Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 10.9.1847 (Keilhau)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 10.9.1847 (Keilhau)
(BN 651, Bl 33-35, Brieforiginal 1½ B 8° 5 S.)

Fräulein Ida Seele in Darmstadt.
Keilhau bei Rudolstadt am 10 Septbr 1847.

Meine liebe Ida.
Durch Ihr jüngstes liebes Briefchen haben Sie mich wieder
wie durch jeden Brief welchen ich von Ihnen empfange gar
hoch erfreut. Ihnen darum meinen herzlichen Dank dafür.
Warum ich Ihnen heut schon wieder schreibe hat einen zweifachen
Grund. Erstlich will ich Ihnen einen Besuch für Ihre Anstalt
der sich aber besonders auf Sie und Ihr Wirken beziehet, an-
melden, es ist dieß der Herr Pastor Hildenhagen aus Quetz
bei Halle an der Saale, welchen Sie hoffentlich namentlich schon
aus meinen früheren Briefen kennen und bei welchem ich
jüngst wieder wohl 4 Wochen lebte um dort ein Kinderspiel-
und Jugendvolksfest vorzubereiten, welches am 25 Juli ge-
feyert wurde, wovon zwei, in zwei verschiedenen Blättern
erschienenen Beschreibungen hier beiliegen. Sie werden wis-
sen daß Ende dieses Monats sich die Abgeordneten der ver-
schiedenen Gustavadolphsvereine in Darmstadt versammeln.
einer dieser Abgeordneten ist nun auch gedachter Pastor
Hildenhagen. Gewiß habe ich Ihnen schon früher geschrieben,
daß derselbe im Laufe des vor. Jahres auf eigenen Betreib
einen Kindergarten in Quetz gegründet hat bei welchem Ida
Weiler
als Kindergärtnerin wirkt. Herr Pastor Hildenhagen
ist nun aus mehreren und tiefern Gründen ein Förderer
der Kindergärten, darum werden Sie es natürlich finden
wenn er keine Gelegenheit verabsäumt wo er sich sowohl
von der reinen Führungsweise, als auch von den Früchten und
guten Erfolge derselben persönlich Sachanschauung verschaf-
fen kann. In dieser Beziehung nun wird er auch bei seiner
Anwesenheit in Darmstadt und vielleicht auch noch in Ge-
sellschaft anderer Abgeordneter des G.A. Vereines /
[33R]
Sie in Ihrer schönen Wirksamkeit und umgeben von dem
Erfolge, von den Blüthen und Früchten derselben zu sehen [wünschen].
Da diesem Besuche nun besonders auch der Zweck einer größe-
ren Verallgemeinerung und Verbreitung also vermehrte
Ausführung derselben zum Grunde liegt, so wäre es mir
nun sehr lieb, wenn Sie erstlich nicht nur Spiele oder spielende Be-
schäftigungen vor-, - sondern ganz vor allem
durch die Anschauung des unmittelbaren Erfolges in den
Geist und die Wirksamkeit dieser Spiele und Spielbeschäftigungen
sowohl in Hinsicht auf Versittlichung überhaupt, als besonders
auch in einzelnen Fällen, in Beziehung auf Ordnung, Reinlichkeit,
Gehorsam, Achtsamkeit, gegenseitige Verträglichkeit u.s.w.
und so w. einführten, wovon Sie mir in den früheren
Briefen so vielfach schöne Beispiele und Erscheinungen mitge[-]
theilt haben. Zeigen Sie, wo möglich besonders, wie eine gewisse
Ruhe und Ordnung der eigentlich freyen Bewegung dem fröhlichen Spiel keinen
Eintrag thut. Lassen Sie auch wenig-
stens ahnen wie auch für den Saamen des Religiösen
der Acker des Geistes und Gemüthes aufgelockert wird,
ja wie selbst schon während dieser Beackerung mancher
gute Saamen in gelockerte[s] Erdland einfällt und sich
zu vielfältig guten Früchten und Saamen entfaltet.
Zeigen Sie zweitens auch die ruhige, sinnige und sittliche
Durchführung kleiner darstellender Beschäftigungen[.]
Zeigen Sie oder vielmehr lassen Sie es selbst sehen und fühlen
das Veredelnde eines so einfachen als sanften Gese[t]zes[.]
Genug lassen Sie nach allen Seiten hin mindestens
das Seegensreiche eines Kindergartens wie ich mir sage daß der
Ihrige wirklich ist, wenn er auch kei-
nesweges diesen Namen trägt, doch wahrhaft ver-
dient, zeigen Sie den Gebrauch von Bildern beim Erzählen
und überhaupt die Vorbildung für eigentliche Lehre und Schule, /
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allein in der kindlichen Unterhaltungs- nicht in der strengen
Unterrichts- und Lehrform.
Ihr Brief sprach mir den Wunsch aus, daß Sie einst an ei-
nem wirklichen Kindergarten Gärtnerin werden mögten;
wäre dieß nun auch dortmals nur ein vorübergehender sich
unwillkührlich angedeuteter Gedanke gewesen, so sage ich Ihnen
doch ganz offen, daß er mir sehr lieb war. Wie in einem
vollendeten Garten jede Blume, jeder Strauch, überhaupt
jedes Gewächs an seiner richtigen Stelle zur Erhebung und
zum klaren Ausdruck des Ganzen steht, so muß man auch
streben in dem großen Menschengarten jeden Menschen mit seiner
Kraft und Darstellungsweise an seine richtige Stellung zur
