Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Max Leidesdorf in Berlin v. 21.3.1846 (Keilhau)


F. an Max Leidesdorf in Berlin v. 21.3.1846 (Keilhau)
(Das Brieforiginal ist nicht überliefert. Im BN 707a,Bl 46-51 befindet sich ein datierter Briefentwurf 2 B+2 Bl fol 11 S. in der Handschrift F.s ; BN 41, Bl 1-13 bietet die dazugehörige datierte Reinschrift/Abschrift 6 B+1 Bl 8° 26 S. in Form einer Abhandlung mit Titel „Darlegung meiner Erziehungsgrundsätze“, also ohne Briefanfang und Briefschluß, aber mit Zusätzen F.s auf der letzten Seite. Edition des Briefes (mglw. des Brieforiginals) durch Lange 1862 mit Titel „Die Grundgedanken F. Fröbels. Ein Brief“. Nachdruck Heiland 1992, 5-26. Langes Text ist ausführlicher als die Abschrift. Nicht zu klären ist, wieweit die textlichen Erweiterungen bei Lange dem Brieforiginal entsprechen oder Zusätze Langes sind. – Entwurf und Reinschrift/Abschrift nennen keinen Adressaten. Einem Schreiben an Pfarrer Ludwig Hildenhagen in Quetz v.30.3.1846 [BN 481, Bl 1] legt F. den Text einer „kurzen brieflichen Darlegung meiner Erziehungsgrundsätze“ bei, den er für „einen Freund meiner erziehlichen Bestrebungen, auch in Preußen“ geschrieben habe. Damit ist sicherlich der vorliegende Text gemeint. Im Brief F.s an Max Leidesdorf in Berlin v.8.4.1846 nun wird ein eindeutiger Bezug auf diese Briefabhandlung genommen. Sie ist ausdrücklich für Leidesdorf geschrieben worden und liegt dem Brief v.8.4.46 bei. F kannte Leidesdorf seit Sommer 1845. In seiner Schrift „Betrachtungen und Vorschläge zur Förderung der sittlichen Erziehung und Tugend, so wie der sozialen Verhältnisse“ von 1846 ging Leidesdorf, möglicherweise auf der Grundlage dieser Briefabhandlung, auch auf F.s Erziehungstheorie ein. - Hier wird unter a) der Briefentwurf F.s wiedergegeben, bei dem 46V völlig gestrichen ist und der aus zwei Textteilen: 46-48R, 49-51R besteht. Das zweite Textfragment stellt den ersten Teil des Erstentwurfs dar, während der zweite Text weitgehend der späteren, von Lange edierten Reinschriftfassung entspricht. Da die beiden Fragmente nicht bruchlos zusammenpassen, ergeben sich Textüberlappungen im Übergang von 48R zu 49V. Die beiden erhaltenen Entwurfstexte haben teilweise, etwa 49R, Abbrüche am Rand. Die Textergänzung erfolgt nach dem unter b) wiedergegebenen Text der Abschrift. Hier sind insbesondere die fünf Zusätze F.s auf 13R von Interesse. Sie werden hier in Kursiv in den Text integriert. Unter c) wird die Edition Langes [in: Erziehung der Gegenwart 1862, 138-140, 147-148, 155-156, 161-163] wiedergegeben. Aufschlußreich sind hier die ganz erheblichen Texterweiterungen im Schlußteil.)

a) Entwurf

Keilhau am Tage des Frühlingsanfanges 1846
Sie wünschen von mir eine Darlegung meiner Erziehungsgrundsätze, eine
Darlegung des Ausgangspunktes meiner erziehenden Bestrebungen, wie auch ihres
Zieles, ihres Zweckes und der Mittel zu deren Erreichung. Hier ist sie.
1. Ich gehe von dem, auch in seinen verschiedenen Entwickelungsstufen sich immer
gleichbleibenden Ergebnisse meines Selbstbewußtseyns aus; dabei prüfend und
vergleichend beachtend sowohl die Erscheinungen der Natur und des Lebens, als die
Ergebnisse des bis jetzt errungenen Selbstbewußtseyns der Menschheit, beides so-
wohl auf der gegenwärtigen Stufe der Entwickelung, als in seinen verschiedenen
Stufen des Werdens, also sowohl in seiner jetzigen ruhenden Gestalt, als auch
seiner Geschichte nach angeschaut und aufgefaßt. Ich gehe also weder von dem
Äußeren, von der Erscheinung, von dem Vergänglichen und Wechselnden aus, noch
weniger lasse ich mich von ihm leiten; aber ich setze es auch keinesweges unbeach-
tet an die Seite, sondern es im Gegentheil ganz in seinem Wesen und seiner Bedeu-
tung also seinem Grunde nach, wie in seinen Folgen würdigend[.]
2. Gemeinsam Alles dieß nun sagt mir, ohne sich mir im Mindesten irgend
wie und irgend wo zu widersprechen, immer das Eine aus: Einen UrGrund, Einen Ur-
Quell
, Einen Ausgangspunkt nur hat alles Daseyende, hat alles was wir Natur,
Welt, Schöpfung, All nennen; hat alles Wesen, alles Seyn, alles Leben, wo es nur
immer erscheint und sich kund thut, oder wo es selbst noch, geahnet oder ungeahnet,
schlummert; aber dieses Wesen, Seyn und Leben ist aber auch eben dadurch in sich weil
<aber> dieser Urgrund, Uranfang und Urquell das in und durch sich bewußte Wesen
Seyn und Leben selbst ist: das sich bewußte, in sich innig Einige, darum Gute, Gott!
so ist jedes erscheinende Einzelne als Einzelnes, wie in seiner Gesammtheit selbst wieder ein Einiges
und ist alles Daseyende darum, weil jedes Ding das Wesen seines Grundes in sich trägt göttlichen Wesens.
3. Wie alles Daseiende Erscheinende in diesem einigen, sich bewußten Lebendigen
Guten, Gott nur seinen Grund, seinen Quell und Anfang hat, so besteht es eben
auch nur dadurch, daß es eben als ein Seyendes, göttlichen Wesens ist, und wir
Menschen eben als göttlichen Wesens, darum auch zum Selbstbewußtseyn berufen
und uns unseres Selbstes immer mehr bewußt werdende – können dieß klar
einsehen und uns zweifellos bewußt werden erkennen.
4. Diese Erkenntniß des Göttlichen in allen Dingen, und der Einheit desselben in
allen Erscheinungen so wie die dadurch nothwendig gegebene Trennung wie auch wieder der Vermittlung,
welches alles auch aus einer durchdringenden und erfassenden Beachtung
des Lebens des Wirkens unseres eigenen Geistes klar hervorgeht, also dadurch auch im eigenen,
sich soweit entwickelten Selbstbewußtseyn eines Jeden unwiederlegbar beurkundet
wird – ist nun auch der Grund, der Ausgangspunkt und die Quelle all meiner
erziehenden Bestrebungen nach Mittel, Weg, Ziel und Zweck.
5. Wie nun das in sich innig einige göttliche Wesen sich in der Schöpfung, in dem
großen, gleichfalls in sich innigeinigen Lebensganzen sich offenbart in ihm lebt, wirkt, schafft und so sich
in ihm offenbart und dieß dadurch sein Bestreben hat, so lebt wirkt schafft und offenbart es
sich auch wieder in der Menschheit, als in dem zum Selbstbewußtseyn berufenen
Gliede dieses großen Lebens Ganzen. -/
[46R]
6. Was aber von der Menschheit als Ganzen in sich und zugleich als Glied des großen
Lebensganzen gilt, das gilt in ganz gleicher Weise auch von dem einzelnen Menschen
als Ganzem in sich und als Glied der Menschheit; auch der einzelne Mensch eben als
Glied der Menschheit faßt das ganze Wesen, Seyn und Leben derselben und so auch das
in ihr lebende, schaffende und wirkende göttliche Wesen ganz in sich und kann es
darum auch wieder aus sich entwickeln, darstellen kund thun und offenbaren. Ja der
Mensch fühlt und erkennt sich in seinem Schaffen und durch sein Thun eben als lebenvolles
Glied der Menschheit, und so als göttlichen Wesens.
7. Also der Mensch und schon als Kind, wenn auch hier nur noch in ungetheiltem dunkeln
Lebensgefühl, im dunkeln Fühlen des eigenen Selbstes und Lebens fühlt sich, wie innig
einig in sich so einig mit dem großen Lebensganzen; indem das Kind sich sehr bald
mit jedem Dinge außer ihm, wenn es nur nicht eben schmerzlich oder widrig auf das-
selbe einwirkt bald befreundet, ja merkwürdiger weise sich mit demselben und dasselbe mit sich auf ganz gleiche Lebensstufe stellt.
8. Ebenso behandelt das Kind, so bald es eine Mehrheit von Dingen in sich aufgenommen hat,
diese Dinge bald als Theile und Glieder eines größeren Ganzen; so will es z.B. frühe
alles was es nur eben erreichen oder bekommen kann auf einander legen es will alles Pflanzen, alles Speisen rc u.s.w.
Es erscheint dieß als die erste dunkle Spur des Erwachens einer Ahnung der Einheit
aller Mannigfaltigkeit außer ihm; wie es dagegen auch frühe strebt sein in sich einiges
Wesen in möglichster Mannigfaltigkeit seines Thuns außer sich darzustellen und
kund zu thun. Wie denn überhaupt für den dafür entwickelten Beobachter, so ganz vor
allem für die ruhig und sinnig beachtende Mutter, nichts in dem Kinde vorgeht, was
sich ihr nicht auch in dessen Äußerungen, Bewegung, Blick, Mienen u.s.w. kund thue, gleich-
sam offen vor- und da läge.
9. Je stärker nun in dem Kinde das Gefühl des Gemeinsamen Lebens wie des eigenen selbstigen Lebens und das
Streben es aus sich hervorzuleben und je größer die Menge der in sich aufgenommenen
Gegenstände der umgebenden Außenwelt, um so mehr wird sich in ihm in Beziehung auf ersteres in Beziehung auf das Gefühl des Gemeinsamen eignen Lebens ein Sehnen
kund thun nach einem Gegenbilde, gleichsam einem Spiegel
für seine sich in Mannigfaltigkeit äußernde Lebenseinheit in sich, so wie für die Einheit
der Mannigfaltigkeit außer sich ein sinnbildliches Anschauungsmittel;
d.h. das Kind wird Etwas ersehnen mit und da durch welchem es alle Äußerungen
seines Lebenstriebes seiner Lebenseinheit darstellen ausführen kann; und es wird
etwas suchen an, mit, durch und aus welchem es gleichsam jeden Gegenstand der es
umgebenden Mannigfaltigkeit darstellen kann. Der erste und nächste Gegenstand
nun der dem Kinde dazu zur Hand ist, ist eben seine eigene Hand, sind seine
eigenen Finger, seine Faust; bald nachher wird es der kleinst allseitigst in sich abgeschlossene gleichsam in sich selbst ruhende abgerundete Gegenstand daher auch die Forderungen der Mutter
Zeig mir Dein Händchen Dein Fingerchen Mach ein Fäustchen Daumen u Finger rc
das Gebende der Mutter.
10. Hier ist es nun, wo nach meiner Überzeugung der bewußte Mensch,
zunächst also die Mutter, das Elternpaar, die Glieder der Familie - zur Fortent-
wickelung der Menschheit ihrem Ziele entgegen, nicht blindlings blos, d.h. nicht blos
vom dunkeln Instinkte geleitet auch nicht blos nach eigener Einsicht und Erfahrung allein, sondern
mit der Summe der Gesammterfahrung der Menschheit, so weit
sie ihm zur Einsicht gekommen, dem Kinde in seiner Entwickelung helfend beystehen soll /
[47]
und dieß ist nun die Erziehung des Kindes, des Menschen durch den Menschen,
die darum eigentlich menschliche Erziehung.
11. Die Hülflosigkeit in welcher das Menschenkind geboren wird spricht eine einviel-
fache wohl aber in sich einige Bedeutung aus einmal erstlich daß der Mensch obgleich schwach und hülflos geboren doch ein Kind des Lichtes ist indem es unmittelbar nach seiner Geburt die Augen öffnet
um es in langen langen, leibliche u geistige Kraft stärkenden Zügen einzusaugen; weiter
um dadurch und in allen Äußerungen und Erscheinungen seiner Hülflosigkeit so vor allem seiner Unbeholfenheit u Schwere sich als Glied u Theil des großen Lebensganzen und Weltalls zunächst
der Erde die ihn trägt und durch sie des ganzen Sonnen- und Weltsystemes zu finden. Weiter denn erscheint sie als ein Zeichen
seiner Selbstbestimmung, Selbstwahl und Freiheit, seiner zu erringenden
Selbstständigkeit um durch bewirkte Selbstkraft aus sich und durch sich empor
zu steigen, weiter dann aber hindeutend, daß die Menschheit ein Ganzes sey, welche
nur durch gegenseitige Hülfe, als Ganzes wie in jedem Einzelnen nur zu ihrem
Ziele komme; also hindeutend auf die Sittlichkeit der menschlichen Natur,
auf die sittliche Natur des Menschen; weiter daß der Mensch nicht bestimmt
ist, nicht berufen durch leibliche und Körperkraft, sondern durch die Kraft seines
Geistes und Gemüthes durch sein Nachdenken, durch den Gebrauch seiner Vernunft
zum Ziele seiner Bestimmung zu gelangen; den Zweck seines Berufes zu er-
füllen; endlich und zuletzt als ein Zeichen und Ausdruck der hohen Würde, ja
der Gottähnlichkeit, Göttlichkeit des Menschenwesens, daß derselbe Mensch fast nur von einem
Lebenshauche emporsteigen kann, nicht nur zum Bewußtseyn und zur Erfassung
seiner selbst, sondern zur Erfassung und Erkenntniß der ganzen Menschheit;
nicht nur der Menschheit allein, sondern mit ihr und durch sie des ganzen Welt-
alls, der ganzen Schöpfung; nicht nur die Schöpfung allein, sondern mit ihr
und durch sie, wie durch die ganze Menschheit, den Schöpfer derselben - Gott;
nicht nur zum Finden und Erkennen Gottes als Schöpfer und in der Schöpfung,
sondern auch im eigenen Geiste, im eigenen Gemüthe in der Güte, Wahrheit
u Liebe seines Wesens als eines in sich Einigen, Bewußten; so daß also der
Mensch dieser leichte Lebenshauch in der Fortentwickelung seiner Selbst und
im und durch Heraussteigen aus sich nicht nur Gott zu fühlen zu erkennen zu
denken zu vernehmen im Stande ist, sondern auch im Stande ist die Liebe, die
Wahrheit, den Willen, das Gesetz ja das Leben Gottes selbst aus seinem Lebens-
Keime, Lebensfunken, Lebenshauche zu entwickeln; kann es einen größeren Be-
weis geben als eben den welcher in der Hülflosigkeit liegt in welcher der
Mensch geboren wird und welcher er in der ersten Zeit seines Lebens er-
scheint, für die Gottähnlichkeit, ja Göttlichkeit des Menschenwesens selbst? -
12. So ist denn die Hülflosigkeit in welcher der Mensch geboren wird recht eigentl[ich]
der Ausgangs-, Keim- und Quellpunkt ächt menschlicher Erziehung, der Erziehung
des Kindes seiner Bestimmung und seines Berufes der Gottähnlichkeit der Darlebung
seines göttlichen Wesens, der Gotteinigung entgegen[.]
13. Alles dieß läßt sich durch alle Categorien von allen Standpunkten der Lebens-
anschauung entsprechend aus ganz besonders auch durch die unzweydeutigen Aussprüche Jesu beweisen.
14. Wie nun der entwickelte Magnet in dem noch unentwickelten Eisen die magnetische
Kraft hervorruft; wie das in sich durch und durch klar so vollendet entwickelte Sonnenlicht
in dem noch unentwickelten, von durch und durch klarem Wasser getränkten Saamenkorn
und Blüthenknospe das Gewächs höherer Lebensordnung und die Blüthe höherer Lebensthätigkeit
hervorruft, so ruft der so als Mensch entwickelte bewußte Mensch in dem noch /
[47R]
unentwickelten Kinde pflegend durch die Erziehung das Menschenwesen zum Wachsen Blühen u Fruchten
hervor. - Soll also das Menschengeschlecht in und durch die Kinderwelt seinem Ziele ent-
gegen erzogen werden, so bedürfen wir Erziehermagnete
und Erziehersonnen welche die Kinder in Einklange mit dem
großen Lebensganzen erziehen.
15. Die Erziehung erfaßt darum
erstlich das Wesen des Kindes in seiner Göttlichkeit, also das Kind selbst
als zum Selbstbewußtseyn und zur Selbstbestimmung und so zur
Darlebung seines Wesens berufen in der Einheit seines Lebens
wie zugleich als Glied der Menschheit und des großen Lebens-
ganzen, so in stetem Lebenszusammenhange.
zweitens erfaßt sie das Kind in seinem Streben nach Erhöhung seines Lebens-
gefühles durch sein instinktartiges Suchen nach Lebenserhaltung
und Lebenserstarkung, durch seinen Glieder- und Sinnenge-
brauch wie durch die Gesammtheit der Körperentwickelung
und zwar nach dem Gesetze des Gegensatzes u der Vermittelung.
drittens das Kind in seinem durch seine Natur bestimmten Doppelstreben
einmal nach Erfassung und Ausbildung seiner Selbstständigkeit
und Persönlichkeit, wie nach Festhaltung der ursprünglichen Einigung
mit dem großen Lebensganzen, zunächst hindurch gehend durch
die Einigung mit der Mutter, mit den Eltern und mit den ihnen
ähnlichen Pflegern seines Lebens.
Wie im nächstvorhergehenden einer Entgegensetzung in dem Körper[-]
Glieder[-] u Sinnenorganismus als körperl[iche] Anlage erwähnt wurde, so
tritt hier eine Entgegensetzung in dem Wollen, in dem Wollen des
Einzelnen Persönlichen und des Gemeinsamen Allgemeinen entgegen
dieß macht darauf aufmerksam daß sich das ganze Leben des Kindes in Gegen-
sätzen und durch Gegensätze wie durch deren Vermittelung hindurch bewegt.
Es lehrt darum die ächte Erziehung erfaßt
viertens das Kind in den Gegensätzen seines Lebens u deren Vermittelung.
fünftens erfaßt sie es in seinem natürlichen in seinem Wesen als solchen liegenden Streben
die Einheit seines Lebens und Wesens oder sein Wesen und Leben als ein
Einiges in Mannigfaltigkeit außer sich, sich gleichsam selbst gegenständlich
hinzustellen
sechstens in seinem Streben, die Mannigfaltigkeit der Dinge in der es umgebenden
Außenwelt durch Beachten Sammeln, Vergleichen Nachahmen Pflegen, Um-
wandeln überhaupt durch Gebrauchen gleichsam in sich aufzunehmen, dadurch
sie in ihrem Wesen und so in ihrer Einheit zu erfassen, zu erkennen.
Siebentens darum das eigenthümliche Streben des Kindes das Leben des Einen in dem
Leben des Andern wieder zu finden, und selbst das sich bewußte Leben, nicht
sowohl blos auf unbewußte auch lebendige Gegenstände, sondern merk-
würdiger Weise noch weit öfter und früher auf leblose Gegenstände
überzutragen, woraus sich später sein Darstellungs- und Schaffenstrieb /
[48]
seine Darstellungs- und Schaffenskraft entwickelt.
siebentens: in diesem Streben nach Allbelebung und ahnenden Voraussetzen eines Allbewußt-
seyns ist darum das Kind besonders zu erkennen beachten und in Verbindung mit seiner
Schaffenskraft und Schaffenstriebe besonders pflegend, d.i. erziehend zu erfassen,
um dadurch in ihm zugleich die Ahnung der Einheit, wie die Auffassung der Verschie-
denheit der Wesens- und Lebensäußerungen der Dinge zu entwickeln und so, wie die richtige Er-
kenntniß die richtige Einsicht in das Wesen jedes Dinges und sein Wechselver-
hältniß mit ihnen wie so auch den richtigen Gebrauche derselben zu entwickeln.
Da nun aber alles in dem Kleinsten und Unscheinbarsten beginnt, so ist schon mit den
ersten Entwickeln, mit dem frühesten Erziehen in dem Kinde zu pflegen und Sorge zu tragen
für richtige Ausbildung.
erstlich des Selbstgefühles, der Persönlichkeit, des Willens des Kindes anknüpfend an
dessen eigenes Lebensgefühl, an das Gefühl / Fühlen} seines eigenen Lebens und dadurch
hervorbildend in Einigung mit dem übrigen im Kinde zu Entwickelnden, dessen Charak-
ter, welcher hauptsächlich in dessen Selbstgefühl und Willen seinen Grund hat.
zweitens für richtige Ausbildung des Gefühles der Lebenseinigung, Lebensverbindung
und des Lebenszusammenhanges, anknüpfend an das Gefühl der Lebenseinigung
des Kindes mit seinen Eltern und Pflegern zur Hervorbildung des sittlichen
Gefühles, des Gefühles der Sittlichkeit
drittens für richtige Ausbildung der leiblichen, der ausübenden schaffenden Thätigkeit, an-
knüpfend an das Streben nach Glieder- und Sinnengebrauch, nach Beachtung
und Gebrauch der Dinge um sich, und dadurch später Hervorbildung des Sinnes
für ausübendes, schaffendes Leben, Ausbildung für das eigene Leben erhaltende
wie gemeinnütziges also veredelndes, menschenwürdiges Thun u Schaffen
für darstellendes, für Gewerbs- und Kunstleben als ein Ganzes: für das
schaffende Erfahrungsleben, dem eigentlichen Ausgangs- Mittel-, Stütz- und
Zielpunkte des Lebens.
