Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 8.5.1846 (Keilhau)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 8.5.1846 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 113-116. - In der Edition gesperrte Passagen werden hier unterstrichen wiedergegeben [so wohl im Original], in der Edition in Normalschrift statt Fraktur geschriebene Passagen werden hier kursiv wiedergegeben [im Original wohl Antiqua-Schrift].)

Keilhau, am 8. Mai 1846.


Hochgeehrtester Herr Prediger,
Theuerer Freund!

Schon seit langem wollte ich Ihnen die Endergebnisse meiner jüngsten Reise nach Halle und in der Umgegend mittheilen, doch die ununterbrochen fortschreitenden Lebensentwickelungen wollten es bis jetzt nicht gestatten, und doch halte ich es, bei der innigen und festen Theilnahme, welche Sie dem Gegenstande früher entsprechender Kinderpflege zeigen, für wesentlich, daß Sie immer im lebensvollen Zusammenhange mit der Fortentwickelung bleiben, indem ich besonders in Ihnen, so weit ich den Stand der Entwickelung des Ganzen überschaue, einen der gründlichsten und allseitigsten Prüfer, treuen Träger und umsichtigsten Pfleger der Idee erkenne, obgleich das Endergebniß meiner jüngsten Reise mir zeigt, daß immer mehr wissenschaftlich gebildete Männer der Sache der aufkeimenden Menschheit ihre innige Aufmerksamkeit schenken. Doch, indem ich Ihnen dies schreibe, erinnere ich mich ja, daß ich Ihnen schon von Halle, täuscht mich mein Gedächtniß nicht, die wesentlichsten Mittheilungen über meine Reise gemacht, Ihnen auch einen besonderen Abdruck eines Aufsatzes, welcher über meinen Vortrag am 13. April in der Aula des Waisenhauses - im Halleschen Kourier am 21. April - erschienen ist, mitgetheilt habe. Auch höre ich ja, daß dieser Aufsatz von da, ob theilweise oder ganz, das weiß ich nicht, in die Magdeburger und in die Berliner Zeitungen aufgenommen worden sein soll, wo er Ihnen also auch jedenfalls auf diesem Wege zu Gesicht gekommen sein wird. So wenig nun aber auch diese Art der Verbreitung Werth in sich hat, so geht mir doch daraus hervor, daß endlich die Redaktoren der Zeit- und Tagesblätter zu der Überzeugung gekommen sind: die zweckmäßige Führung und Entfaltung der vorschulfähigen Kinder ist ein Gegenstand allgemeiner Theilnahme; sonst, dünkt mich, werden sie nicht freithätig solche Artikel verbreiten; denn auch die Allgem. Augsb. Zeitung soll den Artikel in sich aufgenommen haben. In Halle hat überhaupt der Gegenstand viel Theilnahme gefunden, sowohl im Kreise wissenschaftlicher Männer, als auch in dem des ausübenden Lebens, und dort wieder bei Männern sonst verschiedener Überzeugungsrichtungen. Besonders hat sich ein in Halle privatisirender, aber schon dort ansässiger junger Doktor Allihn (ein Theolog), dann ein Freund desselben, ein junger Dr. Schulz, irre ich nicht, aus Braunschweig, und ein junger, schon in einem großen Kreise rühmlichst anerkannter, ausübender Arzt, Dr. Barries, sehr für die Sache interessirt.
Dr. Allihn, welcher gewiß einen der schönsten Gärten Halle's außerhalb der Vorstadt besitzt, hat selbst Kinder; schon hatten sie, durch Dr. Schulz, welcher im vergangenen Jahre in Keilhau gewesen war, veranlaßt, die Spiele bei denselben angewandt. Mittwochs, am 22. April, beschäftigte uns bei Dr. A., wo auch Dr. B. und seine Frau war, der Gegenstand von der Theezeit bis gegen 12 Uhr, dennoch konnte nur sehr Abgerissenes mitgetheilt werden. Dr. Allihn hat mir ausgesprochen, daß er den Gegenstand sehr ernstlich bear- /
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beiten wird, und auch eingeladen, bei einer etwaigen Rückkehr nach Halle, in seinem schönen Garten Wohnung zu machen. Sie, die Frau Dr. [Allihn], sagte, sie würde gleich einen Theil Garten zu einem Kindergarten einräumen und selbst dabei thätig sein, wenn in Halle einer zu Stande kommen sollte; leider liegt aber der Garten zu einer allgemeinern Theilnahme zu weit von der Mitte der Stadt.
