Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 14.3.1847 (Keilhau)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 14.3.1847 (Keilhau)
(BN 651, Bl 22-28, Brieforiginal 3½ B 8° 14 S., tw. ed. Pösche 1887, 221-225 [aus 24V-26V u. 28VR])

An Fräulein Ida Seele, Kinderführerin in der Kleinkinder[-]
             schule zu Darmstadt.
Keilhau bei Rudolstadt am 14 März 47.

Meine liebe Ida.
Daß ich die Dankbarkeit als eine der heilbringendsten und seegens-
reichen Tugenden des Menschen achte, daß ich ihre Anerkennung und
Ausübung, besonders in einer Zeit der Auflösung wie die jetzige, für
hochwichtig halte, daß ich in der Erziehung zur Dankbarkeit eine
der wesentlichsten Aufgaben der Erziehung der Gegenwart finde,
und daß ich darum den wirklich in sich beglückt preise, der in
seinem Gemüthe die Gefühle, in seinem Denken die Gesinnungen
der Dankbarkeit treu pflegt und sie so viel es das Leben vermag
in Thaten ausprägt, das dünkt mich können Sie liebe Ida von mir
fest versichert seyn indem die größten und Durchgreifendsten
meiner Bestrebungen, wie selbst die kleinsten meiner Hand-
lungen, als darin ihre Quelle habend, sich den prüfenden und gei-
stig durchschauenden Auge leicht beurkunden; darin nun eben
in diesem, in dem Leben als einem Ganzen gegründeten Bewußtseyn
quillt der stille Friede, die treue Ausdauer, auch wohl die erfrisch-
ende Freude am Gelingen auch des Kleinsten, am Keimen auch
des kleinsten ausgestreuten Saamens, am Wachsthum Blühen und Fruch-
ten des unscheinbarsten Pflänzchens - welcher mein Herz erfüllen
und mir noch Kraft geben, ungeschwächt an der Lösung der mir ge-
wordenen Lebensaufgabe zu arbeiten; aus dieser etwas lang
gewordenen Einleitung nun können Sie, liebe und geschätzte Ida,
ermessen, wie recht sehr glücklich ich Sie achte und erkenne, daß
Sie mit solcher Treue, wie mir zwar alle Ihre bisherigen Briefe
an mich beweisen, besonders aber der jüngste, heut empfangene ausspricht,-
die Dankbarkeit, die Gesinnung der Dankbarkeit in Wort u.
That pflegen; das Bewußtseyn dieser Gesinnungen wird Ihnen
die unversiegbare Quelle wahren Friedens, reiner Freude
/
[22R]
ächten Heiles und reichen Seegens des Lebens werden. Ich
freue mich ungemein Ihnen dieß aus der tiefen Überzeugung
meines Herzens und dem sichern Gefühle der Erfüllung aus-
sprechen zu können. Wie ich nun offen gestehe, daß ich die
Dankbarkeit an anderen sehr hoch achte, so darf ich aber auch
von mir sagen daß ich die Dankbarkeit auch im Kleinsten
pflege, und daß ich darum auch besonders die Pflege, welche der
entwickelnden Kinderbethätigung als ein unzerstückeltes
und ungetrübtes Ganzes wird, ganz so ansehe als wäre
sie mir selbst geworden.
