Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 23.9.1846 (Adorf)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 23.9.1846 (Adorf)
(Autograph nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 225-226)

Adorf im sächs. Voigtlande, am 23. Sept. 1846.

Mein hochgeschätzter, theurer Freund!

Zwar werden Sie hoffentlich meine kleine Reisedarlegung von Halle aus durch Frl. Anna H.'s [Hesse’s] Freundlichkeit erhalten haben; doch, glaube ich, wird es Ihnen nicht unlieb sein, auch etwas von meiner Reise nach dem sächs. Voigtlande und namentlich nach Adorf zu hören; auch glaube ich, es ist gut, Anna's Theilnahme durch Mittheilungen pflegender Aufnahme des Gegenstandes auch in anderen Gegenden zu erhalten. Deßhalb erlaube ich mir, Ihnen angeschlossen einige Nummern des Adorfer Wochenblatts, welche meine Ankunft hier vorbereiten sollten, zu überschicken, sowie zugleich ein paar Worte einer in voriger Woche erschienenen Nummer des Blattes, welches einige Mittheilungen von dem Eindrucke gibt, welchen mein erster Vortrag über den Gegenstand meines Lebens gemacht hat und welche nächsten Wirkungen daraus hervorgegangen sind. Besonders glaube ich Ihrer warmen Theilnahme dies mitzutheilen schuldig zu sein, da ich weiß, welchen allseitig förderlichen Gebrauch Sie davon machen; und so bin ich überzeugt, daß Sie es gelegentlich gütig sowohl zur Kunde der Frl. Anna H. [Hesse] zu ihrer Erhebung und Stärkung, als auch zur Kunde des die Sache pflegenden Vereins in N. [Annaburg] bringen werden, um auch diesen zur Festhaltung seines Zieles zu einigen und zu kräftigen, denn man gibt doch nicht gern eine Sache auf, wenn solche auch sonst noch von Denkenden und Erfahrenen mehrseitig gepflegt wird. Hier in Adorf scheint nun die Sache wirklich Gegenstand der Mitwirkung des achtbaren Bürgerstandes und des Zusammenwirkens der Geistlichen, Lehrer und Stadträthe werden zu wollen. Auch in mehreren der benachbarten Städtchen und Örter spricht sich solche Theilnahme aus, daß meine bisherigen Vorträge immer schon von Personen aus denselben besucht waren und, wie ich höre, der nächste Vortrag, wenn es anders das Wetter gestattet, von daher noch mehr besucht werden wird. Da ich auch hier mehrfach in Familien, reich an Kindern, geladen wurde, zu welchen sich nach Tisch noch Spielgenossen fanden, auch die Väter selbst spiel- und singlustig waren, so wurde dann gewöhnlich noch ein Stündchen gespielt oder sonst eine kleine Handbeschäftigung zur Freude der Kinder vorgenommen, wovon ich glaube, daß es nicht ohne Fortwirkung bleiben wird. Denken Sie, sogar Abends in Bürgergesellschaften, woran aber Lehrer wie Rathsherren und selbst Geistliche Antheil nehmen - wie denn überhaupt ein sehr geselliges und einträchtiges Zusammenleben in A. [Adorf] ist - sogar hier habe ich die Wirkung von kleinen Handfertigkeiten auf das Gemüth, den Geist und das Gesammtleben der Kinder durch thatsächliche Vorführung derselben, an welchen auch bald mehrere der Männer selbst Antheil nahmen, zu zeigen versucht. Ich glaube, Ihnen dies zu schreiben schuldig zu sein, um /
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Ihnen Mittel an die Hand zu geben, auch anderen durch Erfahrung bestätigte Überzeugung aussprechen zu können, wie die Sache immer mehr in die Familien und so in's Leben eindringt. Als ich vor einigen Tagen die hiesige Schule besuchte, traten in der 2. Klasse drei Mädchen hervor und baten mich, ich möchte ihnen doch mehrere Spielchen zeigen u.s.w.
Genug. Aus dem Ganzen geht nun aber auch die wirklich nothwendige Forderung hervor, die Sache muß nun mehrfach zur öffentlichen Kunde kommen, dort besprochen werden, wie es auch unerläßlich ist, daß der Gegenstand recht bald sein eigenes Organ, seine eigene Zeitschrift erhalte. Allen, welchen ich diesen Gedanken aussprach, stimmten demselben bei, und alle haben mir und somit uns ihre Mitwirkung zugesagt. Wir, theuerer Freund, müssen nun die Sache recht ernst berathen, so daß, wenn es möglich, das Blatt - "der Kindergarten" - oder vielleicht eindringlicher "Der deutsche Kindergarten" mit Neujahr erscheine.
Herr Schulr. Dr. Tr. [Trinkler] , welchen Herr Pastor H. [Hildenhagen] in Merseburg besucht hat, um ihn zu einer Theilnahme an der Vorführung in Q. [Quetz] einzuladen, hat sich höflich und vornehm zurückgezogen und die Prüfung auf ein gelegentliches Hinkommen verschoben. Der zweite Schulrath, welcher die andere Hälfte des Bezirkes zu inspiziren hat, betrachtet die Sache schon als vor dem Forum der Pädagogen ab- und verurtheilt und zweifelt, daß die Sache einen realen Gehalt und einen praktischen Vortheil habe. Nun, so muß man denn noch einige Zeit ruhig fortarbeiten, aber auch eindringlich und klar sprechen, bis auch diese Herren sehend und hörend werden. Ich schreibe Ihnen dies, damit Sie nach Ihrem Ermessen bei Gelegenheit der Seminarprüfung in X. davon Gebrauch machen können. Zugleich geht aber auch die unabweichbare Forderung hervor, daß alle Kraft angewandt werde, daß da, wo der Gegenstand zu irgend einer Anerkennung oder Ausführung gekommen, die Wirkung und der Erfolg nicht zurücksinke. Bitte darum, halten Sie Ihre schützende Hand über N. [Annaburg], suchen Sie Anna H. [Hesse] in ihrem Muth und Gottvertrauen immer mehr zu befestigen, und erlauben es Ihre Geschäfte, so geben Sie gelegentlich in einem angemessenen Organe von diesem Erfolge eine öffentliche Kunde. Ein Haupteinwurf ist: "Die Kinder würden mechanisirt und verlören besonders ihre freie kindliche Selbstthätigkeit"; wie kann aber jemand diesen Einwurf machen, der die Kinder da, wo die Spiele in ihr Leben eingedrungen sind, hat spielen sehen?
Wegen der Abreise unsers S. [Seiffert] schreibe ich Ihnen noch von Halle aus, wenn ich selbst mit Bestimmtheit weiß, wann ich in Keilhau wieder eintreffen werde. Möchte sich S. [Seiffert] zu einer jungen Eiche entwickeln, in deren Schatten und Schutz, somit pflegender Ein- und Mitwirkung die deutsche Kindheit und Kinderwelt zur echten, deutschen Männlichkeit und thatkräftigen, echt gemüthvollen und sinnigen, gotteinigen und somit echt christlichen Deutschheit entwickele. Allen unseren Kinderfreunden meinen Gruß. In Wort und That
Ihr treusinniger

         Friedrich Fröbel.