Durch die Pflege dieses Sinnes und Strebens im Kinde im innigen Vereine
und Einklange mit dessen übrigen Strebungen des Kindes bleibt und er-
hält sich das Leben im Gleichgewichte und kommt aus demselben ge-
rückt wieder in dasselbe zurück. In diesem Streben des Kindes dasselbe recht gepflegt
es richtig entwickelt es seinem Wesen entsprechend ausgeführt und angewandt,
beurkundet der Mensch vor allem sich in seiner schöpferischen Kraft.
viertens der Thätigkeit und Wirksamkeit des Geistes seiner Denkkraft, seines Verstehens
und Vernehmens, seines Verstandes und seiner Vernunft; anknüpfend
an die Eindrücke, die Wahrnehmung der Gleichheit und Ungleichheit und so der
Vergleichung der Dinge unter sich in ihrer äußeren Erscheinung wie in
ihrem innersten Wesen, wie ersteres sich auch schon in dem ausübenden
unmittelbar schaffenden Leben ausspricht. Und so Hervorbildung des
Denkenden, des unmittelbar Vernehmenden im Menschen, seines Verstandes,
seiner Vernunft; in Verbindung
mit dem Gefühle Ausbildung des Gemüthes; Hervorbildung des denkenden
vernünftigen gemüthvollen edlen Menschen.
[48R]
[vakat]
[49]
es seinem Wesen entsprechend ausgeführt und angewandt, beurkundet der Mensch
vor allem sich in seiner schöpferischen Kraft.
Viertens der Tätigkeit und Wirksamkeit seines Geistes seiner Denkkraft, seines Ver-
stehens, seines Vernehmens; anknüpfend an die sinnlichen Eindrücke, an die Wahrneh-
mung der Gleichheit und Ungleichheit und so der Vergleichung der Dinge unter sich, in
ihrer äußeren Erscheinung wie in ihrem innersten Wesen; wie ersteres sich auch schon in
dem ausübenden, unmittelbar schaffenden Leben ausspricht. Und so Hervorbildung
des Denkenden, des unmittelbar Vernehmenden im Menschen, seines Verstandes
seiner Vernunft; in Einigung mit dem Gefühl, dem Sittlichen des Menschen, Ausbildung
des Gemüthes; also Hervor- und Ausbildung des denkenden, verständigen, vernünftigen
gemüthvollen, edlen, geistreichen, genialen Menschen; letzteres besonders
in Einigung mit seiner hervorgebildeten, entwickelten schöpferischen Kraft.
Fünftens. Ausbildung des Sinnes für Lebenspflege; anknüpfend an des Kindes lebenspfle-
genden Sinn in fast zahllosen Erscheinungen nach der Seite der Pflanzen- wie der
Thier- und selbst der Menschenwelt hin. Hier Hervorbildung des Sinnes für
Naturbeachtung und Naturpflege im Garten, auf den Feldern, überhaupt in der
Natur; auf dem Hofe, im Hause und im häuslichen und menschlichen Leben, also
auch Hervorbildung der Pflege des Häuslichen und Familiensinnes; Hieran auch
anknüpfend die Ausbildung des Sinnes für das werdende, für das geschichtliche
Leben; für Familien-, Volks- und Vaterlands- und einst für Menschheitsgeschichte.
Sechstens. Ausbildung des Gefühles der Lebenseinheit aller Dinge; anknüpfend an die
Ahnung des Lebens in allen Dingen. Hervorbildung der dichterischen
Auffassung der Welt und der Dinge, und - im Einklange mit ächter Geistes- und
wahrer Gemüthsbildung, wie geeint mit schaffender Thatkraft - Entwickelung für
darstellende Kunst in jeder Richtung, Pflege des Kunsttalentes, des Kunstgenies;
Hervorbildung des religiösen Gefühles, des
Gefühles der Gotteinigkeit und des Strebens nach Gotteinigung.
Siebentens. Ausbildung des Sinnes für Vereins- und Gemeinsames Leben; anknüpfend
an des Kindes Nachahmung der verschiedenen geselligen und gesellschaftlichen
Erscheinungen, an die Erscheinungen und Forderungen des geselligen Lebens im
häuslichen und Familienkreise; dadurch Hervorbildung des Sinnes der Be-
achtung und Achtung, für das gemeinsame bürgerliche, des das geselligen Vereins[-]
das Gemeinde- und Volkslebens. Hervorbildung des Sinnes für Recht, des
rechtlichen Sinnes, anknüpfend hier besonders an die Erscheinungen des häuslichen
Lebens.
Diesem allen kommt nun aber das Kind, wie schon mehrseitig angedeutet, selbst entgegen, bietet dazu gleichsam selbst
die Hand durch die Gesammtheit seiner Lebensäußerungen, wie es durch dieselben
aber auch später, sie eben richtig aufgefaßt, gepflegt und ihrem Ziele entgegen entwickelt, auch allen Forderungen
des menschlichen, bürgerlichen, Familien-, Volks-, Staats- und menschheitlichen Lebens
wie auch des Lebens in Gotteinigkeit ganz entspricht.
So ist der Mittelpunkt des ganzen Kindeslebens Regsamkeit, Thätigkeit, Gefühl; Reg-
samkeit
zur Erstarkung und Entwickelung des gesamten eigenen Lebens und seiner
Organe, Werkzeuge; Thätigkeit für Bilden, Darstellen, Ausführen, Schaffen; Abspie-
gelung seiner innersten Gefühle und Strebungen im äußeren Thun, Zeichen des
Erwachens der Seelenthätigkeit: selbst einen Raum einnehmend, zieht das Raum-
erfüllende zuerst seinen Blick auf sich; sich durch Begrenzung und durch Grenze zuerst
persönlich fühlend, zieht besonders vorzüglich das durchs Licht begrenzte seine Aufmerksam-
keit zuerst auf sich; Bald aber, nach einiger Sinnen- und Gliederentwickelung, zieht besonders /
[49R]
das körperlich Begrenzte es an; hier zuerst am meisten das in sich selbst Begrenzte, Runde
Volle; so z.B. das runde Steinchen, das runde, rollende Schneckenhaus, die Nuß, die Eichel
die Bohne, überhaupt die in sich abgeschlossene Frucht, im Allgemeinen das in sich Abge-
schlossene, die Kugel, der Ball. Wie denn auch, was nicht minder zu beachten ist, die menschliche Hand
ganz besonders zum Erfassen des Vollen, Runden gebaut und geschickt ist, wie an keinem Geschöpfe
(unter dem Menschen) die ähnlichen Glieder. Hier ist es nun wieder besonders der letztere, der Ball in sei-
ner vollendeten Abgeschlossenheit in sich, dadurch welcher des Kindes Aufmerksamkeit fesselt; durch seine Form geschickt die Thätigkeiten vieler Dinge
in einiger Ähnlichkeit durch sich darzustellen, welcher deßhalb auch ganz namentlich des Kindes Liebling
ist; aber auch nicht minder das farbige, das gelbe, rothe, das bunte Steinchen.
Wie nun aber das runde und bunte Steinchen dem Kinde besonders Anfangs lieber ist, als das blos runde und
farblose, so ist demselben auch der bunte, farbige, überdieß springkräftige Ball anfangs noch lieber
als die farblose harte Kugel. Doch mit gesteigerter Kraft wechselt auch die Neigung,
und nun bekommt die harte Kugel vielfach den Vorzug. Wie aber das Kind zuerst
das Runde, Bewegliche sucht und liebt, so sucht es nun auch sehr bald das Ruhige, das Steh-
ende, durch Fläche sich an oder auf Fläche Schmiegende, das platte bauende Steinchen,
den sich überall durch seine allseitige Gleichseitigkeit leicht anfügenden Würfel und das
verbindende Klötzchen; allein bald ist ihm auch nicht minder lieb als alle 3 die zwar auch rund abge-
grenzte rollende,
aber doch auch leicht ruhende, auf einer sichern ihrer geraden Fläche gestellte Walze
und besonders Körper, welche bald im Stehen, bald im Rollen und bald im Drehen die mannichfaltigsten
Verhältnisse, Formen und sonstige Erscheinungen zeigen, so wie bei weiter entwickeltem Hand- und
Fingergebrauche die Plättchen und tafelförmigen Formen und bald auch das glatte runde
Stäbchen, welches sich leicht in die Erde stecken und so Stäbchen an Stäbchen zum Zaune des
Gärtchens fügen läßt. Bald aber werden auch im Fortgange des Spieles die Stäbchen selbst
zu Bäumen und die Steinchen wohl gar zu Thieren, die Würfel zu Häusern und Klötzchen selbst zu
Menschen. Ein andermal wechseln die Rollen, und wieder ein andermal muß Eines Alles seyn und der
Würfel oder das Klötzchen bald der Baum, das Haus das Thier und gar der Mensch u.s.w.
Wir sehen also wie das Kind in Einem Alles
findet, aus Einem Alles macht, wie es sich so mit Wenigem eine reiche Welt in sich
und außer sich schafft; dieß macht aber wie jetzt das Kind, so später den erwachsenen
Menschen bei Wenigem reich, bei Einfachem zufrieden; denn reich und zufrieden ist
der Mensch, wenn er in vollem Besitze dessen ist, was er nach der Gesammtforderung
seines ganzen Wesens, seiner ganzen Natur nothwendig bedarf und wenn er das was
er besitzt auch ganz der Forderung seiner Natur und seines Wesens gemäß gebrauchen und
anwenden kann. Dieß ist aber bei der Erziehung des Kindes und Menschen in allen seinen
Lebensbeziehungen, wie für die Gesammterfüllung seines Berufes zu beachten so hoch-
wichtig; denn Zufriedenheit, natürlich die wahre nicht blos scheinbare, ist der ächte Mittelpunkt
und nie wankende Grundstein nicht nur des reinen Kindeslebens, sondern des ganzen gesunden Lebens
des Menschen. Zufriedenheit gebiert ja Freude und Freudigkeit, diese Lust, Muth, guten Willen,
Ausdauer und alle Tugenden des Menschen. Würde darum die Erziehung und der
Erzieher des Kindes, ihm lange sein friediges Leben sichern, ihm den Frieden seines Lebens
wahren, d.h. es im Besitze und Darlebung desselben, im Gefühl der Zufriedenheit
und, mit dem Wachsthume, der Wahrnehmung derselben, zugleich auch im gleichen
Maaße die Forderungen und Bedingung nicht nur fühlen und wahrnehmen, son-
dern, eben um Erhaltung und Sicherung der Zufriedenheit, der eigenen inneren Zufrie-
denheit willen, diese Bedingungen und Forderungen sogleich erfüllen machen
so würde das Kind dadurch in allen und in jedem Lebensverhältnisse innern
Seelenfrieden und somit und dadurch auch äußeren Lebensfrieden, diesem hohen
und köstlichen Ziele der Menschheit, entgegen erzogen werden.
Wie aber eine solche Erziehung, diese Erziehung möglich, sie ausführbar machen? -
Das Kind lehrt es uns selbst, und es ist im Obigen angedeutet: - Das Kind ist zu-
frieden, wenn es besitzt, was es eben als Mensch u Kinde bedarf und dieß Besitzende
der Forderung seines innersten Wesens entsprechend behandeln und verwenden kann;
der Friede des Kindes wird ihm aber gesichert, wenn es im Besitze desselben, dessen Bedingungen rc
kennen und sie im gleichen Maaße [durch sich er]füll[en lernt.]
[50]
Hierin ist nun das ganze Geheimnis des Kindes Frieden zu wahren, dem Kinde seinen Frieden
zu sichern: es muß vor allem dem Kinde gestattet seyn der innersten Forderung seines Wesens
seines Natur- und Lebenstriebes getreu, welcher sich früh als Spieltrieb, wie jene im Spieltrieb äußert,
thätig seyn zu dürfen. Thätigkeit ist die erste Grundlage ächter innerer, wie allseitiger Zufriedenheit für das Kind; in dem Kinde durchdringen sich noch innere und äußere Zufriedenheit auf das innigste, die wahre
Beachtung dieser Grunderscheinung in dem Leben des Kindes ist der Hauptschlüssel zur richtigen
Behandlung und Erziehung derselben;
dem Kinde muß es also darum möglich und vergönnt seyn, nach dem Grade seiner inneren Entwickelung auch
äußerlich thätig zu seyn; also sich nach Maaßgabe seiner Kraft, allein immer zugleich als Glied eines
und des größeren Lebensganzen und unter den dadurch nothwendig gegebenen Bedingungen äußern
zu dürfen, um in dieser Kraft- und Lebensäußerung, beide
Kraft und Leben immer mehr zu erhöhen, zu stärken, zu kräftigen, zu entwickeln; alle zufälligen und willkührlichen, nicht in dem Wesen und nicht in den innern Forderungen nothwendiger Lebensganzen liegenden Hemmnisse solcher natürlicher Kraft- und Lebensäußerungen des Kindes müssen darum mit größter Sorgfalt entfernt werden; es müssen dem Kinde Gegen-
stände
gereicht, gestattet werden, an welchen und durch welche es sein inneres Leben, den Bedingungen
desselben entsprechend, äußerlich gestalten kann. Wie es nun dem Kinde so erlaubt und möglich
seyn muß im Einklange und Zusammenhange mit dem großen Lebensganzen durch angemessene Mittel
und genügende Verhältnisse sein Inneres kund zu thun, so muß ihm auch gestattet und möglich werden, die Dinge um sich wie
nach dem Bedürfnisse seines Innern, wie so auch wesentlich nach den Forderungen ihres Wesens zu behandeln,
zu gebrauchen, und in der Mannigfaltigkeit ihrer Verhältnisse und Beziehungen beachten zu
dürfen, und um sie so in ihrem Wesen, Eigenschaften und Gebrauche kennen zu lernen, wirklich zu
untersuchen; demgemäß müssen auch die Lebensverhältnisse des Kindes förderlich entgegenkommend beachtet, entwickelt und gestaltet werden.-
Da nun zuerst sämmtliche das Kind umgebende Dinge Eigenschaften haben und Verhältnisse zeigen, welche allgemein, oder vielmehr das Kind selbst mit eingeschlossen allen gemein sind, so muß dem Spiel-
triebe des Kindes - was es, wie erwähnt, so vielseitig ausführt - eben um das Allgemeine
dieser Eigenschaften und Verhältnisse kennen zu lernen, - gestattet seyn alle diese gemeinsamen
Eigenschaften und Verhältnisse nur an einigen Gegenständen kennen zu lernen, nur an wenigen
Gegenständen sich anschaulich zu machen; ja es müssen diejenigen Gegenstände - Spielzeuge -
an welchen und durch die das Kind die Außenwelt kennen lernt, welche eigentlich die
Einführungsmittel des Kindes in die gesammte Außenwelt sind, gleichsam der Alles zeigende
Spiegel derselben, zugleich auch diejenigen seyn an welchen und durch welche das Kind sein
eigenes Inneres nach Kraft und Willen u.s.w. offenbart; damit sie - diese Gegenstände,
Spielzeuge - dem Kinde so mehrfach vermittelnd zwischen seinem Innern, dem eigenen Le-
bens- und Gestaltungstriebe und dem Wesen, den Lebens- und Gestaltungsäußerungen
der Außenwelt erscheinen und ihm so diese wieder vielfach ein Spiegel seines Innern, und sein Inneres
ein Spiegel der Außenwelt, zum ächten Verständnisse beider werde und das
Kind so zur Erfahrung und Ahnung des Einklanges und der höhern Einheit beider
komme; wodurch eben das Kind zu dem höheren und innern Friede gelangt, welcher dem-
selben durch seine, seinem Lebenstriebe entsprechende Thätigkeit und Beschäftigung wird.-
Wenige Gegenstände, das zeigt das Kind, bedarf es dazu, allein diese Ge-
genstände mit erschöpfend genügenden Eigenschaften und ganz unbedingten unbeengten Gebrauch: sie müssen zunächst all-
seitig in sich abgeschlossen, gleichsam in sich ruhend, erfaß- und behandelbar, vorerst
nach dem Willen des Kindes nach der einen Seite hin leicht beweglich, nach der andern
Seite hin feststellbar; oder sie müssen zur klaren vermittelnden Erkenntniß beider
verschiedenen Eigenschaften, beide zugleich in sich einen, also wie auch schon hervorgehoben
als Glieder eines in sich und aus sich gegliederten Ganzen erscheinen; sie müssen sich, wie jeder Gegenstand allein,
so sie wieder geeint unter sich, in den verschiedenartigsten durch ihre Form gege-
benen Verhältnissen und Erscheinungen zeigen; sie müssen sich bald darauf leicht
trennen und sich wieder vereinigen lassen, so in der Vereinigung wieder in den man-
nigfachsten Formen und Gestalten verbinden lassen; alles nach dem, sich frei
zu entfalten und zu gestalten, sich sich selbst gegenständlich und so verständlich
zu werden strebenden Lebens-, Schaffens- und Beschäftigungstriebes des Kindes;
wie denn überhaupt alles dieß aus dem Wesen und der Natur des Kindes und deren /
[50R]
Kundwerdung mit Notwendigkeit hervorgeht, ohne Beimischung irgend einer Willkür.
Daher zeigt sich auch merkwürdiger Weise schon hier, daß wie durch diesen Bildungs- und Entwickelungs-
gang die Forderungen des innern Lebens des Kindes und Menschen, so auch die seines
späteren äußeren und bürgerlichen Lebens, die seines Bestehens und einstigen Berufes,
die des socialen und staatlichen Lebens erfüllt werden.- Alles dies nun ist das Ergebniß
der frühen entsprechenden Pflege und Erziehung des Kindes, durch das Selbstbewußtseyn und die ihm entsprechende Thätigkeit hin-
durch für innern wie für äußeren Frieden, für Zufriedenheit.
Doch es tritt dabei noch eine andere wichtige Seite entgegen, welche nicht unbeachtet
bleiben darf; wir finden wie das Kind in seinem ächt kindlichen Spiel und Thun hei-
ter und zufrieden, so in und durch Unschuld beglückt und beglückend; denn in seinem
ihm selbst noch unbewußten nur dem Lebenstriebe folgenden Thun ist es noch nicht in
Widerspruch mit den ihm ebenso noch unbewußten, sowohl innern persönlichen, als äußer-
lichen allgemeinen Gesetzen und Forderungen seines Lebens; wie es nun noch nicht das Ge-
setz und die Forderungen kennt, sondern ruhig vertrauend dem Gesetze folgt, wie es un-
mittelbar noch bald als Trieb, bald als Ahnen und Sehnen u.s.w. sich ihm kund thut, so
kennt also das Kind auch noch nicht die Übertretung, den Fehl, noch weniger die Sünde.
