Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 14.9.1847 (Keilhau)


F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 14.9.1847 (Keilhau)
(BN Anh. 43, Bl LC 28 - LC 42, Abschriftabschrift 7 ½ B 8° 29 S., Handschrift unbekannt. Der Abschriftabschreiber gibt als Vorlage eine Abschrift ohne Schluß im Besitz eines Redakteurs Richard Lorenz, Coburg, an. Es fehlen offenbar die von F. auf LC 34 erwähnten weiteren Abschriften von Zeitungsartikeln zum Quetzer Kinderfest. - Bemerkungen des Abschriftabschreibers, die sich mit seiner Vorlage auseinandersetzen, werden, soweit sie als richtig erscheinen, hier u. in allen F.-Briefen an Stangenberger aus BN Anh. 43 analog zu eigenen Bemerkungen wie folgt aufgegriffen: Hinweise auf Auslassungen als "< ? >", Hinweise auf vermutliche Lesefehler als "[sc.: ...]".)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Herrn Organist Stangenberger
in Schalkau bei <?> [Eisfeld]
Keilhau bei Rudolstadt am 14. Sept. 47.


Sehr geschätzter, lieber Herr Stangenberger.

Jetzt da ich nach meiner Rückkehr in mein liebes, stilles Keilhau seit nahe einer Woche die drängen[d]sten brieflichen Forderungen beseitigt habe, ist mein erster Gedanke, Ihren letzten lieben Brief zu beantworten. Wie erstaune ich aber, als ich ihn aus den vielen, freundlichen Zuschriften der jüngsten Zeit hervorgesucht habe, dass, seit er geschrieben, schon mehr als 8 Wochen verflossen sind, und mehr als 9 Wochen seit ich Ihnen zum letzteren /
[LC 28b]
male geschrieben habe. Sie werden sich mein jüngstes langes Schweigen gegen Sie vielleicht gar nicht haben deuten können. Doch wie schnell verfliesst auch das Leben, wenn man von dem Strome des Lebens angegriffen wird!- Als ich in der Mitte des Mon: Jul Ihren jüngsten lieben Brief vom M genannt Mai: in Quetz empfing, war ich eben in voller Arbeit, das Kinderspielfest vorzubereiten, am 25ten desselben Monats wurde es ausgeführt. Wie? sagen Ihnen 3 Beilagen, als Anzeigen davon in eben so vielen verschiedenen Blättern, also darüber kein Wort. Tags darauf machte ich an einen gesuchten Kreis anwesender Kinderfreunde /
[LC 29]
eine [an] anschauliche Vorführungen geknüpfte Mittheilung wie über das Ganze und den inneren Zusammenhang, so über die Mittel, Wege und Weisen, wie über das Ziel und den Zweck meiner entwickelnd-erziehenden Spiel- und Beschäftigungs- und somit Bildungsweise der Kinder. Bei einer dabei gegenwärtigen Erzieherin und Vorsteherin einer höheren Töchterschule aus Hamburg wurde dadurch der Vorsatz bestätigt, gleich nach ihrer Rückkehr nach Hamburg, dort für die Ausführung eines Kindergartens in Verbindung mit ihrer Töchterschule, thätig zu sein. Welcher Vorsatz aus [sc.: auch] wirklich von ihr ausgeführt worden ist, durch weitere Entwickelungen, welche aus diesen meinen Mitthei- /
[LC 29b]
lungen hervorgingen, mindestens dadurch hervorgerufen wurden, wurde ich bestimmt über Magedeburg nach Braunschweig von da nach Hannover und sogar bis Bremen zu gehen. In jeden, dieser Orte wurde nun der Saame zur Ausführung von Kindergärten ausgestreut, welcher nun zur Keimung jetzt noch in dem dunklen Schoosse der Zukunft ruht. Den gleichen Weg gieng ich rückwärts nach Quetz zurück und von da nach Eisenach zum Thüringer Gesangsfest am 23. u. 24. August. Hier in Eisenach würde [sc.: wurde] nun wieder viel zur Ausführung eines Kindergartens und zwar hier, wo als Bibelübersetzer eine Hauptwirksamkeit Luthers war, zur Ausführung eines grossen eines Kindergarten Luthers gearbeitet, gleichsam als Kleinpunkt [sc.: Keimpunkt] zur ächten Fortentwickelung /
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der Reformation im Geiste und Sinn Luthers mit welchen sich mein Streben nachweislich ich möchte sagen einig zeigt. Dies geht besonders aus einen [sc.: einem] kleinen Schriftchen hervor.- Die christliche Kindererziehung im Geiste und "mit den Worten Luthers; ich glaube von einen [sc.:einem] gewissen Pfarrer Scholler herausgekommen in Frankfurt a/M. 1846. bei Zimmer."- Dass nun die von mir angebahnte Kinderführungs- und Beschäftigungsweise in diesen [sc.: diesem] Sinne Luthers die ächte Fortentwickelung der Reformation begründe, das suchte ich besonders in einen [sc.: einem] Vortrage zu beweisen, welchen ich am 26. August im grossen Rathhaussaale vor einem so gewählten als ansehnlichen Publikum hielt.
