Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ch. A. Howe in Leitheim b. Donauwörth v. 18.4.1847 (Keilhau)


F. an Ch. A. Howe in Leitheim b. Donauwörth v. 18.4.1847 (Keilhau)
(BN 497, Bl 1-11 und BlM XVII,1, Bl 8-14, ed. Pösche 1887, 188-194. Erhalten sind vier Handschriften: a) 1. Entwurf [mit ”Plan”] BN 497, Bl 1-4R, 1 B+2 Bl fol., undatiert, mit Sicherheit aber vor dem 6.4.; 3R liegt falsch, ist Schlußteil, 4 ist korrigierte Reinschrift von 3; b) 2. Entwurf [mit ”Plan”] BN 497, Bl 5-10, 3 B fol. 11 S., datiert 6.4.1847, dabei auf 5 links Skizze der Abhandlung ” Deutsche Volks- und Nationalerziehung” v. 12 April 1847 in 9 Punkten mit Titel ”Bremerztg No 102 12 April” Im Text wird ”Andreä” angesprochen, möglicherweise stammt Zeitungsartikel v. A., dieser dann Auslöser für Abhandlung, deren Datierung bis jetzt nicht feststand, dessen Abfassung aber nun auf Zeitraum April-Dez. 1847 festgelegt werden kann. Zu Andreä im BN 362 Eingangsbrief an F. v. 14.4.1848. Das Datum dieses Textes [12.4.] gefährdet das von F. festgelegte Datum [6.4.] nicht. [10R vakat]. c) Reinschrift / Begleitschreiben [ohne ”Plan”] BN 497, Bl 11, 1 Bl 4° 2 S. v. 13.4.1847 ; d) Abschrift von b) [Handschrift Seiffert] BlM XVII,1, Bl 8-14, 3 B+1Bl 8° 13 S. v. 18.4.1847. Die Notiz ”Handschrift Seiffert” stammt von Klostermann Ende der 20er Jahre. Pösches Edition von d) enthält erhebliche Kürzungen.)

a) 1. Entwurf

Antwort auf den Brief der Mss Howe in Leitheim b. Donauwörth.
1. Zuförderst besten Dank für Ihre warme Theilnah-
me an meinen erziehenden Bestrebungen;
möge dieselbe für das aufkeimende Geschlecht,
wo auf der Erde es immer sey, nicht ohne erge-
sprieslichesegnete Folgen bleiben.
2. Der von Ihnen wohlmeinend, zu Erreichung
des vorgesteckten Zieles ausgesprochene Ge-
danke und gemachte Vorschlag, mein sich seit
Jahren bewährendes System der entwickeln-
den Erziehung in einer Weltstadt Paris
und London oder in den Ver: St: zu Prüfung u
Anwendung mitzutheilen, ist mir noch mehr-
fach von stimmfähigen Männern, Englän-
dern, Amerikanern, wie auch Deutschen
ausgesprochen worden; ein Haupthinder-
niß dessen Ausführung ist aber mein
Mangel an völliger Beherrschung sowohl
des Französischen als des Englischen.
Denn
3. das Erziehungssystem sowohl als der Plan
zu dessen Ausführung liegt ausgearbeitet klar vor
und hat sich in der Anwendung und Verwirklichung
und Ausführung durch seine Ergebnisse
schon mehrfach bestätigt, obgleich derselbe beides,
Erziehungssystem und Plan
bis jetzt nur theilweise, in Beziehung auf
einzelne Seiten, desselben aber noch nicht aber als
ein Ganzes, durch den Druck der Öffentlich[-]
keit übergeben ist.
Was nun 4. das Erziehungssystem betrifft
als das Kind in gesammten Lebensbeziehungen ein entwickelnd-
erziehendes den Menschen in seinem Wesen seiner Natur
wie in all seinen Bedingungen und somit als das erste
der jetzigen Bildungsstufe des Menschengeschlechtes
mit Nothwendigkeit gefordertes und ihr entsprechendes, hat es sich
wie selbst seinen Plan der Ausführung

