Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann von Arnswald in Eisenach v. <?> 7.1846 (Keilhau)


F. an Hermann von Arnswald in Eisenach v. <?> 7.1846 (Keilhau)
(BlM XXVII,5,4, undat. Reinschriftfragment 1 B 4° 1 S. - Es handelt sich um den Quartformat-Schlußbogen eines umfangreicheren Briefs; nur eine Seite dieses Bogens ist beschrieben. - Datierung: Mit Sicherheit ist das Brieffragment 1846 verfaßt worden, wahrscheinlich Anfang Juli. Darauf deutet die geplante Reise in die preuß. Provinz Sachsen und die Aufforderung an Kapp „Keilhau binnen hier [jetzt] und Mitte Juli“ zu besuchen. Mit dem anfangs erwähnten [K. Günther] Mey scheint F. zumindest zur Zeit nicht in persönlichem Kontakt zu stehen; der wiederholt erwähnte Herr Kapp scheint F. noch gar nicht persönlich bekannt zu sein.)

Du machst mir die Hoffnung daß mich Herr Dr Mai [sc.: Mey] in diesem Sommer besuchen werde, nur müßte
ich dann wünschen, daß es vor Mitte des Monats Juli geschähe. Gleich nach Mitte des Monats Juli werde
ich meinen jetzigen Bildungscursus schließen und dann, wie sich bis jetzt die Forderungen zeigen, viel[-]
leicht bis Ende August in die prßisch Prov. Sachsen gehen um dort einige Kindergärten aus- und
einige bei mir dafür gef gebildete Vorsteherinnen dort einzuführen. Sollte mich daher d[er] He. Dr nicht bis Mitte
Juli mit seinen [sc.: seinem] Besuch erfreuen können, so müßte ich mir denselben erst im Mon: Septbr erbitten; doch würde
ich dann das Ganze nicht so lebenvoll vorführen können, weil ich nicht weiß ob mir dann noch Hülfe zur Seite steht.
Was Du mir von He. Kapp schreibst hat mir besonders Freude gemacht. Da er, wie Du sagst "sehr gern"
"seine Schulstelle aufgeben will, um sich mit ganzer Kraft diesem Erziehungszweige zu widmen," so glaube
ich mit Bestimmtheit daß ihm dieser Entschluß nie gereuen wird, wie ich bis jetzt auch noch Niemanden kenne
welchem der Entschluß, sich der lebensgesetzigen, entwickelnden Kinderpflege zu widmen gereuet habe; denn
jeder der dieß denkend und mit hingebender Seele thut, gewinnt sich als ein Ganzes und dadurch doppelt
und mehrfach.
Solchen Bildungsanstalten für häuslichen Beruf durch Frauenvereine wie sich einer bei Euch befindet
habe ich schon mehrfach denselben Gedanken den He. Kapp hat: - Mädchen für Kinderpflege durch An-
stalten dafür praktisch zu unterrichten - ausgesprochen; überall war man mit dem Worte sogleich
dafür, allein wo man nicht sogleich selbst persönlich eintreten kann kommt man nicht zum Ziele;
warum?- Weil Kindermädchen in der Regel zu gering geachtet werden und ein Mädchen aus ei[-]
ner solchen Schule oder Anstalt welche Hoffnung hat, Stuben-, Bett-, Haus[-] oder Küchenmädchen
zu werden, sich nie gern versteht Kindermädchen zu werden, weil ihm dieß ein Rückschritt scheint[.]
Hier sind unglaubliche Hemmnisse zu beseitigen sogar unter den Dienenden selbst, welche das Die[-]
nen als Kindermädchen für die Novizzeit der Dienstjahre achten, welche so schnell als möglich hinter
sich gebracht werden muß. Ja die Ansicht der Mütter- und Hausfrauen von einem Kindermädchen
muß eine ganz andere und richtigere werden, soll von hier aus die so nöthige Umwandlung
in das Geschäft der frühesten und ersten Kinderpflege kommen. Die Mütter und Hausfrauen müssen
selbst wirklich erziehende Eigenschaften von ihren Kindermädchen forde[r]n, demgemäß dann aber auch
das Kindermädchen achten und behandeln besonders nicht unter alles übrige Hausgesinde, wie es bis
jetzt geschiehet unterordnen; so lange diese Unterordnung bleibt ist auch nichts Erspriesliches von
Seiten der Kindermädchen für Kinderpflege und Erziehung zu erwarten.
Da muß ich gleich wieder auf meine Kindergärten zurück kommen woran die Töchter aller
Stände und selbst durch ihre Geschwister schon mehr erwachsen A gelegentlich und von Zeit zu Zeit An-
theil nehmen können und sich so in diesen heraufwachsenden Mädchen nach und nach eine gewisse Einsicht
in das Erziehungsgeschäft bildet. Soll es in diesem Punkte bald besser werden, so müssen wir ganz
vor allem unser Augenmerk zuerst auf die Bildung der Töchter und Jungfrauen aus dem achtba[re]n
soliden, auch wohlhabenden Mittelstande - zu einstigen vernünftig erziehenden Müttern und Haus[-]
frauen richten. Ohne diesen Punkt und Forderung zu erfüllen kommen wir gewiß nicht weiter, welcher
Hauslehrer, Erzieher an Privatanstalten, selbst Lehrer an den Schulen macht hier nicht die empfind[-]
lichsten Erfahrung[en]. Um nun also das zu erreichen kenne ich schlechterdings kein anderes in dem
Maaße durchgreifendes und zum Ziele führendes Mittel als die Ausführung von nicht nur
einem, sondern mehreren Kindergärten in jeder mäßig großen Stadt, worinn man das Leben
des Menschen und Kindes sich allseitig klar entfalten sieht und die deßfalls wall waltenden Gesetze
klar erkennen und anschauen kann. Möchtet Ihr hierfür zu wirken durch Eure Großherzogin recht
glücklich seyn.- Könnte mich Herr Kapp einmal besuchen, so würde ich mich gern darüber weiter mittheilen[.]
Grüße auch ihn zunächst herzlich von mir.- Er sollte es möglich machen Keilhau binnen hier u Mitte
Juli zu besuchen u. einige Tage hier bleiben, gereut hat dieß noch Niemand. Herzinnige Grüße von all Dein[en] hies[igen] Freu[n]den
besonders von Deinem Dich treuliebenden FriedrichFröbel. /
[3R/4VR]
[leer]