Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Stangenberger in Poppenwind v. 23.6.1847 (Halle/S.)


F. an Johannes Stangenberger in Poppenwind v. 23.6.1847 (Halle/S.)
(BN Anh. 43, Bl LC 19 - LC 23; Abschriftabschrift 2 ½ B 8° 10 S. Handschrift unbekannt. Der Abschriftabschreiber gibt als Vorlage eine Abschrift im Besitz eines Redakteurs Richard Lorenz, Coburg, an. - Bemerkungen des Abschriftabschreibers, die sich mit seiner Vorlage auseinandersetzen, werden, soweit sie als richtig erscheinen, hier u. in allen F.-Briefen an Stangenberger aus BN Anh. 43 analog zu eigenen Bemerkungen wie folgt aufgegriffen: Hinweise auf Auslassungen als "< ? >", Hinweise auf vermutliche Lesefehler als "[sc.: ...]".)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Herrn J. Stangenberger, Lehrer in Poppenwind nächst
  Eisfeld
Halle an d. S. im Hause der Madme Krüger am
   kleinen Berlin
den 23. Juni 1847.
Werthgeschätzter, lieber Herr Stangenberger.
Ihr jüngster l. Brief vom 3. d. Mon. ist mir von Keilhau, weil ich schon abgereist war, hierher nachgeschickt worden u. ich habe denselben gestern hier, als ich von meiner Reise nach Marienberg in Obernerzgebirge hierher zurück kam nebst seinen lieben freundlichen Einlagen, hier vorgefunden. Ob mir nun gleich keine mehrstimmige Ausführung Ihrer Composition "Christus der Kinderfreund" möglich war, so bat ich /
[LC 19b]
doch eine gute Sängerin und Spielerin des Pianos mir es mit Begleitung vorzusingen und ich freue mich Ihnen sagen zu können, dass es auch dieser - welche natürlich mehr Musik und somit auch mehr gründliches Urtheil als ich besitzt - gleich beim erstmaligen Durchspielen und wiederholten immer mehr gefiel; ich freue mich es nun demnächstens auch mehrstimmig zu hören. Auch für die übrigen Beilagen danke ich, doch habe ich dieselben noch nicht ausgeführt gehört.- Dass Sie dem Liedchen, durch dessen Abdruck in der sächsischen Schule [sc.: Sächsische Schulzeitung] eine grössere Vorbereitung [sc.: Verbreitung] gegeben haben, nur thut es mir gar sehr leid, dass Sie, wie es mich bedünken will, in der Meinung < ? >, als sei ich der glückliche Verfasser desselben, der bin ich nicht und sollten Sie in der sächsischen Schulzeitung /
[LC 20]
Ihre Meinung angedeutet haben, so muss ich sehr bitten, diese Meinung möglichst bald zurück zu nehmen; weil es der Verf. als ein Schmücken meiner mit fremden Federn, und deshalb mir sehr übel deuten und deshalb öffentlich zur Rechenschaft ziehen könnte, was ich sehr bedauern müsste.- Ich fand das Lied in einen Programm des Herrn Doktor Mei [sc.: Mey] in Eisenach zur Eröffnung seiner Töchterschule und am Ende des Programms abgedruckt. Da ich es als ein Gebetlied für Kinderpflegerinnen schön fand, schrieb ich es ab, wie es vor mir stand, ohne des Verfassers Name, der mir so natürlich selbst unbekannt war und eigentlich noch ist, doch vermuthe ich als solchen den Herrn Dr Mei [sc.: Mey] selbst, indem ich später gehört habe, dass derselbe selbst Dichter ist und bereits schon eine Sammlung von Gedichten herausgegeben /
[LC 20b]
hat, genug ich bin wenigstens nicht Verfasser des mir <zusagendte> Liedchens. Nach Maassgabe Ihrer Einsendung des Liedchens in Hinsicht auf dessen Verfasser, bitte ich nun diese Berichtigung gütigst bald zu benutzen, damit wir nicht beide ohne unser Wissen und Willen und wirklich gegen letzteren durch Verbreitung eines unrichtig genannten Verfassers, dem eigentlichen Verfasser wehe thun.
