Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Hagen in Heidelberg v.3.7.1846 (Keilhau)


F. an Karl Hagen in Heidelberg v.3.7.1846 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hermann Hagen 1882, Nachdruck Hoffmann 1948, 29-33, Seitenangaben nach Hoffmann)

Herrn Prof. Dr. Karl Hagen in Heidelberg.

Keilhau bei Rudolstadt,  am 3. Juli 1846. 


Hochgeehrtester, lieber Herr Doktor!

Unmöglich kann ich in mir den Dank zurückdrängen, mit welchem
ich mich gegen Sie nach Lesung Ihrer "Zeitfragen" und namentlich
der Abhandlungen "über die historische Entwickelung der Idee des
Staates" und "über das republikanische und monarchische Element
in Deutschland“ ganz durchdrungen fühle. Zwar habe ich mir erlaubt,
Ihnen diesen .Dank schon in einem Briefe anzudeuten, welchen Ihnen
in den nächsten Tagen einer meiner jungen Freunde, Herr Lehrer
Lohse aus Sachsen, überbringen wird. Doch gründet sich das Dank-
gefühl, welches ich jetzt Ihnen auszusprechen zu Ihnen komme, auf eine
umfassendere und tiefere Wirkung Ihrer "Zeitfragen" auf mich und
meine erziehenden Bestrebungen, indem ich zwar schon längst, wie
auch meine kleinen Anzeigeschriften beweisen, die Überzeugung in mir
trug, daß der echte, zeitgemäße Volks-, ja Menschheitserzieher dem Wesen
des Staates und seinen Forderungen nicht fremd sein dürfe. Nach
Lesung Ihrer so belehrenden Schrift und namentlich der beiden ge-
dachten Abhandlungen erkenne ich tief, daß man gar kein wahrer
und erfolgreicher Volkserzieher, nicht etwa bloß der Jugend, ja selbst
nicht einmal der jüngsten Kinder seines Volkes sein kann, wenn man
nicht nur nicht von dem Wesen des Staates und dessen Forderungen
ganz durchdrungen, sondern auch in die historische Entwickelung der
Idee des Staates ganz eingeweiht ist und sie lebenvoll in sich trägt. Für
diese nun, für den echten, zeitgemäßen Volks-, Kindheit- und Jugend-
erzieher so wichtige Erkenntnis, welche ich in ihrer Klarheit und Einzeln-
heit durch Ihre genannte Schrift Ihnen, lieber Herr Doktor, verdanke,
fühle ich mich Ihnen nun mit ganz besonderem und warmem Herzens-
dank verpflichtet. Es ist zwar, wie ich schon andeutete, wahr, daß ich
meine erziehenden Bestrebungen nicht nur an den allgemeinen, wie an
den besondern menschlichen Forderungen, an den Forderungen des /
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Wesens des Menschen, seinen sozialen, materiellen, intellektuellen und
religiösen Bedürfnissen, sondern auch an der Geschichte und den Ent-
wicklungsgesetzen der Natur prüfte. Allein ich ersehnte sie längst auch
an einer Geschichte der Erziehung bei uns Deutschen, von ihren ersten
Keimen bis zu ihrer gegenwärtigen Gestalt zu prüfen, indem eine echt
fortentwickelnde und endlich zum Ziele führende Volkserziehung nur
auf einem solchen Fundamente ruhen, auf und aus ihm sich nur er-
heben kann. Bisher nun habe ich mich nach einer solchen Geschichte
des deutschen Erziehungswesens, so sehr ich ihr Wesen ahnete und sie
darum ersehnte, vergeblich umgesehen. Ihre, besonders die erstere der
beiden Abhandlungen, zeigt mir nun schon ganz wesentliche Punkte
dieser Geschichte, so daß ich, wenn ich auch noch nicht behaupten will,
ich habe den Schlußstein meines volkstümlichen Erziehungsstrebens ge-
funden, nun doch sagen kann, daß ich weiß, wo ich ihn zu suchen und
zu finden habe. Ich wünschte deshalb wohl, -und ich will mir von