so erfaßt es das Kind ganz in seinem Wesen,
in seiner Natur, wie in der Gesammtheit
seiner Beziehungen und Verhältnisse und,
indem es das Kind den Forderungen von
diesen gemäß entwickelt, erzieht es
dasselbe zugleich; dieses Erziehungssystem, als rein
als entwickelnd-erziehend praktisch sind es, ist es nun
aber auch dasjenige, welches von der jetzigen
Bildungsstufe des Menschengeschlechtes mit
Nothwendigkeit gefordert wird und ihr
somit entsprichtend; darum hat es sich denn auch
zur wirklichen Aufgabe gestellt, eben dem jetzigen
Standpunkte der Lebensforderungen
genügend, die praktische und ausführende
Erziehung neu zu begründen und zwar /
[1R]
nach folgendem Plane
I, Dafür zu wirken daß zuförderst sorgsameres Beachten des Kindes,
seiner Verhältnisse und seines durch diese bestimmten Entwickelungsganges
allgemeiner werde und so
Bewirkung gründlicherer Einsicht in das Wesen, die Natur und die gesammten Lebensbeziehungen des Kindes sich bilde;
tiefere Einsicht sich bilde in die Bedeutsam-
keit der Lebens- und Thätigkeitsäußerungen
des Kindes als sinnbildlich sowohl in Beziehung auf
dessen Bestimmung als Mensch und als auch sinnb[ild]l[ich] für deren Erfüllung, also zuerst dafür zu wirken daß
daher besondere Bewirkung entsprechender
Kinderbeachtung und Pflege Erfassung des Kindes in der Gesammtheit seiner
Lebensbeziehungen erfaßt dem entsprechend
gepflegt und im Allgem: entwickelnd erzogen werde, demgemäß nun
nun II. im Besonderen herbei zu führen eine
dem Wesen des Menschen und der Natur des Kindes und
dessen Entwickelungs- und Bildungsganges
entsprechende, also harmonische Sinnen- Glieder- und
Körper- und dadurch Seelen- und Geistes-
Bethätigung und hierdurch wieder harmonische Ent-
wickelung und Ausbildung der gesammten
leiblichen und geistigen Lebensbedingungen
und Anlagen des Kindes.
Schon im Jahr 1826 habe ich mich bemühet in
einer Schrift ”Die Menschenerziehung” 1 Bd.
(Preis 2 Rth pr Ct) den Weg dazu anzubahnen[.]
Da aber dieser Weg schon mit der Geburt des Kin-
des also in der Familie besonders von der Mutter
und denen betreten werden muß welche[n] die erste
und früheste Kindheitpflege anvertraut
wird, so habe ich im Jahr 1838 diesen Weg in
mehrfacher Weise durch eine Zeitschrift
”Das Sonntagsblatt” (: wovon bis jetzt (1840) 4 Hefte
zus: Rth 3.8. erschienen sind:) zu bezeichnen
gesucht; ganz besonders aber zum Verfolge dieses Weges
Anleitung gegeben in einer eigenthüm[-]
lichen Art praktischen Erziehungsbuches für die
allererste Kinderbeachtung Körper- Glieder-
Sinnen- u somit Seelen- u Geistesentwickelung des Kindes,
durch ein Mütter- und Familienbuch unter
dem Titel ”Mutterspiel und Koselieder
wie auch Lieder zu Körper[-] Glieder[-] und Sinnenspiele
zur frühen u einigen Pflege des Kindheitle[-]
bens
Mit Randzeichnungen, erklärendem Texte u
Singweisen (Preiß Rth 2 ½)
III Da aber eine solche den Entwickelungs- und
Lebensgesetzen des Kindes entsprechende Kin-
derführung und Bethätigung auch ganz
dem entsprechende Beschäftigungs- und somit /
[2]
Spiel- und Beschäftigungsmittel und
Weisen für das Kind fordert, so habe
ich auch in dieser Beziehung eine Reihe von
Spielmitteln und Weisen unter den
Namen - ”ein Ganzes von Spielgaben”
ausgearbeitet und anfertigen lassen
welche bis jetzt zur 5ten Spielgabe
veröffentlicht sind und wozu deren
Gebrauch ganz besonders, das schon
oben erwähnte Sonntagsblatt die An-
leitung enthält.
IV. Weil nun aber der jetzige Standpunkt des
socialen Lebens durch alle Stände und Lebens[-]
verhältnisse hindurch schon für die früheste
Kinderpflege und spätere Erziehung für die
Mütter fremde Hülfe durch Kinder-
wärterinnen, Kindermädchen, Kinder[-]
führerinnen und Erzieherinnen fordert
so erkannte ich es für nöthig auch hierfür
eine Bildungsanstalt auszuführen
; da
aber nur das Vollkommene u Tüchtige wieder
das Vollkommene u Tüchtige bewirken
kann, jenes aber nur durch Gemeinsamkeit
erreicht werden kann, wie denn auch die
Kindererziehung selbst die Gemeinsamkeit
der Kinder im Wechsel mit der stillen und
häuslichen Erziehung fordert, so erkannte ich
im Jahr 1840 die Nothwendigkeit der Ausführung zweier
verschiedenartiger Bildungsanstalten
A. der einen zur Ausbildung erziehender Gehülfinnen
in die häuslichen und Familienkreise, als Kinder[-]
mädchen Kinderführerinnen und Erzieherinnen dann aber
B. Anstalt da Kinder sich besonders durch beauf-
sichtigtes und geleitetes Zusammenleben und
Spielen sich ausbilden durch die Ausführung zweitens solcher
auf Selbst- und Freythätigkeit der Kinder beruhenden Ent-
wickelungs- und Erziehungs- und Bildungs[-]
Anstalten, welchen ich, den ihrer Führungsweise u Zweck ent-
sprechend, den Namen
”Kindergärten”
gegeben habe, welcher Name sich durch sich
selbst erklärt und rechtfertiget, und so auch /
[2R]
in der ersteren zugleich Ausbildung zu Füh-
rerinnen und Vorsteherinnen der zweiten
die ich ebenfalls zur erschöpfenden Bezeich[-]
nung ihres Berufes und Wirksamkeit
gern Kindergärtnerinnen genannt wissen
möchte.
Zur Ausführung der ersten unter
A. berührten Anstalt suchte ich – da ich eben
gern das Vollkommenste ausgeführt her[-]
gestellt hätte die Allgemeine Theilnahme
bei Gelegenheit der Feyer des Gutenbergs[-]
festes 1840 zu erwecken; da mir aber dieß
bis jetzt in dem Maaße als es der Gegenstand
fordert noch [nicht] möglich geworden gelungen ist,
so suche ich dieß soweit solches als das privatUnter-
nehmen eines Einzelnen auszuführen zu er-
reichen möglich ist durch mich selbst und
auf meine eigene Hand auszuführen;
demgemäß gebe ich jährlich Bildungscursus
welche ich, um die Theilnahme durch verringerten
Kostenaufwand zu vermehren, auf die
Dauer von 6 Monaten herabzusetzen ge-
nöthigt worden bin. Die von Ihnen erwähnte
Caroline Renovanz war es, welche früher schon an einem
dieser Bildungscursus Antheil genommen hat,
doch seit jener Zeit haben sie gar sehr an
innerer Vollkommenheit und darum Wirksamkeit
für das Leben gewonnen.
Der Zweck dieser Anstalt ist wie Sie
ganz richtig bemerken junge Mädchen so
auszubilden, daß man ihnen mit voller
Sicherheit kleine Kinder in dem Maaße an-
vertrauen kann, daß von ihnen nicht nur gut
für dieselben gesorgt wird, sondern daß sie
überdieß von denselben auf eine Weise beschäftigt werden
welche in ihnen auf der einen Seite nur gute Eindrücke zurück läßt
als der andern Seite aber nach sie auf eine Weise
entwickeln welche sie zur Erhebung Ausbildung aller
ihrer Anlagen den Forderungen Rechten des Lebens entsprechend
geschickt machte; dieselben also im Stande sind, Sorge zu tragen
a) für entsprechende Pflege u Erstarkung
b) für Entwickelung u Ausbildung des Kindes, den
Gesetzen der Natur und des Lebens getreu
c) für Willens- und Thatfertigkeit desselben
auch den Forderungen jeder seiner Entwicke-
lungsstufen angemessen sich zu zeigen[.]
Die Einrichtung derselben ist folgende.
a) Für die Schülerinnen beginnt der allgemeine Arbeits[-]
tag Morgen[s] 7 Uhr wo sie
nach der allgem: Morgenandacht von 7-8 in den verschie[-]
denen Classen an dem Religionsunterricht antheil
nehmen, damit sie in Beziehung auf ihre einstige religiöse
Kinderführung und die Pflege des religiösen Lebens in seinen
ersten Keimen im Kinde – den Gegenstand g[an]z
beherrschen.
Von 8-9 ist Frühstück u Freyzeit
Von 9-10 Vorführung u Beachtung des Entwickelung
des Kindheitlebens, und des sich dad[urc]h offenba-
renden Wesens und der Natur des Kindes und der sich daraus
ergebenden Gesetze und Forderungen der Kindheitpflege
und Erziehung. /
[3]
während der übrige Theil des Tages bis Abends 7 Uhr
von 10-11 theils
Der übrige Theil des Tages bis Abends 7 Uhr bis Abends 7 Uhr – mit zweimaliger, im Ganzen dreistündiger Unterbrechung zur Mittags-u zur Vesperzeit
- ist der Ausbildung und Einübung zu praktischer Tüchtigkeit gewidmet, darum
zuerst praktische Ausführung kleiner
die Glieder und Sinne des Kindes be-
thätigender, besonders Hand- und Finger[-]
spiele, nach Anleitung des der Mutter u Kose
oben gedachten Familienbuches gewidmet
dann die Ausführung und Einübung anderer
bethätigender Kinderspiele an angenehmen und durch
entsprechendes oben schon erwähntes eigenthümliches Spielzeug
u Spielmateriale, welches in sich ein eben so organisches u
lebensvolles Ganzes bildet wie es eben auch in das Leben
einführen soll, weiter Aneignung der verschiedensten
aus jenen Spielen mit <Nothwendigkeit> hervorgehenden kleinen
Handfertigkeiten den verschiedenen Ent-
wickelungsstufen des Kindes entsprechend
[Randnotiz*-*] [*]um als künftige Kindergärtnerinnen einst zu wirken:
a) für entsprechende Pflege u Erstarkung
b) für Entwickelung u Ausbildung des Kindes, den
Gesetzen der Natur und des Lebens Forderungen
des Familien[-] u geselligen des bürgerl.gesellsch. [Lebens] getreu
c) für Willens- und Thatfertigkeit der realen gewonnenen Einsicht
u den erkannten Forderungen getreu u gemäß zu leben zu handeln[*]
Dann von Aneigung u Einübung gemeinsamer Kinder[-] u Bewegungsspiele
theils das Kind für sich allein, hier besonders aber auch als
Glied menschlicher Gemeinsamkeit bestim[mt] im Auge habend u ausbildend
alles aber den innern Entwickelungsgang und
den äußeren Lebenserscheinungen des Kindes den
Bedingungen und Gesetzen entsprechend, darum wie
das Kind auch naturgemäß wie den Gesetzen der Natur und des Lebens
ent getreu entwickelnd, dasselbe so zur Einführung und Einsicht in
die Natur und des Lebens besonders auch des Kindes so
zum richtigen Gebrauch seiner
Kräfte und Anlagen, also zur Erkenntniß und
Anerkenntniß der Gottesgesetze in der Natur
und im Leben und zum treuen Nachleben von
demselben erzieh also zur allseitigen Harmonie
und Einklang und wie zur einsichtigen, so zur sinnigen u sittigen
Erfassung des Lebens führend gehend; die Spiele der Kinder
und die Spielweise mit dens[elben] sind es nun ganz besonders
in welche[n] das Kind nicht eben blos den Geist u die Forderungen
des Lebens ausgesprochen und demselben nachzuleben zugemuthet
wird, sondern in welchen sie ganz besonders eingelebt u eingeübt werden[.]
Weil dazu besonders in der ersten Kindheit
ein wesentliches Bildungsmittel der Gesang
durch Wort u Ton, Melodie u Inhalt, darum
weiter wie Ausbildung für Kindergesang überhaupt
besonders weiter Anregung u Ausführung kleiner in Beziehung
auf
das Herz wie Gemüth u Geist nährender u erhebender
kleiner, die theils die Kinderspielchen begleitenden
theils die Kindererzeugnisse deutenden die mannichfachen
Lebensbeziehungen und den hohen
Sinn der kleinen Erzeugniße der Selbstthätigkeit
deutenden Liedchen, und in allem die Harmonie u den Einklang
erkennen den der Schöpfer in der Gesammtheit alles Lebens
offenbart hat u so in demselben einen vor[-] u fürsorgenden liebenden Vater
um so den Grund zu allseitiger Lebenstüchtigkeit zu legen[.]
Da es sich nun aber bei diesen Spielen u Spielweisen mit d Kindern
keinesweges blos darum handelt
um das zweifache handelt einmal ihnen die Forderungen und Gesetze
des Lebens nicht [nur] einseitig anschaulich und eindringlich fühlbar
sondern sie auch gleichsam zur freudigen Erfüllung derselben geschickt zu
machen, so haben die Schülerinnen an wenigstens 4 Tagen in der Woche
Spielübungen in entsprechenden Kinderkreisen u zwar 2 mal
mit u bei den Kleinen unserer eigenen Familie, wie 2 mal in der
Gesammtschule der Kinder des Pfarrspieles um sich so allseitig
tüchtig wie nach der Seite der Einsicht so nach der
Seite der Ausführung aus zu bilden. /
[4]
Der übrige Theil des Tages ist bis Abends 7 Uhr
( – mit 2maliger im Ganzen 3stündiger
Unterbrechung zur Mittags-und Vesperzeit) -
ist bei den Schülerinnen der Ausbildung und Einübung zu praktischer
kinderführender (erziehender) Tüchtigkeit für Kinderführung gewidmet;
um als künftige Kindergärtnerinnen zu wirken
a) für entsprechende Pflege und Erstarkung,
b) für Entwickelung und Ausbildung des Kindes
den Gesetzen der Natur und des Lebens ge
treu;
c) für Willens- und Thatfertigkeit des Kindes
der gewonnenen Einsicht und den erkannten
Forderungen gemäß zu leben.
Darum zuerst theil Ausführung kleiner, die
Glieder und Sinne des Kindes bethätigender,
besonders Hand- und Fingerspiele, nach An-
leitung des oben schon gedachten Familienbuches
dann die Ausführung und Einübung anderer bethäti-
gender Kinderspiele an entsprechendem Spielzeuge
und mit dem schon oben erwähnten Spielmateriale, des Spielgenoß [-]gefährt, wel-
ches in sich ein eben so lebensvolles Ganzes bildet,
wie es eben auch das Kind allseitig in das Leben
einführt und für dasselbe ausbildet. Besonders zum Theil
weiter nach Anleitung des Sonntagsblattes Aneignung
der verschiedensten aus jenen Spielen, gleich als einem
organischen Ganzen, mit Nothwendigkeit als gleich Blüthen
u Früchten hervorgehenden kleinen Handfertig-
keiten
, den verschiedenen Entwickelungsstufen
des Kindes entsprechend[.] Hierüber ist, so hoch
wichtig dieser Theil der Kinderbeschäftigungen ist,
ist noch nichts veröffentlicht[.]
Dann Einübung gemeinsamer Kinder- und Bewe-
gungsspiele
, um das Kind so seiner eigensten
geselligen Natur getreu früh für geselliges Zu-
sammenwirken und dessen Bedingungen Forderungen und Ge-
setze
aus zu bilden
alles dieß aber dem Wesen des Kindes dem innern Entwickelungsgange desselben
und dessen Natur, seinen den äußeren Lebenserscheinungen (des Kindes)
deren Bedingungen und Gesetzen entsprechend
darum wie das Kind dadurch den Gesetzen der
Natur, seines eigenen und des gesammten
Lebens getreu entwickelt wird, so wird das-
selbe dadurch auch auf die entsprechendste
Weise in die Natur und das Leben eingeführt
zur Einsicht in Beide, so besonders auch zum
[richtigen Gebrauch seiner Kräfte und Anlagen]

