Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Stangenberger in Poppenwind v. 21.11.1846 (Keilhau)


F. an Johannes Stangenberger in Poppenwind v. 21.11.1846 (Keilhau)
(BN Anh. 43, Bl LC 1 - LC 5, Abschrift einer Abschrift 2 ½ B 8° 9 S., Handschrift unbekannt. - Der Abschriftabschreiber gibt als Vorlage eine Abschrift im Besitz eines Redakteurs Richard Lorenz, Coburg, an. Bemerkungen des Abschriftabschreibers, die sich mit seiner Vorlage auseinandersetzen, werden, soweit sie als richtig erscheinen, hier u. in allen F.-Briefen an Stangenberger aus BN Anh. 43 analog zu eigenen Bemerkungen wie folgt aufgegriffen: Hinweise auf Auslassungen als "< ? >", Hinweise auf vermutliche Lesefehler als "[sc.: ...]".)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Herrn Johannes Stangenberg[er], Lehrer in Poppenwind
b. Hildburghausen

Keilhau bei Rudolstadt am 21. Novbr. 1846


Geehrtester Herr.

Ihre an mich gerichteten anfragenden Zeilen vom 12.ten dieses M. habe ich in diesem Augenblick erst über Eisfeld und versiegelt mit dem Siegel der Eisfelder Ephorie erhalten; darinn werden Sie darum die Ursache finden, wenn meine Antwort auf dieselben später bei Ihnen eintreffen sollte, als Sie vielleicht erwartet haben.
Hinsichtlich Ihrer vertrauenden Anfrage nun freue ich mich Ihnen sagen zu können, dass mir nun zwar Ihre Überkunft /
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und Ihre [sc.: Ihr] beachtender Aufenthalt hier immer gleich lieb seyn wird, wenn ich jedoch nach den vor mir liegenden Umständen eine genauere Zeit bestimmen sollte, so glaube ich dass es jetzt die beste Zeit dazu seyn würde.
Vor ohngefähr 14 Tagen habe ich meinen jetzigen Cursus begonnen, welcher bis nach Ostern dauern wird.
Über die Zeit nach Beendigung des jetzigen Cursus kann ich jetzt noch gar nicht bestimmen. Einige Tage vor Weihnachten werden die Festtagsferien beginnen, welche bis den 2ten Tag nach Neujahr dauern werden. Ob ich nun aber persönlich in dieser Zeit /
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hier seyn werde, weiss ich noch nicht.
Sie haben also die Wahl entweder vor der Weihnachtszeit oder erst nach Neujahr auf einige Zeit hierher zu kommen. Die Art und Zeit meiner Beschäftigung ist in beiden Jahrestheilen ziemlich sich gleich, d.h. ich bin fast ununterbrochen von Morgens 9 Uhr bis Abends 7 Uhr mit den jungen Leuten (deren jetzt [*Zahl ausgelassen*] sind) beschäftigt, welche sich der frühen Kinderpflege widmen, also mit Abhaltung meines Cursus. Die Theilnahme an mehreren diesen [sc.: dieser] Stunden wird Sie nun schon so ziemlich übersichtlich in die Sache ein- /
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führen, so wie ich während der Stunden selbst Sie, so weit es möglich ist berücksichtigen werde. Einige, in den angebotenen Stunden liegenden [sc.: liegende] Zwischenzeit müssten wir dann für Sie noch besonders benutzen.
Um nun auch einen Blick in das Ausführende der Sache zu bekommen, so wäre es gut, wenn Sie entweder eines Freitags Abends oder Sonnabends früh vor 9 Uhr hier einträfen, alsdann könnten Sie mit uns um 9 Uhr nach unserm 15 Minuten von hier entfernten Pfarrdorfe Eichfeld gehen, wo ich in der dortigen Dorfschule mich eine Stunde spielend mit den Kindern beschäftige. /
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Von 11 Uhr könnten Sie dann noch an den [sc.: dem] Unterricht bis Abends Theil nehmen.
Der Sonntag bleibe uns beiden zu besonderen Mittheilungen, für Montags könnten Sie Sie dann von 10-11 Uhr an den Bewegungsspielen der kleineren Kinder für [sc.: hier] Theil nehmen; und später den meinigen weiteren Unterricht theilen wie es Ihnen gefällig ist; nach Maassgabe der Zeit, welche Sie Ihrem hiesigen Aufenthalt widmen wollen und können.
Was ich vom Sonnabend sagte gilt auch vom Mittwoch und was ich vom Montag aussprach gilt auch vom Donnerstag. So könnten Sie aber auch /
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Ihre Zeit so einrichten, dass Sie Dienstags Abends oder Mittwochs früh vor 9 Uhr hier wären um an diesen Tagen an den Spielen in Eichfeld und Donnerstags (oder Tags darauf) an den Spielen hier hier Antheil [zu] nehmen. Freilich hätten wir dann keinen Sonntag zu freien Verkehr für uns, wenn Sie dann nicht bis zum nächsten Montag hier bleiben könnten und wollten. Wollen Sie mit der Post reisen, so kommen Sie so ziemlich immer am Mittag nach Rudolstadt, wo Sie dann zu Fuss hierher in einer Stunde auf der Hauptstrasse gelangen können.
Hier müssen Sie freilich mit einem Quartier in einer Dorfschenke vorlieb nehmen, weil /
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unsere Knabenerziehungsanstalt so überfüllt ist, dass nicht immer alle Personen zugleich bei Tische Platz haben, doch haben schon mehrere achtbare Männer da gewohnt und um einer guten Sache willen, erträgt sich so etwas schon.
Wenn Sie diesen Brief anstatt Blankenburg - Keilhau überschrieben finden, so liegen beide Orte nahe bei einander und ich habe mich wieder hierher an den Ort meine[r] Knabenerziehungsanstalt und meines Eigenthums übersiedelt. Die Sache ist ganz gleich. Ich suche hier nach und nach ein[en] Kindergarten, wie ich meine Anstalten aus Gründen nenne, auszuführen, wie ich diess in /
[LC 4b]
Blankenburg that.- Über alles andere, so wie auch über Ihren Wunsch hinsichtlich einer Rede bei Gelegenheit der Eröffnung eines "Kindergartens" mündlich.-
Wäre es nicht möglich, dass in Ihrem Dorfe oder in irgend einem anderen Ihnen benachbarten Orten [sc.: Orte] ein[e] Kinderpflegeanstalt, vielleicht gar in meiner entwickelnd erziehenden Weise; denn das ist das Wesen eines "Kindergartens" ausgeführt werden könnte, und dass sich irgend wo in Ihrer Nähe ein junges 18-24jähriges Mädchen, oder bei noch jugendlichen [sc.: jugendlichem] Sinn auch einige Jahre älter, welche [bei] inneren Berufe oder bei Fähigkeiten, besonders Gesangsfähig- /
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keit und Sittenreinheit und einfach frommen [sc.: frommem] Gemüthe und Liebe und Geschick zur Beschäftigung und zum Spiel mit Kindern habe und sich vielleicht zur Führerin eines Kindergartens Ihrer Gegend hier ausbilden könnte. Bei Zufriedenheit mit bäuerlichen Verhältnissen mit Wohnung und Kost würde der Aufenthalt wöchentlich Unterricht eingeschlossen 2½ < ? > [sc.: rth prCt ?] betragen. Ein Cursus dauert 26-28 Wochen.-
Mit Achtung und freundlichen Gruss
Ihr Ergebener
Friedrich Fröbel