Ihnen die Erlaubnis erbitten, Ihnen diesen Wunsch unbefangen aus-
zusprechen - ich wünschte, daß Sie, lieber Herr Doktor, eine Ge-
schichte des deutschen Gesamterziehungs- und Unterrichtswesens vom
Standpunkte der Entwickelung der Idee des Staates aus schrieben, wenn
auch wenigstens nur eine leichte Skizze dieser Geschichte in großen
Umrissen, wie diese eben angeführte Abhandlung selbst. Es müßte dies,
wie ich ahne, zu merkwürdigen parallelen Ergebnissen führen und dies
ein festes, historisches Fundament zur Sicherung einer echt deutschen
Volks- und Nationalerziehung geben. Ich gestehe Ihnen ganz unumwunden,
lieber Herr Doktor, daß ich die Überzeugung in mir trage, man würde
auf diesem Wege zugleich auf das historisch volkstümliche Fundament
meiner Idee einer allgemeinen Erziehung (siehe meine Anzeigeschriften
"An unser Volk" und "Durchgreifende Erziehung" usw.) kommen.
Ja, es würde sich sogar eine rein historische Grundlage für meine Idee
der deutschen Kindergärten finden. Ich bitte Sie, mit dieser Äußerung
dasjenige zu vergleichen, was ich mir erlaubte, in dem Herrn Lohse
mitgegebenen Briefe auszusprechen. Und erziehen die Kindergärten
nicht das Kind frühe in der Achtung und Pflege des Familienlebens
und führen es so der brüderlichen und schwesterlichen Genossenschaft
entgegen? Wecken sie im Kinde nicht frühe die schaffende und schüt-
zende Tatkraft und Einsicht? Leiten sie das Kind nicht zur klaren Er- /
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kenntnis des innern, notwendigen Wechselverhältnisses zwischen Ein-
heit und Mannigfaltigkeit und so zur Anerkenntnis des Rechtes wie zur
Ausübung der Rechtlichkeit, der Sittig- und Sittlichkeit und so weiter
zum wahren Frieden, zum Frieden im Innern wie mit der Genossen-
schaft, darum auch zur religiösen Verständigung und Einigung? Führen
so die Kindergärten nicht das Kind allseitiger Mündigkeit wie Männlich-
keit entgegen? Darum nennt auch "Der Allgemeine Anzeiger der Deut-
schen im vorigen Jahre irgendwo die Kindergärten "ein echt deut-
sches Institut".
Ich wünschte wohl, das hier Angedeutete schiene Ihnen, hochgeehr-
tester Herr Doktor, wichtig genug, um dem Gegenstande bei einer Fort-
setzung Ihrer "Fragen der Zeit" oder sonst in einem Ihnen entsprechen-
den Organ noch weiter Ihre förderliche und einführende Beachtung
und Bearbeitung zu schenken. Von Ihnen dargestellt und auf solchem
historischen Fundamente ruhend, dünkt mich, müßte der Gegenstand
besonders auch von den Volksvertretern, mindestens den Gemeinde-
vorständen noch mehr und so, wie die Sache es verdient, beachtet werden.
Er verdient gewiß, immer allgemeiner zur Sprache gebracht zu werden.
Wollen Sie mir wohl eine weitere Bemerkung verzeihen? Sie er-
warten die Vermittelung der beiden sich entgegenstehenden staat-
lichen Elemente von den Fürsten. So dachte ich auch einst; sollte sie
aber nicht mit weit größerem Rechte und Erfolge vom Volke aus -
von der Erziehung des Volkes zur Idee der Vermittelung hervorgehen?
Der Charakter, das Bestreben und Geschäft der Kindergärten in Allem,
was darin geschieht, ist eben das der Vermittelung. Vielleicht ist Herr
Lohse imstande, Ihnen auf Ihren Wunsch dafür einige Beweise zu
geben. Dieses durchgreifend und allseitige Vermittelnde eben, was
ich wohl schon in meinen früheren, unmittelbar persönlichen Mit-
teilungen hervorhob, was sich aber in der Anwendung immer erfolg-