Vorgestern Abends bin ich von Marienberg in Obernerzgebirge hier angekommen, wo ich am 9. Juni bei Eröffnung des "Lutherstiftes" und in denselben das [sc.: des] "Luthers Kindergarten" wie bei der Einführung einer Schülerin aus meinen jüngsten Bildungscursus als "Kindergärtnerin" gegenwärtig war. Da habe ich gesehen was Ein Mann mit Kraft und Ausdauer, wie mit festen Willen und entsprechender allseitiger /
[LC 21]
Thätigkeit auszuführen vermag. Dieser Mann ist der Superintendent Schneider in Marienberg, welchen Sie auch schon in einem früheren Jahrgange der sächsischen Schulzeitung erwähnt gefunden haben müssen. Zur Sekularfeier am 17. Febr. 46. fasste er mit mehreren Lehrern und anderen der Stadt den Entschluss der Ausführung einer Lutherstiftung, welche jedoch erst in 5 Jahren versucht werden sollte. Am 9ten Juni desselben Jahres wurde jedoch schon der Grundstein zum Gebäude gelegt. Jetzt begannen aber als Entgegnungen Schwierigkeiten über Schwierigkeiten, welche aber alle ein fester thätiger Wille überwandt. Im Herbst 1846 stand das Haus schon unter Dach, und nur ein Jahr später, am 9. Juni dieses Jahres 1847 konnte durch die gerechte und vereinte Hilfe Vieler schon "Luthers Kindergarten" zum Wohle Vieler eröffnet /
[LC 21b]
und eine dazu geeignete Kindergärtnerin daselbst eingeführt werden. Es ist dies Auguste Steiner, die Tochter des Herrn Cantors in Oberweissbach deren Sie sich vielleicht als eines jungen frischen Mädchens mit kräftiger Stimme noch erinnern, es war dies die 3te und jüngste welche mit Fräulein Amalie Krüger auf einen Zimmer wohnte. Ich möchte Sie wären selbst Zeuge welchen Anklang und Theilnahme die Sache in Marienberg findet, jetzt da den Bewohnern während meiner Abwesenheit mehr < ? > Aufklärung über den Gegenstand gekommen ist und sie täglich die Art der Kinderbeschäftigung vor Augen sehen, selbst deren Geiste und Wirkung fühlen. Auch in Marienberg wird dahin gearbeitet, dass diese Anstalt mehrfach als eine Fortbildungsschule für Kindermädchen benutzt werden soll. Und obgleich die Anstalt /
[LC 22]
erst einige Tage bestand, hörte ich, dass aus einem benachbarten Städtchen eine Cantors Tochter nach Marienberg gesandt werden sollte, um sich für das erstere auch zu einer Kinderführerin und Kindergärtnerin auszubilden. So schreitet das Gute wenn auch langsam doch sicher fort.
Wie sehr ich mich nun auch Ihrer so regen als kräftigen Vertretung der Idee - eines Kindergartens Luthers - in < ? > <ahne>, so bitte ich Sie doch recht sehr, lassen Sie uns ja nichts übereilen und besonders uns hüten, uns durch zu rasches Hervortreten irgend Jemanden vor den Kopf zu stossen, mindestens misslaunig zu machen. Die Sache ist gewiss von hoher Wichtigkeit, möchte es uns gelingen, die von Ihnen genannten Männer dafür zu gewinnen. Sobald ich nun einige Freizeit habe, denke ich mich selbst, gestützt auf die Thatsache in Marienberg an das verehrl. Luther- /
[LC 22b]
komitee nach Meiningen zu wenden. Gehen Sie ja ja recht ruhig und mit Berathung der entscheidenden Männer [vor], damit wir uns nicht gleich von vorne herein, den Weg zum schönen Ziele verbauen.
Auf dieser Reise ist mir wieder möglich die Stimmen sehr einsichtiger Männer für die Sache der Kindheit - ihre entwickelnde erziehende Bildung zu gewinnen, namentlich mehrere Ephoren z.B. den Superintendenten Dr. Schumann in Annaberg, wo ich zugleich Gelegenheit hatte, bei einer Conferenz mehrerer Geistlicher dieser Ephorie, diese für solche Kindheitpflege zu gewinnen, so wie ganz besonders der Herrn Superintendenten Dr. Schumann selbst.- Sie sehen daraus wir stehen also im Wirken für die Sache der Kindheit und somit der Menschheit, also zunächst auch unseren Volke nicht mehr allein, denn noch Viel[e] sind im Stillen und unbemerkt thätig, ganz vor allen /
[LC 23]
die Kinder selbst, welche sich in ihrem Leben und mit demselben erkannt und anerkannt fühlen[.]
In der 2ten Hälfte des Monats Juli, ohne Zweifel am 7ten oder 8ten Sonntage nach Trinitatis also am 18ten oder 25ten Juli wird im Dorf < ? > [sc.: Quetz] nächst Halle von d. Herrn Pastor Hildenhagen, bei Gelegenheit einiger Dorf[f]eierlichkeiten auch ein Kinder- und Jugendvolksfest gefeiert werden. Wir wollen es versuchen, bei diesen Anlass einige unserer Kinder- und Jugendspiele ins Volk einzuführen.
Ich wollte es wäre nicht so sehr weit und Sie könnten mit Benutzung der Eisenbahn von Weimar oder Apolda aus daran Antheil nehmen, doch daran ist leider nicht zu denken.
Ich habe oben noch vergessen an geeigneter Stelle auszusprechen[:] Was nun schon ein Einzelner in Beziehung auf Ausführung eines "Luthers Kindergarten" /
[LC 23b]
durch das Wecken der Hülfe Vieler konnte, das wird doch wirklich auch einen so kraftvollen Verein, wie der Lutherverein in Meiningen auszuführen möglich sein. Sie sehen hier, ich kann auch undeutlich genug schreiben, mögen Sie jedoch diesen Brief so gut lesen können als ich den Brief so gut lesen können als ich den Ihrigen. Mit bekannter <Freundschaft>
Fr. Fr