Das nächste Ergebniss davon war, dass wie der Gedanke von einigen der Umsichtigsten und erfahrensten Anwesenden /
[LC 30b]
ergriffen, so auch von ihnen für Ausführung fest gehalten wurde. Das bleibende Ergebniss auch dieser Mittheilung liegt natürlich auch in gleicher Weise im Dunkel der Zukunft noch bedeckt. In der nächsten Woche pflegte ich das Interesse eines noch jungen Mädchens auf dem Lande nächst Gotha, welches solche eigenthümliche Liebe zu den Kindern und deren entsprechende Beschäftigung findet, dass sie als ein noch zartes Mädchen sich schon zu einer Kindergärtnerin mit ganzer Festigkeit des Herzens bestimmt;- denn auch das Kleinste muss beachten wer das Grosse und Grösste erreichen will, denn das Grosse und selbst Grösste keimt und wächst so ja nur immer aus den Kleinsten hervor.- Am 6. Septr. feierten die beiden Führerinnen des Kindergartens zu Gotha das Stiftungsfest desselben, da sie mich zur Theilnahme an demselben einluden /
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so kehrte [ich] dazu nach Gotha zurück. In einem sehr schönen zweckmässigen Garten war die so einfache als freundliche Feier an welcher wohl 70 und mehr Kinder, so wie deren Eltern besonders Mütter und noch andere Kinderfreunde Antheil nahmen. Aber auch zu weiteren [sc.: weiterer] Wirksamkeit über Gotha noch hinaus wurde von mir der Saame ausgestreut und zunächst wenigstens in einem guten willigen Boden aufgenommen. Von Gotha aus war auch ein Interesse für Ausführung eines Kindergartens in Weimar ausgeführt und nun diess zu nähren, gieng ich Mittwochs am 8. Septr. über Weimar nach Keilhau zurück, wo ich Donnerstag am 9. früh eintraf.-
So haben Sie denn hier sogleich eine kurze Skizze meiner ganzen erziehenden Reise seit meiner < ? [sc.: Thätigkeit in Quetz ?]> /
[LC 31b]
Im Thale angekommen war in Eichfeld mein erster Gang in den Garten oder vielmehr in die Gärtchen meiner lieben Dorfkinder und - wie lieblich frisch und gepflegt stand alles unter der sorglichen Oberpflege des wirklich förderlich thätigen und darum achtbaren Herrn Schullehrers Pöttner daselbst.
Hier in Keilhau angekommen, oder vielmehr schon in Eichfeld erfuhr ich, dass am Montag vor meiner Ankunft, also gerad mit dem Stiftungsfeste in Gotha auch in Saalfeld ein so ansehnliches als schönes Kinderfest von nahe 900 Kindern gefeiert worden ist. Ob nungleich ich nicht dabei gegenwärtig seyn konnte, so hat es uns und namentlich auch Herrn Middendorff sehr leid gethan, das [sc.: daß] uns die Herrn Saalfelder Lehrer, welche doch unsere /
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Theilnahme am geordneten und doch fröhlichen Kinderleben kennen, von der Feier dieses Festes keine Kunde gegeben haben.- Oder ist dies vielleicht das Kinderfest was im Laufe dieses Sommers noch in Ihrem Lande gefeiert werden [sollte] und woran 1000 Kinder und etwa 100 Lehrer antheil nehmen würden[?] So komme ich dann zur Beantwortung Ihres lieben Briefes selbst.
