Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Auguste Steiner in <Oberweißbach> v. 20.5.1847 (Keilhau)


F. an Auguste Steiner in <Oberweißbach> v. 20.5.1847 (Keilhau)
(BlM F 9/Taschen-Calender auf das Schaltjahr 1840, Bl 54 u. 57V, dat. Entwurf 8° 3 S. Auguste Steiner wurde von Januar bis Mai 1847 von F. in Keilhau zur Kindergärtnerin ausgebildet und übernahm am 9.6.1847 einen Kindergarten in Marienberg im Erzgebirge. Am 20. Mai hielt sich Auguste Steiner entweder noch in Keilhau oder bereits in Oberweißbach auf, um ihre Reise nach Sachsen vorzubereiten.)

An Auguste Steiner
Gewiß gehört es zu den schönsten Erscheinungen
d. Gegenw:[art] daß d. erste u früheste Erziehung
d. Kinder u. so des aufkeimenden künftigen
Geschlechtes nicht nur, wie bisher in den ab-
geschlossenen Familien, sondern selbst in grö-
ßeren Gemeinsamkeiten u. Vereinen – „in
lieblichen Kindergärten“ – als ein wesent-
licher Theil des weiblichen Berufes nicht
blos erkannt wird; sondern daß besonders
Jungfrauen u Frauen sich diesem so hoch-
wichtigen Berufe der frühesten u ersten
Erziehung d. Kindheit mit Sorgfalt, Ein-
u. Umsicht wie Übung entgegen aus
bilden, und als treue Kindergärt-
nerinnen mit Liebe widmen. – Diese
Thatsache des Lebens allgemein erkannt,
beachtet und sorgsam gepflegt führt, nach
dem weisen Plane der Vorsehung, ganz bestimmt
die sittliche Verjüngung u Erneu-
ung des ganzen Menschengeschlechtes u
zunächst in unserm l. Vaterlande herbei,
führt die Menschheit dem Ziele sittlicher u.
gotteiniger Veredlung auch im einzelnen
Menschen entgegen, welches wir alle, als
eine wahre Gottesgabe im Busen tragen.
Schon im ersten Aufkeimen des Menschenge[-]
schlechtes auch im einzelnen Menschen und
Kinde zur Erreichung dieses Zieles bei
demselben zu wirken, ist der eigentlich
höhere sittliche menschliche gotteinige
Beruf des Weibes, durch die Erfüllung
desselben tritt nicht nur das ganze weibl /
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liche Geschlecht und nicht nur jede
Frau und Mutter, sondern schon
jedes Mädchen und Jungfrau in sein
wahres so klar bestimmtes, als selbst[-]
ständiges und freies Verhältniß zum
ganzen Menschengeschlechte und zur
Menschheit. – Wohl darum allen
den Jungfrauen, Heil u Seegen den-
selben, die zur Herbeiführung dieser
ersehnten Zeit zur Erreichung des ächten
MenschheitsZieles – Gott- Natur-
Menschheits- und Selbsteinigung – mit[-]
wirken als ihren eigentlichen Beruf
erkennen; Wohl, Heil u Seegen beson-
ders Ihnen l. Auguste, die Sie sich diesem
Berufe mit solcher Hingabe – Reinheit
des Herzens u Willens, wie mit Kraft
u Ausdauer widmen. –
Wollen Sie aber ja [sc.. je] ermatten, so ge-
denken Sie der Würde des Kindes,
welche uns die Betrachtung seines Wesens
kennen lehrte u. an die Aussprüche
des großen MenschheitsErziehers. –„ Der
Kinder Engel sehen allezeit das Angesicht
ihres Vaters im Himmel“, und „den Kindern
ist das Himmelreich.“ – wenn es also
schon ihnen den Kindern ist, Heil allen
denen, die es ihnen in Kindergärten erhalten machen;
denn dann wandelt dieser ihr /
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ihr Vater wieder, wie einst
im Paradieses Garten unter
seinen Menschen, so nun im
“Kindergarten“ unter seinen
Kindern um auch Sie, als
treue Kindergärtnerin, seeg[-]
nend in Ihrem Wirken. –
Keilhau b. Rudolstadt am
20 Mai 1847.
I. v.FrdFrbel [sc.: Ihr väterlicher Freund F.]