Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 23.1.1847 (Keilhau)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 23.1.1847 (Keilhau)
(BlM XIV,59, Bl 201-202, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. - tw. ed. Pösche 1887, 117-119; zit. Prüfer 1909, 60; zit. Prüfer 1920, 94; tw. ed. Lück 1929, 141-144)

Keilhau bei Rudolstadt am 23 Januar 1847
Kennte ich, liebe, hochgeschätzte Muhme Ihre große
Güte und Nachsicht nicht, deren Wirksamkeit besonders
auch ich so vielfach erfahren habe, so müßte ich glauben,
daß Sie mir gewiß zürnen würden, daß ich 3 Wochen
verfließen lassen konnte ehe ich Ihrer mir so vielfach
bewiesenen Theilnahme nicht nur aussprach, wie ich
glücklich im kleinen Keilhau wieder angekommen und
alles gesund getroffen habe, sondern ganz vor allem
mich noch nicht erkundigt habe wie es mit dem Fort-
schritt Ihrer theuern Gesundheit geht und die warmen
und aufrichtigen Seegenswünsche für das steigende Wachs-
thum derselben, mit welchen ich Gera verließ wirk-
lich zur Freude Ihrer engeren und weiteren Freunde
und ganz besonders der lieben Ihrigen in Erfüllung
gegangen ist. Möge es der Fall seyn und möge ich
recht bald durch einige, wenn auch nur wenige Zeilen
des sehr geschätzten lieben Vetters die Bestätigung dieser
schönen Hoffnung erfahren.
Nach meiner Rückkehr fand ich hier Briefe vor, welche
seitdem meine Arbeit noch vermehrt haben; es wurde
wegen des Eintrittes von zwei Schülerinnen angefragt,
welcher nun auch wirklich erfolgt ist. Zu den schon
gegenwärtigen drei Schülerinnen nemlich der Frl. Aug:
Michaelis
aus Gotha, Frl. Amalie Krüger aus Halle
(Frl. Auguste Steiner aus Oberweißbach) und der Tochter
eines benachbarten Bauern Jfr: Friederike Breternitz
ist nemlich noch eingetreten: Frl. Aug. Steiner aus Oberweißbach
und Frau Gerber eine junge Schullehrers Wittwe aus dem
Hildburghausischen, so daß also mit dem schon früher einge[-]
tretenen jungen Lehrer [Seiffert] aus Annaburg jetzt es sechs sind
welche in sich den Beruf fühlen sich unter meiner Leitung
zu Kindergärtnern d.i[.] für entwickelnde Kinderbe- /
[201R]
thätigung auszubilden. Wie es nun da viele Mühe und Ar[-]
beit besonders auch dadurch giebt um die neu Eingetrete-
nen den anderen nachzubringen, was doch eigentlich nicht
nicht [2x] möglich ob ich gleich von Morgens 9 bis Abends 7 
Uhr (2 Stunden zum Mittag und 1 Stunde zum 4 Uhrbrot
abgerechnet) ununterbrochen leitend, lehrend und beschäf[-]
tigend persönlich in Anspruch genommen bin, so macht mir
doch auch das frische, gesunde und lebenvoll sich zu Blüthen
und Früchten entwickelnde Regen und Bewegen wieder
große, große Freunde [sc.: Freude] könnten Sie meine kinderliebende
Muhme nur einmal wieder längere Zeit an unserer
die Entwickelung des Kindes betrachtende Stunde von 9-10
Uhr Morgens Antheil nehmen; wie viel würden wir
durch den Gang unserer Betrachtung sich ganz an das er-
scheinende Leben haltend von Ihnen da hören und lernen;
könnten Sie durch [sc.: doch] nur wieder einige unserer Baustunden
theilen, welch' ein reges Leben sich da kund thut durch
Gestaltung, Wort und ganz besonders auch durch Ton,
indem ich jetzt außer den oben gedachten jungen Lehrer
aus Annaburg auch noch einen musikalisch viel begab-
ten jungen Lehrer im Hildburghausischen St namens Stan-
genberger
aus Poppenwind bei Hildburghausen für meine
Bauliedchen gewonnen habe; welch' einzig schöne Einzel[-]
und Gesamtdarstellungen mit Wort und Melodien
sind in den letzten Wochen durch die freie Entfaltung der
Kinder hervorgerufen erfunden worden; nein! es
ist der Reichthum und der Seegen welche für Zöglinge
die Kinder und ihre Führer - ihre wahren Gärtner - in dieser
E entwickelnden Kinderbethätigungs- und erziehenden Be-
schäftigungsweise liegt - nein! es werden [sc.: ist weder] mit Worten
auszusagen noch mit Tönen auszusingen. Nein man
glaubt gar nicht daß der Menschensinn so blöde und das