Unter den mir genannten Männern des ausübenden Lebens ist besonders der Apotheker C. in Halle, welcher sich sehr für unmittelbare Ausführung der Sache unter den Bürgern des Mittelstandes bemühet; er hat die Sache gleich nach dieser Seite hin erfaßt und mit mir besprochen. Da nun auch Fräul. Amalie K. [Krüger] sich bestimmte, sogleich nach Keilhau zu gehen und sich hier für die Kinderpflege auszubilden, so ist es wohl möglich, daß die Sache in Halle festen Fuß gewinnen könnte. Ich gestehe, daß mir diese Universitäts- und in gewisser Hinsicht Erziehungsstadt (durchs Waisenhaus und Pädagogium) höchst wichtig ist.
Daß ich am 21. April einen doppelten Vortrag in Köthen in dem Lokale des dasigen Waisenhauses oder Seminars auf Veranlassung des Seminar-Inspektors Albrecht gehalten, praktische Spiele mit den Kindern und Abends von 8-11 Uhr Vorführung der Beschäftigungsmittel vorgenommen habe, habe ich Ihnen gewiß schon von Halle geschrieben, sowie, daß die Sache solchen Anklang gefunden, daß man wirklich ernstlich den Gedanken der Ausführung faßte, wozu selbst schon äußere Mittel, 1000 Thlr. als durch Beiträge dazu bestimmt, vorhanden waren. Confessionelles nur stellte sich entgegen, was man aber durch die Benennung "Kindergarten" zu heben hofft. Daß der Herr Pastor H. [Hildenhagen] in Q. [Quetz] den Gedanken festhält, in seinem Orte und zunächst in seinem eigenen Bereich einen Kindergarten auszuführen, daß er zu diesem Ende sich ganz mit dem Geiste und den Wirkungen der Spiel- und Beschäftigungsmittel durch Selbststudium der Sachen bekannt zu machen sucht, und zu diesem Zwecke bald eine Kinderführerin aus meiner Schule wünscht, alles dies habe ich Ihnen gewiß schon früher gemeldet.- Vor meinem Weggange aus jener Gegend besuchte ich noch den praktischen Arzt und Kreisphysikus Dr. H. [Heine] in Z. [Zörbig] Auch dieser war fest entschlossen, nach seiner nun bald erfolgenden Verheirathung mit Hilfe seiner jungen Frau einen Kindergarten in Z. [Zörbig] auszuführen. Der Spiel- und Gartenplatz, welchen er dazu bestimmte, war sehr geräumig und nahe bei seiner Wohnung.
Bei Herrn v. V. [Veltheim] zeigten sich auch die äußeren Umstände durch Spiel- und Gartenraum nebst einer jetzt leerstehenden ehemaligen Jägerwohnung der Ausführung eines Kindergartens sehr günstig, so daß er den Gedanken desselben ernstlich festhielt. Ihren Gruß habe ich Herrn v. V. [Veltheim] bestellt; er dankt freundlichst.
Doch die freudigste Hoffnung, welche sich mir an diese Reise knüpfte, und die ich Ihnen gewiß auch schon angedeutet habe, ist die, welche mir durch einen gewissen Herrn G. C., Bankier in Magdeburg, wurde. Diese, wie ich höre, reiche, in Leipzig und Hamburg verzweigte Familie beabsichtigt nämlich, ihrem Großvater zu Ehren (dem sie, wie es scheint, ihr äußeres Glück verdankt), zur Feier des 100jährigen Geburtstages desselben, welcher im künftigen Jahre fällt, eine ewige Stiftung zu gründen, welche in der Pflege mehrerer armen vorschulfähigen Kinder oder vielmehr einer Anstalt dafür bestehen soll. Durch den Herrn Schulrath G. [Grubitz] in Magdeburg nun veranlaßt, will man zu dieser Stiftung die Ausführung eines Kindergartens wählen. Herr C., welcher mich in Halle aufsuchte, bat mich deshalb um Nachweisungen, um mit den /
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übrigen, bei dem Plane betheiligten Mitgliedern die Sache zu besprechen. Sollte dieser Plan in Wahrheit zur Ausführung kommen, so gestehe ich offen, daß mir dies das Angenehmste und Liebste wäre, was mir geschehen könnte, besonders wenn mit dem Bestehen der Anstalt auch die innere Fortbildung angebahnt und gesichert würde.