Darum können Sie nun wohl einsehen, wie ich ununterbrochen
auch vom dankbaren Gefühle gegen Sie liebe Ida durchdrungen
bin, die Sie eine so treue Pflegerin jener entwickelnd er-
ziehenden Kinderbethätigung sind. Wenn nun aber je[-]
ne Gefühle der Dankbarkeit - was ich gar nicht in Abrede
stelle, - nicht so hervortreten wie ich wohl selbst wünschte,
so hat dieß nicht einen sondern mehrere der bestimmendsten
Gründe: erstlich mein unbedingtes Vertrauen zu diesen an-
deren, daß sie das Gefühl meiner Lebenseinigung mit ihnen
ebenso klar und bestimmt in sich tragen [wie] ich das Gefühl ihrer
Lebenseinigung mit dem meinen. Dann aber in der unaus-
weichlichen Nothwendigkeit mit allem Denken nur auf einen
einzigen Punkt hingerichtet zu seyn auf das Auffinden, klare
Erkennen und im Leben Festhalten des Punktes vonwo aus
sich aller Zweifel hinsichtlich der entwickelnd bethätigenden
Kinderführung löst und das Mit Ziel nach Weg und Mittel
klar vorliegt. Ja ich gestehe es offen dieses Denken nimmt
meine ganze Geistes- und Herzensthätigkeit so in Anspruch
daß ich mir selbst kaum einen erholenden noch weniger einen
andern freudigen und erfreuenden Gedanken zu denken
ein anderes erfrischendes Gefühl zu haben erlaube, als das
was aus dem Streben und dessen Zielerreichung selbst her-
vorgeht; ich weiß daß ich deßhalb oft nachlässig gegen die /
[23]
Freunde, kalt und achtlos erschienen bin; allein ich kann
es beim besten Willen nicht ändern, ich weiß daß ich den
Menschen sehr viel aufbürde unter und bei solchem ungün-
stigen Schein mir dennoch wandel- und wankellos mir
zu vertrauen; allein ich muß mir dann wieder sagen:
es ist für mich und meine Freunde besser wenn ich endlich
das Ziel ganz und sicher erreiche, als wenn wir uns gegen[-]
seitig Freundlichkeiten und Angenehmes sagen und auf
halben Wege stehen bleiben und uns mit einem unsichern
halben und neblichten Ziele genügen. Halbes und weniger
als Halbes, ja sey es auch drei Viertel und sieben Achtel und
s.w. alles dieß haben wir genug; allein habe ich auch Hundert
Halbe ja Hunderte sieben Achtel, u.s.w. so haben wir immer
dadurch noch nicht ein einziges in sich einiges Ganzes.
Nach dem Ganzen in allen Beziehungen strebt aber meine
Seele, und ich meine zum Wohle Aller, so ganz besonders
in dem mir von Gott gewordenen Berufe der Kinderpfle-
ge, frühen Kinderbethätigung, und so Menschenbildung.
Ja sehen Sie meine, wirklich von mir werthgeschätzte Ida,
so schön nun auch dieß Ziel ist, so herrlich es aus einer Zu-
kunft uns wirklich entgegen strahlt, so sehe ich mich doch
im vollen und ganz hingegebenen Streben darnach nicht nur
vereinzelt und verlassen, sondern die Menschen zerbrö-
keln und vermengen mir noch das, was ich selbst erst
mit Mühe errungen habe, ich könnte Ihnen Beispiele
vorführen, die so klar vor Ihnen wie vor mir liegen; was
bleibt mir da übrig?- Nichts als meinem Ziele allein
mit unverwandter und ungeschwächter Kraft entgegen
zu streben. Ich weiß es, ich sage es nochmals daß nicht nur
meine Freunde, sondern ganz am meisten ich selbst dabei
zu kurz komme, allein ich sage mir: - ist nur erst das
Ziel errungen - und wenn es nicht anders ist, ganz seelen-
allein dann ist es besser in eigener Lebenseinigung als /
[23R]
nach Außen hin in hundertfacher Lebensvereinzelung und
Lebenstrübung, denn ich sage mir ist nur erst das Ziel
errungen, so bleibt uns dann noch zur gemeinsamen
Freude Zeit genug übrig; aber - wenn wir das Ziel nicht
erringen was hilft uns dann die voraus genommene Freu-
de? - sie würde mir dann ein Vorwurf seyn; erreiche
ich nun auch in dieser gänzlichen Hingabe auch mein Ziel
nicht, so habe ich doch in mir und für mich keinen Vorwurf
daß ich mehr mir als meinem Berufe und Ziele gelebt
habe. Sehen Sie l. Ida! jeder Mensch hat seine eigene
Lebensansicht, wie er seine eigene Leben[s]aufgabe zu
lösen zu erfüllen hat; so erkenne ich meine Lebensaufgabe
darin ein völlig innig in sich Einiges Ungestücktes und
Ungetrübtes mindestens der ersten und frühesten Er-
ziehung des Menschen aufzustellen, ein so innig Einiges
daß er dadurch, wenn er es sich treu bewahrt, fried-
und freudvoll und in sich frei sein Menschheitsziel erreicht.