Wie es nun wichtig und sowohl für den Einzelnen als die ganze Mensch-
heit wichtig ist, dem Kinde so lang als möglich nicht nur seine innere Zufriedenheit
zu sichern, sondern es auch vom Zustande der unbewußten Zufriedenheit durch das Selbst-
bewußtseyn hindurch zur erkannten und so bleibend gesicherten Lebenszufriedenheit
zu führen, so ist es nun auch nicht nur für das Kind und die Kindheit, sondern für das
ganze Menschengeschlecht und die Menschheit hochwichtig, ja fast noch wichtiger,
des Kindes Unschuld so lange als nur immer möglich ihm zu sichern und es wo möglich ebenfalls wieder durch
das, aber hier mit größter Sorgfalt in ihm geweckte Selbstbe-
wußtseyn hindurch, zur bewußten und so gesicherten darum bleibenden Unschuld
zu erheben. Wie ist dieß aber möglich? - Man lasse das Kind in den Zustand seiner Unschuld so
fest als möglich einleben; man suche es darin erstarken zu machen, ja zu befestigen; darum suche
man dem Kinde das Gesetz immer ganz nur in dem Maaße zur Kenntniß zu bringen, von
ihm die Erfüllung desselben nur so weit zu fordern, als in dem Kinde auch die Kraft und der
Wille schon geweckt ist, oder durch die Forderung der Gesetzeserfüllung sogleich ge-
weckt werden kann, um mit Selbstwahl und Selbstbestimmung, so mit Freiheit der Gesetzesforde-
rung auch nachzuleben, dem Gesetz gemäß zu handeln. Also nach Maaßgabe
des Bewußtwerdens zugleich Wecken des Willens, der Kraft und die Fähigkeit der
Gesetzesforderung nachzukommen und das durch alles dieß unmittelbar erfolgende
Befolgen, Thun derselben, das ist es was schon im Stande ist des Kindes Unschuld lange, lange zu sichern
ja ihm es endlich unschuldig und schuldlos in das Leben des Bewußtseyns und der
Prüfung ein[-] und so durch dasselbe schuldlos hindurch zu führen; d.h. des Kindes
Willen, Thatkraft und Fähigkeiten so zu entwickeln, zu stärken, daß das Kind und
später der herangewachsene Mensch (auch dann noch) dem Gesetz, vor allem dem innern,
dem Gesetze des Geistes, des Gemüthes, dem Gesetze der Lebens- und Gotteinigung,
dem reinen Sittengesetz wie also dem Gesetz der im Gemüth u Selbstbewußtseyn tiefgegründeten
Religion aus anerkannter tiefempfundener Eigen-Würde auch dann noch Folge leiste,
wenn es auch nicht nur augenblickliche Überwindung, sondern auch ausdauernd, selbst
die größten Opfer fordert. Dieß zu erreichen aber muß die größte Aufgabe
der Erziehung, des Erziehers seyn. Aus all dem bisher nun schon über das Kinderspiel /
[51]
und die Kinderbeschäftigung Angedeuteten geht aber hervor wie das vorstehend Ausgesprochene das Ergebniß des in
seinem Wesen erkannten und gepflegten Kindesspieles, solche Kindesthätigkeit selbst ist; denn dasselbe führt vom
Triebe durch das Gefühl der Lust und Freude, der Befriedigung und Zufriedenheit, der dadurch bewahrten Unschuld und des so gepflegten Vertrauens und durch diese nach und nach ins Be-
wußtseyn
erhobenen Ursachen derselben vor allem diesen zur Befolgung und Anerkennung des Gesetzes durch
und in der unmittelbaren Ausübung, und so geht die Erfüllung des in dem Wesen der Sache selbst
ruhenden und gegebenen Gesetzes unmittelbar aus dem Leben, der Ausübung selbst, aus der
Liebe, der Lust und Freude am Thun selbst und aus dem Lichte der Erkenntniß, dem Be-
wußtseyn hervor; also ganz aus Selbstbestimmung, Selbstwahl und Freiheit, so daß selbst später
und herangewachsen, die Opfer zur Erfüllung der so bewußt gewordenen hohen Lebensforderung
dem Menschen Freude, die Befolgung derselben ihm Frieden, das Bewußtseyn der ihm dadurch gesicherten Unschuld Muth, und das dadurch erhöhete allseitige Vertrauen ihm Ausdauer bringen. - Dieß ist nun die Frucht einer der Menschen-
Natur und dem Menschen Wesen ganz entsprechenden früh beginnenden Kinderpflege und
Erziehung; zeigt mindestens den Weg und die Möglichkeit zunächst dieß Ziel, diese Frucht zu erreichen
das Kind, den Menschen stufenweise seiner Natur entsprechend zum Selbstbewußtseyn zu einem
demselben stets entsprechenden Handeln, so in und durch bewußte Erfüllung aller Lebenspflichten
zu allseitiger Lebensfreudigkeit zu allseitiger Lebens- und Gotteinigung also in seinem Innern
in seiner Seele zu einem derselben ganz entsprechenden Zustande, zur wahren Seeligkeit zu führen.-
Hier haben Sie nun eine kurze Darlegung meiner Erziehungsgrundsätze, wie des
Ausganges, Zieles und Zweckes, der Mittel und Wege der daraus
mit Nothwendigkeit herausvorgehenden Erziehungsweise. Sie werden zugleich und das ist das Hoch-
wichtige des Ganzen darin finden, daß wie alles Wesen, Seyn und Leben ein ursprünglich
Einiges, Stetiges ist, so sind auch nicht nur diese Erziehungsgesetze, sondern ganz besonders ist es auch
die daraus hervorgehende Kinderpflege und Kinderführungsweise und darum selbst
die Erziehungsmittel, alles vom unbewußten Thun, vom dunkeln Gefühle zum klaren Bewußtseyn zur freyen That
in stetiger, lückenloser Folge führend.
Fragen Sie nun nach dem Orte, wo alles dieß zunächst eben in der ersten Zeit des Kindeslebens
auszuführen sey, so ist derselbe, wie durch die Natur der Sache bestimmt gegeben, im Vorstehenden
sattsam bezeichnet, wenn auch noch nicht klar genannt: es ist derselbe und kann nur seyn die Mutter-
stube, die Kinder- und Familienstube, das Elternhaus, der väterliche Hof seyn; für den Beginn und
Ausgang dieser Erziehweise ist deßhalb wohl weder ein Zweifel noch eine Frage übrig.
Fragen wir dagegen nach dem Fortgange, der Durch- und Ausführung nicht nur dieser,
sondern jeder Kinderführungs- und Erziehungsweise in des Kindes ersten Lebensjahren
bis zur eigentlichen Schulfähigkeit so würden sich nicht nur Zweifel erheben, sondern sich
auch die ganz entschiedene Antwort bei Erwägung aller Gründe dafür und dawider
ergeben, daß für dieses ganze Alter, also vom 2en bis zum 6n Jahre, nach den bestehenden
häuslichen und bürgerlichen Forderungen und der Vielartigkeit der Lebensverhält-
nisse, nur noch in den seltensten Verhältnissen, das väterliche Haus allein
genügt und bei den gegenwärtigen Lebenserscheinungen genügen kann ich sage
nochmals: Alles erwogen sowohl was vom elterlichen Hause allein gegeben
werden kann auch unter den glücklichsten Verhältnissen nur gegeben werden kann
und was der jetzige Stand der Menschheit, ja nur der socialen Verhältnisse von
der Erziehung eines Kindes bis zur Schulreife fordert.
Alles Besondere hier im Ein-
zelnen durchzuführen würde zu weitläuftig seyn; nur ein Zweifaches werde noch hervorgehoben
erstlich soll der Mensch frühe seiner Doppel Bestimmung: als Einzelwesen zugleich als Glied
der Menschheit zu leben, entgegen erzogen werden, wie denn auch der Mensch nur bestimmt
ist in Gemeinsamkeit mit andern Menschen sich vollständig zu entwickeln was sich auch früh
im Kindesleben als des Kindes Forderung ausspricht. Zweitens ist die Menschenerziehung /
[51R]
ein ächtes Kunstwerk, wie auch die Ergebnisse der höhern Gartenkunst ein Kunstwerk sind, wo,
geknüpft an das freie Entfalten des Naturgesetzes die höhere Kunsterscheinung geknüpft ist; wenigstens
soll die Menschenerziehung, wie auch aus dieser ganzen Darstellung sattsam hervorgeht immer mehr ein
solches auf freie Naturentfaltung gegründetes Kunstwerk werden; als solches aber geht es
durch klares Bewußtseyn, durch ächte Einsicht und Fertigkeit, besonders durch
mindestens durch vielseitige Kenntniß der Kindesnatur hindurch; dieß aber ist noch nicht so
allgemein da, als es die durchgreifende Erziehung vor allem die Volkserziehung es fordert.
Alles sich hierdurch dieß alles verlangt nun eine Erziehung des Kindes in welchem es ganz in seinem Wesen erfaßtkannt in seiner Doppelbestimmung erfaßt, pflegend und nachgehend
seinen eigenen wie den allgemeinen Entwickelungsgesetzen gemäß so behandelt werde
wie das Gewächs im Garten eine Erziehung in welcher die Kinder den zarten Pflanzen
und die Erzieher den sorgsamen Gärtnern gleichen - also Erziehungsverhältnisse welche
sich demgemäß nicht erfassender als mit dem Ausdruck, mit dem Namen "Kindergärten"
bezeichnen lassen. Wie dieß denn auf die verschiedenste Weise von mir schon aus-
gesprochen und nachgewiesen worden ist.
Nur auf diesem und keinem [andern] in dem Maaße den gegenwärtigen Stande der
Menschheitsentwickelung und Verhältnissen [entsprechenden Wege] sagt mir eine 60jährige Erfahrung kann
erreicht werden was wir als Deutsche besonders in Hinsicht auf Volkserziehung
Volks- und besonders religiösen Leben[s] bedürfen.
Je eher wir nun diesen Weg betreten, je sorgsamer wir ihn verfolgen um so sicherer
klarer und bestimmter, fried- und freudvoller werden wir zum Ziele kommen
und zwar in der Weise als alle Menschen- und Kinderfreunde aller Völker und aller Zeiten
es ersehnten und zum Theil anbahnten; im Sinne Luthers und der größten deutschen
Denker bis zur neuesten Zeit, im Geiste des Menschheitserziehers Jesu, also
nach dem Gange, welchen uns Gott durch Natur, Geschichte der Völker und
der Einzelnen, durch die Lebenserfahrungen und durch das Nachdenken jedes Einzelnen
wie durch Offenbarung gezeigt und bisher in seiner fortgehenden Offenbarung in Natur, Geschichte, Leben
und im eigenen Gemüthe u Geiste jedes einzelnen Menschen das Menschengeschlecht seinem Ziele entgegen erzogen hat.
Leben Sie wohl, bleiben Sie treu; Treue ist was wir bedürfen.

b) Abschrift

[1]
Darlegung meiner Erziehungsgrundsätze, Dar-
legung des Ausgangspunktes meiner erziehenden
Bestrebungen, wie auch ihres Zieles, ihres Zweckes und
der Mittel zu deren Erreichung.
1. Ich gehe von dem auch in seinen verschiedenen
Entwicklungsstufen sich immer gleichbleibenden Er-
gebnisse meines Selbstbewußtseins aus; dabei prüfend
und vergleichend beachtend sowohl die Erscheinungen
der Natur und des Lebens
, als die Ergebnisse des bis
jetzt errungenen Selbstbewußtseins der Menschheit,
beides sowohl auf dem gegenwärtigen Stand der Ent-
wicklung als in seinen verschiedenen Stufen des
Werdens; also sowohl in seiner jetzigen ruhenden
Gestalt
als auch seiner Geschichte nach angeschaut
u. aufgefaßt. Ich gehe also weder von dem Äußern,
von der Erscheinung, von dem Vergänglichen und
Wechselnden aus, noch weniger lasse ich mich von ihm
leiten; aber ich setze es auch keineswegs unbeachtet an
die Seite, sondern es im Gegentheil ganz in seinem Wesen
u. seiner Bedeutung also in seinen Ursachen wie in
seinen Wirkungen würdigend.
2. Alles dieß nun sagt mir, ohne sich mir im Min-
desten irgend wie u. irgend wo zu widersprechen, immer
das Eine aus: Einen Grund, Einen Quell, Einen Aus-
gangspunkt nur hat alles Daseiende, hat alles, was /
[1R]
was wir Natur, Welt, Schöpfung, All nennen; hat
alles Wesen, alles Sein, alles Leben, wo es nur immer
erscheint und sich kund thut, oder wo es selbst noch, - ge-
ahnet oder ungeahnet - schlummert. -
3. Dieser Urgrund, Uranfang und Urquell alles Da-
seienden ist das in sich u. durch sich bewußte Wesen,
Sein u. Leben selbst; ist das sich Bewußte in sich Einige,
darum Gute, Gott. -
4. Jedes Ding aber trägt das Wesen seines Grundes
in sich; also ist alles Daseiende göttlichen Wesens. -
5. Wie alles daseiend Erscheinende in diesem in sich eini-
gen, sich bewußten Leben, Guten in Gott nur seinen Grund,
Quelle und Anfang hat, so besteht es eben auch nur dadurch, daß
es als ein Seiendes göttlichen Wesens ist. -
6. Wie Gott, als Urquell u. Schöpfer aller Dinge der
sich-selbst-Bewußte, so ist der Mensch für uns die Krone
und Blüthe, die Frucht der Schöpfung in der Göttlichkeit
seines Wesens nicht nur zum Selbstbewußtsein, son-
dern noch dazu berufen, daß in ihm die Schöpfung gleich-
sam sich selbst bewußt werde. -
7. Gott aber ist ein innig Einiges in sich darum ist
jedes Daseiende gleicherweise einig in sich, wie aber auch alles Dasei-
ende, alles erscheinende Wesen, Sein u. Leben selbst wieder
in sich ein Einiges ist. -
8. Der Mensch als zum Bewußtsein berufen, soll
sich darum des Einigen seines Seins, Wesens u. Lebens
des in sich Einigen jedes Dinges u. des in sich Einigen aller /
[2]
Dinge bewußt werden alles Daseienden Wesen u. Leben;
u. so selbst das innig in sich einige Sein, Wesen u. Leben Gottes;
das Wesen, Sein und Leben Gottes als ein innig Einiges. -
9. Erkannt u. vollkommen erkannt wird aber nur
Jedes am Entgegengesetzten u. durch das Entgegengesetzte;
darum erscheint selbst das Einige Wesen Gottes, welches
zu erkennen der Mensch berufen ist, in der Schöpfung,
in allem Daseienden u. selbst im Menschen als ein
Getrenntes, also als ein dem Einigen Entgegengesetztes;
und so ist denn mit der Erscheinung des in sich einigen
Lebens, also mit der Kundmachung, Offenbarung Gottes
in Natur, Welt u. Schöpfung zugleich der Gegensatz noth-
wendig gegeben.-
10. Wo aber Trennung und Entgegensetzung sich
kund thut, da wird auch unmittelbar Ausgleichung,
Vermittelung gefordert. Dieß alles erscheinende u. das
seiende Leben Vermittelnde, Verknüpfende ist aber
eben zuerst das Leben selbst; dann vermittelt aber
auch die Liebe das in der Trennung noch einige Leben
durch die Ahnung u. das Streben nach innerer Lebens-
einigung; endlich beim Seienden u. Erscheinenden ist
eben als erscheinend - denn nur das Licht kann erscheinen -
das Licht das Vermittelnde.-
Wie also mit u. in der Offenbarung Gottes in der u.
durch die Natur Welt, All u. Schöpfung, in und mit
der Einigung zugleich die Trennung gegeben ist, so /
[2R]
ist auch in u. mit dieser zugleich wieder durch Leben
Liebe u. Licht das Vermittelnde, die Vermittlung gegeben.
11. Dieß ist für die Erziehung des Kindes, des einzel-
nen Menschen, des Menschengeschlechtes u. der Mensch-
heit ihrem Ziele entgegen auf das Höchste wichtig, denn
durch das ganze Leben und alle Erscheinungen desselben
hindurch, in welchen sich nur eine Spur von Leben u. Lebens-
grund zeigt, spricht sich Einigung u. Trennung u. die
Erscheinung der Vermittelung mit allen ihren Forderungen
u. Gaben aus, u. ist dieß, als ein durchgreifendes Welt-
u. Lebensgesetz der Schlüssel zur wahren Erkenntniß
und zur richtigen Beachtung u. Behandlung jedes Din-
ges, also auch der Schlüssel zur allseitig entsprechenden
und genügenden Erziehung des Menschen.
12. Diese Erkenntniß des Göttlichen in allen Dingen,
die Einsicht in das Wesen der dadurch erscheinenden äus-
seren Trennung, Entgegensetzung u. in die dadurch zu-
gleich aber auch wieder gegebene Vermittelung, - welche Er-
kenntniß auch aus einer durchdringenden u. erfassenden
Beachtung des Lebens u. Wirkens unseres eigenen Geistes
klar hervorgeht also dadurch auch im eigenen, sich soweit entwik-
kelten Selbstbewußtsein eines Jeden unwiderlegbar beur-
kundet wird - ist nun auch der Grund, der Ausgangs-
punkt, die Quelle all meiner erziehenden Bestrebungen nach
Weg, Mittel, Ziel und Zweck. - /
[3]
13. Wie nun das in sich innig einige göttliche Wesen
in der Schöpfung, in dem großen, gleichfalls in sich innig
einigem Lebensganzen lebt, wirkt, schafft so sich in ihm offen-
bart u. dieß dadurch sein Bestehen hat, so lebt, wirkt, schafft
u. offenbart es sich dadurch nothwendig auch wieder in der
Menschheit, als in dem zum Selbstbewußtsein berufenen
Gliede dieses großen Lebensganzen. -
14. Was aber von der Menschheit als Ganzem in sich u.
zugleich als Gliede des großen Lebensganzen gilt, das gilt
in ganz gleicher Weise auch von dem einzelnen Menschen
als Ganzem in sich u. als Glied der Menschheit; auch der ein-
zelne Mensch, eben als Glied der Menschheit faßt das ganze
Wesen, Sein u. Leben derselben u. so auch das in ihr lebende
schaffende u. wirkende göttliche Wesen ganz in sich u. kann
es darum auch wieder ganz aus sich entwickeln, darstellen,
kund thun u. offenbaren. Ja der Mensch fühlt und erkennt
sich in seinem Schaffen u. durch sein Thun eben als leben-
volles Gliedganzes der Menschheit u. so als göttlichen Wesens. -
15. Also der Mensch u. schon als Kind, wenn auch hier nur
noch in ungetheiltem dunkeln Lebensgefühl, im dunklen
Fühlen des eigenen Selbstes u. Lebens fühlt sich (: empfindet
sich, gewahrt sich :) wie innig einig in sich mit sich so innig einig
mit dem großen Lebensganzen; indem das Kind sich
sehr bald mit jedem Dinge außer sich, wenn es nur nicht
schmerzlich oder widrig auf dasselbe einwirkt, bald befreundet
ja höchst merkwürdiger u. beachtungswerther Weise sich /
[3R]
mit demselben u. dasselbe mit sich auf gleiche Lebensstufe stellt.
16. Ebenso behandelt das Kind, sobald es eine Mehrheit von
Dingen u. Verhältnissen in sich aufgenommen hat, diese
Dinge bald als Glieder u. Theile Eines großen Ganzen, so
wie die Verhältnisse als allgemein durchgehend; so will es
z.B. sehr frühe Alles, was es nur eben erreichen kann, auf ein-
ander zu bauen oder es sucht ebenso auch Alles u. Jedes, was es nur
umgiebt ohne Unterschied zu zerstreuen; so will es weiter
entweder Alles pflanzen oder Alles speisen u.s.w. Es erscheint
dieß als die erste dunkle Spur des Erwachens einer Ahnung
der Einheit aller Mannichfaltigkeit außer ihm; wie es dagegen
auch frühe strebt sein in sich einiges Wesen in möglichster
Mannichfaltigkeit seines Thuns außer sich darzustellen
u. kund zu thun. Wie denn überhaupt für den dafür
entwickelten Beobachter, so ganz vor Allem für die ruhig u.
sinnig beachtende Mutter, Nichts in dem Kinde vorgeht was
sich ihm nicht auch in dessen Äußerungen, Bewegung, Blick, Mie-
nen u.s.w. kund thue gleichsam offen vor- und daläge.
17. Je stärker nun in dem Kinde das Gefühl des gemein-
samen Lebens wie des eigenen selbstigen u. das Streben, es aus
sich hervorzuleben, u. je größer die Menge der in sich aufge-
nommenen Gegenstände der umgebenden Außenwelt, umso-
mehr wird sich in ihm in Beziehung auf sein eigenes Leben,
ein Sehnen kund thun nach einem Gegenbilde, gleichsam nach einen
Spiegel für seine, sich in Mannigfaltigkeit äußernde, in sich tragende
Lebenseinheit; sowie in Beziehung auf das Gefühl des Gemeinsamen /
[4]
sich in ihm ein Sehnen aussprechen wird auch für die
Einheit der Mannigfaltigkeit außer sich ein sinnbildliches
Anschauungsmittel zu finden; d.h. das Kind wird Etwas
ersehnen, womit u. woran es alle Äußerungen seines Le-
benstriebes, seiner Lebenseinheit ausführen kann. Der erste
u. nächste Gegenstand nun ist dem Kinde sein eigener
Körper, hier vor Allem seine eigene Hand, seine eigenen
Finger, seine Faust; daher auch frühe die Forderung der Mutter:
"zeig mir dein Händchen", "wo sind die Fingerchen", "mach ein
Fäustchen!" u.s.w., dann das Überlassen des Daumens, der
Finger der Mutter zum Spiel des Kindes; bald darauf wird
der das Kind am meisten beschäftigende Spielgegenstand
der allseitigst in sich abgeschlossene, gleichsam in sich selbst
ruhende, mehr abgerundete, daher aber auch wieder leicht be-
handelbare dem beweglichen inneren Wollen folgende Gegenstand.
