Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 22.10.1846 (Quetz)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 22.10.1846 (Quetz)
(Autograph nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 226-230. - In der Edition gesperrte Passagen werden hier unterstrichen wiedergegeben [so wohl im Original].)

Quetz bei Halle, am 22. Oktober 1846.


Mein lieber, theurer Freund!

Gewiß glauben Sie mich schon wirkend in meinem lieben, stillen Keilhau, und doch finden Sie mich nach der Ueberschrift noch in dem mir gleichfalls lieben Quetz, oder vielmehr nach demselben von meiner Reise nach dem /
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sächsischen Voigtlande wieder zurückgekehrt, wie ich im Geiste noch immer in dem durch Ihre Güte, durch die Theilnahme lieber Menschen und durch Natur, besonders Baumfülle, mir so sehr lieb gewordenen N. lebe, im Gange des vorrückenden Herbstes in immer steigender Farbenpracht schaue.
Gestern Abend bin ich aus dem lieblichen, für mich ganz idyllischen Voigt- und Muldenlande zurückgekehrt. Wie die Gegend mich wirklich gefesselt hat und ich sie liebgewonnen habe, so scheint hinwiederum auch die Gegend meine kinderpflegende Idee liebgewonnen und jene von dieser für ihre Ausführung festgehalten zu werden.
Wie ich Ihnen schon in meiner letzten Zusendung schrieb und zeigte, daß das Voigtland durch mir unerwartete öffentliche Mittheilungen auf meine Ankunft vorbereitet war, so ist mir dasselbe auch vielleicht mit dem lebhaften Wunsche entgegengekommen, die Idee und Art der früh-pflegenden, entwickelnden, erziehenden Kinderbethätigung seiner Prüfung vorgeführt zu sehen. Dadurch veranlaßt, habe ich in Adorf auf 6 verschiedene Weisen in kleineren und ganz großen Kreisen Mittheilungen und Vorführungen derselben gegeben. Besonders waren in einer der letzteren derselben mehrere Personen aus der Umgegend von mehreren Stunden Entfernung, z.B. aus Plauen, aus Gloschwitz, Ölsnitz u.s.w. Dadurch veranlaßt wurde ich wirklich dringend, mindestens herzlich und freundlich gebeten, in diesen und anderen Orten selbst anschauliche Mittheilungen über die Ausführbarkeit der Idee zu machen, und so habe ich eine Mittheilung in Neukirchen, zwei oder drei in Ölsnitz, drei in Plauen, zwei in Milau, zwei in Reichenbach, zwei in Zwickau und zwei in Glauchau gegeben, und zwar so, daß immer eine und zwar die erste: das Säuglingsleben, also die Koselieder mit dem Ball und den sich aus beiden entwickelnden Bewegungsspielen des Kinderlebens, und dann wieder eine und zwar die zweite: die eigentlichen Spiel- und Beschäftigungsmittel nach Stoff, Art und Weise, Zweck und Ziel enthielten. Jede dieser Vorführungen dauerte immer ein paar Stunden und die der letzteren Art gewöhnlich drei. Da diese Abends waren, so bin ich nach Umständen einigemale erst gegen Mitternacht zu Bett gekommen, und wenn ich vorher meine mehr als sieben Sachen aus und sogleich wieder einpacken mußte, so bin ich oft 6 und mehr Stunden ununterbrochen thätig gewesen. Sie können daraus schließen, ja Sie wissen es ja aus eigener Anschauung bei Ihnen selbst, wie solche Theilnahme meine Kraft und Ausdauer stärkte, daß ich nachher mich kaum erschöpft fühlte; allein ich darf Ihnen auch als innig theilnehmenden Freund und im Gefühle höchster Bescheidenheit aussprechen, daß mir mehrfach Begeisterung und Enthusiasmus für die Sache ausgesprochen wurde, was mir um so bedeutender und wichtiger war, weil die Ausführungen, besonders der ersteren Art, gewöhnlich sehr unvollkommen waren, weil mir bei der Ausführung vertraute Hülfe mangelte und ich fast immer mit Kindern spielen mußte, von welchen ich oft kaum eines vorher gesehen hatte, überdies sich oft mehr als 100 Kinder, ja ganze Schulklassen und Privatanstalten eingefunden hatten, wenn auch größtentheils nur zum Zuschauen. Einigemale hatte ich ganz besonders schöne Localitäten zur Vorführung, z.B. in Adorf und Zwickau, Säle mit Gallerien, wo auch diese von Anwesenden besetzt waren. Ob man gleich dies nur für Äußerlichkeiten halten kann, so dünkt es mich doch, daß es ohne weiteres erklärendes Wort am besten die allgemeine Theilnahme ausspricht. So schön, als wie an Kindern reich, war ganz besonders die Ausführung in Zwickau; als ich nun des andern Tages durch die Stadt ging, so traf ich in allen Straßen freundliche Kindergesichter und oft traten die Kinder selbst grüßend zu mir heran. /