In der Lösung, d.h. in dem Streben, dem klar bewußten
Streben nach der Lösung dieser Lebensaufgabe liegt mein
Himmel und ich theile ihn gern mit denen die gleiches Ziel
und gleiches Streben mit mir haben; d.h. mit mir haben
können dürfen und wollen; allein ich muß verzichten
auf die Theilnahme an ihren Freuden weil ich das als einen
Raub an der Zeit und an der Kraft erkenne, welche mir
nur als der Erreichung meines Zieles gehörig <ersonnen> er-
scheint, und hier ist es wo ich mich den, dem Anschein nach ge[-]
gründeten an sich aber höchst falschen Urtheilen u. Beurthei-
lungen preisgeben muß[.]
Lassen Sie mich, liebe Ida, die Sie wissen daß ich Ihnen
schon mit dem vollsten, reinsten und unbedingtesten
Vertrauen entgegen kam, ehe ich Sie noch persönlich
kannte, der ich dieses Zutrauen im reinsten Sinne be-
thätigte als Sie zu mir als Schülerin eintraten, indem /
[24]
ich in Ihnen eine Tochter und Freundin sahe, welche unverwandt
und ungetheilt nach dem Ziele strebe, welches ich, und noch
bis heut als das höchste achte, welche mit mir ohne Vorbehalt
den Beruf gewählt hatte, welchen ich und noch bis heut als
den schönsten der menschlichen erkennen muß.
In diesem Augenblicke keimte aber auch sogleich in Bezieh-
ung auf Sie l. Ida eine mehrfache Sorge in mir erstlich die,
Ihnen die unserm gemeinsamen Ziele und Lebensberufe mög-
lichst entsprechende Ausbildung unter den übrigens gegebenen
Umständen zu geben. Zweitens: durch Sie, als einstige Kinder-
gärtnerin einst die Ausführung eines musterhaften Kinder-
gartens zu erreichen. Drittens: dadurch aber auch zugleich
Ihren Lebensunterhalt bleibend zu sichern. Diese 3 Sorgen
begleiteten mich von nun an ununterbrochen. Sie begleiteten
mich auch nach meiner Reise nach dem Main, Neckar und Rhein
und Sie werden sich erinnern wie glücklich ich mich fühlte Ihnen Ihren
Ruf nach Darmstadt berichten und Sie daselbst in Ihren neuen schönen
Beruf einführen zu können. Erstlich hatte ja die Vorsehung mich
so glücklich gemacht Ihnen nach gewonnener Ausbildung eine
Stelle und eine Wirksamkeit bieten zu können die Ihr Bestehen
sicherte und mich so in den Stand gesetzt mein Ihnen und Ihren l.