Menschenherz so versteinert; verholzt seyn kann um dieß /
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nicht herauszufühlen um nicht alles hinzugeben um solche
Kinder- und Menschenpflege und Entwickelung allgemein
zu machen mindestens die geringen Mittel aufzubringen
um einem dafür hingegebenen Streben unterstützend
und förderlich unter die Arme zu greifen, die Hand zu
reichen. Das Höchste was man thut ist, daß man mir
die paar besten Schwungfedern, die ich mir mit vieler
Sorgfalt habe wachsen lassen ausrupft, um damit
bunte Federsträuße zu machen, d.h. meine Schriften
plündert um aus dem 99ste[n] Kinderbüchlein das 100ste zu
machen. Wären Sie doch heut Abend hier gewesen und
hätten die wunderschönen und mannichfachen Gestalten
Schönheitsgestalten gesehen welche aus der frei- und
selbstthätigen Zusammenfügung von einfachen Stäbchen[-]
formen hervorgiengen. Nein man glaubt es nicht wie
der menschliche und kindliche Geist, das kindliche Leben
als ein in sich einiges Ganzes von geschickter, nein nur
einfach sinnig nachgehender Gärtnerhand im großen
Lebenszusammenhange behandelt - sich wie eine Blume
in höchstem Einklange entfaltet. Könnte ich doch dem
was ich hier unhörbar nur Ihnen mittheile könnte
ich doch diesem eine 10,000fache Stimme geben, daß
es in die Ohren von 100,000den wiedertönte; und welch
ein Sinn, welch ein Gemüth und Geist, welche Willens-
und Thatkraft und welche Gewandtheit und Geschicklichkeit
der Glieder und Sinne wie auch welche Ruhe und Aus[-]
dauer wird durch alles dieß in dem Kinde hervorge[-]
rufen dieß alles auch in sich - aus sich - und durch sich her[-]
vorzubringen. Wie Eltern hinsichtlich des Wohles, ja
Heiles und Friedens ihrer Kinder und um dasselbe sicher
zu begründen so blind, so taub seyn können nein! man
glaubt es nicht und dennoch ist nun mehr als ein volles
Menschenalter verflossen seitdem die Sache redet, ruft zeigt u.
zeugt. /
[202R]
Würde man mich nicht für einen Wahnsinnigen und Tollhäus[-]
ler halten, so möchte ich mindestens von einem Ende Deutsch[-]
land[s zum andern] und sey es barfuß laufen und sagen: bethätigt doch
Eure Kinder frühe auf eine allseitig entwickelnde, Ein
stetige für Einklang und Einheit des Lebens, und so Frieden
und Freude erzeugende Weise; doch was würde es
helfen halten sie es in ihrer Dummheit oder in ihrer Bös[-]
willigkeit doch jetzt wie ein Curtmann und ein Ramsauer
doch für Pflicht, da wo ich still mich nur theilnehmenden
und Freunden mittheile, [zu behaupten,] mein Wollen sey sündhaft,
sey mindestens den Eltern ihren Lebensgenuß z verküm-
mernd, denn wer könnte, indem das Leben der Eltern
ja auch Ansprüche an den Lebensgenuß habe, wer könnte
da so thöricht wie ich von den Eltern fordern und ihnen
zurufen: "Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!"
So reden die, welche unserm Volk und Vaterlande durch
die Heraufbildung der Jugend Frieden und mindestens
Glück, Wohlstand bringen wollen, so reden die Väter
die Führer und Erzieher des Volkes.
Welch einen Zustand des Gemüthes und Geistes dieß
hervorruft, wer mag ihn schildern! Warum ich Ihnen
theure Muhme dieß ausspreche?- Weil das Herz
ein anderes theilnehmendes bedarf und ich weiß
daß Sie wahrhaft treuen und aufrichtigen Antheil
an meinem Leben an meinen Bestrebungen nehmen.
Aber auch Zu- und Vertrauen stärkt, ich habe Ihnen seit
Langem keinen Beweis meines unverkürzten Zutrauens
geben können, möge dieser auch wie alles Zu- und Ver[-]
trauen zu Ihrer Kräftigung mit wirken.- Ihre
Keilhauer Verwandte[n] haben alle lebhaften Antheil an
Ihrer Wiedergenesung genommen. Von allen theilnehmende
Grüße. Solche bitte ich auch von mir allen Ihren Lieben Grüße zu
sagen. Nochmals lassen Sie mir bald in einigen Zeilen die Nachricht
Ihrer wachsenden Gesundheit lesen. Auch Frau Consist: R. Wittich
die achtungsvollsten Grüße von Ihren treuen Vetter Fr. Fröbel