1.) Die Nachricht von Ihrer Beförderung nach Schalkau und von Ihrer damit verbundenen Wirksamkeit hat mich ausserordentlich gefreut und obgleich mein Glückwunsch zu derselben durch des Lebens Drang gewiss der letztere ist, der Ihnen deshalb ausgesprochen wurde, so ist er doch gewiss nicht minder herzlich und aufrichtig als der erste und alle übrigen, welche Sie deshalb empfangen. Also nochmals Gottes /
[LC 32b]
Segen zu Ihrem neuen Wirken, welcher sich in allseitiger Zufriedenheit in Ihre eigenen, in der Ihrer Obern Ihrer Pflegebefohlenen und der Ihrer Eltern Ihnen ausspreche. Ich halte eine solche Wirksamkeit, wie Sie mir als die Ihrige andeuten, als eine der schönsten und Sie haben recht, wenn Sie sagen: "ich freue mich auf dieselbe" - Wie ich Ihnen auch nicht übel nehme, wenn Sie mit schweren [sc.: schwerem] Herzen von dem Orte Ihrer früheren Wirksamkeit geschieden sind. Der Mensch hat wunderbar gar viel Pflanzennatur an sich darum wächst er auch gar zu leicht mit dem Grund und Boden mit der Örtlichkeit zusammen, wo seine Thätigkeit und sein der Liebe, Freundschaft wie des geselligen Verkehrs bedürftiges Innere einige Nahrung findet. Diese Gewächsnatur des Menschen, /
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welche wie gegenseitige Bedürfnisse so aber auch gegenseitige Befriedigung gewährt, sollen wir aber auch recht zur Begründung unseres eigenen Wohles wie des von unserer [sc.: unseren] Mitmenschen benutzen; was Ihnen aber auch gelingen wird.
2.) Für dieses Jahr scheint sich nun die Hoffnung der Zusammenkunft Ihrer zugleich mit mehreren Ihrer Herrn Collegen hier in Keilhau gänzlich zu zerschlagen. Denn ich bin zwar nun schon seit einigen Tagen hierher zurück gekehrt, allein die Tage meines eigentlichen Aufenthaltes hier, sind wegen mancherlei kleinen Reisen in die Umgegend so ungewiss, dass ich zur Zusammenkunft schwer einen Tag fest bestimmen kann. Nur wir beide könnten uns wohl auf halben [sc.: halbem] Weg zwischen hier u. Schalkau in Katzhütte, <Ölze> /
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oder Goldisthal zusammen finden, was ich wohl sehr wünsche. Doch lese ich
3.) soeben in Ihren [sc.: Ihrem] l. Brief: - "Ich komme zu Ihnen, sobald Sie wieder in Ihrer Heimat sind und ich Ferien habe."
Diess wäre nun auch schöner, wenn Sie diess ausführen könnten. Haben Sie vielleicht in der Michaelis Woche Ferien, da haben wir gerad am Michaelistage und die folgenden unsern Kirchweih, schön wäre es wenn Sie uns da besuchen könnten; oder vielleicht zur Feier des 15' 8br.
4.) Ja [in] Eisenach war es schön und Schade, dass Sie nicht da waren, doch würden wir beide uns doch nur wenig gesprochen haben.