Verwandten gegebenes Versprechen [ein] zu lösen. Also wie der ersten
so war ich nun auch der dritten der oben genannten drei Sorgen,
und ich gestehe es offen, wie der väterlichsten, doch auch der auf
mich am schwersten lastenden überhoben. Aber auch mein drittes
Ziel hoffte ich hier zu erreichen - die Ausführung eines Muster-
Kindergartens, einen "Kindergartens" der That, wie aber
auch den Namen nach. Der Name ist bei einem Gegenstande selbst
bei einer Person nicht gleichgültüg, Sie haben mir dieß selbst
einmal in Beziehung auf Ihre Namen ausgesprochen und das
ganz gewöhnliche Sprichwort - (wie denn der gewöhnliche prakti-
sche Sinn so häufig recht hat -) sagt: "nennt doch das Kind bei
dem rechten Namen." Sie sehen die Wahrheit dieser Forderung auch in dem Druckblatte ausgesprochen, welches Ihnen im vor. Br. Midd. sandte. Nun werden Sie sich noch deutlich genug erinnern, /
[24R]
wie wir arbeiteten und wie wir nicht nur mehr- nein viel-
seitig den härtesten Kampf zu kämpfen hatten um zunächst
durch die Wi That und durch die Wirkung derselben die Darm-
städter Kleinkinderbewahranstalt, oder vielmehr Kleinkin-
derschule zu einem "wahren Kindergarten" zu erheben, Sie
wissen auch in wie weit uns dieß durch unsere beiderseiti-
gen Anstrengungen bald gelang. Sie wissen wie ich mir Mühe
gab für die Anstalt einen Gartenraum zu Kinderbeetchen zu
erhalten um wirklich kleine Gärtchen für die Kinder und so
einen sie alle umfassenden Garten für die Kinder auszu-
führen - eine wesentliche Vervollständigung aller solcher An-
stalten von deren durchgreifenden Nutzen Sie gewiß in Blankenburg
tief durchdrungen worden sind - Sie wissen, wie wir uns selbst
Mühe gaben schnell die Forderung der mehr lehrenden Seite zu
erfüllen als der Lehrer A- unerwartet austrat, Sie wissen
wie wir uns bemüheten Sie selbst den Forderungen der Zu-
kunft in dieser Hinsicht entgegen zu befähigen, Sie erinnern
sich wie Sie in allen diesen Beziehungen nicht etwa nur im ersten
Beginne, nein bleibend und steigend zu allgemeiner Zufrieden-
heit wirksam waren. Und was wahr von diesem allen und
noch bei meiner Anwesenheit in Darmstadt die Folge?-
Die Fesseln welche eine Kinderkinderbewahranstalt [sc.: Kleinkinderbewahranstalt], eine Klein-
kinderstubeschule schon in ihrem ersten Entstehen trägt und selbst
in ihrem Namen hat, die blieben ungelöst, man war glück-
lich Sie als eine treue, tüchtige, erfolgreiche Arbeiterin zu
besitzen, man achtete und erkannte Sie als solche an, allein
man gab Ihnen nicht die Bedingung zu der freien allseitigen
Entwickelung welche jede junge, gesunde und kräftige Pflanze
fordert, statt all dessen zwängte man Sie in die alte mecha-
nische Form ein soweit als es möglich war, Sie erinnern sich
des halben Bogens "Hausgesetze" oder wie sonst der Name
war, welche noch bei meiner Anwesenheit in Darmstadt
erschienen, welche mir für die freie Entwickelung des Ganzen /
[25]
als hemmende Fessel erschien, ob Ihnen auch, das weiß
ich nicht; denn ich hütete mich mit Ihnen darüber zu spre-
chen, weil ich in Ihren Lebensmuth nicht störend eingrei-
fen wollte.
Dankbarkeit gegen den Besitz einer so lebenvollen Kinder-
entwickelungs Idee welche sich so in dem Erfolg ihrer Ausführung
in ihrer vollen Tüchtigkeit bestätigte, hätte schon den Vorstand
bestimmen sollen das Kind bei seinem rechten Namen zu nen-
nen wie man in Homburg vor der Höhe mit der dortigen Klein-
kinderschule in so sprechenden Beispiele vorangegangen
war und mit Einführung unserer Kinderspiel- und Beschäfti-
gungsweise für dieselbe auch den Namen "Kindergarten" an-
nahm.
