Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 9.7.1847 (Quetz)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 9.7.1847 (Quetz)
(Autograph nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 230-231. -In Edition gesperrte Passagen werden hier unterstrichen wiedergegeben, so wohl im Orig.)

Quetz nächst Halle, am 9. Juli 1847.


Mein hochgeschätzter, theurer, lieber Freund!

Wie sehr haben Sie mich durch Ihre herzlichen Zeilen, welche ich gestern hier empfangen habe, erfreut. Nach dem Inhalte der letzten Seite des lieben Briefes weiß man wirklich nicht, welches Loos man ihnen [sc.: Ihnen] wünschen soll, das, noch länger Mitarbeiter mit einem Manne, mit welchem Sie sich, wie es scheint, in Überzeugung und That vielfach verstehen, an einer Anstalt zu sein, deren Wirksamkeit für Verbreitung wahrer Volksbildung, wenn ich mich anders recht erinnere, früher viel versprochen, oder blos Prediger an einer bestimmten Kirche und so zugleich Mitseelsorger an einer Gemeinde, einem in sich geschlossenen Ganzen zu sein, wo man dadurch auch bei gegenseitigem Verständniße so gründlich als nachhaltig wirken kann. Doch Sie schreiben mir ja nicht, von welcher Kirche und zu welcher Gemeinde in Magdeburg Ihre Berufung sein wird.- Zwar kann ich es nicht sagen, worauf es sich stützt; allein in mir lebt immer ein gewisses Vertrauen zu Magdeburg, auch in Beziehung auf mein Wirken und Streben, so daß ich glaube, es ließe sich in Magdeburg wohl etwas für entwickelnd-erziehende Bildung auch durch Ausführung und Verwirklichung der Idee der Kindergärten daselbst, besonders durch einen Mann und Prediger thun, welcher sich des Vertrauens zunächst wenigstens seiner Gemeinde erfreut. Gestützt nun auf diesen Glauben und die Überzeugung, daß Sie sich bald eines solchen Vertrauens Ihrer Gemeinde erfreuen würden, so wie gegründet auf die Überzeugung, daß Ihnen stets die entsprechend beachtende Pflege des immer von neuem in der Kindheit aufkommenden Geschlechtes die sicherste Grundlage ihres bleibend segensreichen Wirkens als eigentlicher Seelsorger sein wird - in diesen Beziehungen nur wünschte ich wohl, daß Ihnen der Ruf nach Magdeburg werden möge. Doch ich sage auch hier mit Ihnen, wie auch in Beziehung auf mein eigenes Wollen und Wirken: "Des Herrn Wille geschehe."- /
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Und dieses Geschehen muß denn auch ich immer als thatsächlich in meinem Leben dadurch anerkennen, daß sich mein Leben und Wirken überwiegend mehr nach den Seiten hin entwickelt, von welchen ich gar keine Ahnung habe, als weiter von den Seiten und Punkten aus und nach den Richtungen hin, wo die Umstände und Verhältnisse mit Sorgfalt gepflegt werden. So ist dies z.B. der Fall in Lünen in der Grafschaft Mark, wo seit dem 12. Januar d. J. unter der Leitung einer meiner Schülerinnen des Kursus 45/46 fröhlich ein Kindergarten zu allgemein großer Zufriedenheit mit steigender Theilnahme erblüht; so ist dies mit dem Kindergarten der Lutherstiftung des Hr. Superint. Schneider in Marienberg im oberen Erzgebirge der Fall, welcher am 9. des vor. Monats, also gerade vor 4 Wochen eröffnet wurde, und wo eine Kindergärtnerin meines zweiten Kursus mit einem solchen Beifall wirkt, welcher auch gar nichts zu wünschen übrig läßt; sich übrigens dieser Kindergarten in einer sehr erfreulichen Localität befindet, besonders auch einen Garten mit Beetchen besitzt, welchen während meiner Anwesenheit ganz der reinen Idee nach anzugeben mir vergönnt war.- So geschah es mit Mittheilungen, welche ich auf meiner Rückreise bei Gelegenheit einer Predigerconferenz in Ihrem N. [sc.: Annaberg i.S.] auf Aufforderung des vorsitzenden Herrn Superint. [Schumann] daselbst zu machen Gelegenheit hatte und sich einer solch geistigen Auffassung erfreuten, wie mir wohl kaum in solcher Ungetheiltheit noch irgendwo zu Theil wurde.- So geschah es mit einer Theilnahme, welche mir von einer Erzieherin und Vorsteherin einer Töchterschule, Madame Lütkens aus Hamburg, wurde u.s.w., mit mehreren Anfragen nach Erzieherinnen aus meiner Bildungsschule aus mir ganz unbekannten Familien.-
Jetzt nun bin ich wieder, ich glaube seit 14 Tagen, hier in Quetz, um an dem hier schon im vorigen Jahre begonnenen Kindergarten fortzupflegen; besonders aber, um für den 8ten Sonntag nach Trinitatis, den 25. d. M., hier ein Kinderspiel- und Kindervolksfest, theils mit den Kleinen des Kindergartens, theils mit den Kindern des Orts, und mit den Knaben einer Fortbildungsschule, welche Hr. Past. H. [Hildenhagen] seit Pfingsten dieses Jahres begonnen hat - bei Gelegenheit der Wiederweih[e] der neu ausgebauten Kirche - auszuführen. Schön wäre es, wenn ich bei dieser Gelegenheit Sie hier sehen könnte. Montags darauf, den 26., wollen dann mehrere Erzieher und auch wohl Erzieherinnen, besonders Kindergärtnerinnen - (wozu ich auch unsere Anna H. [Hesse] eingeladen habe) auf Veranlassung der oben genannten Frau Lütkens aus Hamburg eine Zusammenkunft in dem Städtchen Zörbig (ich glaube ½ Stunde von Stumsdorf) halten, um uns besonders über frühe Kinderpflege und die dazu von mir aufgestellten Mittel und Weisen zu unterhalten. Mein Vorsatz ist dabei, so praktisch als möglich zu sein und dies Praktische besonders in dem leichten Beschaffen der Spiel- und Beschäftigungsmittel und -weisen, wie deren stetigen Zusammenhang zu zeigen. Gar sehr würde es mich freuen, könnte ich Sie wenigstens an diesem Tage in Zörbig begrüßen, vielleicht fände sich doch in den Mittheilungen etwas Neues - und ich glaube dies bestimmt. Wäre nur N. [Annaburg] nicht so weit entfernt, wie leicht wäre es dann auszuführen; doch sehen Sie, theurer Freund, ob es möglich.
Leben Sie wohl, recht, recht wohl; sollte es nun auch nicht möglich sein, uns in der angegebenen Zeit persönlich zu sprechen, so bitte ich doch recht bald wieder schriftlich bei mir einzusprechen.
Unserm S. [Seiffert] , den ich herzlich grüße, bin ich heut nicht im Stande zu schreiben, doch geschieht es nächstens.
Mit treuer Liebe der Ihrige

Friedrich Fröbel.