Zwar glaube ich, daß ich Ihnen dies schon von Halle aus kurz mitgetheilt habe, und so scheint es hier ganz überflüssig zu stehen; doch es soll mir als Grundlage zur Mittheilung neuer Gedanken dienen, zu welchen ich besonders diesen Brief bestimmt habe. Sie sprachen während meiner früheren Anwesenheit in N. [sc.: Annaburg] bei mehreren Veranlassungen den Gedanken aus, daß es gut sei, bei einem nur einigermaßen zusammengesetzten Vorhaben sich einen bestimmten klaren Plan zu machen; wenn dann auch die eintretenden Umstände die Ausführung anders gestalten sollten, so gäbe dies doch dem Handeln Klarheit und Sicherheit. Wie der Erfolg bei der Anwendung dieses Grundsatzes sich schon in dem kleinen Bereiche unserer dortmaligen Verhältnisse bestätigte, so geht dies durch alle Lebensvorsätze bis zu den zusammengesetztesten und erst spät zur Reife kommenden, fruchttragenden Plänen des Lebens.- Alles, was nur zur Förderung, ganz besonders zur Erziehung des Menschengeschlechtes unternommen wird, sollte nicht nur von dem Einzelnen nur nach Ziel und Zweck, sondern vorzüglich von einer Mehrheit sich innig verstehender Menschen und Freunde, wie hinsichtlich des Zieles und Zweckes, so auch in Absicht auf Wege und Mittel mit und nach bestimmtem Plane begonnen und stets, mit Festhaltung dieses Zieles, auch bei sonst wechselnden Umständen und Verhältnissen mit Sicherheit ausgeführt werden. Wenn ich nach diesem Gesichtspunkte und dieser Überzeugung jetzt mein Wirken seit 30 Jahren überschaue, wo würde ich jetzt stehen, wenn ich von Beginn meines Wirkens an, mein Ziel nach einem klaren Plane verfolgt hätte? und wie so leicht wäre dies möglich gewesen!- Wie so oft haben die Umstände und ein höherer Lebenstrieb, ein höherer Naturinstinkt mich richtig leiten wollen, oder eine höhere Ahnung; aber Unklarheit der Lebensgesetze haben mich irre geführt, besonders aber - ich will nicht sagen das Mißverständniß - aber das Nichtverstehen unter Verwandten und Freunden; und hätte auch nur ein Einziger unter allen diesen das Leben mit mir und meinem Lebenszweck und die Forderungen des Lebensplanes stetig, unverrückt und ohne Wanken verfolgt: wo würden wir jetzt stehen! Wenn wir auch in der Ausführung in Beziehung auf das schon Erreichte nicht um ein Haar breit weiter wären, sondern ganz auf demselben Punkte ständen, wo wir jetzt stehen, so würden wir jedoch ganz anders in Beziehung auf Mittel und Wege, ganz anders in Hinsicht auf die Benutzung der jetzt augenblicklichen Verhältnisse und Umstände stehen, wir würden jetzt in der Zeit mit einer Freiheit und einem Fond von Mitteln und Kräften dastehen, daß wir unser Leben froh hinaus und aus uns herausleben und es blühen könnte, wie der lilien- und rosenblühende und duftende Apfelbaum und der fröhlich sein Nest bauende und seine Jungen pflegende Sänger des Waldes.
Nach diesem Plane nun das Ende meiner Jahre einzurichten, das beschäftigt mich schon lang. Schon lang suchte ich einen Freund, der mich ganz verstände, dessen Verhältnisse und inneres Streben, wie aber auch sein äußerer Beruf ihm erlaubte, prüfend die Gedanken meines Lebens in ihrer Entwickelung und in ihrem Wirken in sich stetig zu verfolgen; Gedanken, wie Ideen, Zweck, wie Mittel und Wege an dem reinen Denken, in und durch die Wissenschaft, wie in und an der Erfahrung, wie in und an der Geschichte zu prüfen; /
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zu prüfen in der Geschichte des Menschengeschlechtes und der Menschheit, wie in der Entwickelungsgeschichte der Natur. Dies das Eine, welches ich schon lang ersehne und erstrebe. Das Zweite ist, was ich ersehne: ich suche einen Sohn der Idee, d.i. einen Jüngling, welcher die Idee in ihrer Wahrheit gleichsam in sich selbst wieder gefunden hat, und dem es durch die Gesammtheit seiner Verhältnisse vergönnt ist, der Träger und der Fortbildner, wie der eigentliche Ausführer der Idee zu werden. Genug, da mir Gott keinen Sohn gegeben hat, so suche ich schon längst einen Jüngling, welcher gleichsam Erbe der ganzen Idee und alles dessen wäre, was das Leben schon für die Ausführung und Darlegung der Idee Förderliches gethan hat. Beides nun, glaube ich, hat mir N [sc.: Annaburg] gebracht. Es bedarf zunächst nur die Prüfung der Wahrheit dieser Ahnung.