18. Hier ist es nun, wo nach meiner Überzeugung der
bewußte Mensch, zunächst also die Mutter, das Elternpaar,
die Glieder der Familie, die Erziehungsgehilfen - zur Fort-
entwicklung der Menschheit ihrem Ziele entgegen, nicht blind-
lings bloß d.h. nicht bloß vom dunklen Naturtriebe ge-
leitet, auch nicht nach eigner Meinung u. Erfahrung allein,
sondern diese geeint mit der Menschenerfahrung = mit der
Summe der Gesammterfahrung der Menschheit, so weit sie
ihm zur Einsicht gekommen, dem Kinde in seiner Ent-
wicklung helfend beistehen soll, und dieß ist nun die Erziehung
des Kindes des Menschen durch den Menschen; die darum eigentlich
auch nur menschl[iche] Erziehung. -/
[4R]
19. Die Hilflosigkeit in welcher das Menschenkind gebo-
ren wird, spricht eine vielfache, wohl aber in sich einige Bedeu-
tung aus, (a) welche aber eben in dieser Vielfachheit und durch dieselbe von
so hoher Wichtigkeit erscheint. Erstlich liegt offen, daß das Menschenkind nicht allein in
so großer, wohl höchsten Wichtigkeit geboren, sondern darin auch so lange verharren wird, ganz
besonders wie die Pflege, so vorzüglich auch die sorgsamste Aufmerksamkeit, die prüfend
vergleichende Beachtung der Eltern, der Erfahrenen die Ahnung von dem hohen Wesen, der Würde
und Bestimmung des Menschenkindes und der Mittel und Wege sie zu erreichen wecken,
und zur Einsicht bringen soll; denn
daß der Mensch obgleich schwach u. hilflos gebo-
ren, sich doch als ein Kind des Lichtes zeigt, indem es unmittelbar nach
seiner Geburt die Augen öffnet, um es in langen leiblich u. geistig
bekräftigenden Zügen einzusaugen. Weiter erscheint die Hilflosig-
keit des Kindes für dasselbe bedeutungsvoll um es u. sich selbst spä-
ter dadurch und in allen Erscheinungen derselben, so vor allem in
seiner Unbeholfenheit u. Schwere als ein Theil des großen Lebens-
ganzen u. Weltalls, zunächst der Erde, die es trägt u. durch sie des
ganzen Sonnen- u Weltsystems zu finden. Dann erscheint [sie] als ein
Zeichen seiner Selbstbestimmung, Selbstwahl u. Freiheit, seiner
zu erringenden Selbständigkeit, um durch bewirkte Selbstkraft
aus sich und durch sich empor zu steigen, (b) die Hülflosigkeit des
Menschenkindes ist also nicht ein Zeichen der Schwachheit des
Menschenwesens; sondern der noch schlummernden Menschenkraft,
welche aber mit Selbstbeachtung und zur Selbstständig- und
Selbstthätigkeit geweckt und so zur klaren Einsicht und bewußtem
Gebrauche erhoben werden soll; weiter aber (c) als damit der Mensch nicht
einseitig und selbstsüchtig werden soll
hindeutend, daß
die Menschheit ein Ganzes sei, welche nur durch gegenseitige
Hilfe als Ganzes wie in jedem Einzelnen, zu ihrem Ziele komme;
also hindeutend auf die Sittlichkeit der menschl[ichen] Natur, auf die
sittl[iche] Natur des Menschen. Weiter, daß der Mensch nicht bestimmt
ist, nicht berufen, durch leibliche u. Körperkraft sondern durch die
Kraft seines Geistes u. Gemüthes, durch sein Nachdenken, durch den
Gebrauch seiner Vernunft zum Ziele seiner Bestimmung zu gelangen,
den Zweck seines Berufes zu erfüllen. Endlich u. zuletzt als ein Zeichen
u. Ausdruck der hohen Würde, ja der Gottähnlichkeit, Göttlichkeit des
Menschenwesens, daß der Mensch fast nur von einem Lebenshauche
empor steigen kann, nicht nur zum Bewußtsein u. zur Erfassung seiner selbst,
sondern zur Erfassung u. Erkenntniß der ganzen /
[5]
Menschheit; nicht nur der Menschheit
allein, sondern mit ihr u. durch sie des ganzen Weltalls,
der ganzen Schöpfung; nicht nur der Schöpfung allein, sondern
mit ihr u. durch sie, wie durch die Menschheit, den Schöpfer der-
selben - Gott; nicht nur zum Finden u. Erkennen Gottes als
Schöpfer u. in der Schöpfung, sondern auch im eigenen Geiste,
im eigenen Gemüthe, in der Liebe, Güte, Wahrheit seines Wesens
als eines in sich Einigen, Bewußten; so daß also der Mensch,
dieser leichte Lebenshauch in der Fortentwicklung seiner Selbst
u. in u. durch Heraussteigen aus sich nicht nur Gott zu fühlen,
zu erkennen, zu denken, zu vernehmen im Stande ist, sondern
auch im Stande ist, die Liebe, die Wahrheit, den Willen, das Gesetz,
ja das Leben Gottes selbst aus seinem Lebenskeime, Lebensfun-
ken, Lebenshauche im Zusammenhange mit dem großen Lebens-
ganzen u. den Gesammterfahrungen u. Gesammteinsicht der Mensch-
heit zu entwickeln u. dieses selbst zu seinem eigenen Lebensgesetz
zu machen; doch zum Schlusse noch: die Hülflosigkeit macht uns
selbst die Nähe Gottes findend, fühlend, empfindend;
kann es darum, im Vergleich mit der Größe der
Ausbildung, welche dem einzelnen Menschen möglich ist, einen
größeren Beweis für die Göttlichkeit des Menschenwesens
geben, als den, welcher in der Hilflosigkeit liegt in welcher
der Mensch geboren wird u. in welcher er in der frühesten
Zeit seines Lebens erscheint?
20. So ist denn die Hilflosigkeit, in welcher der Mensch ge-
boren wird u. in welcher er selbst noch eine lange Zeit nach /
[5R]
seiner Geburt verbleibt recht eigentlich der Stützpunkt, der
Keim- und Quellpunkt ächt menschlicher Erziehung, der
Erziehung des Kindes seiner Bestimmung u. seines Berufs,
der Gottähnlichkeit, der Darlebung seines göttl[ichen] Wesens,
der Gotteinigung entgegen, in und durch allseitige Lebenserfas-
sung, Lebenspflege und Lebenseinigung.
21. Alles dieß läßt sich durch alle Categorien hindurch
von allen Standpunkten der Lebensanschauung aus ganz
besonders aber auch [durch] die unzweideutigen Aussprüche Jesu
beweisen.
22. Wie nun der entwickelte Magnet in dem noch
unentwickelten Eisen die magnetische Kraft hervorruft;
wie das durch u. durch in sich klar, so vollendet entwickelte
Sonnenlicht in dem noch unentwickelten, von durch u. durch
klarem Wasser getränkten Saamenkorn und aus der noch kaum
bemerkbaren Knospe das Gewächs höherer Lebensordnung u. die
Blüthe höherer Lebensthätigkeit hervorruft, so ruft der so entwickelte
bewußte Mensch in dem noch unentwickelten Kinde pflegend durch
die Erziehung das Menschenwesen zum Wachsen, Blühen u. Fruchten
hervor. - Soll also das Menschengeschlecht in u. durch die Kin-
derwelt, soll die Menschheit ihrem Ziele durch die Kindheit u.
von der Kindheit aus dem großen Ziele derselben entgegener-
zogen werden, so bedürfen wir Erzieher-Magnete u. [-]Sonnen,
welche die Kinder im Einklange u. Zusammenhange mit dem großen
Lebensganzen erziehen.
23. Die Erziehung erfaßt darum /
[6]
erstlich das Wesen des Kindes in seiner Göttlichkeit, also
das Kind selbst, als zum Selbstbewußtsein, zur Selbstbestim-
mung u. so zur Darlebung seines Wesens berufen, in der Ein-
heit seines Lebens wie zugleich als Glied der Menschheit u. des
großen Lebensganzen, so in stetem Lebenszusammenhange.
Zweitens erfaßt sie das Kind in seinem Streben nach Er-
höhung seines Lebensgefühls durch sein, dem Naturtriebe
folgendes Suchen nach Lebenserhaltung u. Lebenserstarkung
durch seinen Glieder- u. Sinnengebrauch, wie durch die
Gesammtheit der Körperentwicklung u. zwar nach dem sich
besonders in den Thätigkeiten des Menschen so merkwürdig
als wirksam u. belehrend aussprechenden Gesetze des Gegen-
satzes u. der Vermittlung.
Drittens das Kind in seinem durch die Natur bestimmten
Doppelstreben einmal nach Erfassung u. Ausbildung sei-
ner Selbstständigkeit u. Persönlichkeit, wie nach Festhaltung
der ursprünglichen Einigung mit dem großen Lebens-
ganzen; zunächst hindurchgehend durch die Einigung mit der
Mutter, mit den Eltern u. mit den ihnen ähnlichen Pflegern
seines Lebens. -- Wie in dem Nächstvorhergehenden
einer Entgegensetzung in dem Körper-, Glieder- u. Sinnen-
organismus als körperl[iche] Anlage erwähnt wurde, so tritt hier
eine ähnliche Entgegensetzung in dem Wollen, in dem Wollen
des Einzelnen, Persönlichen u. dem des Gemeinsamen, Allgemeinen /
[6R]
entgegen; dieß macht auf das hochwichtige Gesetz auf-
merksam, daß sich auch das Leben des Kindes in Gegen-
sätzen u. durch dieselben, wie durch deren Vermittelung hindurch bewegt.
Dieses Gesetz lehrt darum: Die ächte Erziehung erfaßt
Viertens das Kind in den Gegensätzen seines Wesens u. Lebens
und deren Vermittlung.
Fünftens erfaßt sie es in seinem natürlichen, in seinem Wesen als
solchem liegenden Streben, die Einheit seines
Wesens u. Lebens, oder sein Wesen u. Leben als ein Einiges im
Mannigfaltigkeit außer sich, sich gleichsam selbstgegenständl[ich] hinzustellen.
Sechstens in seinem Streben, die Mannichfaltigkeit der Dinge in
der es umgebenden Außenwelt durch Beachten, Sammeln, Ver-
gleichen, Nachahmen, Pflegen, Umwandeln, überhaupt durch Ge-
brauchen sich zu eigen zu machen, dadurch sie in ihrem Wesen zu
erkennen u. in ihrer Einheit zu erfassen,
(d) also in seinem Gesammtstreben erfassen – das Innere, sein Inneres
äußerlich zu machen, kund zu thun, zu offenbaren, das Äußere in seinem
Wesen in sich aufzunehmen und so zwischen beiden scheinbar geschiedenen
und verschiedenen Welten die ursprüngliche innere Einigung, den wahren
Einklang und so den ächten Frieden zu finden
.
Darum das eigenthümliche Streben des Kindes, das Leben des
Einen in dem Leben des Andern wiederzufinden, und selbst
das sich bewußte Leben nicht sowohl bloß auf unbewußte auch
lebendige Gegenstände, sondern merkwürdiger Weise noch weit
öfter und früher auf leblose Gegenstände selbst ohne Ausdruck des
Lebens, oder Lebensgestalt überzutragen,
woraus sich später sein Darstellungs- u. Schaffenstrieb,
seine Darstellungs- u. Fassungskraft entwickelt. -
Siebentens: In diesem Streben nach Allbelebung und ahnenden
Voraussetzen eines Allbewußtseins ist darum das Kind
besonders zu beachten u. in Verbindung mit seiner Schaffens-
kraft u. seinem Schaffenstriebe besonders pflegend, d.i. er- /
[7]
ziehend zu erfassen um dadurch in ihm zugleich die Ahnung
der Einheit, wie die Auffassung der Verschiedenheit der Wesens-
u. der Lebensäußerungen der Dinge zu entwickeln und so,
wie die richtige Erkenntniß jedes Dinges u. sein Wechselver-
hältniß mit ihm, so auch den richtigen Gebrauch desselben
zu bewirken. -
Da nun aber Alles in dem Kleinsten u. Unschein-
barsten beginnt, so ist schon mit dem ersten Entwickeln,
mit dem frühesten Erziehen in dem Kinde zu pflegen und
Sorge zu tragen für richtige Ausbildung:
Erstlich: des Selbstgefühles, der Persönlichkeit, des Willens des
Kindes anknüpfend an dessen eigenes Lebensgefühl,
an das Fühlen seines eigenen Lebens u. dadurch hervorbil-
dend
in Einigung mit dem Übrigen in dem Kinde zu Ent-
wickelnden, dessen Charakter, welcher hauptsächlich in dessen
Selbstgefühl u. Willen seinen Grund hat.
Zweitens für richtige Ausbildung des Gefühls der Lebenseini-
gung, Lebensverbindung u. des Lebenszusammenhanges, an-
knüpfend
an das Gefühl der Lebenseinigung des Kindes mit
seinen Eltern u. Pflegern zur Hervorbildung des sittl[ichen]
Gefühles
, des Gefühls der Sittlichkeit, des sittlichen Sinnes.
Drittens für richtige Ausbildung der leibl[ichen], der ausübenden schaf-
fenden Thätigkeit anknüpfend an das Streben nach Glieder- u.
Sinnengebrauch, nach Beachtung u. Gebrauch der Dinge um sich, und
dadurch später Hervorbildung des Sinnes für ausübendes
schaffendes Leben, Ausbildung für das, das eigene Leben erhaltende /
[7R]
wie für gemeinnütziges, also veredelndes menschenwürdi-
ges Thun u. Schaffen, für darstellendes, für Gewerbs- u.
Kunstleben als ein Ganzes: für schaffendes Erfahrungs-
leben, dem eigentlichen Ausgangs- u. Quellpunkte, dem Halt-
u. Mittelpunkte des gesicherten, gesunden Familienlebens.
Durch die Pflege dieses Sinnes u. Strebens im Kinde
im innigen Vereine u. Einklange mit dessen übri-
gen Strebungen bleibt und erhält sich das Leben im Gleich-
gewichte und, aus demselben gerückt, kommt es hierdurch
wieder in dasselbe zurück.- In diesem Streben, dasselbe
in Übereinstimmung und Zusammenhange besonders mit
den Forderungen des Geistes und Gemüthes
wohlgepflegt, richtig entwickelt, es seinem Wesen entsprechend
ausgeführt u. angewandt beurkundet der Mensch vor
Allem sich in seiner schöpferischen Kraft. -
Viertens der Thätigkeit u. Wirksamkeit seines Geistes sei-
ner Denkkraft, seines Verstehens, seines Vernehmens,
anknüpfend an die sinnlichen Eindrücke, an die Wahrnehmung
der Gleichheit u. Ungleichheit u. so der Vergleichung
der Dinge unter sich in ihrer äußern Erscheinung
wie in ihrem innersten Wesen; wie ersteres sich auch schon
in dem ausübenden, unmittelbar schaffenden Leben ausspricht.
Und so Hervorbildung des Denkenden, unmittelbar Verneh-
menden im Menschen, seines Verstandes, seiner Vernunft;
in Einigung mit dem Gefühl, dem sittl[ichen], des Menschen,
Ausbildung des Gemüths; also Hervor- u. Ausbildung /
[8]
des denkenden, verständigen, vernünftig, gemüthvollen,
edlen, geistreichen, genialen Menschen; letzteres besonders
in Einigung mit seiner hervorgebildeten, entwickelten
schöpferischen Kraft.
Fünftens. Ausbildung des Sinnes für Lebenspflege; anknüp-
fend an des Kindes lebenpflegenden Sinn in fast zahllo-
sen Erscheinungen nach der Seite der Pflanzen- wie der
Thier- ja selbst der Menschenwelt hin. Hier Hervorbildung
des Sinnes für Naturbeachtung u. Naturpflege im Garten
auf dem Felde, überhaupt in der Natur; auf dem Hofe, im Hause
u. im häusl[ichen] u. menschl[ichen] Leben; also auch Hervorbildung der
Pflege des häusl[ichen] u. Familiensinnes; hieran auch anknüpfend die
Ausbildung des Sinnes für das werdende das geschichtl[iche] Leben
für Familien-, Volks- u. Vaterlands- u. einst für Menschengeschichte.
Sechstens. Ausbildung des Gefühls der Lebenseinheit aller Dinge;
anknüpfend an die Ahnung des Lebens in allen Dingen, Her-
vorbildung
des religiösen Gefühles, des Gefühles der Gotteinig-
keit u. des Strebens nach Gotteinigung.
Siebentens. Ausbildung des Sinnes für Vereins- u. gemeinsames
Leben; anknüpfend an des Kindes Nachahmung der verschiedenen
geselligen u. gesellschaftl[ichen] Erscheinungen; an die Erscheinungen
u. Forderungen des geselligen Lebens im häusl[ichen] u. Familien-
kreise; dadurch Hervorbildung des Sinnes u. der Beachtung
und Achtung für das gemeinsame bürgerl[iche], das gesellige
Vereins-, das Gemeinde- und Volksleben. Hervorbildung so /
[8R]
des Sinnes für Recht, des rechtl[ichen] Sinnes, anknüpfend hier besonders
an die Erscheinung des häusl[ichen] Lebens.
Diesem Allen kommt nun aber das Kind, wie schon mehrseitig
angedeutet, selbst entgegen, bietet dazu gleichsam selbst die Hand
durch die Gesammtheit seiner Lebensäußerungen, wie es durch die-
selben aber auch später, sie eben richtig aufgefaßt u. gepflegt auch allen
Forderungen des menschl[ichen], bürgerl[ichen] Familien-, Volks-, Staats- u.
menschheitl[ichen] Lebens, wie auch dem Leben in Gotteinigkeit entspricht. -
So ist der Mittelpunkt des ganzen Kindeslebens Regsamkeit
Thätigkeit, Gefühl; Regsamkeit zur Erstarkung u. Entwicklung des
gesammten eigenen Lebens u. seiner Organe, Werkzeuge; Thätig-
keit für Bilden, Darstellen, Ausführen, Schaffen; Abspiegelung sei-
ner innersten Gefühle u. Strebungen im äußern Thun, Zeichen
des Erwachens der Seelenthätigkeit: selbst einen Raum einnehmend,
zieht das Raumerfüllende zuerst seinen Blick auf sich;
sich in Be-
grenzung u. durch Grenze zuerst persönl[ich] fühlend, zieht vorzügl[ich]
das durchs Licht Begrenzte seine Aufmerksamkeit auf sich.
Bald aber, nach einiger Sinnen- und Gliederentwicklung, zieht beson-
ders das körperl[ich] Begrenzte u auch hier zuerst am meisten
das in sich selbst Begrenzte, Runde, Volle; so das runde Steinchen,
das runde, rollende Schneckenhaus, die Nuß, die Eichel, die Bohne,
überhaupt die in sich abgeschlossene Frucht; im Allgemeinen das in
sich Abgeschlossene, die Kugel, der Ball; wie denn auch, was nicht
minder zu beachten ist, die menschliche Hand ganz besonders zum Er-
fassen des Vollen, Runden, gebaut u. geschickt ist, wie an keinem /
[9]
Geschöpfe unter dem Menschen die ähnl[ichen] Glieder. - Hier ist es
nun wieder besonders der Ball in seiner vollendeten Abge-
schlossenheit in sich, welcher des Kindes Aufmerksamkeit fesselt
durch seine Form geschickt, die Thätigkeiten vieler Dinge in einiger
Ähnlichkeit durch sich darzustellen, welcher dieser auch ganz namentl[ich]
des Kindes Liebling ist; aber auch nicht minder das farbige, das
gelbe, rothe, das bunte Steinchen. Wie aber nun das runde u. bunte
Steinchen dem Kinde lieber ist als das bloß runde u. farblose, so
ist demselben der bunte, farbige, überdieß springkräftige Ball an-
fangs noch lieber als die farblose harte Kugel. Doch mit gesteigerter
Kraft wechselt auch die Neigung, und nun bekommt die harte Kugel
vielfach den Vorzug. Wie aber das Kind zuerst das Runde, Beweg-
liche sucht u. liebt, so sucht es nun auch sehr bald das Ruhige, das Steh-
ende, durch Fläche sich an Fläche Schmiegende, das platte bauende Stein-
chen u. Klötzchen; allein bald ist ihm auch nicht minder lieb als alle
Drei die zwar auch rund abgegrenzte rollende, aber doch auch leicht
ruhende, auf einer gerade Fläche gestellte Walze, so wie bei weiter
entwickeltem Hand- u. Fingergebrauch das glatte runde Stäbchen,
welches sich leicht in die Erde stecken u. so Stäbchen an Stäbchen zum
Zaune des Gärtchens fügen läßt. Bald aber werden auch im Fortgang
des Spiels die Stäbchen selbst zu Bäumen u. die Steinchen wohl
gar zu Thieren. Wir sehen also wie das Kind in Einem Alles fin-
det aus Einem Alles macht, wie es sich so mit Wenigem eine reiche
Welt in u. außer sich schafft; dieß macht aber wie jetzt das Kind
später die Erwachsenen bei Einfachem reich bei Wenigem zufrieden. /
[9R]
Denn reich u. zufrieden ist der Mensch, wenn er in vollem Besitze
dessen ist, was er nach der Gesammtforderung seines ganzen Wesens,
seiner ganzen Natur nothwendig bedarf u. wenn er das, was er besitzt
auch ganz der Forderung seiner Natur u. seines Wesens gemäß ge-
brauchen u. anwenden kann. Dieß ist aber bei der Erziehung des Kin-
des u. Menschen in allen seinen Lebensbeziehungen wie für die Gesammt-
erfüllung seines Berufes zu beachten so hoch wichtig; denn Zufriedenheit,
natürl[ich] die wahre nicht bloß scheinbare ist der wahre Mittelpunkt u. nie
wankende Grundstein nicht nur des Kindeslebens, sondern des ganzen Lebens
des Menschen: Zufriedenheit gebiert ja Freude u. Freudigkeit, diese
Lust, guten Willen, Muth, Ausdauer u. alle Tugenden des Menschen.
Würde darum die Erziehung u. der Erzieher des Kindes ihm lange sein
friediges Leben sichern, ihm den Frieden seines Lebens wahren, d.h. es im
Besitze u. Darlebung desselben im Gefühl der Zufriedenheit u. mit dem
Wachsthum, der Wahrnehmung derselben zugleich auch im gleichen Maaße
die Forderungen u. Bedingungen nicht nur fühlen u. wahrnehmen, sondern
eben um Erhaltung u. Sicherung der Zufriedenheit, der eigenen innern
Zufriedenheit willen diese Bedingungen u. Forderungen sogleich
erfüllen machen; so würde dadurch das Kind in allen seinen
u. jedem Lebensverhältnisse innern Seelenfrieden u. dadurch auch
äußeren Lebensfrieden, diesem hohen u. köstl[ichen] Ziele der Mensch-
heit entgegen erzogen werden. -
Wie aber eine solche Erziehung, diese Erziehung möglich, ausführbar machen? -
Das Kind lehrt es uns selbst u. es ist im Obigen angedeutet:
- Das Kind ist zufrieden, wenn es besitzt, was es eben als Mensch
bedarf, u. dieß Besitzende der Forderung seines innersten Wesens /
[10]
entsprechend behandeln u. verwenden kann. Der Frieden
wird ihm aber gesichert, wenn es im Besitze desselben, dessen
Bedingungen rc. kennen u. sie im gleichen Maaße durch
sich erfüllen lernt.