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Ich gestehe es, daß mir dies sehr wohl that; aber so war es auch theilweise in Plauen. Dazu aber kommt, daß diese warme, lebensvolle Theilnahme durch alle Klassen der Theilnehmenden resp. Prüfenden hindurchging. Überall wurde die Sache von den für die Ausführung wesentlichen Personen mit nach Umständen thätigem Eifer ergriffen, und bei den Geistlichen, von den Diaconen und Collaboratoren an bis zu dem Superintendent, von den einfachen Bürgern und Geschäftsleuten bis zu ihren Vertretern und Magistraten, von dem Einzelnen aus dem Volke bis zu seinen Vertretern bei dem Landtage fand die Idee Theilnahme, Wunsch und Streben nach der Ausführung. Viel Freundliches, Liebes und Gutes ist mir darüber mitgetheilt worden, z.B.: "Wir lassen nun und nimmer wieder los, bis auch die Sache bei uns eingeführt wird und ins Leben tritt." Dies waren Ausdrücke nicht der Theilnahme eines Einzelnen und etwa nur von einem Orte, sondern von Mehreren an verschiedenen Orten. So sagte mir namentlich der Herr Schuldirektor Möckel in Zwickau: "Ich gestehe, ich habe viel erwartet, aber ich habe bedeutend mehr gefunden." Von einem jungen Lehrer Plauens wurden mir Äußerungen mitgetheilt, ähnlich denen von S. [Seiffert] nach meiner Mittheilung im Seminar zu X., und ein Lehrer an der Bürgerschule in Plauen wird sogleich von seinen Kindern einen Kreis um sich versammeln, um die Sache unmittelbar im Kleinen zu beginnen; wie auch auf die ganz gleiche Weise ein Lehrer in Reichenbach zu beginnen gedenkt. Ich nenne Ihnen die Namen beider; dieser ist der Oberlehrer W... [Weinhold], jener der Lehrer R.... [Rascher], dieser wird außerdem durch wöchentlich ein- oder zweistündige Beschäftigung die Sache im Waisenhause zu Plauen ein- und ausführen. Dieses Waisenhaus könnte wegen seines herrlichen Gartens, seiner lieblichen Lage, seiner materiellen Mittel wegen das schönste in ganz Deutschland werden. Am anderen Ende dieses ganz entsprechenden Locales soll nun auch eine Bewahranstalt ausgeführt werden; schon war der vorläufige Bau dazu fertig. Auch diese könnte, da der Garten sehr groß ist und den schattigsten Baumwuchs enthält, zum freundlichsten Kindergarten ausgebildet werden. Überdies sprach man mir den bestimmten Entschluß aus, außer diesen alten noch einen besonderen Kindergarten auszuführen, hätte ich nur gleich eine Kindergärtnerin gehabt. R. aber wird für alles dies so ernstlich als unvermeidlich thätig sein, ihm wird von einer anderen Seite her meines Namens Reim, Hr. Göbel, helfend die Hand bieten. Dieser Mann, ein sehr achtbarer und in seinem Geschäft höchst thätiger Bürger Plauens, ist mit seiner Gattin und seinen lieben Kindern so für die Ausführung der Idee begeistert, daß ich wirklich hoffe, aus dem Wortreim wird ein Band für Thateneinigung hervorgehen; dazu kommt, daß alle die Volksvertreter auf dem sächsischen Landtage, welche ich kennen lernte und welchen die Sache vorzuführen ich Gelegenheit hatte, nicht etwa für dieselbe bloß erwärmt, sondern von derselben bei weitem in der Mehrzahl durchglüht sind. Sobald nun die Idee sich immer mehr in ihrer Wahrheit und Einfachheit offenkundig bewähren wird, wird sie dann ganz gewiß durch diese Männer allgemeine Volkssache werden.
Ich theile Ihnen, theurer Freund, dies und das Folgende weiter in der Absicht mit, daß Sie mit Discretion, Ein- und Umsicht dadurch zur Erhebung, Stärkung und Ausdauer, ja sogar für thatsächliche Wirksamkeit in Ihrer Umgebung Gebrauch davon machen können, so bei den Beförderern, resp. Begründern des Kindergartens in N. [Annaburg], persönlich selbst bei Anna H. [Hesse] , damit diese nicht ermüde; ferner bei den Hrn. Pastoren L. und Sch.; aber ganz vor allem zur Pflege und Nahrung Ihres Vertrauens und des unseres S.[Seiffert] Kurz, ganz mit Gewalt mußte ich mich von Sachsen trennen. So führte mich Theil-/
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nahme und ein Geist auch von einem zum anderen Orte; aber Eines steht durch alles dies fest: Arbeiterinnen in den lieblichen Kindergärten bedarf es. Diese in der Zeit so neu geschaffene, als unerläßlich nothwendige Wirksamkeit wird im Dreifachen sich einigen: Sicherung des Bestehens - unbegrenzte Segnung für den Einzelnen der Pfleglinge, wie für das Ganze, dessen Glieder sie sind - sowie Friede des Herzens und Freudigkeit des Lebens für Alle, die sich diesem Berufe widmen.