Es ist wahr, in der jüngsten Zeit haben sich mehrere wissenschaftliche und erfahrene Männer zur Beachtung meiner Lebensgedanken hingewandt. Was aber meiner Einsicht darüber offen vorliegt, so freue ich mich, in Ihnen, theuerer Freund, einen der Wenigen zu finden, welchem die Pflege der Idee, des Gedankens und die Sorge für dessen Verwirklichung gleichsam ein Theil des eigenen Selbstes ist, und dies, dünkt mich, ist das Höchste, was sich ersehnen läßt; darum nun komme ich auch vor allem zu Ihnen, um das, was ich meinen Lebensplan nenne, einen Plan zum Wohle des aufkeimenden Menschengeschlechtes, mit Ihnen zu berathen. Das Eine wäre also gefunden, es fehlte nun der fortführende Sohn. Aber auch dieser scheint durch Ihre Theilnahme gefunden zu sein. Ich meine, um es ohne Umschweife zu sagen, den jungen S. [Seiffert] im Seminar bei H. [Hildenhagen?] Als Sie mir denselben zum Elementarlehrer für Keilhau vorschlugen, war ich schon sehr erfreut, auch seiner Fortbildung halber. Doch wie seit meiner jüngsten Rückkehr von Ihnen, das Ganze entwickelt vor mir liegt, ist jener Wirkungskreis, wie auch der Umfang der Ausbildung, welchen er ihm bietet, für seinen inneren Beruf und seine Bestimmung, wie für das, was das Menschengeschlecht für seine eigene Ausbildung jetzt fordert, zu beschränkt, zu klein. Ich meine daher mit kurzen Worten, daß S. [Seiffert] durch sein Herz, durch seinen Geist, durch seinen Fleiß, durch die Gesammtheit der Verhältnisse von der Vorsehung berufen ist, Träger, Fortbildner und Ausführer der Ihnen so vielfach mitgetheilten Idee entwickelnder, menschenwürdiger Kinderpflege zu werden. Er hat die Wahrheit der Idee in sich selbst gefunden, wie er Ihnen nach meiner Anwesenheit bei H. [Hildenhagen] schrieb. Er ist gleichsam ein Kind und Sohn unserer Freundschaft u.s.w. ­ was liegt nicht alles in diesem einzigen Wort!
Ich habe jetzt nur Zeit, Ihnen den Gedanken zur Prüfung vorzulegen. Die Ausführung desselben muß ich einer späteren Zeit überlassen. Nur andeuten will ich, daß ich meine, von Michaelis an könnte er vielleicht mein Gehülfe werden; vielleicht auch zu Zeiten auf Reisen mich begleiten, oder daß er später einmal ganz die hiesige Bildungsanstalt für Kinderpflegerinnen hier, oder an einen anderen Ort hinverlegt, übernehmen könnte, u.s.w. u.s.w. Seine Stellung als Preuße, seine Bildungslaufbahn, Alles käme ihm dabei zu Hülfe; ja, es fände sich vielleicht noch Gelegenheit, sich für diesen Zweck die nöthige wissenschaftliche, selbst Universitätsbildung zu verschaffen. Dies würde alles der Erfolg zeigen. Für heute leben Sie wohl, ich muß eilend schließen. Jedenfalls gedenke ich Sie, noch im Laufe dieses Sommers in N. [Annaburg] zu sehen. Reisen Sie noch nach Berlin? Berücksichtigen Sie Berlin noch?
Bleiben Sie gewogen Ihrem treusinnigen Freunde
Friedrich Fröbel.