um dasselbe für allseitige Harmonie und
wie zur einsichtigen, so zur sinnigen, sittigen
und sittlichen Erfassung des Lebens auszu-
bilden.
Weil aber dazu, besonders in der ersten
Kindheit ein wesentliches Bildungsmittel
der Gesang durch Wort u Ton, Melodie und
Inhalt ist, darum bei den Schülerinnen im
Laufe ihres Unterrichtes weiter wie über[-]
haupt Ausbildung für Kindergesang, so beson- /
[4R]
[ders] zum richtigen Gebrau[ch]
Ausführung und Aneignung kleiner das Herz bildende
wie Gemüth u Geist nährende u bildende kleiner
Liedchen, welche namentlich auch den innern
Sinn der kleinen Erzeugnisse der Selbstthätigkeit
der Kinder deuten und in allem die Harmonie
und den Einklang der Liebe u.s.w. erkennen und fühlbar machen soll
wodurch sich der Schöpfer in der Gesammtheit alles Lebens
als treusorgender Vater geoffenbart hat.
Um nun aber auch die Schülerinnen zur Lebenvollen
Selbst[-] u freithätigen Anwendung von allen aus
zubilden und in sie dieselbe einzuführen, so haben die
Schülerinnen an wenigstens 4 Tagen in der Woche
Spielübungen u Ausführungen in entsprechenden Kinder[-]
kreisen 2 mal mit den Kindern unserer eigenen
Familie und einigen sich daran anschließenden anderen
dann zweimal wesentlich in der Gesammtschule
der Kinder des Pfarrspieles um sich so allseitig
wie tüchtig nach der Seite der Einsicht, wie nach
der Seite der Ausführung auszubilden.
Wie sich nun für die einstigen Kinder dieser Kinder welche nicht
der Führung solcher Kinderpflegerinnen anvertraut werden die Sing-
lust und Singfähigkeit, und selbst die für wirklichen Gesang bildet liegt am
Tage. Was aber für die Ausbildung des Gemüthes u
Geistes die Ausbildung durch den Gesang, durch das Ohr ist,
das ist sind die Ausbildung desselben durch das Auge
die schönen Formen u Gestalten und Farbengebilde, also was dort
Gesang ist, ist hier das Zeichnen und die Farbengebung.
Also im Laufe der Ausbildung der Schülerinnen knüpft entwickelt
sich auch in reinster Stetigkeit aus der Anwendung u
Einübung der Spiele das allererste begründete Zeichnen, sowohl in
Hinsicht auf die Ausbildung des Auges nach Form u Maa[ß]
so in Hinsicht auf die Hand zum Zweck leichter Ausführung [.]
An die Gegenstände die ihre Namen und die Bezeichnung ihrer
Eigenschaften und Verhältnisse knüpft sich g[an]z einfach die
begründende Beachtung der Sprache an das Sichtbar–
machen des Wortes u Tones durch bestimmte Zeichen
entwickelt sich für das Kind auf die einfachste
und natürlichste Weise das Schreiben u Lesen[.]
An die vergleichende steigende Größe verschiedener Mengen und
deren Wahrnehmung knüpft sich die begründende Kenntniß
der Zahl.
Da sich nun so überall Gesetz, Maaß, Rhythmus Verhältniß
Form u Größe u Zahl bald sichtbar, bald hörbar
bald selbst schon fühl- und tastbar ausspricht, so
erscheint es als wenn alles allseitig auf Mathematik
als die eigentl. Quelle u den Mittelpunkt aller
Sacherkenntniß hindeute; darum erscheint sie hier
dem Kinde in reinster Kindlichkeit; ja sie wird
gleich dem ernsten lebenserfahrenen und lebenswei-
sen, alles durch- und überschauenden wie beherrschenden Manne
mit dem Kinde selbst zum Kinde. Und so ist es im
allen was für die Erziehung u Bildung des Kindes lebens[-]
wichtig ist, dann so auch in der Natur –
zu deren sinnigen Beachtung als einem Buche u Schrift
Gottes so ebenfalls auch die Kinderpflegeringärtnerinnen hingeführt werden
um wieder ihre Kindlichen <?> rein u d[urc]h dieselbe sie
zu ihrem gemeinsam liebenden <?> Vater hin zu führen
reden besonders in der stillen <?> Gewächs- Blüthen- und Blumen-
welt stille Engel zu den Kindlein ihnen Kunde
von einem alle und besonders die Kindlein liebenden
Vater zu bringen. Darum auch Ausbildung wenigstens
Weckung des Sinnes für Blumen- u Gewächs- für
Gartenpflege, wie denn auch Gärtchen für Kinder ein
wesentlicher Theil eines Kindergartens wie überhaupt
sinnig entwickelnden Kinderziehung ist[.]
Diese nun aber in Familien hängt von Einzelbe-
<stimmung> u Verhältnissen ab; ich sage es bleibt mir darum nur
noch übrig ein paar Worte
B über die Kindergärten zu sagen
in welchen nun alles dieß im vorstehenden
Angedeutete nach Maaßgabe der Forderungen und
der Verhältnisse in Anwendung kommt.
Die Ausführung der Kindergärten kann nach den
bis jetzt vorliegenden Erfahrungen auf 3 verschiedenen Weisen
statt finden; ebenso kann auch ihre Ausdehnung nach Maaß-
gabe der dabei bethei wirksamen Personen verschieden
seyn und sie kann von 20 und weniger bis 200 Kinder um-
fassen; dieß ist wenigstens bis jetzt die größte Anzahl
von Kinder[n] bei welchen diese Führungs- und Beschäftigungs[-]
weise in Anwendung kommt. Was aber die
Ausführung selbst betrifft, so kann sie entweder
reines privat Unternehmen Eines wie in
Frankfurt a/m Dresden Quetz bei Halle, oder eines wie in Gotha seyn
sie kann aber auch die Sache eines Vereines seyn
und entweder blos von Frauen wie in Darmstadt
und Homburg vor der Höhe Hildburghausen oder eines Vereines
von Familien Vätern seyn wie in Lünen in der
Grafschaft Mark u in Annaburg, oder wie
dieß in Adorf im sächsischen Voigtlande der Fall seyn
soll; es kann die Gründung u Bildung der Anstalt von
dem Stadtrathe u der Cammer ausgehen /
[3R]
Jede dieser Gründungsweisen hat ihr eigenthüml
Gutes, der Geist der Begründung u Führung bleibt
dabei immer das Wesentl.
Wie aber die Kinder in den Kindergärten
in der Eigenthümlichkeit u Harmonie ihres Wesen[s] wie im
Einklang und Zusammenhang der gesammelten Lebens
Verhältnisse erfaßt u in hohen LebensEinklange
entwickelt werden sollen dieß deutet schon
der Name also wenigstens nicht minder wie
jedes vom Gärtner gepfl[eg]te Pflegen in
Natur- Mensch[-] u Gotteinigung und
ist schon in vorstehendem viel ausgesprochen worden
wie auch daß das Kind darin allen seinen jetzigen künftigen
Lebensverhältnisse der Familie, der Gemeinde
dem socialen Verhältniß der Schule u dem Hause
dem Volke wie dem Staate in ächter u für ächte
Gott- Menschen[-] u Natureinigung entgegen erzogen werden
soll. Was sie wirklich leisten die Kindergärten
liegt in wirklich schon unzählbaren Stimmen
öffentlicher Organe der allgemeinen Prüfung vor[:]
Individuelle Entwicklung u Ausbildung des Einzelnen seinem Wesen
seiner Natur u seinem Verhältnisse wie dem großen Lebenszu-
sammenhange und dessen Gesetzen getreu und somit als Gliedganzes des großen Lebens Eines[.]

b) 2. Entwurf

[5]
[links Skizze einer Abhandlung (?), bezieht sich auf Artikel in ”Bremer Zeitung” v.12.4.1847. F. spricht im Text ”Andreä” an, evtl. gemeint Fr.W. Andreä /Stotternheim, dazu ein Brief von Andreä an F. v. 14.4.1848]
Bremerz[ei]tung No 102 – 12 April
Eine ächte Volks[-] und nationalErziehung muß
1) <festersch>, politisch, vaterländisch u volksthüml, ja staatsrechtl begründet seyn
2) sie muß gerad zur richtigen Zeit angeregt werden
3) sie muß in naturwüchsiger Weise sich entfalten und hervortreten
4) sie muß d[urc]hdringend u fermentirend genug seyn um die übereinander
liegenden harten und schwer zu vereinenden Schichten deutscher
– römischer – Griechischer – christlicher – Germanischer Bildung selbst morgenländischer zu d[urc]hbrechen und zu einem höhern organischen Ganzen verwachsen zu machen
5)sie muß eine felsenfest (naturfeste) Organisation in
sich tragen, welche die Einheit um so mehr begründet, je we-
niger sie in den Theilen vorgearbeitet ist.
[: An Andreä, Wessen Gemüt von deutschen Gefühlen durchdrungen ist
wessen Geist deutsche den Gedanken pflegend in sich trägt, wie
sollte der nicht im Innersten von dem ergriffen u erregt werden
was jetzt die Zeit vor allem die Völker unser Volk bewegt
Wessen Geist unverrückt den Entwicklungsgang der Zeit und ihrer Er-
scheinungen verfolgt wie sollte der nicht gefesselt u angezogen werden von
einem Organ welches alle diese Thatsachen u Erscheinungen in scharfen Umrissen
kräftiger Sprache u in sinn[-] u bedeutungssprache uns vorführt, und
so werden Sie es gewiß verzeihlich finden wenn ein Mann wenn
auch nur nach sehr kurzer persönlichen Bekanntschaft welcher seit
Jahren sein Volk u sein Vaterland pflegend und erziehend in sich trägt sich zur Quelle
dieses Organs hinwendet um in ihrer ruhigen Spiegelklarheit, auch die
Thatsache seiner Lebensthatsachen von diesem Standpunkt aus prüfen zu lassen
und dieß um so mehr als Sie theilnehmend der persönl Mittheilung <beehrten> []]
6. die Nothwendigkeit einer solchen felsenfesten Organisation des
deutschen Erziehungswesens ist lang schon gefühlt worden und zeigt
sich überall klar und zwar wurde sie erstrebt
7. auf dem Wege friedl. Revolution. Basedow u Rochow
Salzmann Kampe
8. Forderung eines deutschen Erziehungswerkes
9. Es liegen dazu die Glieder eines Erziehungssystems vor reich pp.[bricht ab]