5.) Für Ihre Theilnahme an dem Kinderfest in Quetz sage ich Ihnen freundlichsten Dank, auch von Seiten der Turner; als kleine Gegengabe lege ich einige Be- /
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schreibungen oder Nachrichten von dem Feste bei; sie sind von eben so verschiedenen Personen als sie in verschiedenen Blättern erschienen sind. Gern hätte ich [sie] Ihnen schon längst und bald nach ihren [sc.: ihrem] Erscheinen zu weiteren [sc.: weiterem] gefälligen Gebrauch zugeschickt, wenn es mir nur die Zeit vergönnt hätte. Auf die Anzeige im All[.] Anzeig. d. D. lege ich das meiste Gewicht, sie ist wie die einfachste so die klarste, wie die kürzeste so die wahreste, d.h. die dem Geiste der Sache entsprechende besonders sind mir die paar Schlussworte wichtig. Vielleicht können sie von derselben, sowohl bei der Redacktion [sc.: Redaction] der Dorfzeitung, als von dieser und der aus der Magdeburger Zeitung auch für die Redaction der sächsischen Schulzeitung Gebrauch machen. Letztere[r] Gebrauch von beiden wäre mir lieb, weil [wie] ich höre in /
[LC 34b]
in diesem Blatte sich auch zum Öfteren Entgegnungen gegen mein Wirken befinden wie z.B. vor einiger Zeit von einem gewissen Körner, doch schaden diese oberflächlichen Entgegnungen der Sache bei den Unterrichteten nicht im Mindesten, im Gegentheil fordern sie solche nur mehr, für die anderen <Unbestanden[en]> ist es aber gut, wenn Sie auch Darstellung der Sache von anerkennenden [sc.: anerkennendem] Standpunkte aus lesen. Zu dieser Beziehung und nach Ihrem Ermessen eben zur Einsendung an die Redaction der Sächs. Schulzeitung lege ich auch die Anzeige von der Erweiterung des Kindergartens zu Gotha bei, besonders weil dieselbe eine sehr bezeichnete Stelle, aus einem anderen, wie es heisst, vielgelesenen Blatte enthält, welches mir aber nicht bekannt ist.
6.) Dass es mir wirklich gar sehr leid gethan hat, zum 28en Jul. nicht auf den [sc.: dem] Kahler[t] seyn und an Ihrer dortigen Generalconferenz Antheil nehmen zu können, werden Sie mir glau[-] /
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ben, ohne dass ich weiter ein Wort darüber ausspreche u. allein Sie so wie Ihre Herrn Collegen werden auch eingesehen haben, dass es mir unmöglich war. Um so mehr wird es mich nun freuen von Ihnen ausführliche Nachricht von den dortigen Verhandlungen zu hören, vielleicht ist etwas darüber gedruckt, was Sie mir zur Einsicht übersenden können, freuen werde ich mich gar sehr, Ihren vielseitig belebenden Geist welcher auch von einem Ihrer Collegen, welchen ich in Eisenach sprach - einem Lehrer aus Römhild freudig anerkannt wurde - darinn wieder zu finden.
7.) Wie sieht es nun mit dem grossen Kinderfeste aus, welches Sie früher vorgeschlagen haben, und von welchem Sie mir schreiben, dass es noch in diesem Herbste gefeiert werden solle und von welchem man hoffte, dass cca 1000 Kinder und über 100 Lehrer Antheil nehmen würden?- Ist diess vielleicht das Kinderfest, welches Montags den 6. Septr in Saalfeld ausgeführt wurde /
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und an welchem, wie ich höre, gegen 900 Kinder Antheil genommen haben sollen[?] Auch die Ausführung soll sehr gefallen haben.- Was nun das Fest [betrifft], welches Sie meinten, so bin ich leider durch die gleichzeitige Feier des Stiftungsfestes zu Gotha auch um die Theilnahme an diesem Feste verkürzt worden. Ist [es] ein anderes Kinderfest, welches Sie meinten, ist es noch nicht gefeiert so bitte ich mir desshalb weitere Nachricht von Ihnen aus, kann ich es dann nur einigermassen möglich machen, dabei gegenwärtig zu sein, so werde ich es gewiss thun.- Dass solche Feste zur Pflege des humanen, volksthümlichen Sinnes besonders benutzt werden müssen das spricht sich uns in der Gothaschen Anzeige vom Quetzer Kinderfeste am Schlusse klar aus.
7.) [sc.: 8.)] Wegen des Luthers Kindergarten in Möhra habe ich in Eisenach auch mit Bechstein gesprochen, weil ich über sah, dass er aus Beweggründen, die mir von anderen Seiten /
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angedeutet wurden, nicht auf die Sache einging, so habe ich solche gleich zurück treten lassen. Der Maurermeister und ich glaube Stadtältesten Ernst Luther aus Salzungen welchen ich auch in Eisenach sprach, kannte auch meinen Vorschlag, würden wir beide uns früher darüber verständigt u. bestimmt ausgesprochen haben, so meinte er, es würde ihm möglich gewesen seyn, viel zur Ausführung des Planes haben beitragen können, indem von Seiten seiner auch < ? > zur Unterstützung des Bechsteinischen Planes geschehen sey doch gab er die Ausführung meines Vorschlages noch keineswegs auf. Schade, dass die Wirksamkeit Luthers nicht das moralische Gewicht zu haben scheint, was die Ausführung eines solchen Planes fordert.
