Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 5.9.1846 (Halle)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 5.9.1846 (Halle)
(Autograph nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 223-225. - In der Edition gesperrte Passagen hier unterstrichen [so wohl im Original], Editionspassagen in Normalschrift statt Fraktur hier kursiv [da im Original wohl Antiqua])

Halle, am 5. September 1846.


Innig hochgeschätzter, theurer Freund!

Ihren Schmerz über den Tod des jungen Herrn v. Ö. theile ich ganz, denn ich habe zwei-, dreimal im Leben dergleichen empfunden; es schmerzt tief, eine junge, hoffnungsvolle, von uns mit Liebe gepflegte Knospe so früh dahin welken zu sehen. Dies aber weist nicht nur hinauf, sondern fordert sogar die Fortdauer alles Geistigen, und so wird, wie überall im großen, einigen Lebensganzen, wie und wodurch etwas genommen wird, dadurch auch wieder gegeben.
Was Sie mir selbst über die bestimmte und bleibende Annahme des Namens "Kindergarten" schreiben, freut mich; denn immer mehr muß ich die Erfahrung machen, daß der Name nicht gleichgültig ist, auch dieser. Das Wort ist die Hülle eines geistig Wirkenden, weil, wo man - auch bei scheinbarem Eingehen in die Sache und selbst Anwendung derselben bei uns - an dem Namen "Bewahranstalt" festhält, da macht auch immer die Ausführung mehr und schwerer zu beseitigende Hindernisse. In Z. ist dies recht deutlich. Dieses gleicht dem zusammenziehenden, erstarrenden Winter und jenes dem entfaltenden, belebenden Frühling; wohl haben beide ihr Gutes, der Frühling aber gewinnt sich doch leichter alle Herzen. In Z. ist also der Kampf noch nicht ausgekämpft, ob zuerst und gleich im Beginne Kindergarten oder Bewahranstalt, doch scheint ersterer zu siegen, wenn, was von den Vertretern des ersten angestrebt wird, sogleich eine von mir gebildete Kindergärtnerin als einstweilige Pflegerin desselben eintritt, wozu ich zwiefach die Hand geboten habe, indem sich dazu die Umstände gerade günstig zu zeigen scheinen.- Für die spätere Führung desselben will sich - was mir ganz besonders lieb ist - die vielseitig, namentlich in Musik und Gesang vorgebildete Tochter des Hrn. D. [Deinhardt] im nächsten Winterkursus dafür bei mir in Keilhaus ausbilden, und ist alles dazu abgesprochen, so daß sie ohne Zweifel mit Fräulein Amalie K. [Krüger] im nächsten Monat in Keilhau eintreffen wird.
In Magdeburg ist Hemmung mit Entwickelung gepaart. Hemmung ist zunächst dadurch bleibend eingetreten, daß der Hr. Schulrath Grubitz so empfindlich krank von der Synode zurückgekehrt ist, daß seine Herstellung die größte Sorgfalt erfordert, daher ich ihn nicht sprechen konnte und nicht weiß, wenn er im Stande sein wird, in der Sache etwas zu thun. Für diese unbestimmte Zwischenzeit nun habe ich den Vorschlag gemacht, daß Fräulein Auguste W. [Windhorn] nach Z. [Zörbig] gehen und einstweilen den Kindergarten ausführen und leiten möchte. Ob es geschehen wird? Dies liegt noch im dunklen Schoße, doch hoffe ich, nur der nächsten Zukunft. /
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Fortentwickelung, und ich hoffe recht kräftige, ist eingetreten durch die neuen Bekanntschaften, die ich in Magdeburg gemacht habe. Die erste, und glaube ich wesentlichste, verdanke ich unserem lieben und so regen Antheil an der Sache nehmenden Diac. Sch., und der unausgesetzten, lebensvollen und förderlichen Mitwirkung des dafür unermüdlichen Herrn Past. H. [Hildenhagen], nämlich die des Oberlehrers Löw. Dieser ist ganz für die Sache gewonnen und wird als ein höchst achtbarer, geistreicher und denkend wissenschaftlicher Mann geschildert. Ich möchte sagen, er hat die Sache ganz zu seiner eigenen gemacht. Er hat ein liebliches Töchterlein von 8 Monaten; die sinnig sorgsame Mutter desselben schenkte der Sache ihre ganze Aufmerksamkeit. Herr Löw selbst sprach die Nothwendigkeit der Herausgabe einer die Sache vertretenden Zeitschrift aus, und wird, wenn solche auszuführen möglich ist, gern thätiger Mitarbeiter werden. Seine Theilnahme spricht sich auch darin aus, daß er frisch, wie das Ganze in ihm lebte, auch seinen Seminaristen davon Mittheilung machte.
