Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Diakon u. Oberkonsistorialrat K. Günther Mey u. Hermann von Arnswald in Eisenach v. <15.9.>1847 (Keilhau)


F. an Diakon u. Oberkonsistorialrat K. Günther Mey u. Hermann von Arnswald in Eisenach v. <15.9.>1847 (Keilhau)
(Dieser Brief setzt sich aus 2 Teilen aus unterschiedlichen Archiven zusammen. Der Hauptteil [ein Fragment, es fehlt die Schlussfloskel], liegt in BN 364, Bl 2-3, undat. Reinschrift/<Brieforiginal> 1 B 4° 4 S. mit ungenauer Adressatangabe zweier Partner: Der „Diaconus und Oberconsistorialrath“ ist K. Günther Mey in Eisenach, der „Hermann“ der Nachschrift ab 3R Mitte ist Hermann v. Arnswald. Der zweite Briefteil, auch ein Fragment [hier fehlt der Anfang], läßt sich unschwer der Korrespondenz F.s. mit H. v.Arnswald zuordnen und schließt inhaltlich an den BN-Text an. Diese Fortsetzung der Nachschrift liegt in BlM XXVII,5,8, 1 Bl 8° 2 S., - ein undatierter Text ohne Adressat. Die Texte differieren im Format. Die Briefliste Nr.1381 u.1382 kategorisiert beide Dokumente getrennt als „(1847) H. v. Arnswald“ – Mglw. wurde dieser Brief zusammen mit dem vom 15.9.1847 an H.v.Arnswald verschickt.)

         Hochehrwürdiger Herr Diaconus
Hochverehrter Herr Oberconsistorialrath.

