Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 28.5.1847 (Keilhau)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 28.5.1847 (Keilhau)
(BN 651, Bl 29-30, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. - Es gibt zwei Briefe an Ida Seele vom selben Tag, nach den Bemerkungen zum Anfang des andern Briefs hier wohl der 1. Brief.)

Der Frl. Ida Seele, in Darmstadt.
Keilhau am 28 Mai 1847.
Warum ist die Zeit so kurz, derselben gleichsam so
wenig und der unerläßlichen Lebensforderungen so
viele, daß man nicht einmal der Erfüllung seines
sehnlichsten Wunsches nur zeitweiliger ausführlicher
Mittheilungen, ächten Lebensmittheilungen an die
Freunde seines Herzens und seines Wirkens leben
kann. Wie innig ich mich all der Jungfrauen und Töch-
ter natürlich geeint fühle, welche mit mir den hohen
und wichtigen Beruf früher Kindheitpflege theilen,
und so vor allem mit Ihnen meine, mir wirklich
theuere Ida, kann ich Ihnen gar nicht mit Worten
aussprechen; aber kaum so viel Zeit habe ich, daß
ich den mich zunächst umgebenden uneingeschränkt
die Beachtung und Pflege geben kann, die das Ver-
trauen derselben von mir erwartet.- Allein das
ist auch wahr, wir sind alle, alle auch gar sehr fleißig,
während des 6 monatlichen Cursus erlauben wir
uns kaum eine Stunde, geschweige einen Tag Frey-
zeit, darum habe ich auch die Freude, daß bis jetzt
die Erwartungen durch alle meine Schülerinnen über-
troffen wurden, wo solche als Gehülfinnen oder als
selbstständige Kindergärtnerinnen eintraten.-
Auch Sie meine, sehr liebe, so treu töchterlich gesinnte
Ida (was meinem Herzen so sehr wohl thut) auch Sie
sollen nächstens nun meine jüngeren Schülerinnen
kennen lernen. Es ist dieß Frl. Therese Langguth
aus Hildburghausen welche als Kinderführerin
und Kindergärtnerin, respective Lehrerin zu
Herrn Schwalbach kommt.- Es ist dieß ein /
[29R]
noch gar junges erfahrungsloses Mädchen, aber
wie Sie warmes Herzens für ihren Beruf, liebend
treusinnig. Ich empfehle sie Ihrer schwesterlichen
Liebe, Sorgfalt, Beachtung, Ermahnung, und wenn
es nöthig auch tröstender Ausdauer.- Wollen
Sie mir meine geliebte töchterliche Ida, gelegent-
lich Nachricht von ihr geben, wie sie sich in ihr neues
Verhältniß findet, so wäre ich Ihnen auf das herz-
lichste dankbar - besonders wenn meine Er-
wartung (was ja so leicht möglich ist) nicht erfüllt
werden sollte und sich das Verhältniß statt zur
Freude zum Leid wenden sollte.- Dann schreiben
Sie mir ja bald - recht bald - könnten Sie dem
jungen Mädchen die Gunst Ihrer Frau Erbgroß-
herzogin verschaffen, so glaube ich könnte es für
das Mädchen, wie für Ihre Anstalt gut seyn. Ich
glaube Sie würden in der Therese eine treue liebe
Gehülfin finden und auch Frl. Bögel (die ich herzlich
grüße) würde an dem heitern Mädchen Wohlge-
fallen finden.- Nun überwachen Sie ganz leise
und still die Verhältnisse.- Sie wissen gewiß
daß der Mensch in verschiedenen Verhältnissen
selbst ein verschiedener Mensch wird - so ist
es leicht möglich, daß man in dem einen Verhält-
nisse, wenn das Mädchen in ihrer Erfahrungslosigkeit
nicht verstanden und richtig geleitet wird, bitter
über sie klagt - während man unter jener pflegen-
den Gesinnung, mit derselben recht zufrieden seyn kann.