Hierin nun das ganze Geheimniß, des Kindes Frieden zu wah-
ren, dem Kinde seinen Frieden zu sichern: es muß vor Allem dem
Kinde gestattet sein der innersten Forderung seines Wesens, seines Natur-
u. Lebenstriebes getreu, welcher sich frühe als Spieltrieb u. im Spieltriebe äu-
ßert, thätig sein zu dürfen. Thätigkeit ist die erste Grundlage ächter in-
nerer wie allseitiger Zufriedenheit für das Kind; dem Kinde muß es darum
mögl[ich] u. vergönnt sein nach dem Grade seiner innern Entwicklung auch
äußerl[ich] thätig zu sein, also sich nach Maaßgabe seiner Kraft
zugleich aber immer als Glied eines größern Lebensganzen äußern
zu dürfen und in dieser Kraft- und Lebensäußerung beide Kraft u. Leben
immer mehr zu erhöhen, zu stärken, zu kräftigen, zu entwicklen; es
müssen dem Kinde Gegenstände gereicht, gestattet werden, an welchen
u. durch welche es sein inneres Leben, den Bedingungen desselben
entsprechend, außer sich gestalten kann. Wie es nun dem Kinde so
erlaubt u. mögl[ich] sein muß, so im Einklange u. Zusammenhange mit
dem großen Lebensganzen durch angemessene Mittel sein Inneres
kund zu thun, so muß ihm auch gestattet u. mögl[ich] werden die Dinge
um sich
nach dem Bedürfnisse seines Innern wie nach den Forderun-
gen ihres Wesens zu behandeln, zu gebrauchen u. in der Man-
nichfaltigkeit ihrer Verhältnisse u. Beziehungen beachten zu dür-
fen, um sie in ihrem Wesen, Eigenschaften u. Gebrauche kennen zu
lernen, wirkl[ich] zu untersuchen. - Da nun sämmtliche, das Kind
umgebende Dinge Eigenschaften haben u. Verhältnisse zeigen, welche /
[10R]
allgemein oder vielmehr Allen gemein sind, so muß dem Spiel-
triebe des Kindes - was es, wie schon erwähnt, so vielseitig ausführt -
eben um das Allgemeine dieser Eigenschaften u. Verhältnisse kennen
zu lernen – gestattet sein all diese gemeinsamen Eigenschaften u. Ver-
hältnisse nur an einigen Gegenständen kennen zu lernen, nur an
wenigen Gegenständen sich anschaulich zu machen; ja es müssen diejenigen
Gegenstände - Spielzeuge - an welchen u. durch die das Kind die Außen-
welt kennen lernt, welche eigentl[ich] die Einführungsmittel des Kindes in
die Außenwelt sind, gleichsam der alles zeigende Spiegel derselben, zu-
gleich
auch diejenigen sein, an welchen u. durch welche es sein eigenes
Inneres nach Kraft u. Willen u.s.w. offenbart; damit sie - diese Gegen-
stände - Spielzeuge - dem Kinde so mehrfach vermittelnd zwischen sei-
nem Innern, dem eigenen Lebens- und Gestaltungstriebe u. dem Wesen
der Lebens- u. Gestaltungsäußerung der Außenwelt u. ihm so diese
vielfach ein Spiegel seines Innern, u. sein Inneres ein Spiegel der Außen-
welt zum ächten Verständniß beider werde u. das
Kind so zur Erfahrung u. Ahnung des Einklangs u. der höhern Einheit
beider kommt, wodurch eben das Kind zu dem höhern u. innern Frieden
gelangt, welcher demselben durch seine seinem Lebenstriebe entspre-
chende Thätigkeit u. Beschäftigung wird. Wenige Gegenstände, das
zeigt uns das Kind, bedarf es dazu, allein diese Gegenstände mit
erschöpfend genügenden Eigenschaften; sie müssen zunächst allseitig
in sich abgeschlossen, gleichsam in sich ruhend, erfaß- u. behandelbar,
vorerst nach dem Willen des Kindes nach der einen Seite hin leicht be-
weglich, nach der andern hin feststellbar, sie müssen zur klaren
vermittelnden Erkenntniß beider verschiedenen Eigenschaften beide /
[11]
zugleich in sich einen, sie müssen sich wie jeder Gegenstand
allein, so sie wieder geeint unter sich in den verschiedenartigsten durch
ihre Form gegebenen Verhältnissen u. Erscheinungen zeigen; sie müs-
sen sich bald darauf leicht trennen u. sich wieder vereinigen lassen, so
in der Vereinigung wieder in den mannichfachsten Formen u. Gestalten
verbinden lassen; Alles nach dem sich frei zu entfalten u. zu gestal-
ten, sich selbst gegenständlich u. so verständlich zu werden strebenden
Lebens-, Schaffens- und Beschäftigungstriebe des Kindes, wie denn überhaupt
alles dieß aus dem Wesen u. der Natur des Kindes u. deren Kund-
werdung mit Nothwendigkeit hervorgeht ohne Beimischung irgend
einer Willkür. Daher zeigt sich auch merkwürdiger Weise, daß wie durch
diesen Bildungs- und Entwicklungsgang die Forderungen des innern Lebens
des Kindes u. Menschen, so auch die seines späteren, äußeren, bürgerl[ichen]
Lebens, die seines Bestehens u. einstigen Berufes, die des socialen u.
staatl[ichen] Lebens erfüllt werden. - Alles dieß ist das Ergebniß der frü-
hen entsprechenden Pflege u. Erziehung des Kindes durch das Selbstbewußtsein
hindurch für innern wie äußern Frieden, für Zufriedenheit. –
Doch es tritt dabei noch eine andere wichtige Seite entgegen, welche
nicht unbeachtet bleiben darf; wir finden das Kind, wie in seinem ächt
kindl[ichen] Spiel u. Thun heiter u. zufrieden, so in u. durch Unschuld be-
glückt u. beglückend, denn in seinem ihm selbst noch unbewußten,
nur dem Lebenstriebe folgenden Thun, ist es noch nicht im Widerspruche
mit den ihm ebenso noch unbewußten, sowohl innern persönl[ichen] als äußerl[ichen]
allgemeinen Gesetze[n] u. Forderungen seines Lebens; wie es nun noch nicht
das Gesetz kennt sondern ruhig vertrauend ihm folgt, wie es unmittelbar
noch als Trieb, bald als Ahnen u. Sehnen u.s.w. sich ihm kund thut,
so kennt also das Kind auch noch nicht die Übertretung, den Fehl, noch weniger die Sünde. /
[11R]
Wie es nun wichtig ist sowohl für den Einzelnen als die ganze
Menschheit, dem Kinde so lang als mögl[ich] nicht nur seine innere
Zufriedenheit zu sichern, sondern es auch vom Zustande der unbewußten
Zufriedenheit, durch das Selbstbewußtsein hindurch zur erkannten
und so bleibend gesicherten Lebenszufriedenheit zu führen, so ist es
nun auch nicht nur für das Kind u. die Kindheit, sondern für das ganze
Menschengeschlecht u. die Menschheit hochwichtig, ja fast noch hochwichtiger,
des Kindes Unschuld so lang als nur immer mögl[ich] ihm zu sichern
u. es wo mögl[ich] ebenfalls wieder durch das aber mit größter Sorgfalt
in ihm geweckte Selbstbewußtsein hindurch zur bewußten u. so ge-
sicherten, darum bleibenden Unschuld zu erheben. Wie ist dieß aber mög-
lich? - Das Kind in dem Zustand seiner Unschuld so fest als mögl[ich] ein-
leben, es darin erstarken zu machen, ja zu befestigen, darum
dem Kinde das Gesetz ganz nur in dem Maaße zur Kenntniß zu
bringen von ihm die Erfüllung desselben nur so weit zu fordern, als
in dem Kinde auch die Kraft u. der Wille schon geweckt ist, oder durch die
Forderung der Gesetzerfüllung sogleich geweckt werden kann mit Selbst-
wahl u. Selbstbestimmung, so mit Freiheit der Gesetzesforderung auch nachzu-
leben, dem Gesetz gemäß zu handeln. Also nach Maaßgabe des Bewußt-
werdens zugleich Wecken des Willens, der Kraft u. der Fähigkeit, der
Gesetzesforderung nachzukommen u. das durch Alles dieß unmittelbar
erfolgende Thun, das ist es, was im Stande ist, des Kindes Unschuld lange
lange zu sichern, ja es endlich unschuldig u. schuldlos in das Leben des
Bewußtseins u. der Prüfung ein- u. so durch dasselbe schuldlos hindurch
zu führen; d.h. des Kindes Willen, Thatkraft u. Fähigkeit so zu entwickeln,
zu stärken, daß das Kind u. später der herangewachsene Mensch dem
Gesetz vor Allem dem innern, dem Gesetz des Geistes, des Gemüthes,
dem Gesetz der Lebens- u. Gotteinigung, dem reinen Sittengesetz u. /
[12]
dem Gesetze der im Gemüth u. Selbstbewußtsein tiefgegrün-
deten Religion aus anerkannter tiefempfundener Würde auch
dann noch Folge leisten, wenn es auch nicht nur augenblickliche Über-
windung, sondern ausdauernd selbst die größten Opfer fordert. Dieß
zu erreichen aber muß die größte Aufgabe der Erziehung, des
Erziehers sein. Aus dem bisher aber schon über das Kinderspiel
Angedeuteten geht aber hervor wie das vorstehend Ausgesprochene
das Ergebniß des in seinem Wesen erkannten u. gepflegten Kindesspieles
selbst ist; denn dasselbe führt vom Triebe durch das Gefühl der Lust und
Freude, der Befriedigung u. der Zufriedenheit u. durch die ins Bewußt-
seyn
erhobenen Ursachen derselben zur Befolgung u. Anerkennung
des Gesetzes durch die u. in der unmittelbaren Ausübung, u. so geht
die Erfüllung des in dem Wesen der Sache selbst ruhenden u. gegebenen
Gesetzes unmittelbar aus dem Leben, der Ausübung selbst, aus der
Liebe, der Lust u. Freude am Thun selbst u. aus dem Lichte der Er-
kenntniß dem Bewußtsein hervor also ganz aus Selbstbestimmung,
Selbstwahl u. Freiheit, so daß selbst später u. herangewachsen die
Opfer zur Erfüllung der so bewußt gewordenen hohen Lebensforde-
rung dem Menschen Freude, die Befolgung derselben ihm Frie-
den bringen. Dieß ist nun die Frucht einer der Menschennatur
u. dem Menschenwesen ganz entsprechenden früh beginnenden Kin-
derpflege u. Erziehung; zeigt mindestens den Weg u. die Möglich-
keit zunächst, dieß Ziel, diese Frucht zu erreichen, das Kind, den Men-
schen stufenweise seiner Natur entsprechend zum Selbstbewußtsein zu ei-
nem demselben stets entsprechenden Handeln so in u. durch bewußte Er-
füllung aller Lebenspflichten zu allseitiger Lebens- u. Gotteinigung
also in seinem Innern in seiner Seele, zur wahren Seeligkeit zu führen.- /
[12R]
Hier haben Sie nun eine kurze Darlegung meiner Erziehungs-
grundsätze, wie des Ausgangs, Ziels und Zweckes der Mittel u.
Wege der daraus mit Nothwendigkeit hervorgehenden Erziehungs-
weise. Sie werden zugleich, u. das ist das Hochwichtige des Ganzen,
darin finden, wie alles Wesen, Sein u. Leben ein ursprünglich
Einiges, Stetiges ist, so sind es auch nicht nur diese Erziehungs-
gesetze sondern ganz besonders ist sie auch ganz die daraus her-
vorgehende Kinderpflege- u. Kinderführungsweise u. darum selbst
die Erziehungsmittel, Alles vom unbewußten Thun, vom dunklen
Gefühle zum klaren Bewußtsein, zur freien That in stetiger,
lückenloser Folge führend.
Fragen Sie nun nach dem Orte, wo Alles dieß zunächst
eben in der ersten Zeit des Kindeslebens auszuführen sei, so ist der-
selbe wie durch die Natur der Sache bestimmt gegeben, im Vorstehenden
sattsam bezeichnet, wenn auch nicht klar genannt: es ist derselbe
u. kann nur sein die Mutterstube, die Kinder- u. Familienstube, das
Elternhaus, der väterl[iche] Hof. - Für den Beginn u. Ausgang dieser Er-
ziehweise ist deßhalb wohl weder ein Zweifel noch e[ine] Frage übrig.
Fragen wir dagegen nach dem Fortgange, der Durch- u. Aus-
führung nicht nur dieser sondern jeder Kinderführungs- u. Erziehungswei-
se in des Kindes ersten Lebensjahren bis zur eigentl[ichen] Schulfähigkeit, so
wird sich nicht nur Zweifel erheben sondern auch die ganz entschiedene
Antwort bei Erwägung aller Gründe dafür u. dawider ergeben, daß
für dieses ganze Alter vom 2ten bis zum 6. Jahre, nach den bestehen-
den häusl[ichen] u. bürgerl[ichen] Forderungen u. der Vielartigkeit der Lebensver-
hältnisse nur noch unter u. in den seltensten Verhältnissen das Vater-
haus allein noch genügte u. bei den gegenwärtigen Lebenserscheinungen /
[13]
genügen kann. Alles Besondere hier im Einzelnen durch-
zuführen würde zu weitläufig sein nur ein Zweifaches
werde noch hervorgehoben: erstl[ich] soll der Mensch frühe seiner Doppel-
bestimmung als Einzelwesen, zugl[eich] als Glied der Menschheit zu leben,
entgegen erzogen werden, wie denn auch der Mensch nur bestimmt
ist in Gemeinsamkeit mit andern Menschen sich vollständig zu ent-
wickeln, was sich auch früh im Kindesleben als des Kindes Forderung
ausspricht. Zweitens ist die Menschenerziehung ein ächtes Kunst-
werk, soll es vielmehr immer mehr werden; als solches aber geht
es durch klares Bewußtsein, durch ächte Einsicht u. Fertigkeit hindurch,
besonders durch alle mindestens vielseitige Kenntniß der Kindes-
natur; dieß aber ist noch nicht so allgemein, da als es die durch-
greifende Erziehung vor Allem die Volkserziehung es for-
dert. - Dieß Alles verlangt nun eine Erziehung des Kindes, in
welcher es ganz in seinem Wesen erkannt, in seiner Doppelbe-
stimmung erfaßt, pflegend u. nachgehend seinen eigenen wie
den allgemeinen Entwicklungsgesetzen gemäß so behandelt wer-
de wie das Gewächs im Garten, eine Erziehung, in welcher die
Kinder den zarten Pflanzen u. die Erzieher den sorgsamen
Gärtnern gleichen - also Erziehungsverhältnisse welche sich dem
gemäß nicht erfassender als mit dem Ausdruck, mit dem
Namen Kindergarten bezeichnen lassen, wie dieß denn auf
die verschiedenste Weise von mir ausgesprochen u. nachgewiesen wor-
den ist. -
Nur auf diesem u. keinem [andern] in dem Maaße dem gegen-
wärtigen Stande der Menschheitsentwicklung u. Verhältnissen
[entsprechenden Wege] sagt mir e[ine] 60jährige Erfahrung kann erreicht werden was
wir als Deutsche besonders in Hinsicht auf Volkserziehung,
Volks- und namentlich religiöses Leben /
[13R]
bedürfen. Je eher wir nun diesen Weg betreten, je sorg-
samer und stetiger wir ihn verfolgen, um so sicherer, klarer u. bestimmter,
fried- u. freudvoller werden wir zum Ziele kommen und
zwar (e) in der Weise, als alle Menschen- und Kinderfreunde aller Völker
und aller Zeiten es ersehnten und zum Theil anbahnten; im Sinne Luthers
und der großen deutschen Denker bis zur neuesten Zeit, im Geiste des
Menschheitserziehers Jesu also
nach dem Gange, welchen uns Gott durch Natur, Ge-
schichte der Völker u. der Einzelnen, durch die Lebenserfahrun-
gen und das Nachdenken jeden Einzelnen wie durch Offen-
barung gezeigt und bisher in seiner fortgehenden Offenbarung in Natur
- Geschichte - Leben - im eigenen Geiste und Gemüth jedes ein-
zelnen Menschen das Menschengeschlecht seinem Ziele, die Menschheit ihrem
Berufe und ihrer Bestimmung entgegen
erzogen hat.-

c) Edition

[138]
Keilhau am Tage des Frühlingsanfanges 1846
Sie wünschen von mir eine Darlegung meiner Erziehungsgrundsätze,
eine Darlegung des Ausgangspunktes meiner erziehenden Bestrebungen,
wie auch ihres Zieles, ihres Zweckes und der Mittel zu deren Erreichung.
Hier ist sie.
1. Ich gehe von dem, auch in seinen verschiedenen Entwicklungs-
stufen sich immer gleichbleibenden Ergebnisse meines Selbstbewußt-
seyns
aus; dabei prüfend und vergleichend beachtend sowohl die Er-
scheinungen der Natur und des Lebens
, als die Ergebnisse
des bis jetzt errungenen Selbstbewußtseyns der Menschheit, beides
sowohl auf der gegenwärtigen Stufe der Entwicklung, als in seinen
verschiedenen Stufen des Werdens; also sowohl in seiner jetzigen ruhen-
den Gestalt
, als auch seiner Geschichte nach angeschaut und auf-
gefaßt. Ich gehe also weder von dem Äußern, von der Erscheinung,
von dem Vergänglichen und Wechselnden aus, noch weniger lasse ich mich
von ihm leiten; aber ich setze es auch keinesweges unbeachtet an die
Seite, sondern es im Gegentheil ganz in seinem Wesen und seiner Be-
deutung also in seinen Ursachen wie in seiner Wirkung würdigend.
2. Alles dieß nun sagt mir, ohne sich mir im Mindesten irgend
wie und irgend wo zu widersprechen, immer das Eine aus: Einen
Grund, Einen Quell, Einen Ausgangspunkt nur hat alles Daseyende,
hat alles was wir Natur, Welt, Schöpfung, All nennen; hat alles
Wesen, alles Seyn, alles Leben, wo es nur immer erscheint und sich
kund thut, oder wo es selbst noch, - geahnet oder ungeahnet - schlummert.
3. Dieser Urgrund, Uranfang und Urquell alles Daseyenden ist
das in sich und durch sich bewußte Wesen, Seyn und Leben selbst; ist
das sich Bewußte, sich Selbstbestimmende, in sich innig Einige, darum
Gute, Gott.
4. Jedes Ding aber trägt das Wesen seines Grundes in sich;
also ist alles Daseyende göttlichen Wesens. /
[139]
5. Wie alles Daseyende, Erscheinende in diesem in sich einigen,
sich bewußten, sich selbstbestimmenden Leben, Guten in Gott nur seinen
Grund, Quelle und Anfang hat, so besteht es eben auch nur dadurch,
daß es, als ein Seyendes, göttlichen Wesens ist.
6. Wie Gott, als Urquell und Schöpfer aller Dinge der sich-selbst-
Bewußte, Sichselbstbestimmende, so ist der Mensch, für uns die Krone
und Blüthe, die Frucht der Schöpfung, in der Göttlichkeit seines Wesens
nicht nur zum Selbstbewußtseyn und Selbstbestimmung, sondern noch
dazu berufen, daß sich in ihm die Schöpfung, gleichsam sich selbst be-
wußt werde.
7. Gott aber ist ein innig Einiges in sich, darum ist jedes Da-
seyende gleicherweise einig in sich, wie aber auch alles Daseyende, alles
erscheinende Wesen, Seyn und Leben zugleich selbst wieder beziehungs-
weise in sich ein Einiges ist.
8. Der Mensch als zum Bewußtseyn und Selbstbestimmung be-
rufen, soll sich darum des Einigen seines Seyns, Wesens und Lebens,
des in sich Einigen jedes Dinges und des in sich Einigen aller Dinge,
alles Daseyenden, Wesens und Lebens wie seines Einigseyns damit be-
wußt werden; und so selbst des innig in sich einigen Seyns, Wesens und
Lebens Gottes; des Wesens, Seyns und Lebens Gottes als eines innig
Einigen, - Bewußten, Selbstbestimmung.
9. Erkannt und vollkommen erkannt wird aber nur Jedes am
Entgegengesetzten und durch das Entgegengesetzte; darum erscheint selbst
das Einige Wesen Gottes, welches zu erkennen der Mensch berufen ist,
in der Schöpfung, in allem Daseyenden und selbst im Menschen als ein
Getrenntes, also als ein dem Einigen Entgegengesetztes; und so ist
denn mit der Erscheinung des in sich einigen Lebens, also mit der
Kundmachung, Offenbarung Gottes in Natur, Welt und Schöpfung
zugleich der Gegensatz nothwendig gegeben.
10. Wo aber Trennung und Entgegensetzung sich kund thut, da
wird auch unmittelbar Ausgleichung, Vermittelung gefordert. Das
Seyende und das Erschienene und Erscheinende; das bleibend in sich
einige, und das auch in der Trennung beziehungsweise noch in sich
einige Leben, fordert aber nothwendig, als unter sich Entgegengesetztes,
gleich Innerm und Äußeren die Vermittelung; dieß, alles erscheinende
und das seyende Leben Verknüpfende, Vermittelnde ist aber eben zuerst
das Leben selbst; dann vermittelt aber auch die Liebe das, in der
Trennung noch einige Leben durch die Ahnung und das Streben nach
innigster Lebenseinigung; endlich beim Seyenden und Erscheinenden, ist
eben als erscheinend - denn nur das Licht kann erscheinen - das Licht
das Vermittelnde.
