Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 28.5.1847 (Keilhau)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 28.5.1847 (Keilhau)
(BN 651, Bl 31-32, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. - Es gibt zwei Briefe an Ida Seele vom selben Tag, nach den Bemerkungen zum Anfang hier wohl der 2. Brief.)

Fräulein Ida Seele in Darmstadt.
Keilhau bei Rudolstadt am 28 Mai 47.

Meine liebe Ida.
Als ich heut Ihren lieben Brief durch Henriette Ackerm.
beantwortete erlaubte mir die drängende Zeit nicht
rich[t]ig eigentlich in das Innere Ihres lieben Briefes
einzugehen; da ich mir aber wohl sagen kann, daß Ihr
Herz und Gemüth dieß am Meisten ersehnt und dieß
Sie recht klar zu wissen wünschen wie ich in meinem
Innersten zu Ihnen stand und stehe, so ergreife ich
die Gelegenheit die sich mir bietet heut noch Ihnen Ihren
und mir meinen Wunsch zu erfüllen; denn zwischen
Tochter und Vater, sey es auch nur ein geistiges Ver-
hältniß - ja in diesem um so mehr, muß Offenheit und
Vertrauen, zwischen Erziehenden soll Aufrichtigkeit herr-
schen also auch zwischen uns.
Ja, Sie mögen wohl Recht haben daß Sie bisher durch
fremde Schuld gelitten haben. Hören Sie: Als Sie zu
mir kamen hatte ich, besonders durch den Beginn und den
Fortgang Ihrer Verknüpfung mit der Ausführung mei-
nes Lebensgedankens, ein unbeschränktes Vertrauen
zu Ihnen, wäre es mir möglich gewesen ich hätte Sie gern
in den Besitz aller meiner geistigen Güter gesetzt;
ich gestehe Ihnen offen ich suchte und ersehnte einen solchen
geistigen Universalerben möchte ich sagen, und suche
und ersehne ihn noch, ich läugne es gar nicht, alles
was mir auszuführen möglich wurde ist wenn ich
nicht sagen will Stückelei, doch Stückewerk; dazu werde
ich alt und hätte gern, wenn auch lang nach meinem
Tode den schönen blühenden und fruchtenden Menschheits-
lebensbaum in frischem gesunden Wachsthum gewußt. /
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Nun trage ich aber seit Langem die Überzeugung in
in mir daß das weibliche und besonders das noch jung-
fräuliche Gemüth und Herz geschickt sey den Gedan-
ken ächter Menschheitpflege in sich keimend, wachsend
blühend und fruchtend zu machen. Doch dieser Erfolg
ist meines Dafürhaltens an ein ungestöhrtes, minde-
stens ungebrochenes Vertrauen geknüpft; und mein
Vertrauen zu Ihnen war in dieser Beziehung ein un-
bedingtes und blieb es auch als ich Sie in Darmstadt
verließ und Ihnen gleichsam das Liebste was ich dort-
mals hatte zur Pflege in Darmstadt überließ, und
mit diesem Vertrauen zu Ihnen kam ich auch nach Blan-
kenburg zurück. Ich gebe recht gern zu daß Sie auch
in diesem meinen Vertrauen der tiefen Grundlage
und dem hohen Ziele desselben nicht verstanden haben mögen
ich spreche auch nur von mir und wie ich das Leben
in mir trug und wie ich mir auch Ihr Gegenvertrauen
gedacht hatte. Da hörte ich denn in Blankenburg -
wovon ich jedoch nicht weiter Kunde geben kann - daß
Sie während meiner Abwesenheit bitter geklagt hätten,
Sie hätten nun Ihr ganzes Vermögen Ihrer Ausbildung der
Sache oder was gleich ist mir vertrauend, geopfert und
nun wären Sie ohne Hoffnung und Aussicht einem unsicheren
Schicksale hingegeben u.s.w.- Ich gestehe offen, diesen
Mangel an Vertrauen zu mir und noch mehr zur Vor-
sehung hatte ich von Ihnen nicht erwartet, ich möchte
sagen [für] unmöglich gehalten, und dieß so unerwartet, so
unvorbereitet zu hören, das schlug <erkältend> eine
so tiefe Wunde in meinem Gemüthe, daß es lang
gedauert hat ehe sie wieder geheilt ist; ja durch man-
che andere kleine Erscheinungen des Lebens wurde
diese Wunde wohl von neuem gereizt, wodurch
mir immer von neuem die Anschauung einer gewissen /
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Teuschung vor die Seele geführt wurde. Der höhere und
höchste Lebenszweck: ächte Menschheitserziehung for-
[dert] aber ungetrübtes mindestens ungebrochenes Ver-