vollendeten Gestaltung des Ganzen wie zur vollkommenen
Entwickelung und Auffassung des Einzelnen zu bringen.
Sie nun meine kindliche, liebende und sinnige Ida scheinen mir
darum schon seit Langen zu einer vollendeteren Ausführung
der Idee der Kindergärten und, darf ich es sagen, zug[leic]h in
einer größeren und innigeren Verknüpfung mit mir, als
dem vom Schicksal bestimmten Träger und Pfleger derselben,
bestimmt zu seyn. Die sich jetzt zeigenden mehrfache Aner-
kennung und Ausführung der Idee, scheint nun wohl dieses
irgend einmal möglich zu machen; es fragt sich nun nur: -
wie können Sie aus ihrer jetzigen Stelle austreten ohne
daß alles was bisher mit Mühe gebaut wurde, dort
wieder in Nichts zurück sinke. Schreiben Sie mir darüber
so offen als bestimmt, damit ich die sich mir bietenden Ver-
hältnisse darauf beachten und prüfen kann.
Es ist wunderbar und doch ist dem so - ob es gleich der Vor[-]
stand Ihrer Anstalt nicht einsehen will - es hängt unge-
mein viel vom Namen ab. Würde Ihre Anstalt K.Garten
heißen, so würde, wenn auch wirklich alles so bliebe, wie
es ist, was schon nicht möglich wäre, doch ihre Stellung, ihr /
[34R]
Verhältniß zu den gegenwärtigen gesammten Erzieh-
ungsbestrebungen ich darf sagen der ganzen Menschheit
eine ganz andere werden. So etwas aber können und
wollen die Menschen gar nicht begreifen, sie halten den
Namen und das Wort todt und doch ist beides von Gott
daher heißt es du sollst den Namen heilig halten; daher
heißt es das Wort war bei Gott, und Gott selbst schuf
durch das Wort mit dem Worte. Nun sehen Sie nur was schon
das Wort Garten schafft?- Warten, Pflege, Beachtung, indi[-]
viduelle Entwickelung im Zusammenhange mit dem großen
Lebensganzen, Bewußtseyn dieser Behandlung u.s.w. u.s.w.
und nun gar Kindergarten?- Eltern, Geschwistern
alles erscheint da, Vater Tochter, Schwester und alles in
innigster Lebensbeziehung. Wie könnten Sie als ächte
Führerin eines wahren Kindergartens meine wahre
Tochter (ich, wäre Ihre Anstalt ein Kindergarten, in welchem
einigen väterlichen Verhältnisse würde ich dadurch zu
dem Kleinsten Ihrer Anstalt stehen - allein alles dieß
geistig Große und kräftig Wirksame ist den nur mit
sinnlichen Augen Sehenden Nichts! - Und doch wodurch,
wie wirke ich? - wirke ich oder der Geist, das Wort?-
So geht es aber mit allem was wir nicht ganz durchschauen.
Wissen Sie einmal war auch selbst Ihr schöner Name
Seele Ihnen nicht ganz lieb und nun denken Sie, wie glück[-]
lich würde es mich und Viele, Viele machen, wenn es
hieß: Ja! da ist ja die Seele der Kindergärten
und des Gedankens: Kindergarten in diesem Kreise
ganz ausgeprägt!- Alles, alles spricht die Idee des[-]
selben lieblich und kindlich, gemüthlich menschlich seelenvoll
aus.- Sehen Sie liebe, liebe Ida, so nehme ich den Menschen
immer als ein Ganzes und im Ganzen; deßhalb ist er
mir auch so innig lieb u. werth wie mein Kind, meine Tochter. /
[35]
Nun zum zweiten Grunde dieses Briefes: - (Kannst Du)
Können Sie mir nicht recht bald l. Ida, ganz bestimmt
Nachricht geben ob Fr. v. Riedesel noch eine Kinderfüh-
rerin von mir will, und ob sie auf meinen Vorschlag
- Therese Langguth - als solche anzunehmen - eingehen
will?- Therese scheint mir ganz dazu passend, so wie
ich ihr diese Stelle, selbst auch im Ihretwillen, l. Ida
wünschte. Unter Ihrer leitenden Mitwirkung, selbst
aus und in der Entfernung einiger Stunden von Ihnen
kann glaub ich - hoffe ich wenigstens, aus Theresen
etwas sehr Tüchtiges werden; und wir sollen ja immer
den Menschen, besonders den jungen möglich machen das
zu werden, was er kann, ja zu werden bestimmt ist -
- Also bitte, bitte recht bald wenn auch nur um eine
Zeile Nachricht.-
Wollen Sie und können sie von den 3 Beilagen vielleicht
für die Expedete Redaction der Zimmermannschen Schul[-]
zeitung Gebrauch machen, so dürfen Sie die Blätter
mir in einem Umschlage in der Buchdruckerei des
Herrn Leske und mit der Aufschrift:
"An die verehrl. Redaction
der Darmstädter Schulzeitung
(Herrn Dr. Zimmermann)"
abgeben.-
Von allen hier die besten, schönsten, theilnehmen[d]sten
Grüße. Alles bereitet sich jetzt zu einer Reise vor.
Stets
I. Fr. Fr.

Allwina ist noch in Dresden, kehrt aber gegen den 23. dieses
hierher zurück.- Daß Caroline Renovanz schon
seit längere Zeit todt, wissen Sie wohl, so wie
Doris Kapp.-
Ich suche kindliche Jungfrauen welche sich zu Kindergärtnerinnen auszubilden Fähigkeiten und Neigung rc haben.