Wie also mit und in der Offenbarung Gottes in der und durch
die Natur, durch die Welt, das All und die Schöpfung, und mit der
Einigung zugleich die Trennung gegeben ist, so ist auch in und mit
dieser zugleich wieder durch Leben, Liebe und Licht das Vermit-
telnde
, die Vermittelung gegeben.
11. Dieß ist für die Erziehung des Kindes, des einzelnen Menschen,
des Menschengeschlechtes und der Menschheit ihrem Ziele entgegen auf
das Höchste wichtig, denn durch das ganze Leben und alle Erscheinungen
desselben hindurch, in welchen sich nur eine Spur von Leben und Le-
bensgrund zeigt, spricht sich Einigung und Trennung, also Ent-
gegensetzung
, und die Erscheinung der Vermittelung mit allen
ihren Forderungen und Gaben aus, und ist dieß, als ein durch-
greifendes Welt- und Lebensgesetz
, der Schlüssel zur wahren
Erkenntniß und zur richtigen Beachtung und Behandlung jedes Dinges,
also auch der Schlüssel zur allseitig entsprechenden und genügenden
Erziehung des Menschen.
12. Diese Erkenntniß des Göttlichen als eines in sich Eini-
gen rc. in allen Dingen, die Einsicht in das Leben der dadurch erschei-
nenden äußeren Trennung, Entgegensetzung und in die dadurch aber auch
zugleich wieder gegebene Vermittelung, - welche Erkenntniß und Ein-
sicht auch aus einer durchdringenden und erfassenden Beachtung des Leben[s]
und Wirkens unseres eigenen Geistes klar hervorgeht, also dadurch auch
im eigenen, sich soweit entwickelten Selbstbewußtseyn eines Je-
den
unwiderlegbar beurkundet wird - ist nun auch der Grund,
der Ausgangspunkt, die Quelle all meiner erziehenden
Bestrebungen nach Weg, Mittel, Ziel und Zweck
.
13. Wie nun das in sich innig einige göttliche Wesen in der Schöpfung,
in dem großen beziehungsweise gleichfalls in sich innig einigem Lebens-
ganzen lebt, wirkt, schafft so sich in ihm offenbart, und dies dadurch
sein Bestreben hat, so lebt, wirkt, schafft und offenbart es sich dadurch
nothwendig auch wieder in der Menschheit, als in dem zum Selbst-
bewußtseyn berufenen
für uns letzten Gliede dieses großen Le-
bensganzen. -
14. Was aber von der Menschheit als Ganzem in sich und zu-
gleich als Gliede also als Gliedganzen des großen Lebensganzen gilt,
das gilt in ganz gleicher Weise auch von dem einzelnen Menschen als
Ganzem in sich und als Gliede also als Gliedganzem der Menschheit;
auch der einzelne Mensch, eben als Gliedganzes der Menschheit, faßt das
ganze Wesen, Seyn und Leben derselben und so auch das in ihr lebende
schaffende und wirkende göttliche Wesen ganz in sich und kann es darum
auch wieder ganz aus sich entwickeln, darstellen, kund thun und offen-
baren. Ja der Mensch fühlt und erkennt sich in seinem Schaffen und
durch sein Thun eben als lebenvolles Gliedganzes der Menschheit und
so als göttlichen Wesens.
15. Also der Mensch und schon als Kind, wenn auch hier nur noch
in ungetheiltem dunkeln Lebensgefühl, im dunkeln Fühlen des eigenen
Selbstes und Lebens, fühlt sich (empfindet sich, gewahrt sich) wie innig
einig in sich, so innig einig mit dem großen Lebensganzen; indem das
Kind sich sehr bald mit jedem Dinge außer sich, wenn es nur nicht
schmerzlich oder widrig auf dasselbe einwirkt, bald befreundet, ja höchst
merkwürdiger und beachtungswerther Weise, sich mit demselben und das-
selbe mit sich auf ganz gleiche Lebensstufe stellt.
16. Ebenso behandelt das Kind, sobald es eine Mehrheit von
Dingen und Verhältnissen in sich aufgenommen hat, diese Dinge bald
als Theile und Glieder Eines großen Ganzen, so wie die Verhältnisse
als allgemein durchgehend; so will es z.B. sehr frühe Alles, was es
nur eben erreichen kann, auf einander bauen, oder es sucht eben so auch
Alles und Jedes, was es nur umgiebt, ohne Unterschied zu zerstreuen;
so will es weiter entweder Alles pflanzen, oder Alles speisen u.s.w.
Es erscheint dieß als die erste dunkle Spur des Erwachens einer Ahnung
der Einheit aller Mannigfaltigkeit außer ihm; wie es dagegen auch
frühe strebt sein in sich einiges Wesen in möglichster Mannichfaltigkeit
seines Thuns außer sich darzustellen und kund zu thun. Wie denn
überhaupt für den dafür entwickelten Beobachter, so ganz vor allem für
die ruhig und sinnend beachtende Mutter, nichts in dem Kinde vorgeht,
was sich ihm nicht auch in dessen Äußerungen, Bewegung, Blick, Mienen
u.s.w. kund thue, gleichsam offen vor- und daläge; darum erscheint
denn auch alles Thun des Kindes in Beziehung auf sein Inneres, sein
Wesen, sinnbildlich. -
17. Je stärker nun in dem Kinde das Gefühl des gemeinsamen
Lebens wie des eigenen, selbstigen, und das Streben es aus sich hervor-
zuleben ist und je größer die Menge der in sich aufgenommenen Gegen-
stände der umgebenden Außenwelt, umsomehr wird sich in ihm in Be-
ziehung auf sein eigenes Leben ein Sehnen kund thun nach einem Ge-
genbilde
, gleichsam nach einem Spiegel für seine, sich in Mannig-
faltigkeit äußernde, in sich tragende Lebenseinheit; so wie in Beziehung
auf das Gefühl des Gemeinsamen, sich in ihm ein Sehnen aussprechen
wird, auch für die Einheit der Mannigfaltigkeit außer sich ein sinnbild-
liches Anschauungsmittel zu finden; d.h. das Kind wird Etwas
ersehnen, mit und an welchem es alle Äußerungen seines Lebenstriebes,
seiner Lebenseinheit ausführen kann. Der erste und nächste Gegenstand
nun ist dem Kinde sein eigener Körper hier vor allem seine eigene Hand,
seine eigenen Finger, seine Faust; daher auch frühe die Forderung der /
[140]
Mutter: "zeig mir deine Händchen", "wo sind die Fingerchen", "mach
ein Fäustchen!" u.s.w. Dann das Überlassen des Daumens, der Fin-
ger der Mutter zum Spiel des Kindes; bald darauf wird der das
Kind am meisten beschäftigende Spielgegenstand derjenige, der der
allseitigst in sich abgeschlossene, gleichsam in sich selbst ruhende, mehr ab-
gerundete, daher aber auch wieder leicht behandelbare, dem beweglichen
inneren Wollen leicht folgende Gegenstand seiner nächsten Umgebung ist. -
18. Hier ist es nun, wo nach meiner Überzeugung der bewußte
Mensch, zunächst also die Mutter, das Elternpaar, die Glieder der Fa-
milie, die Erziehungsgehülfen - zur Fortentwicklung der Menschheit
ihrem Ziele entgegen, nicht blindlings blos, d.h. nicht blos vom dunkeln
Naturtriebe sondern vom Nachdenken rc. geleitet, auch nicht nach eigner
Meinung und Erfahrung allein, sondern diese geprüft an der Summe
der Gesammterfahrung der Menschheit, so weit sie ihm zur Einsicht ge-
kommen, - dem Kinde in seiner Entwicklung helfend beistehen soll:
und diese Hülfe ist nun die Erziehung des Kindes, des Menschen durch
den Menschen; ist die, darum eigentlich auch nur menschliche Erziehung.
19. Die Hülfsbedürftigkeit ja Hülflosigkeit in welcher das
Menschenkind geboren wird spricht nämlich eine vielfache, wohl aber in
sich einige Bedeutung aus, welche aber eben in dieser Vielfachheit und
durch dieselbe von höchster Wichtigkeit ist. Erstlich liegt offen vor, daß
das Menschenkind - nicht allein in so großer, wohl höchster Hülflosig-
keit geboren, sondern darin auch solange verharrend, - ganz besonders
wie die Pflege, so vorzüglich auch die sorgsamste Aufmerksamkeit, die
prüfend vergleichende Beachtung der Eltern, der Erfahrenen, und so die
Ahnung von dem hohen Wesen, der Würde und Bestimmung des Men-
schenkindes und der Mittel und Wege sie zu erreichen wecken und zur
Einsicht bringen die Wichtigkeit des Lebens, des Menschenlebens zeigen
soll; dann dass der Mensch obgleich schwach und hülflos geboren, sich
doch als ein Kind des Lichtes zeigt, indem es unmittelbar nach seiner
Geburt die Augen öffnet um es in langen, leiblich und geistig bekräf-
tigenden Zügen einzusaugen; weiter erscheint die Hülflosigkeit des Kindes
für dasselbe bedeutungsvoll, um es und sich selbst später dadurch und
in allen Erscheinungen derselben, so vor allem in seiner Unbeholfenheit
und Schwere als einen Theil und Glied des großen Lebensganzen
zunächst der Erde, die es trägt und durch sie des ganzen Sonnen- und
Weltsystems des Weltalls zu finden. Ferner erscheint sie als ein Zeichen
seiner Selbstbestimmung, Selbstwahl und Freiheit, seiner zu erringenden
Selbstständigkeit um durch geweckte Selbstkraft aus sich und in sich empor
zu steigen, die Hülflosigkeit des Menschenkindes ist also nicht ein Zeichen
der Schwachheit des Menschenwesens; sondern der, nur noch schlummern-
den Menschenkraft, welche aber mit Selbstbeachtung und zur Selbststän-
digkeit und Selbstthätigkeit geweckt, gepflegt und zur klaren Einsicht,
zu bewußtem Gebrauche erhoben werden soll; weiter aber auch, damit
der Mensch nicht einseitig und selbstsüchtig werde, hindeutend, daß die
Menschheit ein Ganzes sey, welche nur durch gegenseitige Hülfe, durch
gegenseitige thätige Liebe, als Ganzes wie in jedem Einzelnen, zu ihrem
Ziele komme; also hindeutend auf die Sittlichkeit der menschlichen Natur,
auf die sittliche Natur des Menschen; daß darum der Mensch nicht be-
stimmt, nicht berufen ist, nur durch leibliche und Körperkraft, sondern
durch die Kraft seines Geistes und Gemüthes, durch sein Nachdenken,
durch den Gebrauch seiner Vernunft zum Ziele seiner Bestimmung zu
gelangen, den Zweck seines Berufes zu erfüllen. Somit ist, wie schon
oben angedeutet wurde, die Hülflosigkeit des Kindes ein Zeichen und
Ausdruck der hohen Würde, ja der Gottähnlichkeit, Göttlichkeit des
Menschenwesens dadurch, daß der Mensch, fast nur von einem Lebens-
hauche emporsteigen kann, nicht nur zum Bewußtseyn und zur Erfassung
seiner selbst, sondern zur Erfassung und Erkenntniß der ganzen Mensch-
heit; nicht nur der Menschheit allein, sondern mit ihr und durch sie des
ganzen Weltalls, der ganzen Schöpfung; nicht nur der Schöpfung allein,
sondern mit ihr und durch sie, wie durch die ganze Menschheit, zur Er-
kenntniß des Schöpfers derselben - Gott; nicht nur zum Finden und
Erkennen Gottes als Schöpfer und in der Schöpfung, sondern auch im
eigenen Geiste, im eigenen Gemüthe, in der Güte, Wahrheit, Liebe seines
Wesens, als eines in sich Einigen, Bewußten, Sich-Selbst-Bestimmenden;
so daß also der Mensch, dieser leichte Lebenshauch, in der Fortentwicklung
seiner Selbst und im und durch das Heraussteigen aus sich, nicht nur
Gott zu fühlen, zu erkennen, zu vernehmen im Stande ist, sondern auch
im Stande ist die Liebe, die Wahrheit, den Willen, das Gesetz, ja das
Leben Gottes selbst, aus seinem Lebenskeime, Lebensfunken, Lebenshauche
im Zusammenhange mit dem großen Lebensganzen, den Gesammterfah-
rungen und Gesammteinsicht der Menschheit zu entwickeln und dieses
selbst zu seinem eigenen Lebensgesetz zu machen; doch zum Schluß noch:
die Hülflosigkeit des Kindes macht uns selbst die Nähe Gottes findend,
fühlend, empfindend; - kann es darum, im Vergleich mit der Größe
der Ausbildung, welche dem einzelnen Menschen möglich ist, einen größeren
Beweis für die Göttlichkeit des Menschenwesen geben als den, welcher
in der Hülflosigkeit liegt in welcher [der] Mensch geboren wird und in welcher
er in der frühesten Zeit seines Lebens erscheint? -
20. So ist denn die Hülflosigkeit in welcher der Mensch geboren
wird und in welcher er selbst noch eine lange Zeit nach seiner Geburt
verbleibt, recht eigentlich der Stützpunkt, der Keim- und Quellpunkt ächt
menschlicher Erziehung, der Erziehung des Kindes seiner Bestimmung
und seinem Berufe, der Gottähnlichkeit, der Darlebung seines göttlichen
Wesens, der Gotteinigung entgegen in und durch allseitige Lebenserfas-
sung, Lebenspflege und Lebenseinigung. -
21. Alles dieß läßt sich durch alle Categorien hindurch von allen
Standpunkten der Lebensanschauung aus, ganz besonders aber auch
durch die unzweideutigen Aussprüche Jesu beweisen.
22. Wie der entwickelte Magnet in dem noch unentwickelten Eisen
die magnetische Kraft hervorruft; wie das durch und durch in sich klar, so voll-
endet entwickelte Sonnenlicht in dem noch unentwickelten, von durch und
durch klarem Wasser getränkten Saamenkorn und aus der noch kaum
bemerkbaren Knospe das Gewächs höherer Lebensordnung und die Blüthe
höherer Lebensthätigkeit hervorruft, so ruft der, so entwickelte, bewußte
Mensch in dem noch unentwickelten Kinde pflegend durch die Erziehung
das Menschenwesen zum Wachsen, Blühen und Fruchten hervor. - Soll
also das Menschengeschlecht in und durch die Kinderwelt, soll die Mensch-
heit ihrem Ziele durch die Kindheit und von der Kindheit aus dem gro-
ßen Ziele derselben entgegen erzogen werden, so bedürfen wir gleichsam
Erzieher-Magnete und Erziehersonnen, welche die Kinder im Einklange
und Zusammenhange mit dem großen Lebensganzen erziehen. - /
[147]
23. Die Erziehung erfaßt darum
erstlich das Wesen des Kindes in seiner Göttlichkeit, also das Kind
selbst, als zum Selbstbewußtseyn, zur Selbstbestimmung und so zur
Darlebung seines Wesens berufen, in der Einheit seines Lebens, wie
zugleich als Glied der Menschheit und des großen Lebensganzen, so
in stetem Lebenszusammenhange, deßhalb als wahres Gliedganzes. -
Zweitens erfaßt sie das Kind in seinem Streben nach Erhöhung seines
Lebensgefühles, durch sein, dem Naturtriebe folgendes Suchen nach
Lebenserhaltung und Lebenserstarkung, durch seinen Glieder- und
Sinnengebrauch, wie durch die Gesammtheit der Körperentwicklung
und zwar nach dem, sich besonders in den Thätigkeiten des Menschen,
so merkwürdig als wirksam und belehrend aussprechenden Gesetze des
Gegensatzes und der Vermittelung.
Drittens das Kind in seinem, durch die Natur bestimmten Doppelstre-
ben einmal nach Erfassung und Ausbildung seiner Selbstständigkeit
und Persönlichkeit, wie nach Festhaltung der ursprünglichen Einigung
mit dem großen Lebensganzen; zunächst hindurchgehend durch die
Einigung mit der Mutter, mit den Eltern und mit den ihnen ähn-
lichen Pflegern seines Lebens.
Wie in dem Nächstvorhergehenden der Entgegensetzung in dem
Körper-, Glieder- und Sinnenorganismus, als körperliche Anlage
erwähnt wurde, so tritt hier eine ähnliche Entgegensetzung in dem
Wollen, in dem Wollen des Einzelnen, Persönlichen und dem, des Ge-
meinsamen, Allgemeinen entgegen; dieß macht auf das hochwichtige Ge-
setz aufmerksam, daß sich auch das Leben des Kindes in Gegensätzen und
durch dieselben, wie durch deren Vermittelung hindurch bewegt. -
Dieses Gesetz lehrt darum: Die ächte Erziehung erfaßt
Viertens das Kind in den Gegensätzen seines Wesens und Lebens
und deren Vermittelung.
Fünftens erfaßt sie es in seinem natürlichen, in seinem Wesen als
solchem liegenden Streben, die Einheit seines Wesens und Lebens,
oder sein Wesen und Leben als ein Einiges in Mannigfaltigkeit
außer sich, sich gleichsam selbst gegenständlich hinzustellen.
Sechstens in seinem Streben, die Mannigfaltigkeit der Dinge in der
es umgebenden Außenwelt durch Beachten, Sammeln, Vergleichen,
Nachahmen, Pflegen, Umwandeln, überhaupt durch Gebrauchen sich
zu eigen zu machen, dadurch sie in ihrem Wesen zu erkennen und in
ihrer Einheit zu erfassen, also in seinem Gesammtstreben: das In-
nere, sein Inneres äußerlich zu machen, kund zu thun, zu offenbaren,
das Äußere in seinen Eigenschaften und Wesen in sich aufzunehmen
und so zwischen beiden scheinbar geschiedenen und verschiedenen Welten
die ursprüngliche innere Einigung, den wahren Einklang und so
den ächten Frieden zu finden. - Darum das eigenthümliche Streben
des Kindes das Leben des Einen in dem Leben des Andern wieder
zu finden, und selbst das sich bewußte Leben, nicht so wohl blos auf
unbewußte auch lebendige Gegenstände, Thiere, sondern merkwürdiger-
weise noch weit öfterer und früher auf leblose Gegenstände selbst ohne
Ausdruck des Lebens oder Lebensgestalt überzutragen; woraus sich
später sein Darstellungs- und Schaffenstrieb, seine Darstellungs- und
Schaffenskraft entwickelt.
Siebentens: In diesem Streben nach Allbelebung und ahnenden
Voraussetzen eines Allbewußtseyns ist darum das Kind besonders zu
beachten und in Verbindung mit seiner Schaffenskraft und seinem
Schaffenstriebe besonders pflegend, d.i. erziehend zu erfassen
um dadurch in ihm zugleich die Ahnung der Einheit, wie die Auf-
fassung der Verschiedenheit der Wesens- und der Lebensäußerungen
der Dinge zu entwickeln und so, wie die richtige Erkenntniß jedes
Dinges und sein Wechselverhältniß mit ihm, so auch den richtigen
Gebrauche desselben zu bewirken.
Da nun aber alles in dem Kleinsten und Unscheinbarsten beginnt,
so ist schon mit dem ersten Entwickeln, mit dem frühesten Erziehen in
dem Kinde zu pflegen und Sorge zu tragen für richtige Ausbildung:
Erstlich des Selbstgefühles, der Persönlichkeit, des Willens des Kindes
anknüpfend an dessen eigenes Lebensgefühl, an das Fühlen seines
eigenen Lebens und dadurch hervorbildend in Einigung mit dem
übrigen in dem Kinde zu Entwickelnden, dessen Charakter, welcher
hauptsächlich in dessen Selbstgefühl und Willen seinen Grund hat.
Zweitens für richtige Ausbildung des Gefühles der Lebenseinigung,
Lebensverbindung und des Lebenszusammenhanges, anknüpfend
an das Gefühl der Lebenseinigung des Kindes mit seinen Eltern
und Pflegern zur Hervorbildung des sittlichen Gefühles,
des Gefühles der Sittlichkeit, des sittlichen Sinnes.
Drittens für richtige Ausbildung der leiblichen, der ausübenden schaf-
fenden Thätigkeit anknüpfend an das Streben nach Glieder- und
Sinnengebrauch, nach Beachtung und Gebrauch der Dinge um sich,
und dadurch spätere Hervorbildung des Sinnes für ausübendes,
schaffendes Leben, Ausbildung für das, das eigene Leben erhal-
tende, wie für gemeinnütziges, also veredelndes menschenwürdiges
Thun und Schaffen, für darstellendes, für Gewerbs- und Kunst-
leben als ein Ganzes: für schaffendes Erfahrungsleben, dem eigent-
lichen Ausgangs- und Quellpunkte, dem Halt- und Mittelpunkte des
gesicherten, gesunden Familienlebens.
Durch die Pflege dieses Sinnes und Strebens im Kinde, im
innigen Vereine und Einklange mit dessen übrigen Strebungen
bleibt und erhält sich das Leben im Gleichgewichte und, aus
demselben gerückt, kommt es hierdurch wieder in dasselbe zurück.-
In diesem Streben, dasselbe in Übereinstimmung und Zusammen-
hange besonders mit den Forderungen des Geistes und Gemüthes
recht gepflegt, richtig entwickelt, es seinem Wesen entsprechend ausge-
führt und angewandt beurkundet der Mensch vor Allem sich in seiner
schöpferischen Kraft.
