Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Robert Felsberg in Neidschütz b. Naumburg v. 25.4.1847 (Keilhau)


F. an Robert Felsberg in Neidschütz b. Naumburg v. 25.4.1847 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. KG 1871, 12-15, Seitenzahlen nach der Edition)

Keilhau b. Rudolstadt 25. April 1847.


Sehr geschätzter Herr Felsberg!

Sie werden sich vielleicht wundern schon einen Brief und Sendung von
mir zu erhalten; der Grund davon liegt in einer tieferen Beachtung und
längeren Erfahrung meines Lebens, welche beide mir sagen: „wir würden
in der Entwickelung und Ausbildung des Menschengeschlechtes, im Ein-
zelnen wie im Ganzen und zunächst eines und unseres Volkes, wie der
einzelnen Glieder desselben, nach Maßgabe der Entwickelungsmomente eben
dieser Einzelnen, bei weitem weiter vor- und fortgeschritten sein, wenn wir /
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eben die sich uns gezeigt habenden und von uns erkannten und anerkannten
Entwickelungsmomente Einzelner, betreffen diese nun Personen oder Gegen-
den, sorgsamer, thätiger und stetiger pflegend festgehalten hätten.“ In die-
ser sorgsamen, thätigen und stetigen Pflege auch des scheinbar kleinsten aber
ächten und gesunden Lebenskeimes, darin nun finde ich die Grundlage, den
Ausgangs- und den Quellpunkt aller ächten Lebensverbesserung sowohl des
Einzelnen, wie der einzelnen Familien als der Gemeinsamkeiten, wie end-
lich des ganzen Volkes, der Völker und so des Menschengeschlechtes, wie
endlich der ganzen Menschheit; es erscheint dieser Weg ein langsamer, allein
er scheint es wirklich nur: es werden künftigen 13. Novbr. 31 Jahre, daß
ich die hiesige, die allgemein deutsche Erziehungsanstalt gegründet habe.
Hätte nun in dieser, ein sogenanntes ganzes Menschenalter umfassenden An-
zahl von Jahren nur bei 12 Kindern bis zur Lebensreife herauf die sorg-
sam beachtende, und durch Selbst- und Freithätigkeit entwickelnd-erziehende
Ausbildung statt finden können, zu welch einem Ergebniß, zu welchen Früch-
ten müßte eine solche treue nachgehende Lebenspflege geführt haben; wäh-
rend jetzt bei einer Anzahl von wohl 200 Zöglingen die Wirkungen größ-
tentheils Stückwerk und Stückeleien sind. - Darin nun hat meine möglichst
treue und sorgsame Pflege jedes mir gezeigten gesunden Lebenspunktes, darin
meine Pflege der mir von Herrn H. [Härter] und Ihnen gezeigten Lebenskeime ihren
Grund. - Da nun aber die sorgsame und stetige Pflege des frischen
und gesunden Lebenskeimes in den ersten 6 Jahren unberechenbar vielmehr [sc.: viel mehr]
wirkt als die gleich sorgsame, ja wohl noch sorgsamere Pflege in den 6 fol-
genden und noch viel, vielmal mehr als in den drittfolgenden 6 Jahren,
indem man sagen kann, daß bis dahin der Charakter sich schon gebildet hat
- so haben darin weiter meine Kindergärten und mein Bemühen sie zu
verbreiten ihren Grund; indem sie eben auf der Grundlage, durch Selbst-
und Freithätigkeit nach ewigen Gesetzen entwickelnd-erziehender Ausbildung
beruhen. Darin nun aber hat es eben auch seinen Grund, daß überall das
eben aufkeimende und hervorsprossende Kindheit- und Kinderleben es ist, was
mich still und gleichsam mir selbst unbewußt als ein mächtiger Magnet mit
fast unwiderstehlicher Gewalt anzieht.
So will ich Ihnen nur, ehe ich zum eigentlichen Ziel und Zweck die-
ses meines jetzigen Briefes komme, ein offenes Geständniß ablegen. - Ich
leugne gar nicht, daß ich durch das mannichfache Gute und Erfreuliche,
was mir von Ihnen zur Kunde kam, Sie wahrhaft schätze und daß darin
ein Grund meiner schriftlichen Einkehr bei Ihnen gegeben ist; allein eben
so offen will ich es Ihnen gestehen, ein wohl noch tieferer Grund liegt in
Ihren erziehenden Verhältnissen; allein den letzten und tiefsten Grund möch- /
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ten Sie vielleicht schwerlich errathen; er liegt in einer Mittheilung einer
Ihrer ersteren freundlichen Briefe, worin Sie mir schreiben, daß auch ein
kleines, irre ich nicht, 3-4jähriges Mädchen Ihrer Miterziehung anver-
traut sei, und worin Sie bei mir anfragen: ob auch die von mir aufgestell-
