen Schriftzug noch zwischen dem vorrangigen Text ein Wort:] Abschrift
[am unteren Ende des Blattes hochkant, nicht zum Text gehörig:]
[linke Spalte:]
Welch einen Beruf Du auch wählst mein Sohn
Du kannst darin das Gute befördern
Wo Du auch wirkst mein Sohn
Du kannst das Gute selbst thun
Doch Festigkeit kostets des Willens
Und Ausdauer des Handeln[s]
Aber es adelt dann auch als Bürger u Mensch
daß Du nun nach diesem doppel Adel strebst
daran das zweifle meine ich darum diese Worte zur
Erin[nerun]g an
Deinem väterlich erziehenden Fr[eun]d

Friedrich Fröbel

[rechte Spalte:]
Wir leben jetzt in all<seitig> viel bewegt[er], viel <sich ereignender> u viel erregender Zeit großer Zeit so ist
dem Menschen besonders aber dem Jüngl. ist darum jetzt wie zu allen solchen Zeiten ganz be[-]
sonders
sein Schicksal in sein eigenes Herz seinen eigenen Geist, sein eigenes Handeln gelegt erfasse wohl dann ihm wenn er es darum zu erfassen zu beherrschen sucht
darum fordert es wahrheit <Weisheit> Innigkeit d[urc]h die Wärme u Liebe des Herzens, Wahrheit u Klarheit <Schönheit Vernünftigkeit> des Geistes, u Kräftigkeit u Ausdauer des Handelns
denn Gleichmüthigkeit schadet <indem sie Lebenswahrheit> zerstört[.]
Du lieber Fritz wisse nun großen Theils Dein Dir, Dein Schicksal ruht in Deiner Hand
Nim[m] darum diese Worte des Lebens Erfahrenen zur Erinnerung an Deinen [bricht ab]