Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann von Arnswald in Eisenach v. 19.1.1847 (Keilhau)


F. an Hermann von Arnswald in Eisenach v. 19.1.1847 (Keilhau)
(BN 364, Bl 4, undatierter Entwurf 1 Bl 8° 2 S., Datierung aufgrund des Brieforiginals; KN 57, 2, fotografiertes Brieforiginal 1 B 4° 3½ S., dessen Standort unbekannt ist.)

a) Entwurf

Lieber Arnswald.

Dein lieber Brief an Middendorff hat mich
recht angenehm überrascht; indem ich nemlich
von der Mitte des Sommers bis zum Spätherbste
zur immer größeren Verallgemeinerung früherer ent-
sprechender Kinderbeachtung darin mit mir gleichden[-]
ke Freunde ich darf sagen gleichsam dafür mitwir[-]
kende Mitwir Mitarbeiter besuchte, so [{]blieb / wurde[}] mir
die Nachricht von Deiner beglückende[n] Heimführung Deiner lieben Braut
als liebende u geliebte Gattin ganz nicht unbekannt um so
[{]höher / mehr[}] aber [{]war die meine Freude bei der mir / erfreute mich die[}] ganz unerwartete
Nachricht von Deinem u Eurem ehelichen Glücke; wenn nun
aber auch der Ausdruck meiner so treuen als
innigen Theilnahme an demselben Monate nach
dessen Beginne Dir zur jünger
ist als der aller Deiner
Freunde welche weil sie davon früher Kunde hatten, so hoffe
ich Ihr werdet in demselben doch die ungeschwächte
innige u treue Liebe finden,
welche treu doch stets in meinem Herze[n] ruht und die nun auch so erblüht
in Dir für Dein Weib
wie sich auch in Deinem
l. Briefe an Middendorff auch die Beweise Deiner
mir unverkümmerten treu bewahrte[n] kindl Sohnesliebe
so schön ausspricht aussprechen, welche sich in diesem Maaße
in dieser Kraft u in dieser Reinheit so selten findet
denn was kann es Höheres u Schöneres geben, als
wenn der Sohn die Gesinnungen die ihn als solchen beglücken, die Lebens
ansichten
des Vaters welche ihn als solchen befrieden auch einst wieder
auf seinen Sohn überzutragen schon jetzt da
überzutragen gedenket, als das eigene Vaterglück selbst
noch in der Morgendämmerung des Lebens liegt. Von
solchen Gesinnung[en] nun theurer Arnswald wie Du sie in Dei[ne]m
Briefe auch gegen mich aussprichst, daran hängt
aber auch die seegensreiche Fortbildung u Fortent[-]
wickelung des Menschengeschlechtes, deßhalb müssen
S sie aber auch auf das treueste gepflegt, deßhalb
müssen Sie aber, - damit sie nicht mit in das Gewirre
u den Kampf des Lebens,- d[urc]h den wir alle als zu
wahrer und selbstgegebener u selbst[{]geschaffener / erworbener[}] Freyheit
uns zu erhe bestimmte Wesen hind[urc]h müssen - untergehen -
und auch selbst durch Worte zur [sc.: zum] klar[en] Bewußtseyn gebracht
werden. Nicht nur für die allgemeinere Hervorrufung solcher
Gesinnungen sondern für die Dauer u lebensvolle
Wirksamkeit dafür muß jetzt wie früher in für den Kampfe
fürs Vaterland Leib u Leben eingesetzt werden,
denn nur dieß kann uns und unsere Kinder ja
unser g[an]zes Volk und Vaterland, warum sollen wir es uns nicht
als Männer mit den klaren u wahren Worten aussprechen /
[4R]
vor dem ihm drohenden Untergange gerettet werden. Du suchst auf
dem Dir auf u in Deinem Lebensberufe sich offen <kündenden auf dem Dir> entgegen
kommenden Wege u d[urc]h die Dir in demselben gegeben[en]
Mittel den Jüngling zu einem Manne mit solchen Ges[innungen] herauf
zu bilden und ich suche frühe in dem Kinde den
Keim zu solchen Gesin[nungen] zu wecken und zu pflegen um durch eine
richtig erkannte u richtig angewandte Kindheit
u Jugend sich zu einer selbst[-] und freithä[ti]gen bewußten
Wirksamkeit im Lebensalter der Kraft herauf zu
bilden. Nimm darum als treueliebender und achtender
Sohn in dem Beikommenden die Darlegung <güti[g]> ich solche
<auch> zu begründen u später zu <erreichen> <entwickeln[den]> Gedanke[n] gütig auf prüfe Sie [sc.: sie]
in Beziehung auf einstige Ent Anwendung wenn die
Hoffnung die Dir jetzt in der Morgendämmer[un]g des Lebens
aufgehe zur Wirklichkeit werde.
prüfe Sie ernst auf Dein l. Sohn u d Tochter Kind [{]den / welches [}]
Du mir als Enkel zeigen <fassen> denkst [.]
Möge sich Dir die d[eutsche] Mutter u der deutsche Vater wie ich <schon> in der Seele
trug als auch die Titelku[p]fer dieser in Dir <vereinen>
dieß der höchst[e] Wunsch den ich Dir geben kann
möchtest Du u Deine Familie Erben von
mein[em] Wollen Denken u Handeln [sein.]
K