8.) [sc.: 9.)] Was Sie mir von der Freundschaft des Herrn Dr Hofmann gegen Sie und auch von seiner Theilnahme an meinen Be- /
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strebungen schreiben, ist mir gar sehr erfreulich, und noch erfreulicher würde es mir seyn, wenn er seinen Vorsatz ausführen und Sie bei Ihrer nächsten Reise zu mir begleiten wollte. Ich bitte Sie gar sehr denselben zu vermögen, dass er diesen Vorsatz noch ausführe, auch ich hätte wohl noch manches in petto, welches ich mit ihm besprechen möchte.
Den Gedanken, welchen Herr Dr Hofmann beim Wiedererscheinen seines Christbaumes auszuführen gedenkt, der sprach sich mir gleich nach dem ersten Erscheinen desselben sehr bestimmt aus; allein, wer in der Mitte eigener Bestrebungen steht hat Zeit, Muth und auch ein Recht sich über das vollkommene Erscheinen anderer Bestrebungen auszusprechen!- Ich weiss wohl es ist diess nicht Recht, denn wir streben all nach Einem grossem [sc.: großen] Ziele, die Erhebung und Erziehung des Menschenge- /
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schlechtes der Menschheit, der Erreichung ihrer Berufung entgegen besonders durch die Pflege und Erziehung der Menschheit: ich weiss wohl, dass wir uns dazu Hand und That reichen Gemüth und Geist reichen sollten; an mir liegt es aber auch nicht, dass es nicht geschehen ist und noch bis heute nicht geschiehet, seit mehr als 25 Jahren habe ich mit klarem, entschiedenem Worte - (man lese sämtlich meine Anzeige Schriftchen) dazu aufgefordert, allein mein herzlich wohl und treu gemeintes Wort ist verhallt wie in einer Sandwüste ist geschwunden, wie die gleichlaufenden, allseitig gleichmässig sich entwickelnden Kreise, welche ein niedersinkender Stein auf einer spiegelglatten Wasserfläche hervorruft, wirkend stehe ich, bis auf sehr wenige durch den Geist ächten Menschheitstrebens mit mir Verbunden, in meinem Wollen, Streben und Thun /
[LC 37b]
noch bis heut allein; fast allein stehend muss ich darum aus [sc.: muß es darum mit] wenigen, von gleichen [sc.: gleichem] Geiste der Menschheit Vereinten gelingen, dass die geistige Einigung immer grösser umfangreicher, wie einiger und in sich immer kräftiger und wirksamer werde. Wie ich von jeher dazu Hand und Herz, Geist, Willen und That bot, so werde ich es auch noch heut thun. Sprechen Sie diess allen Ihren Freunden und so auch Herrn Dr Hofmann aus. Sprechen Sie allen diesen aber auch aus, was mir durch Gemeinsamkeit zu erreichen nicht möglich ist u. nicht möglich werden sollte; die so tiefe als sichere Begründung von Familien- Volks- und Menschheitswohl solchen Friedens und solcher Freude u.s.w.- Das werde ich ganz allein zu erreichen begründen suchen, aber meine Mittel, meine Wege dazu sind ganz einfach und sie werden mich /
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gewiss zum Ziele führen.- es ist meine feste Überzeugung, wie die Menschheit bis so wieder jeder einzelne Mensch bis zum kleinsten, so eben geborenen Kinde herab ein in sich einiges, aber keineswegs vereinzeltes, sondern wie aus dem und durch das einige Lebensgange geboremes [sc.: Lebensganze geborenes], so auch in demselben und durch dasselbe sich entwickelnde Wesen ist, - so gewiss giebt es auch so einfache und klare - als sichere Entwickelungs- und somit Erziehungsgesetze wie für das einzelne Kind den einzelnen Menschen, wie für die Familie das Volk und die Menschheit - und die ewige Güte, Liebe und Weisheit zeigt sie uns vielfach wie in ihrer grossen Einfachheit so in ihrer Klarheit und leichten Anwendbarkeit vielfach in den Erscheinungen des Kinderlebens selbst, in der Natur, im Steine wie im Baume in dem gesammten Menschenleben in den Gesetzen seines Denkens /
