Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Hagen in Heidelberg v.28.6.1846 (Keilhau)


F. an Karl Hagen in Heidelberg v.28.6.1846 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hermann Hagen 1882, Nachdruck Hoffmann 1948, 25-28,
Seitenangaben nach Hoffmann)

Herrn Doktor und Professor Hagen in Heidelberg.

Keilhau bei Rudolstadt, am 28. Juni 1846.


Hochgeehrtester, lieber Herr Professor !

Soeben lese ich Ihre "Fragen der Zeit" vom Jahr 1845 und finde in
denselben viel Vortreffliches; ich wollte, es wäre manches darin Aus-
gesprochene mir nur vor 4 bis 6 Jahren bekannt geworden, und ich
glaube, daß ich dann hinsichtlich der Erreichung des Zieles meiner Be- /
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strebungen auf einem entsprechenderen und genügenderen Punkte stehen
würde, als dies in diesem Augenblicke der Fall ist. Doch hoffe ich, es
soll mir, es gelesen zu haben und ohne Zweifel es wieder zu lesen, auch
für die noch wenigen Jahre, die ich vielleicht nur noch zu leben und zu
wirken habe, von wesentlichem Nutzen sein. Nehmen Sie, lieber Herr
Professor, meinen Dank dafür! Ihnen nun diesen Dank auszusprechen,
war der erste Zweck dieser Zeilen.
Auch in dieser Schrift haben Sie wieder erwähnt, was wir uns per-
sönlich früher schon öfter sagten, daß nämlich unsere Lebensansichten
auf ganz verschiedenen Wegen gewonnen sich häufig verschwistert
begegnen, und auch in der vorliegenden Schrift haben Sie daraus
ein Ergebnis gezogen, welches nur aus dem Innersten meiner Über-
zeugung geschrieben ist und welches, wenn es in seiner Wichtigkeit
beachtet und gepflegt würde, uns zu den schönsten Blüten und Früchten
des Lebens, zu des Lebens reinstem und gegenseitig förderlichstem
Einklang führen würde. Denn es würde die so viel Gutes in der
Entwickelung hemmende, engherzige Selbstsucht und solchen Dünkel
vernichten.
Einen recht sprechenden Beweis dafür haben Sie mir wieder in dem
trefflichen Aufsatze: "Über die historische Entwickelung des Staates"
S. 88 gegeben. Erlauben Sie mir, das dort Gesagte in Beziehung auf die
von mir angestrebten Kindergärten und überhaupt auf die gesamte von
mir verfolgte und verfochtene Kinderpflege und Erziehweise zu paro-
dieren. Denn daß ich durch sie frühe den Menschen dem echten rein-
sten Staatsleben entgegenbilden möchte, diese Überzeugung darf ich ja
bei Ihnen voraussetzen. Also: "Den Zweck eines echten Kindergartens
können wir daher definieren als eine allseitige Unterstützung zu all-
seitiger Entwickelung. Es ist hier, wie wir sehen, das, germanische Prinzip
der Gesamtbürgerschaft schon in dem frühen Kinderleben pflegend und
durchbildend aufgenommen, aber nicht bloß, wie im Mittelalter, in
seiner negativen Seite, sondern auch in seiner positiven, was eben ganz
wesentlich ist und die Kindergärten vor den Bewahranstalten auszeichnet,
wo, wenn auch nicht ganz; doch überwiegend das negative Prinzip vor-
herrscht. Ein Kindergarten ist nicht bloß dazu da, um zu schützen, son-
dern auch um die Möglichkeit einer so allseitigen als auch individuellen
Entwickelung zu gewähren. Hierin allein liegt aber auch schon die /
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Schranke, welche ihm hinsichtlich des Individuums gezogen ist: der
Kindergarten hat nämlich die Entwickelung nicht zu bestimmen, nicht
zu bevormunden, sondern er hat nur die entsprechenden Mittel für
dieselbe herbeizuschaffen. Eine allseitige Entwickelung aller Kinder ist
aber nur möglich durch gleiche Rechte und gleiche Pflichten, durch
das Kindergartentum oder Gartenkindertum. Hierdurch ist für immer
die falsche Richtung des individuellen Prinzips aufgehoben, wie sie
früher (im Mittelalter) sich zeigte, wie sich dies auch selbst in den Ver-
wahranstalten ausspricht, wo jeder nur für sich und nicht für das Ganze
mit Selbst- und Freitätigkeit sorgt. Durch das allgemeine Kindergarten-