Viertens, der Thätigkeit und Wirksamkeit seines Geistes seiner Denk-
kraft, seines Verstehens, seines Vernehmens; anknüpfend an die
sinnlichen Eindrücke, an die Wahrnehmung der Gleichheit und Un-
gleichheit und so der Vergleichung der Dinge unter sich, in ihrer
äußeren Erscheinung wie in ihrem innersten Wesen; wie ersteres
sich auch schon in dem ausübenden unmittelbar schaffenden Leben aus-
spricht. Und so Hervorbildung des Denkenden, des unmittelbar
Vernehmenden im Menschen, seines Verstandes, seiner Vernunft; in
Einigung mit dem sittlichen Gefühle des Menschen, Ausbildung des
Gemüthes; also Hervor- und Ausbildung des denkenden, verständigen,
vernünftig, gemüthvollen, edlen, geistreichen, genialen Menschen; letz-
teres besonders in Einigung mit seiner entwickelten, hervorgebildeten
schöpferischen Kraft.
Fünftens. Ausbildung des Sinnes für Lebenspflege; anknüpfend
an des Kindes lebenpflegenden Sinn in zahllosen Erscheinungen nach
der Seite der Pflanzen- wie der Thier- und selbst der Menschenwelt
hin. Hier Hervorbildung des Sinnes für Naturbeachtung und
Naturpflege im Garten und auf den Feldern, überhaupt in der Natur;
auf dem Hofe im Hause und im häuslichen und menschlichen Leben,
also auch Hervorbildung des häuslichen und Familiensinnes; hieran
auch anknüpfend die Ausbildung des Sinnes für das werdende, für
das geschichtliche Leben; für Familien-, Volks- und Vaterlands- und
einst für Menschheits-Geschichte.
Sechstens. Ausbildung des Gefühles der Lebenseinheit aller Dinge;
anknüpfend an die Ahnung des Lebens in allen Dingen. Her-
vorbildung
der dichterischen Auffassung der Welt und der Dinge,
und - im Einklange mit ächter Geistes- und wahrer Gemüthsbil- /
[148]
dung, wie geeint mit schaffender Thatkraft - Entwickelung für dar-
stellende Kunst in jeder Richtung, Pflege des Kunsttalentes, des Kunst-
genies. Hervorbildung des religiösen Gefühles, des Gefühles
für Gotteinigkeit und des Strebens nach Gotteinigung.
Siebentens. Ausbildung des Sinnes für Vereins- und gemeinsames
Leben; anknüpfend an des Kindes Nachahmung der verschiedenen
geselligen und gesellschaftlichen Erscheinungen; an die Erscheinungen
und Forderungen des geselligen Lebens im häuslichen und Familien-
kreise; dadurch Hervorbildung des Sinnes der Beachtung und
Achtung, für das gemeinsame bürgerliche, das gesellige Vereins-, das
Gemeinde- und Volksleben. Hervorbildung des Sinnes für Recht,
des rechtlichen Sinnes, anknüpfend hier besonders an die Erschei-
nungen des häuslichen Lebens.
Diesem allen kommt nun aber das Kind, wie schon mehrseitig an-
gedeutet, selbst entgegen, bietet dazu gleichsam selbst die Hand durch
die Gesammtheit seiner Lebensäußerungen, wie es durch dieselben aber
auch später, sie eben richtig aufgefaßt, gepflegt und ihrem Ziele entgegen
entwickelt, auch allen Forderungen des menschlichen, des bürgerlichen und
Familien-, des Volks-, Staats- und menschheitlichen Lebens, wie auch
des Lebens in Gotteinigkeit ganz entspricht.
So ist der Mittelpunkt des ganzen Kindeslebens: Regsamkeit, Thätig-
keit, Gefühl; Regsamkeit zur Erstarkung und Entwickelung des ge-
sammten eigenen Lebens und seiner Organe, Glieder; Thätigkeit für
Bilden, Darstellen, Ausführen, Schaffen; Abspiegelung seiner innersten
Gefühle und Strebungen im äußern Thun, Zeichen des Erwachens
der Seelenthätigkeit: selbst einen Raum einnehmend, zieht das Raumer-
füllende zuerst seinen Blick auf sich; sich durch Grenze und in Begren-
zung zuerst persönlich fühlend, zieht vorzüglich das durchs Licht Begrenzte
seine Aufmerksamkeit auf sich; bald aber, nach einiger Sinnen- und Glie-
derentwickelung, zieht besonders das körperlich Begrenzte das Kind an;
hier zuerst am meisten das in sich selbst Begrenzte, das Runde, Volle;
so z.B. das runde Steinchen, das runde, rollende Schneckenhaus, die
Nuß, die Kastanie, die Eichel rc. überhaupt die in sich abgeschlossene
Frucht; im Allgemeinen das überhaupt in sich abgeschlossene, die Kugel,
der Ball. Wie denn auch, was nicht minder zu beachten ist, die mensch-
liche Hand ganz besonders zur Erfassung des Vollen, Runden, gebaut
und geschickt ist, wie an keinem Geschöpfe die ähnlichen Glieder.
Hier ist es nun wieder besonders der Ball in seiner vollendeten Ab-
geschlossenheit, welcher des Kindes Aufmerksamkeit fesselt; - durch seine
Form geschickt die Thätigkeit vieler Dinge in einiger Ähnlichkeit durch
sich darzustellen, welcher deßhalb auch ganz namentlich des Kindes Lieb-
ling ist; aber auch nicht minder das farbige, das gelbe, rothe, das bunte
Steinchen. Wie nun aber das runde und bunte Steinchen, besonders
Anfangs dem Kinde lieber ist als das blos runde und farblose, so ist
demselben auch der bunte, farbige, überdies springkräftige Ball Anfangs
noch lieber als die farblose harte Kugel. - Doch mit gesteigerter Kraft
wechselt auch die Neigung, und nun bekommt die harte, laute Kugel
vielfach den Vorzug. Wie aber das Kind zuerst das Runde, Bewegliche
sucht und liebt, so sucht es nun auch sehr bald das Ruhige, das Stehende,
durch Fläche sich an oder auf Fläche Schmiegende, das platte bauende
Steinchen, den sich überall durch seine allseitige Gleichseitigkeit leicht an-
fügenden Würfel und das durch Verschränkung festverbindende Klötzchen;
allein bald ist ihm auch nicht minder lieb als all die genannten Drei,
die zwar auch rund abgegrenzte rollende, aber doch auch leicht
ruhende und auf einer ihrer geraden Fläche auch leicht gerad aufrecht
stehende Walze und besonders Körper, welche bald im Stehen, bald im
Rollen und bald im Drehen die mannigfachsten Verhältnisse, Formen und
sonstige Erscheinungen zeigen, so wie bei weiterentwickeltem Hand- und
Fingergebrauche die Plättchen und die tafelförmigen Formen und bald
auch das glatte runde Stäbchen, welches sich leicht in die Erde stecken
und so Stäbchen an Stäbchen zum Zaune des Gärtchens fügen läßt.
Bald aber werden auch im Fortgange des Spieles die Stäbchen selbst
zu Bäumen und die Steinchen wohl gar zu Thieren, die Würfel zu
Häusern und die Klötzchen selbst zu Menschen. Ein andermal wechseln
die Rollen, und wieder ein andermal muß Eines Alles seyn und der
Würfel oder das Klötzchen bald der Baum, bald das Haus und sogleich
wieder das Tier oder selbst der Mensch u.s.w.
Wir sehen also, wie das Kind in Einem Alles findet, aus Einem
Alles macht, wie es sich so mit Wenigem eine reiche Welt in sich und
außer sich schafft; dieß macht aber wie jetzt das Kind, so später den
erwachsenen Menschen mit Wenigem reich und bei Einfachem zufrieden;
denn reich und zufrieden ist der Mensch, wenn er in vollem Besitze dessen
ist, was er nach der Gesammtforderung seines ganzen Wesens, seiner
ganzen Natur nothwendig bedarf und wenn er das, was er besitzt auch
ganz der Forderung seiner Natur und seines Wesens gemäß gebrauchen
und anwenden kann. Dieß ist aber bei der Erziehung des Kindes und
Menschen in allen seinen Lebensbeziehungen, wie für die Gesammterfül-
lung seines Berufes zu beachten so hochwichtig; denn Zufriedenheit,
natürlich die wahre nicht blos scheinbare, ist der ächte Mittelpunkt und
nie wankende Grundstein nicht nur des reinen Kindeslebens, sondern des
ganzen gesunden Lebens des Menschen. Zufriedenheit gebiert ja Freude
und Freudigkeit, diese Lust, Muth und guten Willen, Ausdauer und
alle Tugenden des Menschen. Würde darum die Erziehung und der
Erzieher des Kindes, ihm lange sein friediges Leben sichern, ihm den
Frieden seines Lebens wahren, d.h. es im Besitze und Darlebung des-
selben im Gefühl der Zufriedenheit und, mit dem Wachsthume, der
Wahrnehmung derselben, zugleich auch im gleichen Maaße die For-
derungen
und Bedingungen nicht nur fühlen und wahrnehmen,
sondern eben um Erhaltung und Sicherung der Zufriedenheit, der eigenen
inneren Zufriedenheit willen, diese Bedingungen und Forderungen so-
gleich erfüllen machen; so würde das Kind dadurch in allen und in
jedem Lebensverhältnisse innern Seelenfrieden und somit und dadurch
auch äußeren Lebensfrieden, diesem hohen und köstlichen Ziele der Mensch-
heit entgegen erzogen werden. /
[155]
Wie aber eine solche Erziehung, diese Erziehung möglich, sie aus-
führbar machen? Das Kind lehrt es uns selbst, und es ist im Obigen
angedeutet: - Das Kind ist zufrieden, wenn es besitzt, was es eben
als Mensch und Kind bedarf, und dieß Besitzende der Forderung seines
innersten Wesens entsprechend behandeln und verwenden kann; der Friede
des Kindes wird ihm aber gesichert, wenn es im Besitze desselben,
dessen Bedingungen rc. kennen und sie im gleichen Maaße durch sich
erfüllen lernt. Hierin ist nun das ganze Geheimniß des Kindes
Frieden zu wahren, dem Kinde seinen Frieden zu sichern: es muß vor
allem dem Kinde gestattet seyn, der innersten Forderung seines Wesens,
seines Natur- und Lebenstriebes getreu, welcher sich frühe als Spiel-
trieb
, wie jene im Spieltriebe äußert, thätig seyn zu dürfen.
Thätigkeit ist die erste Grundlage ächter innerer, wie allseitig äußerer
Zufriedenheit für das Kind. In dem Kinde durchdringen sich nemlich
noch innere und äußere Zufriedenheit auf das Innigste; die wahre Be-
achtung dieser Grunderscheinung in dem Leben des Kindes ist der Haupt-
schlüssel zur richtigen Behandlung und Erziehung desselben; dem Kinde
muß es darum möglich und vergönnt seyn, nach dem Grade seiner inneren
Entwickelung auch äußerlich thätig seyn zu können; innere Entwickelung
und äußere Thätigkeit bedingen und fördern sich gegenseitig im Leben
des Kindes; es muß sich also nach Maaßgabe seiner Kraft, allein immer
als Glied des größeren und eines größeren Lebensganzen und unter der
dadurch nothwendig gegebenen Bedingung äußern dürfen um in dieser
Kraft und Lebensäußerung, beide Kraft und Leben immer mehr zu er-
höhen, zu stärken, zu kräftigen, zu entwickeln; alle zufälligen und
willkührlichen, nicht in dem Wesen und nicht in den innern For-
derungen nothwendiger Lebensganzen z.B. des häuslichen und Familien-
lebens nicht liegenden Hemmnisse solcher natürlichen Kraft- und Lebens-
äußerungen des Kindes müssen darum mit größter Sorgfalt entfernt
werden, damit das Kind sich dadurch um so mehr in die Nothwendigkeit
fügen lerne und nicht Willkühr und Nothwendigkeit verwechsele. Es
müssen dem Kinde Gegenstände gereicht und gestattet werden an wel-
chen und durch welche es sein inneres Leben, den Bedingungen desselben
entsprechend, außer sich gestalten kann. Wie es nun dem Kinde erlaubt
und möglich seyn muß im Einklange und Zusammenhange mit dem
großen Lebensganzen, durch angemessene Mittel und genügende Verhält-
nisse sein Inneres kund zu thun, so muß ihm auch gestattet und mög-
lich werden die Dinge um sich, wie nach dem Bedürfnisse seines Innern,
so auch wesentlich nach den Forderungen ihres Wesens zu behandeln,
zu gebrauchen und in der Mannigfaltigkeit ihrer Verhältnisse und Be-
ziehungen beachten zu dürfen, um sie so in ihrem Wesen, Eigenschaften
und Gebrauche kennen zu lernen, wirklich zu untersuchen; demgemäß
müssen auch die Lebensverhältnisse des Kindes forderlich entgegenkommend,
beachtet, entwickelt und gestaltet werden.-
Da nun zuerst sämmtliche, das Kind umgebende Gegenstände, Dinge
Eigenschaften haben und Verhältnisse zeigen, welche allen, das Kind
selbst mit eingeschlossen, gemein, also allgemein sind, so muß dem
Spieltriebe des Kindes, eben um das Allgemeine dieser Eigenschaften
und Verhältnisse kennen zu lernen, gestattet seyn - was es, wie schon
erwähnt, so vielseitig auch schon selbst ausführt - alle diese gemein-
samen
Eigenschaften und Verhältnisse nur an einigen wenigen Ge-
genständen kennen zu lernen, nur an wenigen sich anschaulich machen;
ja es müssen diejenigen Gegenstände - Spielzeuge - an welchen und
durch welche es die Außenwelt kennen lernt, welche eigentlich die Ein-
führungsmittel des Kindes in die gesammte Außenwelt sind, gleichsam
der alles zeigende Spiegel derselben, zugleich auch diejenigen seyn,
an welchen und durch welche das Kind sein eigenes Inneres nach Kraft
und Willen u.s.w. offenbart; damit sie - diese Gegenstände, Spiel- /
[156]
zeuge - dem Kinde so mehrfach vermittelnd zwischen seinem Innern,
dem eigenen Lebens- und Gestaltungstriebe und dem Wesen, den Lebens-
und Gestaltungsäußerungen der Außenwelt erscheinen und ihm diese
wieder vielfach ein Spiegel seines Innern, und sein Inneres ein Spiegel
der Außenwelt zum ächten Verständniß beider werde und das Kind so
zur Erfahrung und Ahnung des Einklanges und der höheren Einheit
beider komme, wodurch eben das Kind zu dem höheren und innern Frie-
den gelangt, welcher demselben durch seine, seinem Lebenstriebe entspre-
chende Thätigkeit und Beschäftigung wird.-
Wenige Gegenstände, das zeigt das Kind, bedarf es dazu, allein
diese Gegenstände mit erschöpfend genügenden Eigenschaften und mit ganz
unbedingtem unbeengten Gebrauch: - sie müssen also zunächst in sich
allseitig abgeschlossen, gleichsam in sich ruhend, erfaß- und behandelbar
vorerst nach dem Willen des Kindes nach der einen Seite hin leicht be-
weglich, nach der andern Seite hin feststellbar; sie müssen zur klaren
vermittelnden Erkenntniß beider verschiedenen Eigenschaften, beide zugleich
in sich einen, also wie auch schon hervorgehoben zugleich Glieder eines
in sich und aus sich gegliederten Ganzen seyn und erscheinen; sie müssen
sich, wie jeder Gegenstand allein, so sie wieder geeint unter sich, in den
verschiedenartigsten durch ihre Form gegebenen Verhältnissen und Erschei-
nungen zeigen; sie müssen sich bald darauf leicht trennen und sich wieder
vereinigen lassen, so in der Vereinigung wieder in den mannichfachsten
Formen und Gestalten verbinden lassen; alles nach dem, sich frei zu ent-
falten und zu gestalten, sich selbst gegenständlich und so verständlich zu
werden strebenden Lebens-, Schaffens- und Beschäftigungstriebe des Kin-
des, wie denn überhaupt alles dieß aus dem Wesen und der Natur des
Kindes und deren Kundwerdung mit Nothwendigkeit hervorgeht, ohne
Beimischung irgend einer Willkür. Daher zeigt sich auch merkwürdiger
Weise schon hier, daß wie durch diesen Bildungs- und Entwickelungsgang
die Forderungen des innern Lebens des Kindes und Menschen so auch
die seines späteren äußeren und bürgerlichen Lebens, die seines Bestehens
und einstigen Berufes, die des socialen und staatlichen Lebens erfüllt
werden. - Alles dieß nun ist das Ergebniß der frühen und entsprechen-
den Pflege und Erziehung des Kindes, durch das Selbstbewußtseyn und
die ihm entsprechende Thätigkeit hindurch für innern, wie für äußeren
Frieden, für Zufriedenheit. Wie ich denn überhaupt in mir die feste
Überzeugung habe, daß alles was die Menschheit, was das Menschen-
geschlecht, was ganz namentlich auch uns und unser Volksleben drückt
einzig und allein in einer mangelhaften frühen Erfassung und Erziehung
des Kindes seinen Grund hat, darum aber auch mit einer richtigen Be-
achtung Pflege und Erziehung des Kindes seinem Wesen, seiner Natur
und seiner Bestimmung, seinem Berufe nach, schwinden wird.
Doch es tritt dabei noch eine andere wichtige Seite entgegen, welche
nicht unbeachtet bleiben darf; wir finden, wie das Kind in seinem ächt
kindlichen Spiel heiter und zufrieden, so in und durch Unschuld be-
glückt und beglückend, denn in seinem, ihm selbst noch unbewußten, nur
dem Lebenstriebe folgenden Thun, ist es noch nicht im Widerspruche mit
den ihm ebenso noch unbewußten, sowohl innern persönlichen, als äußeren
allgemeinen Gesetzen und Forderungen seines Lebens. Wie es nun noch
nicht das Gesetz und die Forderungen kennt, sondern ruhig vertrau-
end
dem Gesetze folgt, wie es unmittelbar noch bald als Trieb, bald
als Ahnen und Sehnen u.s.w. sich ihm kund thut, so kennt also das
Kind auch noch nicht die Übertretung, den Fehl, noch weniger die Sünde.
Wie es nun so wohl für den Einzelnen wie für die ganze Mensch-
heit wichtig ist, dem Kinde so lang als möglich nicht nur seine innere
Zufriedenheit zu sichern, sondern es auch vom Zustande der unbe-
wußten Zufriedenheit, durch das Selbstbewußtseyn hindurch, zu erkannten
und so bleibend gesicherten Lebenszufriedenheit zu führen, so ist es auch,
nicht nur für das Kind und die Kindheit, sondern für das ganze Men-
schengeschlecht hochwichtig, ja fast noch wichtiger, des Kindes Unschuld
so lang als nur immer möglich ihm zu sichern und es womöglich eben-
falls wieder durch das, aber hier mit größter Sorgfalt in ihm zu
weckende Selbstbewußtseyn hindurch, zur bewußten und so gesicherten,
darum bleibenden Unschuld zu erheben. Wie ist dieß aber möglich? -
Man lasse das Kind in dem Zustand seiner Unschuld so fest als möglich
einleben; man suche es darin erstarken zu machen; darum suche man dem
Kinde das Gesetz immer ganz nur in dem Maaße zur Kenntniß zu
bringen, von ihm die Erfüllung desselben nur in so weit zu fordern,
als in dem Kinde auch die Kraft und der Wille schon geweckt ist, oder
durch die Forderung der Gesetzeserfüllung - (ohne jedoch mit dem
Gesetz zugleich die Strafe der Übertretung und Nichtbefolgung hinzuzu-
fügen, indem diese Hinzufügung sehr häufig erst die Schuld herbeiführt)
- sogleich geweckt werden kann um so mit Selbstwahl und Selbstbe-
stimmung, so mit Freiheit der Gesetzesforderung auch nachzuleben, dem
Gesetz gemäß zu handeln. - Also nach Maaßgabe des Bewusst-
werdens
zugleich Wecken des Willens, der Kraft und die Fähig-
keit
der Gesetzesforderung nachzukommen und das - durch alles dieß
unmittelbar erfolgende Befolgen, Thun derselben, - das ist es was
mit im Stande ist des Kindes Unschuld lange zu sichern, ja es selbst
endlich unschuldig und schuldlos in das Leben des Bewußtseyns und der
Prüfung ein- und so durch dasselbe schuldlos hindurch zu führen; d.h.
des Kindes Willen, Thatkraft und Fähigkeiten so zu entwickeln, zu
stärken, daß das Kind und später der herangewachsene Mensch dem Ge-
setz, vor allem dem innern, dem Gesetz des Geistes, des Gemüthes, dem
Gesetz der Lebens- und Gotteinigung, dem reinen Sittengesetz also dem
Gesetz der im Gemüth und Selbstbewußtseyn tiefgegründeten Religion
aus anerkannter und tiefempfundener Eigenwürde auch dann noch Folge
leiste, wenn es nicht nur augenblickliche Überwindung, sondern auch aus-
dauernd, selbst die größten Opfer fordert. Dieß zu erreichen aber muß
die größte Aufgabe der Erziehung, des Erziehers seyn.