[LC 38b]
wie in den[en] seines Sprechens in denen seines Fehlens wie in denen seines Handelns, in den Gesetzen seiner äusseren Geschichte, wie in denen was als Offenbarung in seinem Innern uns entgegen tritt.- wir [sc.: Wir] dürfen diese Gesetze nur klar zu erkennen und dieser Erkenntniss mit williger Selbstwahrung, Selbstbestimmung somit Freiheit und ganzer Hingabe also mit Stetigkeit, Muth, Ausdauer, wenn nöthig mit Selbstverläugnung (was aber eben nicht nöthig ist, weil wir thun was wir selbst und frei gewählt) - nachzuleben suchen. Das ist der Weg - der der geistigen Einsicht und der Festigkeit des Handelns auf welchen [sc.: welchem] ich zum Ziele zu gelangen hoffe und auf welchem ich, ich läugne es nicht, alle die geleiten möchte, welche gleiches reinen [sc.:reines] menschheitliches Streben mit mir im In[n]ern tragen, mit mir im Herzen nähren. Es ist diess das reinste Streben der Menschheit, rein von allem und jeden [sc.: jedem] /
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Krankheitsstoff, welcher so manchen [sc.: manchem] anderen wohl auch sonst edlem hohen Streben in der Zeit noch anklebt, fern ist dieses Streben jedem Fehl- und Irrwege, dem [sc.: denn] überall wo der Mensch geht und steht, wo er ein Auskunftsmittel bedarf, da stehen auch die Weg- und Lebensweiser, er braucht nur ihre Sprache zu verstehen, sie lesen können, wie einen klaren Plan seiner Reise, eine klare Reiseroute in sich tragen.- Allein wie auch der Einzelne sicher so zu seinem Ziele gelange, welches er zugleich als das Ziel der Menschheit erkannt, so soll es doch dem nicht also seyn, sondern die Menschheit soll als ein Ganzes, Einiges zum Ziele seiner Berufung gelangen, wie in der Familie nicht ein Glied allein sich erziehen oder erzogen werden soll, ja nicht einmal kann, sondern wenn es eine ächte zum Ziele führende Erziehung werden soll, zu gleich alle Glieder der Familie, die ganze Familie erzogen werden muss, wie an einem Baum nicht nur eine /
[LC 39b]
einzige Frucht von einzelt [sc.: vereinzelt] reift, sondern sie wenigstens alle nach der gleichen Reife streben, auch von der Natur dieses Streben gefordert wird - wie in der Blüthe und Blume nicht nur ein Staubfaden nicht nur ein Staubweg zur Hervorrufung der Frucht thätig ist sondern alle in harmonischer friedlicher Eintracht, so soll auch die Menschheit als ein grosses innig einiges Ganzes in all seinen Gliedern zugleich zur Erreichung und Erfüllung ihrer Berufung thätig sein, wie diess ja unsere Erde als Glied des grossen Sonnensystems in all seinen Theilen zeigt.- Allgegenwärtig ist immer zugleich auf der Erde Frühling, Sommer Herbst u. Winter, Morgen Mittag, Abend u. Mitternacht, wie der Orangen- oder Südfruchtbaum zugleich Knospen für Blüthen u. Blätter und wieder Blüthen, halbreife u. reife Früchte zugleich trägt, alle wirken aber so in Eintracht zusammen, dass der Südfruchtbaum seine Bestimmung erfülle /
[LC 40]
und.- der Mensch ist nicht schlechter als ein solcher u.s.w.