Antwort auf den Brief der M[i]ss Howe in Leitheim b. Donauwörth.
Keilhau am 6. April 1847.
1. Zuförderst den besten Dank für Ihre war-
me Theilnahme an meinen erziehenden Be-
strebungen; möge dieselbe für das aufkeimende
Geschlecht, wo auf der Erde es auch immer
sey, nicht ohne segensreiche Folgen bleiben.
2. Der von Ihnen wohlmeinend, zu Erreichung mei-
nes Lebenszieles mir ausgesprochene Gedanke
und gemachte Vorschlag: mein, nun sich schon
seit Jahren in seinem Erfolge bewährendes
System der entwickelnden Erziehung in einer
Weltstadt: Paris oder London oder in den
Vereinigten Staaten zur Prüfung und Anwen-
dung mitzutheilen, ist mir schon mehrfach von
stimmberechtigten Männern, Engländern
Amerikanern wie auch selbst von Deutschen
ausgesprochen worden; ein Haupthinderniß
aber, welches dessen Ausführung von meiner
Seite bis jetzt noch entgegen steht, ist mein Mangel an Be-
herrschung sowohl der französischen als engli-
schen Sprache.
3. Das Erziehungssystem sowohl an sich, sowohl
als der Plan zu dessen Ausführung, sind von
mir ganz durchgearbeitet, und liegen mir klar
vor und haben sich in der Anwendung,
so weit deren Verwirklichung bis jetzt möglich
war, durch ihre Ergebnisse schon mehrfach be-
stätigt; obgleich sie beide Erziehungssystem
wie Plan, bis jetzt nur erst theilweise, in Be-
ziehung auf einzelne Seiten, keinesweges
aber schon als ein Ganzes durch den Druck
der Öffentlichkeit übergeben sind.-
4. Jede in sich scharf abgegrenzte und klar be-
stimmte Bildungsstufe des Menschenge- /
[5R]
schlechtes, wie diejenige ist, in welcher wir
gegenwärtig leben, fordert auch ihre ganz
bestimmte und eigenthümliche Erziehungs-
weise, und so fordert die jetzige Bildungsstufe
des Menschengeschlechtes ein Erziehungssystem,
welches den Menschen in seinem Wesen, seiner
Natur, wie in all seinen Beziehungen und
Verhältnissen erfaßt, darum das Kind
seinem Wesen getreu im gesammten Lebens-
zusammenhange entwickelnd erzieht
.
Dieß Erziehungssystem ist aber eben das
meine, und darum hat es sich denn auch, selbst
in seinem Plane der Ausführung, zur bestimmten
Aufgabe gestellt, eben dem jetzigen Stand-
punkte der Lebensforderungen genügend,
die praktische und ausübende Erziehung ganz
neu zu begründen (: in der Art d.h. wie aus jeder in sich vollende-
ten Bildungs- oder Entwickelungsstufe die neue
und folgende mit Nothwendigkeit hervortritt, so
wie
z. B. aus der Blüthe sich die Frucht ent-
wickelt :) und dieß zwar nach fol-
gendem                Plan.
I Mit Bestimmtheit, Ernst und Ausdauer dahin
zu wirken, daß sich auch sorgsamere Beachtung des Kindes
seiner Verhältnisse und seines Entwickelungsganges allgemeiner werde
und so gründlichere Einsicht in
das Wesen, die Natur und in die gesammten
Lebensbeziehungen des Kindes sich bilde;
daß somit immermehr die Entwickelungsgesetze, der Entwickelung
des Kindes und Menschen durch selbstBeobachtung der Erziehenden
erkannt und anerkannt werden und das Kind auch wirklich denselben gemäß be-
handelt werde, dahin zu wirken, daß tiefere
Einsicht sich bilde in die Bedeutsamkeit der
Lebens- und Thätigkeitsäußerungen des
des Kindes, wie in die, durch den reinen Naturtrieb der Mutter
bestimmte Behandlungsweise desselben, beides als sinnbildlich, sowohl in Beziehung
auf dessen die Bestimmung des Kindes als Mensch, als sinn-
bildlich in Beziehung auf Art und Weise, Mittel und Weg auf zu deren Erfüllung,
indem diese beiden Beachtung der Mutter und (Beachtung) des Kindeslebens, der
sich darin aussprechenden Entwickelungsgesetze, und deren Anwendung [es]
besonders sind welche bei ruhiger Einsicht in das Wesen des Kindes und
dessen Lebensbeziehungen die allgenügende, d.h. die allseitig entwickelnde Erziehung des
Kindes herbei führen indem weil sich darin die Forderungen der Erziehung
wie in ihrem Keimen wie in deren Mitteln u Wegen zu ihrer Beförderung klar
und bestimmt wenn auch, wie gesagt, oft nur sinnbildlich doch aussprechen

Darum ist endlich der Zweck des Planes, daher besonders diesem allen entspre-
chenden Kinderbeachtung und dahin zu wirken, daß entwickelnd erziehende Kinderpflege
und Führung allgemeiner werde, ja als die dem Menschen,
dem Einzelnen, wie den kleineren u größeren Gemeinsamkeiten
u endlich des ganzen Menschengeschlechtes wahrhaft entsprechend
[sich] beurkunde.
Demgemäß nun liegt es [in dem] II Plane, im Besonderen /
[6]
II herbeizuführen eine, dem Wesen und der
Natur des Kindes, dessen Entwickelungs- und
Bildungsgange entsprechende, also harmonische
Sinnen- Glieder- und Körper- und dadurch
eben solche Seelen- und Geistes-Bethätigung und hierdurch
wieder harmonische Entwickelung und Ausbil-
dung der gesammten leiblichen und geistigen
Lebensbedingungen und Anlagen des Kindes.
Schon im Jahr 1826 habe ich mich bemühet in
einer Schrift ”Die Menschenerziehung” 1 Band
(Preiß Rth 2- pr Ct) den Weg dazu anzu-
bahnen.
Da aber dieser Weg schon mit der Geburt
des Kindes also in der Familie besonders von
der Mutter und denen betreten werden
muß, welchen die erste und früheste Kindheit-
pflege anvertraut wird, so habe ich in den Jahren
1838/40 diesen Weg in mehrfacher Weise durch
eine Zeitschrift ”Das Sonntagsblatt” (: wovon
bis 1840 4 Hefte Preis Rth3 1/3 prCt erschienen sind :)
zu bezeichnen gesucht; ganz besonders aber habe ich
zum Verfolge dieses Weges Anleitung gege-
ben in einer eigenthümlichen Art praktischen
Erziehungsbuches für allererste Kinder-
beachtung, für Körper- Glieder- und Sinnen- und
somit Seelen- und Geistesentwickelung des Kindes,
durch ein Mutter- und Familienbuch unter dem
Titel: ”Mutter- Spiel- und Koselieder, wie
auch Lieder zu Körper- Glieder- und Sinnenspielen
zur frühen und einigen Pflege des Kindheitlebens.
Mit Randzeichnungen, erklärendem Texte und Singwei-
sen [”] (: Preis Rth 2 ½)
III Da aber eine solche, den Entwickelungs- und
Lebensgesetzen des Kindes entsprechende Kin-
derführung und Bethätigung, auch der ihre ganz
entsprechende Beschäftigungs- und somit /
[6R]
Spielmittel und Weisen für das Kind fordert,
so habe ich auch in dieser Beziehung eine Reihe
von Spielmitteln und Weisen unter dem
Namen: - ”Ein Ganzes von Spielgaben
ausgearbeitet und anfertigen lassen, welche
bis jetzt zur 5ten Spielgabe veröffentlicht
sind und zu deren Gebrauch ganz besonders
das schon oben erwähnte Sonntagsblatt die
Anleitung enthält.
IV Weil nun aber Der jetzige Standpunkt des soci-
alen Lebens fordert aber durch alle Stände und Lebens-
verhältnisse hindurch schon für die früheste
vollkommenere Kinderpflege wie für die spätere tüchtigere Erziehung
für die Mütter fremde Hülfe durch Kinderwär-
terinnen, Kindermädchen, Kinderführerinnen
und Erzieherinnen fordert; da aber nur das
Vollkommene und Tüchtige kann wieder das Vollkom-
mene und Tüchtige bewirken, jenes aber nur
durch Gemeinsamkeit erreicht werden kann,
wie denn auch die Kindererziehung selbst die
Gemeinsamkeit der Kinder im Wechsel mit
der Stillen und häuslichen Erziehung fordert,
so darum erkannte ich ganz im Geiste der jetzigen socia-
len Entwickelungsstufe schon im Jahre 1840 die
Nothwendigkeit der Ausführung zweier ver-
schiedener Bildungsanstalten:
A. der einen, zur Ausbildung erziehender Ge-
hülfinnen in die häuslichen und Familienkreise
als Kindermädchen, Kinderführerinnen und
Erzieherinnen
; dann aber
da Kinder sich besonders durch beaufsichtigtes
und geleitetes Zusammenleben und Spielen sich
gegenseitig ausbilden
B. zweitens auch die Ausführung einer solcher Erziehungs- u Bildungsanstalt
auch solcher, wo die Erziehung auf gesetzmäßiger Frey-
und Selbstthätigkeit der Kinder beruhtenden
Entwickelungs- und Bildungsanstalten, denselben
welcher ich
daher, ihrer Führungsweise und ihrem Zwecke entsprechend, /
[7]
den Namen