Wohl wird nun diese Aufgabe schon im hohen Grade durch die
sorgsamste Pflege der, des Kindes Thätigkeit begleitenden, vom Unbe-
wußtseyn zum Bewußtseyn heraufsteigenden und ihm so gesicherten Zu-
friedenheit
und Unschuld und durch alles was mit ihnen beiden
zugleich gegeben und gefordert wird - gelöst; aber noch ein drittes
tritt mit dem Leben des Kindes frühe mit den Forderungen der sorg-
samsten Pflege, was auch schon erwähnt wurde, - entgegen, um das
Kind dem Ziele und Berufe der Menschheit entgegen zu bilden und den
Erzieher der Lösung seiner Aufgabe entgegen zu führen. Es ist dieß
das früh in dem Kinde sich zeigende, aus dem Kinde entwickelnde und
bald aus demselben hervorbildende Vertrauen; es zeigt sich in dem
Kinde sehr früh in dem Vertrauen zur Mutter, zum Vater, überhaupt
zu seinen Pflegern, bald in dem Vertrauen zu andern Menschen, im
Vertrauen zu sich, im Selbstvertrauen, aus welchem sich bald das höhere
Vertrauen zum Menschen als Menschen überhaupt, wie das Vertrauen
zu Natur und Gott, der höhere Glaube an Gott, an die Menschheit
und an das eigene Selbst entwickelt. Das Wie der Pflege dieses Ver-
trauens in dem Kinde und wie es wieder vom Unbewußtseyn zum Be-
wußtseyn empor geführt werden muß, liegt im bisher Ausgesprochenen
vielfach angedeutet; es sollte auch hier nur in seiner pflegenden Wichtig-
keit hervorgehoben werden. /
[161]
Um nun Zufriedenheit, Unschuld und Vertrauen die drei Genien
der Kindheit dem Kinde und durch sich selbst zu sichern hat sich die
Erziehung außer dem Bisherigen schon Ausgesprochenen, zur Aufgabe
zu stellen, das Kind nicht nur mit gutem Beispiele zu umgeben, gleichsam
mit Erziehungsmagneten; sondern vorzüglich dem Kinde das Fehlerhafte
eindringlich wahrnehmen, fühlen und empfinden zu machen, ohne es selbst
durch den Fehl und die Fehlerhaftigkeit hindurch gehen, es selbst fehler-
haft werden zu lassen; ja das Wesen wie die Folgen des Lasters und
der Sünde empfinden und fühlen zu lassen, ohne daß das Kind erst
selbst durch Laster und Sünde hindurch gehe.
Diese Aufgabe nun, wie schwer sie auch immer zu lösen ist und
bleibend es seyn mag, so muß sie doch des ächten Menschen- und Mensch-
heitserziehers unverrücktes Ziel seyn. Sollte es ihm auch als ein einig
unerreichbares Ziel - den äußern Umständen und der bis jetzt errungenen /
[162]
Menschenkenntniß nach erscheinen, so muß es ihm doch als Menschheits-
erzieher stets ein erreichbares Ziel bleiben. Und es soll erreicht werden
dieses Ziel und es wird durch die Erziehung einst erreicht werden dieses
Ziel; - denn Gott gab dem Menschen unmittelbar in und mit seinem
Erscheinen drei unsichtbare Führer zur Seite, deren zusammenwirkende
sanft leitende Kraft bisher aber wenig erkannt, noch weniger aber gepflegt,
und als ein wesentliches Glied mit in die Erziehung des Kindes und in
den Gebrauch der zu ihr führenden Mittel verwebt wurde: der erste ist
das Siegel der Menschenwürde, welches auch dem hülflosesten, ärmst-
geborenen Kinde aufgedrückt ist, welche die Mutter nöthigt, den Vater dringt,
es als eine Gottesgabe zu empfangen, und dieß überall da, wo
der Mensch nur nicht entmenschet ist; der zweite ist das, in jedem ent-
roheten, dem Zustande der Thierheit entronnenen Menschen, schon als
Kind früh erwachende Gefühl der Eigenwürde, der Selbstachtung,
welches sich in dem, in dem Kinde so früh zu weckenden Gefühle der
Schaam ausspricht; der dritte Führer ist endlich der Geist der Natur,
welchen zu erkennen Gott den Menschen und so auch das Kind mit einer
sich nach ewigen Gesetzen gestaltenden Natur, gleichsam mit einem nach
stillwirkenden, wandellosen Gesetzen sich entwickelnden Garten* (Paradiese)
[Fußnote* Garten, hortus, Hürde, Schafhürde, Schutz, garden]
mit in demselben sich entfaltenden Gewächsen und Bäumen umgab, in
welchen der sinnig beachtende Mensch sein innerstes Leben wie dessen
äußere Erscheinungen zur Selbstbeachtung wie im Spiegel offen vor
sich liegen sieht. Hier nun kann das Kind früh, gleich dem Erwachsenen
Gutes und Böses erkennen, Förderliches und Hemmendes und das Eine
im eigenen Leben anwenden in dem Leben Anderer hervorzufördern su-
chen; das andere im eigenen Leben vermeiden und in Anderen zu unter-
drücken suchen. Darum sei nun das Kind vor Allem - um es, ohne
selbst zu fehlen, doch vielfach zur Erkenntniß des Fehlers und seiner
Folgen hinzuleiten - in den Garten der Natur zu führen, wo selbst
der Fehler als Folge verletzter Lebenseinheit erscheint. Doch dieß nicht
allein, die Anschauungen desselben würden noch öfter für den noch be-
schränkten Bereich seines Blickes zu groß seyn; darum umgebe das Kind
in seiner nächsten Nähe ein - von ihm in der Pflege und in der Ent-
wickelung seiner Gewächse u.s.w. zu beachtenden Garten und in diesem
nenne es ein eigenes Gärtchen sein, sey es auch nur so groß, daß zwei
Manneshände seinen Raum bedecken. - Doch Sie sagen mir sogleich:
das ist schon viel, zu viel, woher so oft einen Garten nehmen? -
Nun, ist es kein Garten im Freyen, so sey es ein Stuben- ein Fenster-
garten, und in diesem habe das Kind wieder sein eigenes Topfgärtchen,
besonders mit etwas schnell wachsendem Gewächse; daß es bemerke, was
ihm förderlich, was ihm nachtheilig, damit es sehe, wie alles werde, wie
sich ein Jedes aus einem kleinsten Keime entwickele, daß das Kind die
Geschichte des Werdens beachte und darin die Geschichte seines eigenen
Wesens und Lebens wiederfinde.
Aus all dem bisher nun schon über das Kinderspiel und die Kinder-
beschäftigung Angedeutete[n] geht aber hervor wie das vorstehend Ausge-
sprochene das Ergebniß des in seinem Wesen erkannten und gepflegten
Kindesspieles, solcher Kindesthätigkeit selbst ist; denn dasselbe führt vom
Triebe durch das Gefühl der Lust und Freude, der Befriedigung und
Zufriedenheit, der dadurch bewahrten Unschuld und des so ge-
pflegten Vertrauens und durch diese nach und nach ins Bewusst-
seyn
erhobenen Ursachen derselben vor allem diesen zur Befolgung und
Anerkennung des Gesetzes durch die und in der unmittelbaren Ausübung,
und so geht die Erfüllung des in dem Wesen der Sache selbst ruhenden
und gegebenen Gesetzes unmittelbar aus dem Leben, der Ausübung
selbst, aus der Liebe, der Lust und Freude am Thun selbst und aus
dem Lichte der Erkenntniß, dem Bewußtseyn hervor; also ganz aus
Selbstbestimmung, Selbstwahl und Freiheit, so daß selbst später und
herangewachsen, die Opfer zur Erfüllung der so bewußt gewordenen
hohen Lebensforderung dem Menschen Freude, die Befolgung derselben
ihm Frieden, das Bewußtseyn der ihm dadurch gesicherten Unschuld
Muth, und das dadurch ersehnte allseitige Vertrauen ihm Ausdauer
bringen. - Dieß ist nun die Frucht einer der Menschennatur und dem
Menschenwesen ganz entsprechenden frühbeginnenden Kinderpflege und
Erziehung; zeigt mindestens den Weg und die Möglichkeit zunächst dieß
Ziel, diese Frucht zu erreichen das Kind, den Menschen stufenweise seiner
Natur entsprechend zum Selbstbewußtseyn, zum einen demselben stets
entsprechenden Handeln, so in und durch bewußte Erfüllung aller Lebens-
pflichten zu allseitiger Lebensfreudigkeit, zu allseitiger Lebens- und Gott-
einigung, also in seinem Innern, in seiner Seele zu einem derselben
entsprechenden Zustande, zur wahren Seeligkeit zu führen.-
Hier haben Sie nun eine kurze Darlegung meiner Erziehungsgrund-
sätze, wie des Ausganges, Zieles und Zweckes, der Mittel und Wege der
daraus mit Nothwendigkeit hervorgehenden Erziehungsweise. Sie werden
zugleich - und das ist das Hochwichtige des Ganzen - darin finden,
daß wie alles Wesen, Seyn und Leben ein ursprünglich Einiges, Steti-
ges ist, so sind auch nicht nur diese Erziehungsgesetze, sondern ganz be-
sonders ist es auch die daraus hervorgehende Kinderpflege, Kinderführungs-
weise und darum selbst wieder die Erziehungsmittel, alles vom unbewuß-
ten Thun, zum dunkeln Gefühle, zum klaren Bewußtseyn, zur freien That
in stetiger, lückenloser Folge führend.
Fragen Sie nun nach dem Orte, wo alles dieß zunächst aber in der
ersten Zeit des Kindeslebens auszuführen sey, so ist derselbe, wie durch
die Natur der Sache bestimmt gegeben, so im Vorstehenden sattsam be-
zeichnet, wenn auch noch nicht klar genannt: - es ist derselbe und kann
nur die Mutterstube, die Kinder- und Familienstube, das Elternhaus,
der väterliche Hof sein; für den Beginn und Ausgang dieser Erziehweise
ist deßhalb wohl weder ein Zweifel noch eine Frage übrig.
Fragen wir dagegen nach dem Fortgange, der Durch- und Ausführung
nicht nur dieser, sondern jeder Kinderführungs- und Erziehungsweise in
des Kindes ersten Lebensjahren, bis zur eigentlichen Schulfähigkeit, so
würden sich nicht nur Zweifel erheben, sondern sich auch die ganz ver-
schiedene Antwort, bei Erwägung aller Gründe dafür und dagegen er-
geben, daß für dieses ganze Alter vom zweiten bis zum sechsten Jahre, nach
den bestehenden häuslichen und bürgerlichen Forderungen und der Viel-
artigkeit der Lebensverhältnisse nur noch in den seltensten Fällen das
väterliche Haus allein genügt und bei der gegenwärtigen Lebenserscheinung
genügen kann. Alles Besondere hier im Einzelnen durchzuführen würde
zu weitläufig seyn, nur ein Zweifaches werde noch hervorgehoben: erstlich
soll der Mensch früh seiner Doppelbestimmung: als Einzelwesen zugleich
als Glied der Menschheit zu leben entgegen zu leben, entgegen erzogen
werden, wie denn auch der Mensch nur bestimmt ist in Gemeinsamkeit
mit anderen Menschen sich vollständig zu entwickeln, was sich auch in des
Kindes Leben als Kindesforderung ausspricht. Zweitens ist die Menschen-
erziehung ein ächtes Kunstwerk, wie auch die Ergebnisse der höhern Gar-
tenkunst ein Kunstwerk sind, wo, geknüpft an das freie Entfalten des
Naturgesetzes die höhere Kunsterscheinung geknüpft ist; wenigstens soll die
Menschenerziehung, wie auch aus dieser ganzen Darstellung sattsam her-
vorgeht, immer mehr ein solches, auf freie Entfaltung gegründetes Kunst-
werk werden; als solches aber geht es durch klares Bewußtseyn, durch
ächte Einsicht und Fertigkeit, besonders mindestens durch vielseitige Kennt-
niß der Kindesnatur hindurch; dieß aber ist noch nicht so allgemein da,
als es die durchgreifende Erziehung überhaupt, vor allem die Volkser-
ziehung es fordert. Dieß alles verlangt nun eine Erziehung des Kindes,
in welcher es ganz in seinem Wesen erkannt in seiner Doppelbestimmung
erfaßt, pflegend und nachgehend seinen eigenen, wie den allgemeinen Ent-
wicklungsgesetzen gemäß behandelt werde, wie das Gewächs im Garten;
eine Erziehung, in welcher die Kinder den zarten Pflanzen und die Er-
zieher den sorgsamen Gärtnern gleichen - also Erziehungsverhältnisse
welche sich demgemäß nicht entsprechender bezeichnen lassen, als mit dem
Ausdruck, mit dem Namen -"Kindergarten". Wie dieß auch von
mir schon auf die verschiedenste Weise ausgesprochen und nachgewiesen
worden ist. /
[163]
Nur in einem Kindergarten ist es möglich den Thätigkeits- und Be-
schäftigungstrieb des Kindes zur Erhaltung von dessen Zufriedenheit,
Unschuld und Vertrauen genügend zu pflegen. Deßhalb ist jedoch keines-
weges nöthig, daß die Kinder jede Stunde des Tages in dem Kinder-
garten zubringen, sondern sie können recht gut alle die Stunden im
elterlichen Hause leben, wo die Eltern wahrhaft sie pflegend und beach-
tend unter ihren erziehenden Händen und Augen haben können; allein,
dieß muß sein, sonst geht in kurzer Zeit durch unbestimmtes Herumtreiben
im elterlichen Hause mehr verloren, als was mehrere Stunden, ja Tage
des Aufenthaltes im Kindergarten hervorbildeten. Wollen aber gern
die Eltern sich ihrer Kinder, deren sinnigen Thätigkeit, deren heiteren
Zufriedenheit, deren glücklichen und beglückenden Unschuld, wie deren
kindlichen Vertrauen erfreuen, so mögen sie dieselben auch zu deren Freude
im Kindergarten besuchen; dadurch würde abermals Vielfaches erreicht
werden: wahre achtende Anerkennung des Kindeslebens und dessen Würde;
Erziehungserfahrungen und Erziehungsmittel der mannigfachsten Art
würden sich da aneignen und so in die Familien einführen lassen; sollen
Geschwister sich nicht entfremden, wie man überhaupt so ganz fälschlicher
Weise glaubt - (denn das Kind geht mit gesteigertem Frohsinn, ich
möchte sagen mit durch kurzes Entbehren geläuterter und erhöhter Sehn-
sucht in sein elterliches Haus zurück und wird auch da mit um so reinerer
Liebe herzlich empfangen, wie alles Leben durch die kurze Trennung ein
erneutes worden ist, so mögen dennoch wie die Eltern, so auch die älte-
ren Geschwister die jüngeren in dem Kindergarten besuchen, und viel
herrlicher Saame ächter Bethätigung mit all seinen sich daraus ent-
wickelnden lieblichen Blüthen und Früchten wird dadurch in die Fami-
lien kommen; ja die Erziehung selbst wird so nach und nach werden
was sie werden soll: ächte Familien-, Gemeinde- und Volkssache, wahre
Angelegenheit der Menschheit. - Wie nun aus dem Geiste und Streben
der Kindergärten nach der einen Seite hin ächter frommer deutscher Sinn
und deutsche Sitte, so nach der andern Seite hin Jugend- und Volks-,
ja Nationalspiele und so Sinn für bildende, wie darstellende Kunst, welche
besonders die griechischen Völkerschaften so classisch und unsterblich machten.
Soll ich Ihnen noch kurz den Geist dieser Kindergärten wie er in
der ganzen Form derselben wie in jeder ihrer Einzelnheiten sich aus-
spricht bezeichnen, so ist es dieser: jedes Kind wird, als zur einstigen
Selbstständigkeit und zu bewußter eigenthümlichen Wirksamkeit in der
Kette der menschlichen Gesellschaft und Verhältnisse berufen, sowohl in
der Eigenthümlichkeit seines Wesens und dem Grade seiner Entwickelung
nach dem Grade seiner Entwickelung, sondern auch gleich als Glied eines grö-
ßeren Lebensganzen, also sowohl nach den Forderungen dieses, als nach
dem theilweise noch in ihm schlummernden Entwicklungsgesetze erfaßt
und behandelt; ebenso wird die ganze Umgebung des Kindes beachtet
und auf dasselbe einwirkend gemacht, einmal: den persönlichen Entwicke-
lungsforderungen genügend, wie den allgemeinen Lebensbedingungen ent-
sprechend. Die Forderungen des besondern, Individuellen und des All-
gemeinen, Allumfassenden treten daher um beide in ihren Wesen zur Auf-
fassung des Kindes zu bringen abwechselnd hervor um das Kind dem
in ihm selbst ruhenden wie von Außen ihm überall entgegentretenden
höherem Lebensgesetze gemäß sich entwickeln und mit steigendem Bewußt-
seyn handeln zu machen. Das Leben des Kindes selbst ist darum,
wie das seiner ganzen Umgebung ein ruhig stetig fortgehendes, ohne
Zerstücktheit und Stückelei; demgemäß sind nun auch alle Spiel-
und Beschäftigungsweisen, alle Spiel- und Beschäftigungsmittel; sie
führen von dem, noch gehemmten, gleichsam noch gefesselten Gebrauch
seiner Glieder und Sinne immer mehr zu den freieren sicheren, sie führen
vom Unbewußtseyn, durch Gefühl und Empfindung zu immer höher stei-
gendem Bewußtwerden, so zur Vermeidung des Fehls mit Bewußtseyn.
Darum knüpft sich stets an das Thun das mit demselben auch steigend
sich erweiternde und fortbildende Wort, und, da in dem Kinde Sprache,
Rhythmus und Melodie noch ein ganz ungebildetes, chaotisches Ganzes ist,
es sich aber auf verschiedene Weise, wie zur Erfüllung der einzelnen,
persönlichen, wie zu der, der allgemeineren Lebensforderungen in den
verschiedenen einzelnen Richtungen schon hervorzubilden strebt, so begleitet
das sinnige Thun des Kindes bald die der innern Entwickelung Raum
gebende Stille, bald das deutende einfach gesprochene, bald das rhythmische
und melodische, das gesungene und Gesangswort, daß der äußere Zusam-
menklang den innern Einklang wecke. Wie die Bethätigungs-, die Spiel-
und Beschäftigungsweisen nun in sich ein stetiges, sich vom Einfachen,
zum Zusammengesetzteren und Gegliederten, sich fortentwickelndes Ganzes
sind, so sind es auch die Kinderbethätigungs- seine Spiel- und Beschäf-
tigungsmittel, wie dieß schon oben in dieser Darlegung ausgesprochen
wurde, und zwar so, und dieß ist wieder das wesentlich zu Beachtende:
daß die äußere Entfaltung zur inneren Erfassung, zur Erfassung des
Innern des Dinges und des eigenen Selbstes führt, daß die äußere Ent-
wickelung eine Erweckung so endlich selbst Belebung rc. des Innern wird.
In gleicher Weise wird nun die ganze Natur und das gesammte Wech-
selleben des Kindes mit derselben, aber auch das ganze menschliche, Be-
rufs-, bürgerliche und gesellige Leben erfaßt und behandelt, so daß das
Kind in dem Fortschritt seiner Ausbildung jedes Ding an seiner rechten
Stelle erkennt, in seiner richtigen Weise, sowohl in seiner Sonderheit
wie in seiner Allgemeinheit, als Glied höherer Lebensganzen beachten,
schätzen und behandeln lernt; so aber selbst hingeführt wird das große
Lebensganze in seiner Gliederung, wie nach und nach äußerlich zu er-
fassen und so in seinem Innern zu ahnen und zuletzt die innig einige,
liebend lebende, sich wissend schaffende Einheit, den Quell alles Lebens
und Guten, Gott, zu empfinden und wahrzunehmen, wie er sich in jedem
Einzelnen und allen Mannigfaltigen, also wie in der Natur, so auch in
seinem eigenen Gesammtleben, in seinem eigenen persönlichen Leben, seinem
eigenen Gemüth und Geiste, in seiner sich selbst bewußt und klar gewor-
denen Seele zuletzt als ächte Seeligkeit kund thut.-
Nur auf diesem und keinem in dem Maaße dem gegenwärtigen
Stande der Menschheitsentwicklung und Verhältnissen entsprechenden Wege
- sagt mir eine 60jährige Erfahrung, - kann erreicht werden, was wir
als Deutsche besonders in Hinsicht auf Volkserziehung, Volks- und na-
mentlich religiöses Leben bedürfen. Je eher wir nun diesen Weg betreten,
je sorgsamer und stetiger wir ihn verfolgen um so sicherer, klarer und
bestimmter, fried- und freudvoller werden wir zum Ziele kommen und
zwar in der Weise, als alle Menschen- und Kinderfreunde aller Völker
und aller Zeiten es ersehnten und zum Theil anbahnten; im Sinne
Luthers und der großen deutschen Denker bis zur neuesten Zeit, im Geiste
des Menschheitserziehers Jesu, also nach dem Gange, welchen uns Gott
durch Natur, Geschichte der Völker und der Einzelnen, durch die Lebens-
erfahrungen und durch das Nachdenken jeden Einzelnen wie durch Offen-
barung gezeigt und bisher in seiner fortgehenden Offenbarung in Natur
- Geschichte - Leben und im eigenen Geiste und Gemüthe jedes ein-
zelnen Menschen das Menschengeschlecht seinem Ziele, die Menschheit ihrem
Berufe und ihrer Bestimmung entgegen erzogen hat.-
Leben Sie wohl, bleiben Sie treu; Treue ist das was wir alle,
besonders als Volk bedürfen.
Fr. Fröbel