9.) [sc.: 10.)] Der Ihnen gewordene Auftrag in Hinsicht auf das Meyersche Universallexikon und meines Wirkens hat micht [sc.: mich] gefreut; gern hätte ich Ihnen Notizen dazu gegeben - besonders hinsichtlich des Geistes u. Zieles meines Wirkens wie sie nun ganz zufällig - freilich auch etwas auch dieser Brief enthält. Middendorf hat Ihnen nun statt meiner etwas übersandt, Sie besonders, wie es [sc.: er] mir sagt, auf Dr Karl Hagens Zeitfragen 2. Band, oder auch auf die constitutionellen Jahrbücher von Dr <Meil / Weil> 2ter Band 1844 verwiesen, wo unter Überschrift: - Über nationale Erziehung wesentlich und überwiegend auch meiner Erziehungsweise nach Mittel, Weg und Ziel gedacht wird. Bei der [sc.: Leider] habe ich die Adorfer und <Mühlterffer> [sc.: Mühltroffer ] wie andere derartige Blätter deren ich mehrere, wie Sie wissen, gesammelt hatte, so verlegt, dass ich /
[LC 40b]
sie tro[t]z aller Mühe bis jetzt noch nicht habe wieder finden können.-
Endlich nun auch etwas von Keilhau selbst.
Verflossenen Montag am 19. d. M. haben 46. Glieder des Hauses in 3 Abtheilungen ihre Herbstreise angetreten, Herr Barop mit 4 Lehrern u. 20 Schülern oder vielmehr Zöglinge nach Franken u. Nürnberg. Middendorf[f] mit 1 Lehrer u. 14 Zöglingen nach dem Fichtelgebirge, Böhmen u. Voigtlande. Wilhelm Middendorf[f] Sohn mit 5 Zöglingen nach dem nächsten Thüringer Walde, Ilmenau Schneekopf und Arnstadt.- Von allen Lehrern ist nur noch einer, Herr Wöhner u. von allen Zöglingen auch nur noch einer Marius Benzen [sc.: Bendsen] wegen Unwohlsein[s] zurück. Auch 3 der Frauen sind nach dem Harz verreist, so dass es hier nun recht leer u. still ist; ich Ihnen also auch keine Grüsse als nur den einzigen von mir schreiben /
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kann. Schreiben Sie mir nun auch recht bald und recht ausführlich[.]
In Sonnenberg lebt glaub' ich ein Maler, welcher einmal wegen Ausbildung seiner Tochter zu einer Kindergärtnerin bei mir anfragen liess u. doch war ich dort abwesend; was ist aus dem Mädchen geworden?- Leben Sie wohl.
Ihr Friedrich Fröbel.

[Es folgt Abschrift eines Zeitungsartikels]

Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung der Deutschen No 244. Mittwochs, den 8. Septbr 1847. Spalte 3108.


Ein Kinderfest.

Am 25. Juli d. J. ward in dem Dorfe Quetz bei Zörbig im preussisch. Reg. Bez. von Merseburg ein anziehendes [sc.: erziehendes] Kinderfest gefeiert. Der Pastor Hildenhagen ist dort für die Jugendbildung mit nicht ermüdendem Eifer thätig; er hat sowohl einen Kindergarten für die der Schule noch /
[LC 41b]
 nicht angehörigen Kinder, als eine Fortbildungsanstalt für die aus der Schule Entlassenen angelegt, welche beide segensreich virken [sc.: wirken]. Bei Gelegenheit der Einweihungsfeier der wieder hergestellten Kirche war von ihm am 25ten Jul. ein Kinderfest veranstaltet, wobei Fr. Fröbel, der Schöpfer der Kindergärten, selbst die Spiele der Kinder leitete, die in bunter Mannichfaltigkeit bald von der gesammten Kinderschar, bald von einzelnen nach Geschlecht u. Alter gesonderten Abtheilungen mit ganz unerwartetem Geschicke ausgeführt wurden. Durch die Beziehung aller Einzelner auf einen gemeinsamen Mittelpunkt, durch den zweckmässigen Wechsel von Ruhe und munterer Bewegung, durch die Aufrechterhaltung der strengsten Ordnung und durch den Gesang der mannichfachen, lieblichen Liedchen, die alle diese Spiele begleiteten, war Alt und Jung in eine eben so harmonische /
[LC 42]
als erregte Stimmung versetzt. Die Theilnahme an dem Fest, welche auch die Erwachsenen aller Stände zeigten, war <höchst> erfreulich. Sie war ein Ergebniss des tieferen Sinnes für das echt Humane, das in allen Klassen des deutschen Volkes lebt und zu dessen weiteren Entwickelung die Kindergärten wesentlich beitragen könnten.