Kindergärten
gegeben habe, welcher Name sich aber leicht
durch sich selbst erklärt und rechtfertiget.
A.In der ersteren der genannten Anstalten
zur Ausbildung erziehender Gehülfinnen pp
würden zugleich Führerinnen und Vorsteh-
erinnen der zweiten Anstalten, der Kindergär-
ten gebildet werden. Auch diese Führerinnen
möchte ich gern zur erschöpfenden Bezeichnung
ihres Berufes und ihrer Wirksamkeit
”Kindergärtnerinnen” genannt wissen.
Zur Ausführung dieser ersten Anstalt suchte
ich nun – indem ich gern das Vollkommenste
hergestellt hätte – bei Gelegenheit der
Feier des Gutenbergfestes 1840, die all-
gemeine Theilnahme zu wecken. Da mir
aber dieß, in dem Maaße, als es der Gegen-
stand fordert, bis jetzt noch nicht gelungen ist,
so suche ich diese Anstalt, so weit solches
als das Privatunternehmen eines Einzelnen
und ohne eigentliche Geldmittel zu erreichen
möglich ist, durch mich selbst und auf meine
eigene Hand auszuführen. Demgemäß
nun gebe ich jährlich einen Bildungscursus, deren
Dauer ich, um die Theilnahme an denselben
durch verringerten Kostenaufwand zu
vermehren auf die Zeit von 6 Monaten her-
abzusetzen genöthigt worden bin. Auch die
von Ihnen erwähnte Caroline Renovanz
hatte früher an einem dieser Bildungscur-
suse Antheil genommen; doch seit jener Zeit
haben sie gar an innerer Vollkommenheit,
wie an äußerer Ausbildung und darum
auch an Wirksamkeit für das Leben und
im Leben zugenommen. -
Der Zweck dieser Anstalten ist, wie
Sie ganz richtig bemerken, junge Mädchen /
[7R]
und herangereifte Jungfrauen, so aus-
zubilden, daß man ihnen mit voller Sicher-
heit kleine Kinder und diese bis zur Schul-
reife in dem Maaße anvertrauen kann,
daß von ihnen nicht nur gut für dieselben
gesorgt wird, sondern daß sie überdieß
von denselben auch auf eine Weise beschäf-
tiget werden, welche in ihnen auf der einen
Seite nur gute, den Menschen später aus sich
veredelnde und so erziehend fortwirkende
Eindrücke und Gesinnungen zurück läßt;
so wie aber auch die Kinder nach der andern
Seite hin auf eine Weise entwickeln, welche
diese weiter zur Ausbildung aller ihrer An-
lagen, den Forderungen des Lebens entspre-
chend, geschickt machen; weßhalb auch mit die-
sem Bildungscursus die Theilnahme an Kinder-
gärten verknüpft ist, die, wenn sie auch in
der Vollkommenheit ihrer Ausführung noch
gar viel zu wünschen übrig lassen; dennoch
geschickt sind, den Schülerinnen hinlängliche Übung
für ihre künftige ausübende Wirksamkeit
zu geben.
Die Einrichtung dieser Anstalt ist folgende:
a) Für die Schülerinnen beginnt der allgemeine
Arbeitstag Morgens 7 Uhr (die Stunden
vorher sind ihrem Gebrauche frei gegeben)
wo sie, nach der allgem. Morgenandacht,
von 7-8 in den verschiedenen Classen der
größeren Knabenerziehungsanstalt an dem
Religionsunterricht Antheil nehmen, da-
mit sie, in Beziehung auf ihre einstige
religiöse Kinderpflegeführung und auf die Pflege
des religiösen Lebens in seinen ersten Keimen –
den Gegenstand ganz beherrschen können.
Von 8-9 ist Frühstück und Freizeit
Von 9-10 Vorführung und Beachtung des
Entwickelungsganges des Kindheitlebens, des
sich dadurch offenbarenden Wesens und der
Natur des Kindes, wie der sich daraus mit
Bestimmtheit aussprechenden Gesetze und noth-
wendigen Forderungen der Kindheitpflege und
Erziehung.
Der übrige Theil der verschiedenen Wochentage
bis Abends 7 Uhr – (: mit zweimaliger, im /
[8]
Ganzen dreistündiger Unterbrechung zur Mit-
tags- und Vesperzeit jedes Tages :) ist bei den
Schülerinnen der Ausbildung und Einübung
praktischer Tüchtigkeit für Kinderführung ge-
widmet, darum
a. zuerst: Ausführung kleiner, die Glieder und
Sinne des Kindes bethätigende, besonders Hand-
und Fingerspiele mit Grundlegung des obenschon
gedachten Familienbuches.
b. dann die Ausführung und Einübung anderer bethä-
tigender Kinderspiele
, die nun aber, nach Maas-
gabe der gewonnenen Entwicklung des Kindes,
an entsprechendem Spielzeuge und mit dem schon
oben erwähnten Spielmateriale ausgeführt
werden, welches in sich ein ebenso lebenvolles
Ganzes bildet, wie es auch das Kind allseitig
in das Leben einführt und für dasselbe ausbildet;
und dieß mehrfach nach Anleitung und mit Grund-
legung
des schon oben erwähnten Sonntagsblattes. –
c. weiter Aneignung der verschiedensten – aus jenen
Spielen, als einem organischen Ganzen, mit Noth-
wendigkeit, gleich Blüthen und Früchten hervor
gehenden kleinen Handfertigkeiten, den verschie-
denen Entwickelungsstufen des Kindes, und selbst
der noch geringsten genau entsprechend. Dieser
Zweig der Ausbildung ist wieder für die Kinder-
pflegerinnen rc auf das Höchste gleich den vorigen
wichtig, weil das Kind dadurch in die Auffassung
seiner eigenen Thätigkeit wie der Lebenserschei-
nungen als eines stetigen lebenvollen Ganzen
eingeführt wird; doch ist hierüber noch nichts
durch den Druck veröffentlicht.-
d. Dann Einübung gemeinsamer Kinder- und besonders
Bewegungsspiele
um das Kind seiner
eigensten geselligen Natur getreu früh für
geselliges Zusammenwirken und dessen For-
derungen auszubilden; wie denn ein nothwen-
diger im Innersten des Ganzen tiefbegründeter,
nicht zufälliger u willkührlicher Wechsel in den /
[8R]
Kinderspielen und Beschäftigungen, Grund-
gesetz des Ganzen ist, zu dessen Erfüllung
die Kinderpflegerinnen, als ächte Kinder-
gärtnerinnen herangebildet werden;
darum folgen aus den Sitz- und Steh Einzel-
spielen die gemeinsamen; aus den Sitz- und
Stehspielen entwickeln sich die gemeinsamen Bewegungs-
spiele und hier erscheint wieder das spielende
Kind bald einzeln und bestimmend, bald wieder
als ein- und untergeordnetes Glied im grö-
ßeren Ganzen, damit es so seine Kraft für
jede der beiden in sich entgegengesetzte Lagen sei-
nes künftigen Lebens sich entwickele; alles
dieß aber stets dem Wesen des Kindes, dem
innern Entwickelungsgange desselben, dessen
Natur, wie seinen äußeren Lebenserscheinungen
deren Bedingungen und Gesetzen entspre-
chend um dasselbe dadurch für allseitige Har-
monie und wie zur einsichtigen, so zur sinnigen
sittigen und sittlichen, ja selbst zur religiösen
Erfassung des Lebens ausheranzubilden.
Weil aber dazu, besonders in der ersten
Kindheit wie selbst noch in den späteren Lebens-
alter ein wesentliches Bildungs- und Beför-
derungsmittel der Gesang durch Wort und
Ton, Melodie und Inhalt ist, darum
e) weiter bei den Schülerinnen im Laufe ihres
Unterrichtes wie überhaupt: Ausbildung für
Kindergesang, so besonders Ausführung klei-
ner, das Herz bildender wie Gemüth und Geist
nährender und erhebender kleiner Liedchen, wel-
che theils die mannichfachen Spielchen der Kinder
begleiten, besonders aber auch den innern Sinn
derselben und namentlich der kleinen Erzeugnisse
der Selbstthätigkeit und des Fleißes der Kinder
deuten, und in Allem die Harmonie, den hohen
Einklang u so selbst die Liebe u.s.w. erkennen
und fühlbar machen wodurch sich der Schöpfer in der
Gesammtheit alles Lebens, als treusorgender Vater
stets noch offenbart.-/
[9]
Wie sich nun in den Kindern welche nicht der Füh-
rung solcher Kinderpflegerinnen anvertraut wer-
den die Singlust und Singfähigkeit und selbst die Nei-
gung für wirklichen Gesang entwickelt und ausbildet
liegt am Tage.-Was aber für Herz, Gemüth und
Geist die Ausbildung durch den Gesang, durch das Ohr
ist, das sind für die Ausbildung derselben durch das
Auge die schönen Formen, Gestalten und Farbengebilde;
also was dort das Singen, das ist hier das Zeichnen,
die Farbengebung.
f. Also im Laufe der Ausbildung der Schülerinnen
entwickelt sich auch in reinster Stetigkeit aus der
Anwendung und Einübung der mannichfachen be-
sonders der Gestaltungsspiele, das allererste, begrün-
dende Zeichnen, sowohl in Hinsicht auf die Ausbildung
des Auges nach Maas und Form, so in Hinsicht auf
den Gebrauch der Hand zum Zweck der Darstellung[.]
g. An die Namen der Gegenstände, die Bezeichnung ihrer
Eigenschaften und Verhältnisse knüpft sich ganz ein-
fach die begründende Beachtung der Sprache. Und
hier entwickelt sich wieder auf die einfachste Wei-
se aus der Sichtbarmachung des Wortes, des
Tones und Lautes rc durch bestimmte sichtbare
Zeichen das Schreiben und mit diesem zugleich das
Lesen.
k. An die stetig steigende Größe verschiedener Mengen
und deren Vergleichung knüpft sich die begründende
Beachtung der Zahl u.s.w.
l. Da sich nun so überall Gesetz, Maas, Rhythmus,
Form, Größe, Zahl, Verhältniß u.s.w. bald
sichtbar und bald hörbar, ja vielfach selbst schon
fühl- und tastbar ausspricht, so erscheint es, als
wenn Alles von allen Seiten auf Mathematik
und die begründende Entwickelung dafür als die ei-
gentliche Quelle und den Mittelpunkt aller Sacherkennt-
niß hindeute; darum erscheint sie hier dem Kinde
in reinster Kindlichkeit, ja sie wird hier, gleich dem
ernsten lebenserfahrenen und lebensweisen, Alles
durch- und überschauenden, wie beherrschenden
Manne mit dem Kinde, selbst zum Kinde. –
Wohin nun aber schon das ruhige Anschauen der
ruhig sinnig selbst gestalteten [Gegenstände]
[ Randnotiz*-*] * Innere[s] u Äußeres Verhältniß zu einander
Bewußtwerden der d[urc]h alles dieses geweckten Gefühle entwickelten entkeimten Gedanken besonders der <Kern Einheit> aller Dinge der <wahren Namen>
im Spiegel anderer Gedanken Aussprüche * /
[9R]
das Kind leitet, dahin führt es noch mehr die
lebenvolle Form und Gestalt in der Natur,
darum werden nicht minder auch
k. die Kinderpflegerinnen zur sinnigen Beachtung
der Natur als einem Buche und einer Schrift
Gottes hingeleitet um hinwiederum auch ihre
einstigen Pflegebefohlenen in dieselbe ein-
zuführen und auch durch dieselbe zu ihrem sie ge-
meinsam liebenden Vater, dem Schöpfer der-
selben, sie hinzuführen;denn auch in der Natur
bringen, besonders in der stillen sinnigen Ge-
wächs- Blüthen- und Blumenwelt bringen ja stille Engel
Kunde von Ihm.
l. Darum aber auch in der Kinderführerinnen-Aus-
bildung mindestens Weckung des Sinnes für
Gewächs- Blumen- und Gartenpflege; wie denn
überhaupt Gärtchen für Kinder ein wesentlicher
[Theil] jeder sinnig entwickelnder Kindererziehung
so wie besonders der Kindergärten sind.
m. Um nun aber auch die Schülerinnen zur leben[-]
vollen und freithätigen Anwendung von
allem diesen auszubilden und in dieselbe einzu-
führen, so haben sie an 4 Tagen in der Woche Spiel-
übungen in entsprechenden Kinderkreisen;2-
mal mit den Kindern unserer eigenen Familien
und einigen andern sich daran anschließenden,
und zweimal in der Gesammtschule der Kinder
unseres Pfarrspieles[.]
Durch dieß alles sucht nun die Bildungsanstalt
den nothwendigen Ansprüchen an ihre Schülerin-
nen, so wohl von Seiten der Familien wie von
Seiten der Kindergärten zu genügen. -
Deßhalb nun auch noch ein paar Worte
B. über die Kindergärten selbst in welchen
das im Vorstehenden Angedeutete nach
Maasgabe der Forderungen und Verhältnisse
in Anwendung kommt.-/
[10]
Die Ausführung der Kindergärten kann nach
den bis jetzt vorliegenden Erfahrungen auf
mehrfache Weise stattfinden; ebenso kann
auch ihre Ausdehnung nach Maasgabe der
dabei wirkenden Personen verschieden seyn;
sie kann von 20 und weniger, bis 200 Kinder
umfassen; dies ist wenigstens bis jetzt die
größte Anzahl von Kindern bei welchen die-
se Führungs- und Beschäftigungsweise in
Anwendung kommt.
Was aber die Ausführung selbst be-
trifft so kann sie entweder ein reines
Privatunternehmen eines Einzelnen wie z. B.
in Dresden, Frankfurt a/m und Quetz bei
Halle oder das einer Einzelnen seyn, wie
z.B. in Gotha; oder die Ausführung kann
auch die Sache eines Vereines seyn und hier
wieder entweder blos eines Frauenver-
eines wie z.B. in Darmstadt, in Homburg
vor der Höhe und in Hildburghausen, oder
eines Vereines von Familienvätern
wie dieß in Annaburg bei Torgau und
in Lünen in der Grafschaft Mark der
Fall ist; oder es kann die Gründung und
Bildung der Anstalt von Seite des Stadt-
rathes und der Commune geschehen,
wie dieß in Adorf im sächsischen Voigtlande
der Fall seyn soll.-