Liegt denn nun aber wirklich eine so wesentliche Wirk-
samkeit in dem Namen?- Ja wenigstens beweist es der
Erfolg welcher wirklich nun an mehreren Orten z.B. Gotha
Lünen, u.s.w. Dresden will ich gar nicht nennen - über-
raschend ist. Ich gebe für Ihre Person zu, daß der Erfolg
Ihrer persönlichen Wirksamkeit wirklich größer als in einer
der genannten Anstalten ist und daß Sie alle Anerkennung in
Ihrem Kreise und Wirken empfangen; allein es ist nun eben
und bleibt eine "Kleinkinderschule" wie deren es so viel giebt
nur daß sich eben die Ihre durch eine besondere Tüchtigkeit
auszeichnet, daß aber in derselben ein ganz neuer dem Wesen
der Kindheit ganz entsprechender Geist und eine derselben
angemessene Entwicklung entwickelnde Behandlung der Kinder
herrsche, das siehst [sc.: sieht] höchstens der, welcher Ihre Handlungs[-]
weise in der Nähe sieht, daß aber Ihre Kinderbehandlungs[-]
weise ganz der jetzigen gesammten Bildungs[-] u. Entwickelungsstufe
und somit dem gesammten Erziehungsbedürfniß der Mensch-
heit entspreche, das tritt dem Beobachter in dieser einzelnen
Erscheinung nicht entgegen; Sie erscheinen wohl persönlich
tüchtig und sehr tüchtig, aber Sie erscheinen nicht als die hohe /
[25R]
und treue Gottergebene Dienerin und Priesterin der von
Gott jetzt in des Menschenbrust geweckten Idee und des Stre[-]
bens nach Verwirklichung - entwickelnder Erziehung
wodurch das ganze Menschengeschlecht vor allem zunächst
das Deutsche Volke auf eine neue Bildungsstufe erhoben
werden soll. Denn was heißt - Kleinkinderschule
und was heißt "Kindergarten" -? Schule ist der Ort
und die Art wo und wie sich der Mensch Kenntniß von
etwas außer ihm, und ihm zur Betrachtung und Aneignung
Gegenüberstehenden erwerben soll. Der Mensch, das
Kind soll aber erst selbst etwas seyn, ehe es es sich nach
und zu etwas Fremden hinwendet, er soll erst etwas in sich
und erstarkt in sich seyn, ehe er sich das Fremde aneigne,
das fordert die Zeit und vor allem beim Kinde, man
weiß daß der Mensch da nur in sofern das Fremde verar-
beiten kann, was z.B. die Schule giebt, als er in sich selbst
erstarkt und bis zur Verarbeitung des Fremden entwickelt
ist - dieß kann aber eigentlich bei kleinen Kindern noch
nicht geschehen. Nur die Einseitigkeit und Halbheit der Menschen
schuf Kleinkinderschulen, welche ein Widerspruch mit der
Kindesnatur sind. Kleine Kinder und überhaupt Kinder
vor der Schulfähigkeit sollen noch nicht ge- und nicht beschult,
sondern sollen entwickelt werden; dieß ist die große
Forderung der Zeit und nur das Wesen eines Gartens
drückt sinnbildlich aber umfassend aus wie die Kindheit
behandelt werden soll und in dem Namen "Kindergarten"
liegt ist die Forderung der ächten Kinderpflege vielfach ausge-
prägt und - daß ihr allgemein nachgelebt werde, dieser
hohen allgemeinen Zeit- und Lebensforderung, darum ist
auch der Name "Kindergarten" für die erste und früheste
Kinderpflegeweise allgemein nothwendig. Wir verkennen
die Zeit, wenn wir dieß nicht anerkennen - wir hemmen
die Fortwirkung und Ausbreitung gott- und Jesu[s]-gefälliger /
[26]
Kindheitpflege - wir machen den Einklang und die Überein[-]
stimmung, die Einheit und Einigung unmöglich welche eine
durchgreifende und wahrhaft seegensreiche und heilbringen[-]
de Erziehung fordert wenn wir nicht mit ihr auch zugleich
den Namen der sie ganz bezeichnet den des "Kindergartens"
allgemein machen. Wie gesagt, die Thatsache spricht allge[-]
mein dafür, wo er nur ertönt, weckt er zunächst wenig-
stens freudige Theilnahme.
Nach allem diesen (was ich Ihnen da ich sehr müde bin indem
es schon Mitternacht ist, etwas weitschweifig ausgesprochen
habe) können Sie sich nun denken wie mir in meinem Inner[-]
sten zu Muthe seyn mußte, als ich mich in meiner schönen
Hoffnung geteuscht und ich in Darmstadt, wenn auch durch
Ihre ausgezeichnete Hingabe Treue und Ausdauer eine vorzüg[-]
liche Kleinkinderschule entstehen aber doch keinen Kindergarten
hervorblühen sahe.