b) Brieforiginal

[1]
Keilhau bei Rudolstadt am 19en Januar 1847.


Mein lieber, theurer Arnswald.

Der Inhalt Deines jüngsten Briefes an unsern Middendorff
hat mich recht angenehm überrascht: da ich nemlich von der
Mitte des verflossenen Sommers bis zum Spätherbste v. J.
zu größerer Verallgemeinerung früher entsprechender Kin[-]
derbeachtung und besonders Bethätigung mit mir darin gleich
denke[nde] Freunde, ja in gewisser Beziehung sogar Mitarbeiter dafür
an der Saale und Elster besuchte, so wurde mir Deine, gerad
in diese Zeit fallende beglückende Heimführung Deiner lieben
Braut als geliebte und liebende Gattin gar nicht bekannt,
um so höher war nun aber auch meine Freude bei der mir
ganz unerwarteten Nachricht von Deinem, von Eurem eheli[-]
chen Glücke; wenn nun aber auch der Ausdruck meiner Theil[-]
nahme an denselben [sc.: demselben] Monate jünger ist als der Deiner übri[-]
gen Freunde, weil günstige Umstände Ihnen davon frühere
Kunde gebracht hatten, so hoffe ich Ihr werdet in demselben
doch die ungeschwächte innige und treue Liebe finden, welche
stets für Dich in meinem Herzen lebt und die nun auch
durch Dich für Dein theures Weib in demselben hervorblüht;
wie auch in Deinem lieben Briefe an Middendorffen
sich die Beweise Deiner mir unverkümmert treu bewahr-
ten kindlichen Sohnes-Liebe so schön aussprechen, welche sich
in diesem Maaße und in dieser Kraft, in dieser Reinheit u.
Ausdauer so selten findet; denn was kann es Höheres und
Schöneres geben, als wenn der Sohn die Gesinnungen welche
ihn eben als solchen beglücken, einst auch wieder auf seinen
Sohn überzutragen schon da gedenket, als das eigene Va-
terglück selbst noch in dem Morgenrothe des Lebens liegt
?- Von solchen Gesinnungen aber und deren Grunde und Quelle
wie Du sie mein geliebter, theurer Arnswald in dem gedach- /
[1R]
ten Briefe auch gegen mich aussprichst, und wie sie sich nach
einer anderen Seite hin und auf andere Weise wieder in
Deinen Wehrmanns Bestrebungen kund thun; davon
hängt aber auch die seegensreiche Fortentwickelung und
Fortbildung wie des Menschengeschlechtes, so der einzelnen
Völker, also auch des unseren ab. Die Zahl derer welche
hiervon in sich überzeugt ist, ist freilich sehr gering und noch
überdieß vereinzelt und zerstreut, umso mehr aber müs-
sen diese Gesinnungen wo sie sich finden auf das Allerteu-
erste und Sorgsamste gepflegt [werden]; deßhalb müssen sie aber auch -
damit sie nicht in dem Gewirre und Kampfe des Lebens,
durch den wir alle, als zu wahrer, selbsterworbener Freiheit
bestimmte Wesen hindurchgehen müssen, untergehen -
und durch klare Wort[e] zum klaren Bewußtseyn gebracht werden.
Nicht nur für die allgemeinere Hervorrufung solcher
Gesinnung, sondern für die Dauer und die lebenvolle Wirk-
samkeit derselben, dafür muß, wie in dem Kampfe