c) Reinschrift/Begleitschreiben

[11]
<P.P.>
Zuförderst sage ich Ihnen meinen besten Dank für Ihre
so warme Theilnahme an meinen erziehenden Bestrebungen
und besonders für Ihren freundlichen Rath mein System
der entwickelnden Erziehung, - welches sich an frühe, in
den Entwickelungsgesetzen des Menschen liegende gegründete Betheiligung und
Beschäftigung des Kindes knüpft und darum, wie zum sinnvollen
praktischen Leben so zur charaktervollen Ausbildung des Menschen
führt – in einer Weltstadt London oder Paris oder in den Ver[einigten] Staa[ten]
zur Prüfung vorzulegen. Mehrfach ist mir schon sowohl von
Amerikanern als Engländern wie auch selbst von theilnehmenden
Deutschen dieser wohlmeinende Rath gegeben worden; ihn zur
Ausführung zu bringen mangelt mir jedoch die Beh dazu
nöthige Beherrschung der beiden betreffenden Weltsprachen.
Deßhalb nun muß ich Ihnen auch hier die eigentliche weite-
re Beantwortung Ihres freundlichen Briefes und dessen
geneigte Anfrage deutsch in der Anlage deutsch beantworten;
zweifle aber nicht daß Sie deßselben hinlänglich mäch[-]
tig sind um mich zu verstehen, da Sie ja die Nachweisung
meiner, natürlich deutsch geschriebenen Bücher u Schriften
wünschen. /
[11R]
In dieser Beilage werden Sie auch die von Ihnen gewünschte
Nachweisung eben dieser meiner Schriften finden nebst
deren Preisen finden und es hängt von Ihrer Bestimmung ab was
Ihnen davon übersendet werden soll.
Möge meine aufrichtig und herzlich dankende
Anerkennung Ihrer gütigen und geneigten Theilnahme
Sie veranlassen, jede sich Ihnen darbiethende Gelegen[-]
heit wann und wo es immer sey, zu benutzen für die
Verbreitung wie besonders zur Anwendung der von
Ihnen so namhaft anerkannten ErziehungsIdee zum Wohle
des aufkeimenden Geschlechtes und zum Heil der
in den Kindern immer von Neuem geboren werdenden
Menschheit zu wi mit Nachdruck zu wirken.
Genehmigen Sie die Versicherung vorzüglicher
Hochachtung mit welcher ich die Ehre habe zu seyn
pp.
Keilhau bei Rudolstadt ab der Saale
Am 13‘ April 1847.

An Miß Howe in Leitheim bey Donauwörth
Adresse Frau Gräfin von Öttingen <Fanf>stätten.

d) Abschrift /Reinschrift (Beilage zu c)