Die Früchte Ihrer Wirksamkeit sind schön, sehr schön, wer
mag es verkennen und nicht anerkennen, allein noch viel[-]
fach schöner und reicher würden sie seyn, hätte sich Ihr Vor-
stand entschließen können Ihr den rechten Namen zu geben
den der Geist welcher in sie gebracht worden war in An-
spruch nehmen könnte.
Doch darüber nun genug! Aber nun die Folge? - sie war
und ist gleich natürlich als nothwendig: was ich nicht in
Darmstadt und nicht am Rhein erreichte, das mußte ich
anderswo zu erreichen suchen, so ich läugne es gar nicht
- (freilich kam noch gar Manches Andere hinzu) kühlte sich
meine Theilnahme an Darmstadt ab, und dieß um so
mehr als mir auf meiner Reise in die Heimath Gotha
und denken Sie, durch einen einzigen Mann mit dem Wunsche
nach einen Kindergarten entgegen kam; natürlich wendete
sich nun meine ganze Thätigkeit nach diesem Punkte; aber siehe
sie wurde auch gekrönet: ein einziges ganz allein stehendes /
[26R]
17-18 jähriges Mädchen (denn ihr begründender Oheim
starb schon im ersten Jahre) führte ohne weitere Unterstüt-
zung als die welche ihr eben die Idee, die sich im Namen
aussprach - gab, auf ihre eigene Rechnung einen Kinder[-]
garten aus, welcher jetzt schon mehr als 60 Kinder zählt;
Und dieser Kindergarten, er ist gleichsam meine Übungs-
schule. Marie Christ von welcher Ihnen Middendorff ge-
wiß viel geschrieben hat, erhielt dort ihre Gewandtheit pp
wodurch ihr Kindergarten zu Lünen von 20 schon auf
30 und mehr Pflänzchen angewachsen ist. Und jetzt macht
die Stiefschwester von Marie Christ - Therese Langguth
dort ihre Übungsschule. Außerdem hat Christiane Erd-
mann
in einer anderer [sc.: anderen] ihrer Freundinnen in Auguste
Michaelis
auch die Neigung zu einer Kindergärtnerin
geweckt, so daß diese als Schülerin in den jetzigen Bildungs[-]
cursus eingetreten ist. Bedenken Sie nun nach der anderen
Seite noch, daß außerdem, daß Christiane Erdmann allein
da steht, daß sie überdieß keineswege[s] die Schulkenntniß
besitzt deren Sie sich erfreuen und nochweniger hat sie eine
einnehmende Stimme und doch diese Wirkung! warum? -
der Geist der Anstalt ist es der sie trägt.
Daß hiernach nun die Pflege und Fortbildung, die weitere
Begründung von Kindergärten mich ganz in Anspruch
nahm, daß kann und wird Ihnen nun so einsichtig als
erklärlich seyn. Daß aber auch nach der anderen Seite hin
mein erkalteter abgekühlter Eifer für Darmstadt
schmälernd und verkürzend für Sie und auf Sie von meiner
Seite gewirkt habe, das gebe ich ohne Widerrede zu, aber
konnte ich anders? - sollten sich meine Mittheilungen nicht um
leere Worte drehen, so mußten meine Mittheilungen an-
statt für Sie erhebend für Sie beengend seyn; doch jetzt
fordert mich Ihr Brief zu bestimmt zu einer Erklärung auf
und ich habe Sie im Vorstehenden so weit es mir möglich war /
[27]
gegeben. Und warum gab ich sie Ihnen so ausführlich? -
weil ich glaube, daß Sie jetzt in Ihre Wirksamkeit
sattsam eingewurzelt sind um durch sich selbst eben Ihrem
Wirken und Ihrer Anstalt die rechte und richtige Stellung
in der Zeit zu den allgemeinen erziehenden Forderungen
zu geben die die Zeit unerläßlich fordert. Als Kleinkin-
derschule steht Ihre Anstalt und Sie als deren Mitvorstehe-
rin vereinzelt, und werden es selbst bei dem besten Willen
von meiner Seite bleiben; als Kindergarten tritt Ihre An-
stalt und als ächte Kindergärtnerin, wie Sie dieses wirklich
der That nach schon sind, treten Sie aber in ein großes zu-
nächst Kindheit erziehendes Ganzes, werden lebenvolles,
wie lebenweckendes und lebenverbreitendes Glied desselben
Ihre Schwestern arbeiten in bewußter Einigung mit Ihnen
in Lünen, in Gotha, in Quetz bei Halle, in Annaburg bei Torgau
in Homburg v. d. Höhe u.s.w.