Die zweite eingehende Bekanntschaft ist die des Direktors der Handelsschule in Magdeburg, Ledebur. Seit 12 Jahren, sagte er, verfolge er achtend und beachtend meine Bestrebung. Wir waren mehrere Stunden zusammen, und er machte mir bestimmte Hoffnung, uns in Keilhau zu besuchen.
Weiter bitte ich, sprechen Sie Herrn D. Sch. von mir dankend aus, daß ich auch in der Familie des Landrichters T. so liebende, sorgsame Eltern, so liebenswürdige Kinder und so warmes Eingehen in die Sache gefunden habe. Durch die Theilnahme von S. [Seiffert] , H[Hildenhagen], G[.] und auch wohl T. ließe sich auch in Wittenberg an die Ausführung eines Kindergartens denken; ja dieselbe wäre schon längst berathen, wenn das bekannte Fräulein G. sich wahrhaft für diesen Beruf geneigt gefühlt hätte; es mangelt ihr aber der Trieb dazu, und so ist es am besten, sie beginnt gar nichts.- Fräulein K. [Krüger] bringt von hier und aus Wittenberg manches Fräulein in Vorschlag, ob aber daraus etwas hervorgeht, wer kann es wissen?
Doch zur Hauptsache, was auch Sie, warmer Freund, am meisten erfreuen wird. Durch H.'s Bemühen, jede Gelegenheit zu ergreifen, die Sache zu fördern, lernte ich gestern Nachmittag Herrn Reg.-Rath Dr. Trinkler aus Merseburg kennen. Er schenkte dem Gegenstande wohl gegen drei Stunden seine ungetheilte Aufmerksamkeit, und schwerlich würden sich dennoch die Mittheilungen abgebrochen haben, hätte ihn nicht die Theilnahme an einer Kindtaufe abgerufen. Er schied sehr dankbar und sprach ohngefähr aus, daß er mir Beweise seiner Beachtung des Gegenstandes geben würde. Nach meiner Rückkehr aus dem Voigtlande nach Q. [Quetz] will er an einigen auszuführenden Spielen rc. daselbst theilnehmen. H. [Hildenhagen] gab ihm zur Einsicht "Stroß [sc.: Stooß], christliche Kindergärten" und Hagens "Zeitfragen"[.] Sie sehen, wie die Sache den Behörden ungesucht näher kommt und auch den Seminaren. Schön und ohne Zweifel recht wirksam würde es nun sein, wenn Sie Ihren förderlichen Gedanken ausführen und dem Schulrath Schulz in Potsdam einen Aufsatz, einen erfassenden, über die Sache senden können. Eben fällt mir noch ein, Dr. Trinkler kommt, irre ich nicht sehr, zur Prüfung nach X., Sie kommen dort auch hin, da gibt sich Ihnen vielleicht ungesucht die schönste Gelegenheit, ein ernstes, eingreifendes Wort, das sich auf die Erfahrungen in N. [sc.: Annaburg] gestützt, für die Sache zu sprechen. Vielleicht gäbe es dem dortigen Seminar neue Bedeutung, wie tiefere Wurzeln, wenn in Verbindung mit demselben ein Kindergarten eingerichtet würde. Geben Sie die Sache gelegentlich dem Direktor zur Beachtung. Die Radien scheinen immer mehr auf ein Centrum hinzuweisen. Dies zeigt mir, wie sorgsam auch die kleinste Theilnahme und An- /
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knüpfung zu pflegen ist. Man kann auch nicht wissen, wie dies alles für S. [Seiffert] als Preuße einst wichtig werden kann. Genug, alles dies ist auch für ihn äußere Aufforderung, sich der Sache ernstlich und mit Gründlichkeit zu widmen. Auch bei Naumburg hat sich wieder neues Interesse entwickelt. Morgen gehe ich zum Gesangfeste des "Sängerbundes an der Saale", um es dort zu pflegen. Der Frau Kr. [Krüger] meinen dankenden Gruß. Auch sonst etwa Grüße, die man erwartet.
Freundlichen Gruß und erhebende Mittheilung an Anna H. [Hesse] von
Ihrem
Friedrich Fröbel.