[8]
An Miß Howe in Leitheim b. Donauwörth
Keilhau bei Rudolstadt a.d.Saale
          am 18ten April 1847.
Zuvörderst den besten Dank für Ihre warme Theilnahme
an meinen erziehenden Bestrebungen. Möge dieselbe
für das aufkeimende Geschlecht, wo auf der Erde es
auch immer sei, nicht ohne segensreiche Folgen bleiben.
Der von Ihnen wohlmeinend, zu Erreichung meines
Lebenszieles, mir ausgesprochene Gedanke und ge-
machte Vorschlag: - mein, nun sich schon seit Jahren
in seinem Erfolge bewährendes System der Erziehung
durch Entwickelung
, da es durch diese Grundsätze
so wie durch seine Anwendbarkeit ganz allgemeine
Ausdehnung gestattet – in einer Weltstadt, Paris oder
London oder in den vereinigten Staaten zur Prüfung
und zur Anwendung vorzuführen und mitzutheilen –
ist mir schon mehrfach von stimmberechtigten Männern,
Engländern, Amerikanern, wie auch selbst von Deut-
schen, ausgesprochen worden; ein Haupthinderniß aber,
welches dessen Ausführung von meiner Seite aus jetzt
noch entgegen steht, ist mein Mangel an Beherrschung
sowohl der französischen wie der englischen Sprache.
Das Erziehungssystem sowohl an sich, als der Plan zu
dessen Ausführung sind von mir ganz durchgearbeitet,
liegen mir klar vor und haben sich in der Anwendung
<davon>, so weit deren Verwirklichung bis jetzt möglich war,
durch ihre Ergebnisse schon mehrfach bestätigt, obgleich Er-
ziehungssystem wie Plan, nur erst theilweise in Be-
ziehung auf einzelne Seiten, keinesweges aber schon
als ein Ganzes durch den Druck der Öffentlichkeit über-
geben sind.-
Jede in sich scharf abgegrenzte und klar bestimmte Bildungs-
stufe des Menschengeschlechtes, wie diejenige ist, in welcher /
[8R]
wir gegenwärtig leben, fordert auch ihre ganz be-
stimmte und eigenthümliche Erziehungsweise, und so for-
dert die jetzige Bildungsstufe des Menschengeschlechtes
ein Erziehungssystem, welches den Menschen in seinem
Wesen, seiner Natur, wie in all seinen Beziehungen
und Verhältnissen erfaßt, darum das Kind beider
getreu, im gesammten Lebenszusammenhange entwik-
kelnd erzieht.
Das Erziehungssystem ist nun aber das meine, und
darum hat es sich denn auch, selbst in seinem Plane
der Ausführung, zur bestimmten Aufgabe gestellt, -
eben dem jetzigen Standpunkte der Lebensforderungen
genügend – die praktische, ausübende Erziehung ganz
neu zu begründen, d.h. aus der jetzigen Bildungs-
stufe die neue und folgende mit Nothwendigkeit zu
entwickeln, wie z. B. aus der Blüthe die Frucht sich ent-
wickelt und endlich reift; und dies zwar nach folgendem
Plan.
I Mit Bestimmtheit, Ernst und Ausdauer dahin zu wirken,
daß 1) sorgsamere Beachtung des Kindes, seiner Verhält[-]
nisse und seines Entwickelungsganges allgemein werde
und so
2) gründlichere Einsicht in das Wesen, die Natur und in
die gesammten Lebensbeziehungen des Kindes sich bilde;
3) daß somit immermehr die Entwickelungsgesetze
des Kindes und Menschen durch Beobachtung der Erzie-
henden erkannt und anerkannt werden, und das Kind
auch wirklich denselben gemäß behandelt werden, dahin
zu wirken, daß
4) tiefere Einsicht sich bilde in die Bedeutsamkeit
des Lebens, und besonders Thätigkeitsäußerungen
des Kindes, wie /
[9]
5) in die, durch den reinen Naturtrieb der Mutter be-
stimmte Handlungsweise derselben, beides als sinnbildlich,
sowohl in Beziehung auf die Bestimmung des Kindes als
Mensch, als sinnbildlich in Beziehung auf Art und Weise,
Mittel und Weg zu deren Erfüllung, indem diese beiden
Beachtung der Mutter und Kindeslebens, der sich darin
aussprechenden Entwickelungsgesetze, und deren Anwen-
dung es ganz besonders sind, welche die allgemein ge-
nügende, d.h.die allseitig entwickelnde Erziehung des
Kindes herbeiführen. Darum ist es endlich
6) der Zweck des Planes, diesem allen entsprechend dahin
zu wirken, daß entwickelnd erziehende Kinderpflege
und Führung allgemeiner werde, ja als die dem Menschen,
dem Einzelnen, wie den größeren und kleineren Ge-
meinsamkeiten: der Familien, dem Staate dem Volke,
ja dem ganzen Menschengeschlechte wahrhaft entsprechend
sich beurkunde.
Dem allen gemäß liegt es in dem Plane,
II im Besonderen herbei zu führen eine, dem Wesen und
der Natur des Kindes, dessen Entwickelungs- und Bildungs-
gange entsprechende, also harmonische Sinnen- Glieder-
und Körper-
und dadurch eben solche Seelen- Geistes- und
Gemüthsbethätigung
und hierdurch wieder harmonische
Entwickelung und Ausbildung der gesammten leiblichen
und geistigen Lebensbedingungen und Anlagen des Kindes.
Schon im Jahre 1826 habe ich mich bemühet, in einer Schrift
”Die Menschenerziehung” 1er Band (Preis Rth 2 pr Ct)
den Weg dazu anzubahnen. – Da nun aber dieser Weg
schon mit der Geburt des Kindes, also in der Familie
besonders von der Mutter und denen betreten werden
muß, welchen die erste und früheste Kindheitpflege an-
vertraut wird, so habe ich in den Jahren 1838/40 /
[9R]
diesen Weg in mehrfacher Weise durch eine Zeitschrift
”Das Sonntagsblatt” zu bezeichnen gesucht (: Von dieser
Zeitschrift sind bis jetzt 4 Hefte Preis Rth3 1/3 prCt erschienen.)
Ganz besonders habe ich jedoch Anleitung gegeben zum
Beginnen und Verfolgen dieses Weges in einer eigenthüm-
lichen Art praktischen Erziehungsbuches für allererste Kinder-
beachtung, für Körper- Glieder- und Sinnen- und somit
Seelen- Geistes- wie Gemüthsentwickelung des Kindes,
durch ein Mutter- und Familienbuch unter dem Titel:
Mutter- und Koselieder. Dichtung und Bilder zur edeln
Pflege des Kindheitlebens.
Mit Randzeichnungen
erklärenden Texten und Singweisen (Preis Rth 2 ½)
Mit dem Nebentitel: ”<Buch> Lieder zu Körper- Glieder-
und Sinnenspiele”u.s.w.
III Da aber eine solche, den Entwickelungs- und Lebens-
gesetzen des Kindes entsprechende Kinderführung und
Bethätigung auch ihre ganz entsprechende Beschäftigungs-
und somit Spielmittel und Weisen für das Kind fordert,
so habe ich auch in dieser Beziehung eine Reihe von
Spielmitteln und Weisen unter dem Namen: - ”Ein
Ganzes von Spielgaben
” – ausgearbeitet und anferti-
gen lassen, welche bis jetzt zur 5ten Gabe veröffentlicht
sind, und zu deren Gebrauch ganz besonders das schon
oben erwähnte Sonntagsblatt Anleitung gibt. Den
Preis dieser Spielgaben sagt eine gedruckte Beilage
”Die Fröbelschen Spiele”.
IV Der jetzige Stand des socialen Lebens fordert aber
durch alle Stände und Lebensverhältnisse hindurch schon
für die frühere und früheste vollkommenere Kindheit-
pflege, wie für die spätere tüchtigere Erziehung für
die Mütter fremde Hilfe durch kinderwärterinnen,
Kindermädchen und Erzieherinnen; aber nur das Voll- /
[10]
kommene und Tüchtigekann wieder das Vollkommene und
Tüchtige bewirken, jenes kann aber nur durch Gemein-
samkeit erreicht werden, wie denn auch die Kinder-
erziehung selbst die Gemeinsamkeit der Kinder im Wech-
sel mit der Stille der häuslichen Erziehung fordert.
Darum erkannte ich ganz im Geiste der jetzigen soci-
alen Entwickelungsstufe schon im Jahre 1840 die Noth-
wendigkeit
der Ausführung zweier verschiedener Bil-
dungsanstalten:
A. einer Anstalt zur Bildung erziehender Gehülfinnen
in die häuslichen und Familienkreise als Kindermädchen,
Kinderführerinnen und Erzieherinnen; dann aber da
Kinder besonders durch beaufsichtigtes und geleitetes Zu-
sammenleben und Spielen sich gegenseitig ausbilden
B. zweitens auch die Ausführung solcher Bildungsanstal-
ten für die in der ersten Entwickelung begriffenen Kin-
der, in welchen die Erziehung und Bildung derselben
auf gesetzmäßiger Frei- und Selbstthätigkeit der Kinder beruht,
d. h. einer Gesetzmäßigkeit;nicht willkührlich von
Außen gegeben, sondern die im Wesen und der Na-
tur des Kindes, aber als Mensch mit Nothwendigkeit
ruht, welcher aber in der Gemeinsamkeit und durch die-
selbe die nöthige Hilfe zur Geburt gereicht wird; welchen
Anstalten ich daher ihrem Zwecke und ihrer Führungs-
weise entsprechend die Namen – ”Kindergärten
gegeben habe, welcher Name sich aber leicht auch
dem <ihn eben Auszusprechenden> durch sich selbst erklärt
und rechtfertiget.
A. In der ersteren der genannten Anstalten zur Aus-
bildung erziehender Gehilfinnen pp. würden zugleich
Führerinnen und Vorsteherinnen der zweiten Anstaslten,
der Kindergärten gebildet werden. Auch diese Führerinnen /
[10R]
möchte ich gern zur erschöpfenden Bezeichnung ihres
Berufes und ihrer Wirksamkeit ”Kindergärtnerinnen”
genannt wissen. Zur Ausführung dieser ersten Anstalt
suchte ich nun – indem ich gern das Vollkommenste
hergestellt hätte – bei Gelegenheit der Feier des Guten-
bergfestes 1840, die allgemeine Theilnahme zu wecken.
Da mir aber dies in dem Maße, als es der Gegenstand
fordert, bis jetzt noch nicht gelungen ist, so suche ich die-
se Anstalt, so weit solches als das Privatunternehmen
eines Einzelnen und ohne eigentliche Geld-
mittel zu erreichen möglich ist, durch mich selbst und
auf meine eigene Hand auszuführen. Demgemäß
nun gebe ich jährlich einen Bildungscursus, deren
Dauer ich, um die Theilnahme an demselben durch
möglichst geringen Kostenaufwand zu vermehren,
auf die Zeit von 6 Monaten herabzusetzen genöthigt
worden bin. Auch die von Ihnen erwähnte Caro-
line Renovanz
hatte früher an einem dieser Bil-
dungscursus Antheil genommen; doch seit jener Zeit
haben sie gar an innerer Vollkommenheit, wie an
äußerer Ausbildung und darum auch an Wirksam-
keit für das Leben und im Leben zugenommen.
Der Zweck dieser Anstalt ist, wie Sie ganz richtig
bemerken, junge Mädchen und herangereifte Jung-
frauen so auszubilden, daß man ihnen mit voller
Zuversicht kleine Kinder und diese bis zur Schulreife
in dem Maaße anvertrauen kann, daß von ihnen
nicht nur gut für dieselben gesorgt wird, sondern
daß sie überdieß von denselben auch auf eine Art
beschäftigt werden, welche in ihnen auf der einen
Seite nur gute, den Menschen später aus sich ver-
edelnde und so erziehende fortwirkende Eindrücke /
[11]
und Gesinnungen zurück läßt; so wie aber auch die
Kinder nach der andern Seite hin mit einer Weise
entwickeln, welche diese weiter zur Ausbildung aller
ihrer Anlagen, den Forderungen des Lebens entsprechend
geschickt machen; weßhalb auch mit diesem Bildungs-
cursus die Theilnahme an Kindergärten verknüpft ist,
die, wenn sie auch in der Vollkommenheit ihrer Ausfüh-
rung noch gar Manches zu wünschen übrig lassen, den-
noch geschickt sind, den Schülerinnen hinlängliche Übung
für ihre künftige ausübende Wirksamkeit zu geben.
Die Einrichtung dieser Anstalt ist folgende:
a) Für die Schülerinnen beginnt der allgemeine Ar-
beitstag Morgens 7 Uhr (die Zeit vorher ist ihrem Ge-
brauch freigegeben) – wo sie nach der allgemeinen