Also bitte, bitte, seyn Sie Theresen ächt treue, schwe-
sterliche Freundin, auch wenn es Ihnen einige Über-
windung kosten sollte, thun Sie es um des bei-
den gemeinsamen sorgenden Vaters willen.- /
[30]
Viel, viel hätte ich Ihnen zu schreiben; doch woher die
Zeit nehmen. Überall blühen neue Kindergärten
auf und - freuen Sie sich mit mir - Bis jetzt machen
mir alle Ihre Bildungsgenossen, das h. meine Schü-
lerinnen Freude und zum Theil große Freude; die
Liebe zum Beruf, die Treue, Ausdauer, Hingabe
erwirbt überall der Sache Freunde. In ein paar
Jahren werden die Kindergärten in Deutschland auch
blühen wie jetzt die Kinder des Frühlings die Blumen
wenn anders auch meine künftigen Töchter und
resp. Schülerinnen so treusinnig seyn werden, wie
meine bisherigen, an deren Spitze, durch ein gün-
stiges Geschick, durch Ihr ausdauerndes Vertrauen
Sie als Anführerin stehen.
Aber die Kindergärtnerinnen alle müssen auch
einen liebenden treusinnigen Schwesternkranz bilden,
alle ersehnen es und ich werde dazu gern die Hand
reichen; So z.B. werden sich mehrere Erzieherinnen
und Erzieher der Kinderwelt, so wie auch des weibl
Geschlechtes im Monat July in der Nähe von Halle
in Quetz - wo Ida Weiler Kindergärtnerin ist -
zusammenfinden um sich gemeinsam zu erheben
stärken belehren rc.- Könnten Sie doch dabei
seyn, jeder wird aus dem Schatz seiner Erfahrung
etwas zum besten geben auch ich werde eine
vollständige Übersicht meines Erziehungsganges vor-
legen und sogleich im Kindergarten zu Quetz An-
wendung und Erfolg zeigen. Könnten Sie doch
kommen. Sehen Sie, wenn Sie eine Gehülfin wie The-
resen hätten, dann könnten Sie es, Sie müssen offen
mit Ihrer Fr. Erbgroßherzogin sprechen; großen
Gewinn hätten Sie davon, d.h. Ihre ganze Anstalt. /
[30R]
Gar große Fortschritte besonders in pädagogische[r]
Hinsicht hat das Ganze seit der letzten zwei
Jahre gehabt gemacht. Jetzt spricht sich der Geist
lebensvoll aus dem Ganzen, könnten Sie doch einen
Wiederholungscursus hier machen - Amalie
Henne
die Kindergärtnerin in Hildburghausen
hat es in diesem Winter hier mit großem Erfolg
gethan.- Sie wirkt in einem fast gleichen Ver-
hältniß wie Sie - auch königl. Fr. stehen erziehend
pflegend ihr zur Seite - nehmlich die Fr: Prinzeß
Paul von Wittenberg
königl. Hoheit rc.-
Amalie Henne hat aber auch für ihre Kinder
Kinderbeetchen, Kindergärtchen.
Können Sie nicht den Allgem: Anzeiger der
Deutschen No 126 vom 10' Mai erhalten?-
Darin sind die Kindergärten von Lünen (Marie
Christ
) und von Quetz erwähnt.
Für Sie wäre dieß Blatt höchst wichtig es der
Frau Erbgroßherzogin zum Lesen zu geben, da-
mit Ihre Anstalt - wie Sie meine theure Ida
nun ächte Kindergärtnerin, so Ihre Anstalt wie
schon in der That, so auch dem Namen nach ein ächter
Kindergarten werde.-
Ich wollte man hörte einmal etwas über Ihre
Anstalt und Ihr Wirken - zur Erhebung und Er-
muthigung Anderer - in öffentlichen Blättern - zu
diesem Behuf muß das Licht nicht unterm Scheffel
gestellt werden.- Über Ihren Bruder, den Lithogra-
phen nächstens ein Wort.- Wie Sie könnte er durch seine
Kunst, Erzieher der Kindheit werden, wenn er Gott ver-
trauen und Ausdauer wie Sie hätte. Sie und all Ihr
Wirken Gottes Seegen empfohlen von Ihrem väterlichen
Freunde FriedrichFröbel
[Nachschrift aus 30R/29V:]
Sie werden gehörig studiren müssen wenn Sie den Sinn dieser Worte finden wollen. /
[29V]
Grüßen Sie, wie es sich möglich macht, Ihre Kleinen herzl. von mir. Durch Therese bekommen Sie auch manche neue Spiele.