fürs Vaterland Leib und Leben eingesetzt werden, da-
mit endlich die Vereinzelung aufhöre; denn nur dieß
kann uns und unsere Kinder, ja unser ganzes Volk und
Vaterland - warum sollen wir es uns als Männer
nicht mit klarem wahren Worte aussprechen? - vor
dem drohenden Untergange retten.-
Du lieber Arnswald suchst auf dem Dir in Deinem Lebens-
berufe entgegenkommenden Wege in dem sich Dir öffnenden
Kreise und durch die in demselben Dir zu Gebote stehenden
Mittel den Jüngling zum Manne mit solch einigenden u.
treuen Gesinnungen herauf zu bilden; und ich - ich suche frühe
in dem Kinde den Keim zu solchen Gesinnungen zu wecken
und zu pflegen, um durch eine richtig erkannte, recht an-
gewandte und ächt durchlebte Kindheit und Jugend sich zu
einer selbst- und freithätigen, bewußten Wirksamkeit im /
[2]
Lebensalter der Kraft hervor zu bilden.
Nimm darum als treuer Sohn das Beikommende,
wenn auch als späte, doch nicht minder wohlgemeinte
Hochzeit- und Brautgabe gütig auf; es enthält die, an
die Ausübung geknüpfte Darlegung wie ich die des deut-
schen Kindes und der deutschen Jugend würdige Gesin-
nungs- und Handlungsweise frühe in dem Kinde zu
wecken, zu begründen und später im allseitigen Lebensein-
klange fortzuentwickeln und so den Menschen zum Selbst-
erzieher heranzubilden gedenke. Prüfe mit Deiner,
von der Darlebung des Reinsten und höchsten [sc.: Höchsten] im einfachen
Familienkreise durchdrungenen Gattin das Gegebene
in Beziehung auf einstige Anwendung, d wenn die
Hoffnungen die Dir jetzt in der Morgendämmerung
Deines Lebens aufgehen zur Wirksamkeit werden.
Ich darf Dir sagen, daß schon der Seegen mancher dadurch
beglückten Mutter und die Freude manches durch die
Anwendung beglückten Kindes auf diesem Buche ruht
welches durch seine Stirnsprüche und Erklärungen zugleich
ein praktisches Erziehungs[-] und so ächtes Familien-
buch zu seyn wünscht.
Möge die deutsche Mutter und der deutsche Vater
wie ich beide beim Schaffen des Büchleins in meiner
Seele trug, und wie sie sich vor meinem Geiste
bewegten und wie darum auch der Inhalt desselben
ein Gemeingut beider ist - mögen sie beide sich in
Euch, in Dir und in Deiner Gattin verwirklichen
und möget Ihr, Du und Deine einstige ganze Familie
Erben meines Denkens, meines Wollens und mei[-]
nes Handelns soweit als es sich als wahr und seegens[-]
reich bewährt, werden. Dieß ist der höchste und beste
Wunsch welchen ich Euch als Hochzeit- und Lebensgabe, reichen kann.
Dein und Euer FriedrichFröbel. /

[2R]
Wenn Du so gütig bist uns weiter zu schreiben, so sey doch
zugleich so freundlich uns die Nrn zu melden worin im Allg[.]
Anz. Deine früheren Aufsätze stehen, weil Dein jüngster
kein Zeichen hat woran wir die früheren erkennen könnten.
Alle wir grüßen Dich und Deine Frau.

DO. [sc.: Der Obige]