Nun aber auch, wie persönlich, so auch in meinem Reisebericht zurück nach meinem lieben Quetz. Hier kann ich mich ganz kurz fassen, was das Bisherige alles in Aussicht stellt. Dazu ist hier nun schon ein fester Grundstein gelegt. Hören Sie, mit welch freudiger Nachricht ich gestern Abend bei meiner Rückkehr überrascht wurde: Es ist dem Pastor H. [Hildenhagen] möglich geworden, zur Ausführung eines Kindergartens hier ein ganz entsprechendes Grundeigenthum mit zwei Gebäuden für den Preis von 1000 Thlr. zu kaufen. Quetz wird somit den ersten ganz vollständigen, eigenthümlichen Kindergarten bekommen. Aber auch in der Ferne gehen die Entwickelungen ihren ruhigen Gang. Durch Herrn Middendorffs treusinnige Bemühungen ist nun auch in Lünen in der Grafschaft Mark ein Kindergarten ausgeführt worden. Bei meiner jüngsten Anwesenheit in N. [Annaburg] sprach ich Ihnen schon davon; während meiner Abwesenheit von Keilhau ist nun eine meiner jüngsten Schülerinnen Frl. Marie Chr. [Christ] als Führerin der Anstalt dahin abgegangen. Wollen Sie dies gef. Frl. Anna gütigst mittheilen! Von unserem würdigen Pastor Stroß [sc.: Stooß] im Canton Bern habe ich auch jüngst einen Brief erhalten. Er ist noch unermüdlich durch Wort und That für die Ein- und allgemeine Durchführung der Kindergärten wirksam und wird besonders wieder bei der sich jetzt versammelnden schweizerischen gemeinnützigen Versammlung in St. Gallen dafür thätig sein. Er meint, entweder in St. Gallen oder Bern, an einem der beiden Orte müsse die Sache Boden gewinnen. Einer meiner jüngsten Schüler, Herr Louis L. [Lohse], hatte ihm, während ein paar Tagen Aufenthalt bei ihm, von dem jetzigen Stande der Ausbildung der Sache Kunde gebracht. Nach einem von zwei Zielen strebt er: entweder mich oder einen meiner durchgebildeten Schüler nach der Schweiz rufen zu können, oder selbst nach Deutschland zu kommen. Ich schreibe Ihnen dies, damit Sie, theurer Freund, daraus Ergebnisse für den jungen S. [Seiffert] ziehen können. Ich gestehe, daß ich nach seiner Aus- und Durchbildung viel, sehr viel von seinem oder dann von unserem gemeinsamen Wirken erwarte. Wollen Sie nun ferner mit ihm diese meine Meinung nach den Vorlagen prüfen? Hier oder in Halle werde ich nun wohl, um Alles gehörig zu ordnen, noch 8 Tage bleiben müssen; sobald ich jedoch meine Abreise bestimmt weiß, werde ich Ihnen solche melden, und der junge S. [Seiffert] kann mich dann entweder in Halle treffen oder mir nachreisen. Könnte ich nun aber, wenn es Ihre Zeit erlaubt, binnen der nächsten 8 Tage einige Zeilen über den Stand der Sache in N. [Annaburg] erhalten, so würde es mich ja sehr freuen. Meine Adresse in Halle kennen Sie ja.
Ich wollte Ihnen noch einige Drucksachen aus dem Voigtlande beilegen, sehe aber zu meinem Leidwesen, daß ich das Betreffende in Halle zurückgelassen habe, und so sende ich Ihnen nur den 3. Artikel, die beiden vorhergehenden werden mit meinem Nächsten folgen.
Herzliche Grüße an Alle, die sich in gleichem kinderliebenden Sinne und Streben mit uns geeint fühlen.
Auch vom Herrn Pastor H. [Hildenhagen], in welchem die Sache einen so eingehenden, als ausdauernden Beförderer gefunden hat, die freundlichsten Grüße. Wenn so eine liebend leitende Vaterhand auch die entfernteren Geister und Kräfte /
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zum wahren Ziele der Menschheit einet, so werden Sie die frohen Hoffnungen gegründet finden, mit welchen der Zukunft entgegensteht
Ihr treuer Freund
        Friedrich Fröbel.