ten Spielmittel und Weisen bei der Bethätigung und Erziehung derselben
anzuwenden wären? - Sehen Sie bester Herr Felsberg, diese Ihre Worte
und dieß mir persönlich ganz unbekannte Kind, dieß ist es, was mich so
fest bestimmte, von Ihrer freundlichen Einladung und der gütigen Erlaub-
niß Ihrer verehrl. Prinzipalschaft bei Ihnen einsprechen zu dürfen -
sobald als möglich Gebrauch zu machen; denn was mit der Erhaltung
und Bildung eines reinen weiblichen Gemüthes für das Menschengeschlecht
gewonnen wird, das werden Sie, nach dem was Sie mir, glaub ich, über
die Großmutter dieses Mädchens mittheilten, wohl verstehen; aber auch was
durch Miß- und Verbildung eines einzigen weiblichen Herzens und Ge-
müthes dem Menschengeschlechte für unsäglicher Nachtheil gebracht wird.
Herder's Worte, welche er in seiner Ariadne (siehe Sonntagsbl.) den Frauen
und Jungfrauen zuruft:
- „Sinnt und erziehet, ihr könnt es allein, die
glückliche Nachwelt!“
tönen mir immer in Ohr und Herz.
Also die stetige Pflege des Reinen und Kleinen ist es, was mich so
wiederkehrend zu Ihnen führt.
Doch das Gleiche muß ich auch in Beziehung auf unsern H. [Härter] aussprechen,
welcher ja auch in gleichem Geiste wie in seinem Berufe so in Gemeinsam-
keit mit uns wirkt.
Also Stetigkeit der Pflege reinen ursprünglichen Lebens nach seinem
eigenen innern Gesetz von seinen ersten Keimen an, das ist es was uns
zum ersehnten Ziele der Erziehung, der Menschenbildung bringen kann; doch
zu dem, was wir thun sollen, müssen wir wenigstens das Wie? kennen,
müssen Mittel bekommen, es durch uns selbst zu finden, zu erkennen. Da
Sie nun, lieber Herr Felsberg, der von mir aufgestellten und angebahnten,
durch Bethätigung entwickelnd-erziehenden Bildungsgang Ihre prüfende Auf-
merksamkeit schenken, auch für bessere Anerkennung und sich verbreitendere An-
wendung thätig sind, so werden Sie es natürlich finden, daß ich nach Mög-
lichkeit gern Ihrem stillen Wunsch entgegen komme, sich mit dem Gegenstande
auch so vertraut als möglich zu machen; deßhalb sende ich Ihnen - bis zu
unserm persönlichen Zusammenkommen - zum prüfenden Studium und
solcher Anwendung und dann zur Zurückgabe: /
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1 Mutter- und Koselieder nebst Melodienheft,
1 Farbenfolge von 6 Bällen nebst Köcher und Liederheft,
1 zweite Spielgabe Kugel und Würfel,
Gebrauchs-Anleitung im Sonntagsblatte,
1 dritte Spielgabe mit Lithographien,
1 vierte do.         mit        do.
Suchen Sie sich mit dem Gebrauche und der Wirkung desselben auf
Geist, Gemüth und Thatkraft dadurch bekannt zu machen, daß Sie sich selbst
als Lehrer zugleich Schüler, Zögling, Kind sind; oder sein sie [sc.. Sie] selbst Spiel-
genosse bald mit dem einen, bald mit dem anderen Ihrer Zöglinge, damit
Sie wie gesagt die Wirkung dieser Spiele und Spielweise an und durch sich
selbst erfahren. Sammeln Sie sich solche Erfahrungen, die entgegnenden
wie die beistimmenden; kommen wir dann zusammen, so tauschen wir solche
gegenseitig aus. - In den Koseliedern lesen Sie besonders zuerst die Er-
klärung der Randzeichnung; die Motto oder Stirnsprüche sollen für die Er-
ziehenden ein praktisches Erziehungsbuch sein. Sind Sie mit dem Buche
vertraut, so können Sie es ja auch Ihrer Frau Prinzipalin zur Prüfung
vorlegen und mit dieser dessen Inhalt besprechen, so wie ihn, so weit es die
Verhältnisse gestatten - anwenden. Sollten Sie weitern Gebrauch von
Buch und Sendung machen, so werden Sie gewiß gern für die Schonung
derselben Sorge tragen lassen.
Gewiß sind Sie musikalisch und so wird Ihnen wenigstens die Aneig-
nung und das Vorsingen der kleinen Ballliedchen leicht werden; daß ihre
Anwendung unmittelbar mit der Ausführung der verschiedenen Thätigkeiten
verschmolzen ist, liegt am Tage. - So versuchen Sie denn welchen Ein-
druck Thun - Wort - Takt und Rhythmus - Melodie und
Gesang in inniger Einigung z. B. auf Ihre kleinen Pfleglinge macht.
Empfehlen Sie mich Ihrer verehrl. Prinzipalschaft und grüßen Sie
Ihre lieben Kinder von Ihrem herzlich Ergebenen
Friedrich Fröbel.