Morgenandacht von 7-8 in den verschiedenen Classen
der verschiedenen größeren Knabenerziehungsanstalt
an dem Religionsunterricht Antheil nehmen, da-
mit sie in Beziehung auf ihre einstige religiöse Kin-
derführung und auf die Pflege des religiösen Lebens
in seinen ersten Keimen – den Gegenstand ganz be-
herrschen können.
b) Von 8-9 ist Frühstück und Freizeit
c) Von 9-10 Vorführung und Beachtung des Entwick-
lungsganzen des Kindheitlebens, des sich dadurch offenba-
renden Wesens und der Natur des Kindes, wie der
sich daraus mit Bestimmtheit aussprechenden Gesetze
und nothwendigen Forderungen der Kindheitpflege
und Erziehung; wie dies <aber> unter <a)> als wesentlich
für eine genügende Erziehung erkannt wurde.
d) Der übrige Theil der verschiedenen Wochentage
bis Abends 7 Uhr – (: mit zweimaliger, im Ganzen
dreistündiger Unterbrechung zur Mittags- Vesperzeit
jedes Tages :) ist bei den Schülerinnen der Ausbildung /
[11R]
und Einübung praktischer Tüchtigkeit für Kinderführung
gewidmet, darum hier
1) zuerst Ausführung kleiner, die Glieder und Sinne
des Kindes bethätigender Spiele, besonders Hand- und
Fingerspiele mit Grundlegung des schon gedachten
Familienbuches.
2) dann die Ausführung und Einübung anderer bethätigender
Kinderspiele
, die nun aber, nach Maßgabe der gewonnenen
Entwicklung des Kindes an entsprechendem Spielzeuge
und mit dem schon oben, unter III, erwähnten Spielmateri-
al ausgeführt werden, welches in sich ein ebenso leben-
volles Ganzes bildet, wie es auch das Kind allseitig in das
Leben einführt und für dasselbe ausbildet; und dies mehrfach
nach Anleitung und mit Grundlegung des schon oben er-
wähnten Sonntagsblattes. –
3) weiter Aneignung der verschiedensten – aus jenen
Spielen, als einem organischen Ganzen, mit Nothwendig-
keit gleich Blüthen und Früchten hervorgehenden, kleinen
Handfertigkeiten, den verschiedenen Entwickelungsstufen
des Kindes, und selbst der noch geringsten, genau entsprechend.
Dieser Zweig der Ausbildung ist wieder für die Kinder-
pflegerinnen u.s.w. gleich dem Vorigen auf das Höchste
wichtig, weil das Kind dadurch in die Auffassung seiner
eigenen Thätigkeit, wie der Lebenserscheinungen als eines
stetigen, Lebenvollen Ganzen eingeführt wird; doch ist
hierüber noch nichts durch den Druck veröffentlicht.
4) Dann Einübung gemeinsamer Kinder- und besonders
Bewegungsspiele
, um das Kind seiner eigensten geselligen
Natur getreu früh für geselliges Zusammenwirken und
dessen Forderungen auszubilden; wie denn ein nothwen-
diger, im Innersten des Ganzen tiefbegründeter keines-
weges zufälliger oder willkührlicher Wechsel in den Kin-/
[12]
derspielen und Beschäftigungen Grundgesetz des Ganzen ist,
zu dessen Erfüllung die Kinderpflegerinnen herangebildet werden. Darum
folgen aus den Einzelspielen die gemeinsamen, aus den
Sitz- und Stehspielen entwickeln sich die gemeinsamen Be-
wegungsspiele, und hier erscheint wieder das einzelne
spielende Kind bald einzeln und bestimmend, bald wieder
als ein verknüpftes und gleichgeordnetes Glied im größeren
Ganzen, damit es seine Kraft und Fähigkeit für jede
der beiden, in sich entgegengesetzte Lagen seines Lebens,
der bestimmenden und der gleich <manchmal> untergeordneten,
in sich entwickeln. Alles dies aber stets dem Wesen des
Kindes, dem innern Entwickelungsgange desselben, dessen
Natur wie seinen äußeren Lebenserscheinungen, deren
Bedingungen und Gesetzen entsprechend, um dasselbe da-
durch für allseitige Harmonie und, wie zur einsichtigen,
so zur sinnigen, sittigen, sittlichen, ja selbst zur religiö-
sen Erfassung des Lebens heran zu bilden. Weil aber da-
zu, besonders in der ersten Kindheit; wie selbst noch in dem
späteren Lebensalter ein wesentliches Bildungs- und Be-
förderungsmittel oft der Gesang durch Wort und Ton,
Melodie und Inhalt ist; darum
5) weiter bei den Schülerinnen im Laufe ihres unterrichtes
wie überhaupt Ausbildung für den Kindergesang, so
besonders Ausführung kleiner, das Herz bildende, das
Gemüth nährende und den Geist erhebende Liedchen
welche theils die mannichfachen Spielchen der Kinder beglei-
ten besonders aber auch den innern Sinn derselben
und namentlich der kleinen Erzeugnisse der Selbstthä-
tigkeit und des Fleißes der Kinder deuten und in Allem
die Harmonie, den innern Einklang und so selbst die Liebe
u.s.w. erkennen und fühlbar machen wodurch sich der /
[12R]
Schöpfer in der Gesammtheit alles Lebens, als treusorgender
Vater stets noch offenbart.
Wie sich nun in den Kindern, welche nicht der Führung
solcher Kinderpflegerinnen anvertraut werden die Sing-
lust und Singfähigkeit, und selbst die Neigung für wirk-
lichen Gesang entwickelt und ausbildet, liegt am Tage.-
Was aber für Herz, Gemüth und Geist die Ausbildung durch
den Gesang, durch das Ohr ist, dasselbe sind für die Ausbildung
derselben durch das Auge die schönen Formen, Gestalten
und Farbengebilde; also was dort das Singen, das ist hier
das Zeichnen und die Farbengebung.
6) Im Laufe der Ausbildung der Schülerinnen entwickelt sich
also auch in reinster Stetigkeit aus der Anwendung und
Einübung der mannichfachen Spiele, besonders der Gestal-
tungsspiele, das allererste, begründende Zeichnen, sowohl
in Hinsicht auf die Ausbildung des Auges nach Maaß und
Form, so in Hinsicht auf den Gebrauch der Hand zum Zweck
der Darstellung.
7) An die Namen der Gegenstände, die Bezeichnung ihrer
Eigenschaften und Verhältnisse knüpft sich ganz einfach die
erste und begründende Beachtung der Sprache. –Und hier
entwickelt sich wieder auf die einfachste Weise aus der
Sichtbarmachung des Wortes, des Tones und Lautes rc
durch bestimmte sichtbare Zeichen – auf dem Wege wie
ganz freithätiger, so die innere wie das äußere Leben,
somit den Thätigkeitstrieb des Kindes pflegender Darstellung -
das Schreiben, und mit diesem zugleich das Lesen.
8) An die stetig steigende Größe verschiedener Mengen und
deren Vergleichung knüpft sich die erste und begründende <?> Be-
achtung der Zahl und ihrer Verhältnisse.
9) Da sich nun so überall Gesetz, Maaß, Rhythmus, Form,
Größe, Zahl, Verhältniß u.s.w. bald sichtbar und bald hörbar /
[13]
ja vielfach selbst schon fühl- und tastbar ausspricht, so erscheint
es, als wenn Alles von allen Seiten auf Mathematik
als den eigentlichen Weg und die Wissenschaft des Gesetzes
und Erkennens - gleichsam als den Mittelpunkt zunächst
aller Sacherkenntniß hindeute; darum erscheint sie aber
auch dem Kinde hier in der reinsten Kindlichkeit, ja sie wird
hier, gleich dem ernsten lebenserfahrenen und lebenswei-
sen, Alles durch- und überschauenden Manne mit dem Kinde
selbst zum kinde. –Wohin nun aber schon das ruhige An-
schauen der sinnig festgestalteten Gegenstände das
Kind leitet, dahin führt es noch mehr das sinnig verglei-
chende Betrachten der lebenvollen Formen und Gestalten
der Natur; darum werden nicht minder auch
10) die Kinderpflegerinnen zur sinnigen Beachtung der
Natur, als einem Buche und einer Schrift Gottes hingeleitet,
um hinwiederum auch ihre einstigen Pflegebefohlenen in
dieselbe einzuführen und auch durch dieselbe zu ihrem, sie
gemeinsam liebenden Vater, den Schöpfer derselben hinzu-
führen;denn auch in der Natur, besonders in der sinnvollen
Gewächs- Blüthen- Blumen- und Früchtewelt, bringen ja
stille Engel erhebende und beseligende Kunde von Ihm.
Darum aber auch
11) in der Kinderführerinnen-Ausbildung mindestens
Weckung des Sinnes für Gewächs- Blumen- und Garten-
pflege
; wie denn überhaupt Gärtchen für Kinder ein
ganz wesentlicher Theil jeder sinnig entwickelnden Kinder-
pflege und Erziehung, so wie besonders der Kindergär-
ten sind.
12) Das Bewußtwerden und besonders das sich stets Ver-
gegenwärtigen der, durch alles dies geweckten Gefühle
und dadurch entwickelten Gedanken, wird durch kleine
Liedchen, auch wohl Gedenksprüche, an das Wort geknüpft /
[13R]
Dies ist nun besonders bei dem Ahnen eines weisen Schöpfers
in der Natur und eines Vaters denkender, geliebter und
Wesen derFall.
13) Um aber auch die Schülerinnen zur lebenvollen und
freithätigen Anwendung von allem diesen auszubilden
und in dieselben einzuführen, so haben sie an 4 Tagen in
der Woche Spielübungen in entsprechenden Kinderkreisen;
2mal mit den Kindern unserer eigenen Familien und
einigen andern sich daran anschließenden und zweimal
in der Gesammtschule der Kinder unseres Pfarrspieles.
Durch dieß alles sucht nun die Bildungsanstalt den noth-
wendigen Ansprüchen an ihre Schülerinnen, sowohl von
Seiten der Familien wie von Seiten der Erziehung
überhaupt und der Kindergärten ins besondere zu genügen.
Deßhalb nun auch noch ein paar Worte
B. über die Kindergärten selbst, in welchen das im
Verstehenden Angedeutete nach Maaßgabe der For-
derungen und Verhältnisse in Anwendung kommt.
Die Kindergärten umfassen die Pflege und Erziehung des
Kindes von dem frühesten Alter bis zu den Jahren der
eigentlichen ”Reife zur Schule” , also bis zum 6ten, vielleicht
auch bis zum 7ten Jahre; es kommt hier sehr viel auf die
Entwickelungsstufe der Kinder, wie auf den Ausbildungs-
grad der Kindergärtnerin an.
Die Ausführung der Kindergärten nun kann, nach den
bis jetzt vorliegenden Erfahrungen auf mehrfache
Weise stattfinden; ebenso kann auch ihre Ausdehnung
nach Maaßgabe der dabei mitwirkenden Personen,
verschieden seyn; sie kann von 20 und weniger bis
200 Kinder umfassen; dies ist wenigstens bis jetzt die
größte Anzahl von Kindern bei welchen diese Führungs-
und Beschäftigungsweise voll in einem Locale mit seinen /
[14]
verschiedenen Räumen vereint – in Anwendung kommt.
Was aber überhaupt die Ausführung selbst betrifft, so
kann sie entweder ein reines Privatunternehmen eines
Einzelnen – wie z. B. in Dresden, Frankfurt a/m und
Quetz bei Halle a.d.Saale – oder das einer Einzelnen
sein – wie z.B. in Gotha, - oder die Ausführung kann
auch die Sache eines Vereins sein, und hier wieder
entweder blos eines Frauenvereins – wie z.B. in
Darmstadt, in Homburg vor der Höhe und in Hildburg-
hausen
, oder eines Vereins von Familienvätern, wie
dies in Annaburg bei Torgau und in Lünen in der
Grafschaft Mark, preußische Provinz Westphalen, der
Fall ist; oder es kann die Bildung und Gründung der
Anstalt von Seiten der Frauen und des Stadtrathes ge-
schehen, wie dies in Adorf im königlich-sächsichen
Voigtlande der Fall sein soll.-
Möge nun das hier über meine Weise der ersten und
frühesten Kinderpflege und Beachtung als Thatsachen
Ausgesprochene Ihren Wünschen entsprechen. Über das
Weitere muß ich mich auf meine Druckschriften und
<Satzungen> beziehen. Empfangen Sie Miß! die Ver-
sicherung ganz besonderer Hochachtung
Ihres
ergebenen
FriedrichFröbel