trauen, wie ich schon aussprach.- Einer dieser wei-
teren trübenden Lebenserscheinungen ist das - wie be-
zeichne ich es denn recht? - ist das schielige unredliche Be-
tragen Fölsings ich will gar nicht sagen gegen mich
das wäre wenig, sondern gegen die Idee der ent-
wickelnden Erziehung durch ächte Bethätigung. Hier
ist nicht der Ort weiter in die Sache einzugehen, hier
handelt sich es blos um die reine Thatsache die ganz offen
vorliegt und die von Menschen und Männern sogleich
durchschaut wurde als sie nur mit Fölsing zusammen
und auf den Gegenstand zu sprechen kamen.- Bei
Ihnen liebe Ida schien es nun aber auch, selbst in Briefen
an Middendorffen, als wenn Sie selbst, die Sie doch
die Wirkung der erziehenden Idee und die Wahrheit
derselben an und in sich erfahren haben müßten,
Herrn Fölsing in und mit seinen Ansichten gegen die
Idee in Schutz nähmen, wie ich umgekehrt erwartet
hatte, daß Sie mit einem unbefangen[en] weiblichen
Sinn und Gemüth die Idee in ihrer Ganzheit und
Reinheit gegen Herrn Fölsing in Schutz nehmen würden.
Durch diese Ungleichheit, Unbestimmtheit, ja durch dieses
dem Scheine nach selbst bestimmte Neigen Ihrer nach der ent-
gegnenden Seite, dadurch ich läugne es nicht erhielt
das durch Blankenburg[s] Mittheilungen früher gestörte
Zutrauen, oder vielmehr diese Störung des Vertrauens
große Nahrung. Jedem ist es zwar vergönnt, ja
er soll seiner Überzeugung und Ansicht leben; aber
im Lebensverkehr Überzeugungen und Ansichten im Andern vor-
aus[zu]setzen, die sich nicht wirklich finden
heißt Wasser in ein Sieb tragen, und dieß scheue ich, /
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und so mag es denn wohl gekommen seyn, ich läug-
ne es gar nicht, daß ich in Voraussetzung Ihres
schwankenden Vertrauens und Überzeugung mehre-
re Ihrer Briefe früher unbeantwortet gelassen habe
denn Sie schienen mir, eben durch Fölsings Handlungs-
weise veranlaßt nicht mehr vollen kräftigen An-
theil an der reinen unverkümmerten und unzerstückelten
Darstellung der Idee, die ich - nicht willkührlich und
aus und von mir - sondern dem Wesen derselben und
der Sachlage nach fordern muß - zu nehmen.
Nur aus einem reinen ungetrübten u.s.w. Vertrauen
im weiblichen Gemüthe kann das Wohl der Mensch-
heit von neuem geboren, werden; haben Sie die Über-
zeugung dieß in sich treu gepflegt zu haben in sich, so
wird Ihr geeintes Streben mit mir zur Verwirk-
lichung ächter Menschheits-, Kindheit-, und Kinderer-
ziehung auch die von uns beiden ersehnten Früchte
bringen.
Nochmals, und halten Sie es prüfend fest: - das neuersehnte
und beginnende Heil des Menschengeschlechtes geht - ange-
regt vom männlichen Geschlechte, thatsächlich und in
Gestaltung vom weiblichen Geschlecht und Gemüthe aus.
In dieser tiefsten Überzeugung ist meine pflegende und
erziehende Beachtung des weiblichen Geschlechtes begrün-
det; es handelt sich hierbei nicht um Personen, sondern um
die Idee, allein die Idee bedarf, sie erfassende und mit
Vertrauen pflegende Personen, wohl dem oder der die
gewürdigt worden [sind,] eine solche zu seyn, welche ihren Beruf
erkennen und ihn mit unerschütterlicher Treue nachleben.
So viel ist gewiß:- in zwei Personen wo dieß statt-
findet, in deren Herzen senkt sich der Himmel zur Erde
nieder. Diesen Himmelsfrieden, diese Himmelsfreude gönne
ich Ihnen und gönne und ersehne sie Ihnen noch. Sein Sie
nun auch so offen gegen mich, als ich gegen Sie. Ihr
FriedrichFröbel

[Nachschrift auf Rand von 32R/32V/31R/31V:]
Ein vierfaches Vertrauen bringt der Menschheit den längst ersehnten Frieden wieder: Vertrauen zu Gott
als Vater, zur Menschheit als Ganzes und Gottes Kind, zu sich S selbst als Kind Gottes und zur
Natur als aus Gott und durch Gott geschaffen. Und dieß vierfache Vertrauen ruht am sichersten
in dem Gemüthe des weiblichen Geschlechtes und muß zur allersehnten Freimachung
unverwandt in einem weiblichen Busen gepflegt werden.- So kommt der Menschheit Heil.