tum aber fühlen sich alle Kinder nicht nur als Glieder des Ganzen,
gleichsam des Kinderstaates, des Kindergartens, sondern auch; da sie nur
durch ihn in ihrer Freiheit geschützt werden, demselben verpflichtet,
aufgefordert, zu seinem Gedeihen und seiner Blüte beizutragen. Durch
dies Gefühl der Kinder aber und durch die Betätigung desselben er-
langt das Ganze erst seine wahre Einheit und seine wahre Kraft“.
Bei dieser meiner Überzeugung von dem Wesen und dem Wirken der
Kindergärten, welche ja auch Sie in den "Fragen der Zeit" teilen und die,
wie ich aus den Landtagsverhandlungen, z. B. hinsichtlich der Unabsetz-
barkeit und Unversetzbarkeit der Richter, schließen kann, auch von den
Landständen beachtet werden; bei diesem Zusammentreffen wundert
es mich wirklich, daß dieser Gegenstand frühe beachtender und ent-
sprechender Kinderpflege durch die Ausführung von Kindergärten noch
immer nicht von irgendeinem Volksvertreter auf dem Landtage an-
geregt und auf diesem besprochen worden ist, da man dies doch mehr-
fach mit Ackerbau- und solchen Bauernschulen getan hat. Und wahr-
lich, die Kindergärten, wie auch von Ihnen so ganz erfaßt, sind
nicht minder wichtig, wenigstens von noch allgemeinerer Wichtig-
keit; denn ich möchte, daß kein Kind des betreffenden Alters von
dem Besuche eines Kindergartens ausgeschlossen würde, in welchem
amtlichen oder geschäftlichen Verhältnisse auch immer die Eltern des-
selben stehen.
Halten Sie darum, lieber Herr Professor, den Gegenstand für irgend
eine Zeit der Ausführung immer fest; denn ich muß immer die
gleiche Überzeugung aussprechen, daß Heidelberg zur Herstellung einer
derartigen Musteranstalt; eines Muster-Kindergartens für das Badner- /
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Land und vielleicht auch für angrenzende Länder viel, sehr viel
bietet.
Einen recht wackern, so kurzen als einfachen Aufsatz, welcher mich
gegen eine Beschuldigung oder Meinung Ramsauers in seinem "Buche
für Mütter" in Schutz nimmt, finden Sie im Allgemeinen Anzeiger der
Deutschen Nr.157 vom 13ten dieses Monats. Vielleicht haben Sie
Gelegenheit, denselben auf dem Museum zu lesen und vielleicht irgendwo
und wie zum Besten der Sache weiter zu benutzen.
Eben sehe ich, daß ich den gefälligen Überbringer dieser Zeilen, Herrn
Lohse, Lehrer aus dem sächsischen Voigtlande, noch nicht bei Ihnen ein-
geführt habe. Er lebt für die auch von Ihnen vertretene Idee der Kinder-
pflege und Betätigung und gedenkt nach seiner Rückkehr aus der Schweiz,
wohin er jetzt zur Stärkung seiner Gesundheit zu reisen gesonnen ist, in dem
Orte seines Wirkens, inMilaunahe bei Plauen im sächsischen Voigt-
lande, mit seiner Schwester, welche sich seit Monaten unter meiner Lei-
tung hier dafür ausbildet, einen Kindergarten auszuführen. Da er selbst
von Rudolstadt aus, wo er seit mehreren Wochen zur Herstellung seiner
Gesundheit lebte, mehrfach an meinem jetzigen Bildungskursus Anteil
genommen hat, so ist er vielleicht auch im Stande, Ihnen eine oder die
andere Mitteilung zu machen und Frage zu beantworten, welche Ihnen
lieb ist, weshalb ich mir erlaubte, denselben bei Ihnen einzuführen. Auch
hat er Ihren belehrenden, ausführlichen und der Sache so förderlichen
Aufsatz sowohl in den Jahrbüchern als in den "Fragen der Zeit" ge-
lesen und sich daran sehr erbaut; weshalb ich ihm auch gern die Freude
machen wollte, den Verfasser desselben persönlich kennen zu lernen. Ich
hoffe deshalb Ihre gütige Nachsicht sowie von Ihrer Güte irgend einen
freundlichen Nachweis zur Förderung und Erreichung seines Reise-
zeckes, welcher zugleich ein pädagogischer ist.
Gar sehr freue ich mich, wenn ich durch diese Gelegenheit wieder
einmal etwas von Ihnen höre.
Grüßen Sie alle Ihre Lieben und ganz namentlich Ihre liebe Kinder-
drei recht herzlich von mir. Stets in Liebe und Treue
        Ihr dankbar Ergebener

Friedrich Fröbel.