Durch die äußere Veränderung welche Ihre Anstalt fordert
können Sie auch diese innere Veränderung welche der Name
fordert herbei führen. Vor allen stehen Sie gut bei der Fr. Groß-
oder Erbgroßherzogin, das heißt Sie haben das verdiente
Zutrauen derselben, mit dieser würde ich das Ganze besprechen
der männliche Vorstand der Anstalt, das weiß ich, ist durch
Ihre Leistungen bestimmt ebenfalls ganz auf Ihrer Seite,
so wie auch stimmberechtigte Frauen; durch alle diese Hebel
dünkt es mich müßte es möglich seyn Ihre Kleinkinderschule
zu einem Kindergarten zu erheben. Sie dürfen aber vor[-]
her nicht erst anderweitig darüber vielverkehren, sondern
müssen die Sache ganz still und allein mit den angegebenen
betreffenden Personen verhandeln. Bedürfen Sie dazu Nach-
weisungen und Documente, so will ich Ihnen deren senden.
Middendorff glaub ich hat ja schon in seinem jüngsten Briefe ein
solches beigelegt. Aber nochmals still und allein müssen Sie
handeln. Sie schreiben daß Sie wegen der wachsenden Zu[-]
 /
[27R]
nahme der Kinder auch bald einer tüchtigen Gehülfin bedürf-
tig sind; diesen Umstand müssen Sie benutzen um Ihre
Anstalt in die richtige Stellung zum Zeit- und Lebensbedürf-
niß der frühen und allgemeinen Kindererziehung zu bringen
und derselben auch als einen ächten Kindergarten allgemei-
ne Anerkenntniß, besonders aber Fortwirkung zu verschaffen,
denn jedes Menschen Wirken hat einen Doppelseitigkeit ein-
mal für das Besondere z.B. einen bestimmten Ort u.s.w.
dann aber auch für das Allgemeine z.B. die Verbreitung
des Tüchtigen überhaupt. Und glauben Sie mir, in letzter
Beziehung hat die Umgegend um Darmstadt, wie ganz Hessen
und selbst die Länder von dort am Rhein auf und ab viel
verloren, daß man Ihrer Anstalt bei dem neuen Leben
das in dieselbe kam, den alten Namen ließ.
Aber auch zu einer durchgreifenden Verbesserung der Ihnen
so nöthigen Hülfe benutzen Sie das Bedürfniß ich meine so:
Seit den nun mehr als 2 Jahren seit wir nicht mehr in unmittel-
barer Wechselwirkung stehen hat sich wie der Geist, so auch
die Art und Mannichfaltigkeit, die innere Vollständigkeit, und
nothwendige Vielseitigkeit unserer Kinderbethätigungs- und
Beschäftigungsmittel gar sehr ausgebildet; alles dieß müssen
Sie nun bei der Gelegenheit des Bedürfnisses einer Gehülfin
sich und Ihrer Anstalt zu verschaffen suchen. Dieß kann nun
wie ich glaube auf doppelte Weise geschehen, entweder daß
Sie sich ein für Kinderpflege hier gebildetes mit den Spielen und
den Spielweisen bekanntes einfaches Mädchen zu B. aus Blan-
kenburg kommen lassen, wo die Kinder und Mädchen wie Sie wissen
leicht dafür Sinn und Anstelligkeit gewinnen; oder lassen Sie
sich für einige Zeit z.B. ½ Jahr eine hier gebildete, wirkliche
Kinderführerin kommen z.B. die oben genannte Therese
Langguth
die jetzt Gehülfin in Gotha ist. Das Mädchen ist
gewiß Anfangs mit einem mäßigen, wenn nur für die Be-
dürfnisse hinlänglichen Gehaltes zufrieden; Sie kommen da- /
[28]
durch in den Besitz alles Neuen und ist Ihre Anstalt nur ein-
mal auch den Namen nach das zu welcher solche durch Ihre
Wirksamkeit in sich herauf gebildet ist - ein ["]Kindergarten"
so zeigt sich gewiß dadurch noch vielseitig in Ihrer Nähe
die Aufforderung wie die Mittel zur Ausführung gleicher
Anstalten und Sie können dann zu einer derselben sogleich
die Therese Langguth als Führerin als ächte Kindergärtne-
rin vorschlagen.