reicher herausstellt, welches man auch, wenn man einen anderen Aus-
druck dafür will, das allem echten Menschen-, Familien- und Volks-
bedürfnisse Entgegenführende oder lieber Vorbildende nennen kann,
dieses ist es eben, was den Charakter der Kindergärten, der darin aus-
geübten Kinderführungs-, Spiel- und Beschäftigungsart und somit Er-
ziehungsweise ausmacht. Es kommt dadurch eine so lebensfrische, freudig-
frohe, tatkräftige und gestaltungsreiche, wirklich beglückende Harmonie /
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nicht nur in das Innere des Kindes, sondern in seine gesamten Lebens-
verhältnisse, daß ich es nicht unterlassen kann, Sie, hochgeehrter, lieber
Herr Doktor, zu bitten, ja aufzufordern, dem Gegenstande ja auch
ferner noch Ihre prüfende und in das Leben einführende Aufmerksam-
keit von Ihrem Standpunkte aus zu schenken. Ich möchte sagen: es ist
im Keime die praktisch ausführende, realisierende Seite zu dem, was Sie
als Schriftsteller erstreben; und das ist es ja doch auch, was Sie ersehnen,
daß die Ergebnisse Ihrer Forschungen zu tatsächlichen Früchten fürs
Volk und die Menschheit werden. Es ist meine tiefste Überzeugung, daß
diejenige Lebens- oder vielmehr Weltansicht, welche den Kindergärten
und dem Streben nach ihrer Ausführung zu Grunde liegt, wie sie dem
Lebensganzen, dem Menschheit- und Volksstreben, wie dem richtig ver-
standenen Streben jedes Einzelnen entspricht, so auch ihre Vertreter
auf den Lehrstühlen der Universitäten finden wird. Erfreulich wäre es
darum immer, wenn eine solche Anstalt als Musteranstalt sich auf einer
deutschen Universitätsstadt bilden sollte, wo sich der Erfolg sogleich tat-
sächlich zeigte. Ich bekenne darum offen, daß ich zunächst keine dazu
geeigneter fände als Heidelberg in geistiger Einigung mit Ihrem Wirken
und Ihren Bestrebungen wie mit dem gesamten Badener Streben nach
Ausführung eines echten staatlichen Lebens.
Es tut mir sehr leid, daß ich so weitläufig geworden bin, allein es
drängte mich, mich Ihnen offen und ganz auszusprechen. Nr. 176 des
Allgemeinen Anzeigers der Deutschen vom 2. Juli enthält wieder einen
Aufsatz über die Ergebnisse der praktischen Ausführung der Kinder-
gärten . Auch Herr Lohse kann Ihnen gerade über diesen Punkt ge-
wünschte Mitteilungen machen.
Nun noch eine Bitte: Sie lassen mir durch Herrn von Leonhardi
sagen, daß, wenn die 25 durch Ihre Güte von der Verlagshandlung Ihrer
"Zeitfragen" gegen Vergütung erbetenen besonderen Abdrücke Ihres
Aufsatzes über nationale Erziehung noch nicht bei mir angekommen
wären, ich mich deshalb an die Verlagshandlung selbst wenden möchte.
Da nun Herr Lohse , welchen dieser Brief hoffentlich noch in Heidel-
berg trifft, auf seiner Rückreise aus der Schweiz durch Stuttgart kommen
wird, hätten Sie deshalb wohl die Güte, demselben ein paar Worte an
Ihre Verlagshandlung mit der Bitte mitzugeben, ihm gedachte Exem-
plare, wie gesagt gegen Vergütung von meiner Seite, einzuhändigen? Ich /
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glaube, solche auf diesem Wege am sichersten und schnellsten zu er-
halten. Ist Herr Lohse , wie ich hoffe, noch in Heidelberg, so ersuche
ich Sie, beiliegende Zeilen gütigst bald demselben zukommen zu lassen.
Unzählig oft denke ich in meinen Kinderkreisen auch Ihrer lieben
herzigen Kinder und wünsche mich einmal wieder in deren Nähe; ihnen
meinen Gruß! Stets mit dankbarer Liebe Ihnen ergeben
Friedrich Fröbel.