Mein Gedanke wie sich das Ganze sehr schön ausführen ließe
wäre also der: Sie suchten so weit als es möglich die jetzigen
Umstände bei sich zu benutzen Ihre Anstalt auch äußerlich
die richtige Lebensstellung zu verschaffen und solche als einen
"Kindergarten" anerkennen und darum auch solchen nennen
zu lassen. Zweitens um diesen durch vermehrte Kraft und
Hülfe sogleich in seiner ganzen lebenvollen Wirksamkeit
zu zeigen, suchten Sie Therese Langguth, welche auch äußerlich
ein die Liebe sich zu erwerbendes fähiges Mädchen ist - sich zur
einstweiligen Gehülfin zu verschaffen, die Sie dann bis zum
Herbste bei sich behielten. Bisdahin bildete ich Ihnen ein
Mädchen aus Blankenburg die sich bei mir als Kinderpfle-
gerin und Kindermädchen gemeldet hat, zu einem helfenden
Mädchen aus, wie Sie dessen eigentlich bedürfen. Der There-
se Langgut[h] einen anderen Platz zu verschaffen würde es
uns beiden geeint nicht an Gelegenheit fehlen. Das zweite
Mädchen würde nun in die Wirksamkeit bei Ihnen eintre-
ten wofür Sie eigentlich die Hülfe bedürfen und alles, alles
käme in die schönste Ordnung. Überlegen Sie sich nun das
Ganze Middendorff theilt meine Ansicht und schreiben Sie
mir sobald Sie nur immer können mit Ja! oder Nein! damit
ich die Verhältnisse darauf beachte und pflege.
Auf diese Weise wird Ihre Anstalt und Ihr Wirken dann
lebensvolles Glied des großen begründenden Erziehungsganzen
welches wir durchgreifend bedürfen, dann bekommt Ihre An- /
[28R]
stalt und Ihr Wirken die Bedeutung für das Leben welches
Sie beide verdienen; dann kann, ich sage kann ich Ihnen
auch seyn was Sie von mir hoffen und erwarten, zu
hoffen und zu erwarten ein Recht haben ein Vater, ein
Trost, eine Stütze, sonst habe ich wohl Worte, Gefühle,
Theilnahme allein für Sie keine Mittel was ich für Sie
ersehne auch auszuführen.-
Also nochmals überlegen Sie das Ganze! Fühlen Sie
nicht jetzt schon den geistigen Lebenshauch, den einigenden
Friede- und Freudebringenden indem wir nur davon
als einer Möglichkeit sprechen?- Wie ganz anders noch
die Wirklichkeit.
Doch ich muß nun schließen, damit der Brief endlich zu Ihnen
gelangen, Sie werden ihn wohl verstehen wo Komma
fehlen oder falsch stehen, wo Wörter ausgelassen und
Buchstaben verwechselt sind. Ich habe nicht Zeit den
Brief nochmals durch zu lesen. Gott behüte Sie.
Von allen Grüße. In der reinsten Liebe, Treue und
auch Dank stets
Ihr aufrichtiger väterlicher Freund
FriedrichFröbel.

Grüßen Sie herzlich besonders Frl. Bögel und wer
sich sonst meiner in Aufrichtigkeit erinnert.