Ew: Hochehrwürden waren so gütig der Idee einer frühen entwickelnd-
erziehenden Kinderbeachtung und Bethätigung wie den Mitteln, Wegen
und Weisen einer entsprechenden, allseitig begründenden ersten Kinder- u
Menschenbildung Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit zu schenken, ja
sogar den Gedanken allgemeinerer und größerer Verbreitung der Kinder-
gärten, als ein ächtes Begründungsmittel lebenvoller und früchtereicher
Fortentwickelung der Reformation, Ihrer ernsteren Beachtung werth zu
halten und selbst den Gedanken und Vorschlag einen solchen Kindergarten
in seiner ganzen Vollständigkeit und Vollkommenheit in Eisenach und
am Fuße der, durch Luthers Wirksamkeit besonders geweiheten Wart-
burg als ein "Luthers Kindergarten" auszuführen - wozu sich durch die
Feyer des Gesangsfestes namentlich auf der Wartburg so vielfach die
Anforderung hervor drängte - auf die Möglichkeit einer genügenden Aus-
führung fest im Auge zu behalten; - und dennoch war es mir in Eisenach
noch nicht möglich geworden Ihnen ein so klares und wahres, als leben-
volles Bild nicht nur der frohen, regen, freien, sondern auch der ächt ent-
wickelnd-erziehenden Wirksamkeit eines solchen Kindergartens zu geben
und ganz namentlich Ihnen auch die Früchte und den Erfolg darzulegen,
welche aus einer solchen Kinderführung, bei treuer Festhaltung ihres Aus-
gangspunktes und Grundlage, wie sorgsamer Erfüllung der daraus sich
aussprechenden Forderungen, - mit Nothwendigkeit hervorgehen; - /
[2R]
vor wenigen Tagen empfing nun mein Freund, Herr Middendorff hier, von
einer meiner früheren Schülerinnen, jetzt Kindergärtnerin in Darmstadt
einen Brief, worin sie demselben ihre jüngste, aber alljährlich mit den älte-
sten aus ihrer Anstalt, nach zurückgelegtem sechsten Jahre, in die öffentlichen
Schulen eintretenden Kindern gehalten werdende Frühlingsprüfung und de-
ren Ergebnisse in einem Bilde vorführt. Da nun dieser Brief gar keinen andern
Zweck hat, als dem früheren Mitlehrer und nun theilnehmenden Freunde ein
Bild zu geben von der jetzigen Wirksamkeit der Schreiberin desselben und den Früchten
derselben, er also nicht für eine weitere Verbreitung und noch weniger für die
Öffentlichkeit bestimmt, aber darum auch das Bild so ungeschmückt einfach, als
kunstlos, treu und wahr ist, so kann ich mir nicht entsagen Ihnen, verehrtester
Herr Oberconsistorialrath, dieß Bild in einer ebenso treuen Copie d[as] heißt
den Brief selbst in wörtlicher Abschrift in der Anlage zu überschicken.
Ich zweifle nicht Sie werden in der darin vorgeführten entwickelnderziehender [sc.: entwickelnderziehenden]
Kinderführung, als die Grundlage ächter Menschenbildung, alles das ange-
deutet und beachtet finden, was die christliche Erziehung im Geiste und mit
den Worten Luthers, überhaupt eine frühe begründende Erziehung zur ächten
Fortentwickelung der, mit und durch Luther begonnenen Reformation dem
Ziele der Menschheit, als einer allseitigen Lebenserneuerung entgegen, fordert:
- Pflege, Erstarkung und Entwickelung, Ausbildung des Einzellebens, als Glied
und Theil des in sich innig einigen Ganzlebens durch Natur- und Lebens- (:Außen-
welts-) wie Selbst- und Innenweltsbeachtung, Beachtung der inneren Entwickelung
und der inneren und letzten Quelle, Ursache und Grund aller äußeren Erschein-
ung, also Beachtung und Anerkennung der Kundwerdung, Offenbarung des Göttlichen
im eigenen Leben, in der fortgehenden Entwickelung und Erziehung der Menschheit,
wie Erkenntniß und Anerkenntniß der innern Kundwerdung, Offenbarung
des Göttlichen bei dem ersten Menschengeschlechte, Beachtung der Gefühle und
Empfindungen, des Denkens und Erkennens, des Handelns, Thuns, Darstellens
Schaffens und deren Gesetze wie Forderungen, also Anbahnung und Begrün-
dung der Ausbildung für das Kunst-, das wissenschaftliche, wie für das ausüben-
de Leben; also entsprechend den Forderungen dem häuslichen und Familienleben, /
[3]
dem geselligen, bürgerlichen und öffentlichen Leben, wie zuletzt als Einigung
des Ganzen, des religiösen, des christlich religiösen, des vermittelnden Lebens
für Gotteinigung und in Gotteinigung.
Prüfen Sie darum, hochverehrter Herr Oberconsistorialrath nach der hier angedeu-
teten Allseitigkeit den Gedanken der entwickelnd-erziehenden Menschen- und vor
allem der Kindheitsbildung, prüfen Sie ganz namentlich hiernach die Idee der
Kindergärten; mit den Ergebnissen Ihrer Prüfung vergleichen Sie dann auch
die thatsächlichen Ergebnisse der ausübenden Wirksamkeit der Darmstädter
Kindergärtnerin und lassen Sie sich dann dadurch unbefangen die Frage beant-
worten: - wäre es nicht eine ächt begründende Fortentwickelung der Reforma-
tion, wäre es nicht etwa blos zum Seegen der [{]lutherischen / protestantischen[}] Kirche, nein wäre
es nicht noch weit über diese hinaus zum Frieden des gesammten deutschen
Volkes, ja sogar zum Heile der ganzen Menschheit
wenn Kindergärten immer
allgemeiner würden und so das protestantische Lebens- und Religionsprin-
cip seine mit Nothwendigkeit geforderte, endlich begründende Beachtung, Pflege
und Entwickelung erhielt um sich auch in seinen allseitig seegensreichen
Früchten zunächst wohl im Protestantismus selbst, dann Friedenbringend im
ganzen und dem ganzen deutschen Volke, ja zu letzt der Menschheit selbst
- in der tiefen ewigen Wahrheit und Begründung zu beurkunden
aus welcher es in und durch die Reformation, in und durch Luther hervorge-
gangen ist. Lassen Sie es dann verehrtester Herr Oberconsistorialrath
aus Ihrer eigenen Prüfung hervorgehen und sich daraus aussprechen: - ob
es nicht allseitig gegeben sey, ja gefordert werde, einen solchen Kinder-
garten als einen ächten Kindergarten Luthers, als einen deutschen Kinder-
garten, als einen Kindergarten der stets neu aufkeimenden Menschheit allem zu
vor am Fuße der Wartburg in Eisenach zu begründen und in möglichster
Vollendung auszuführen, da wo gleichsam alle humanen Richtungen für Deutschland sich gleichsam
in einem einzigen Punkt einen und von wo da aus nach und in allen lebens-
wichtigen Beziehungen hin sich von da über Deutschland ausbreiten nach <Schaffen und Pflege[n]> des Bürgerthums des Gewerbes u Handels
der Kunst und der Wissenschaft, der Wahrheit u des Rechts
und vor allem des freien geistigen religiösen Strebens nach Gotteinigung im Leben. Ist /
[3R]
dann das Ergebniß dieser Prüfung ein einfaches, klares, unbeschränktes und ein-
stimmig freudiges Ja! wodurch dann die Wartburg, als Deutsche Burg in so
vielfacher Beziehung, wieder ihre wahre ges[ch]ichtliche Bedeutung, nicht blos historisch
todte sondern wieder lebendige und lebenvoll fortwirkende erhält; und so
Eisenach die Stadt, als die treusorgsame Pflegerin solcher Fortwirkung, die
Stelle unter den Städten Deutschlands, die sie schon ihrer Lage nach als die
gleichsam in der Mitte und auf der Grenze zwischen Nord- und Süddeutsch-
land liegend und so in dieser Lage die mehrfache Vermittlerin zwischen
beiden und sonst geographisch machend - verdient, - dann sich auch wirk-
lich thatsächlich erwirbt. Ich kann mir kein schöneres, würdevolleres
Los für deut Eisenach für dessen Bewohner und die in derselben bestimmend
Wirkenden denken, als die Erfassung, Pflege und Fortentwickelung des
angedeuteten.
Sollten Ihnen aber, verehrtester Herr Oberconsistorialrath ohnge-
achtet des bereits von mir über das Wesen und die Ausführung der
Kindergärten Mitgetheilten noch manche Zweifel übrig bleiben, so
glaube ich sicher daß solche gewiß der Herr Pastor Hildenhagen, welcher
in diesen Tagen durch Eisenach reisen wird, Ihnen solche wird lösen können.

Nachschriftlich für Dich lieber Herrman und in Beziehung auf Deinen jüngsten lieben Brief
-- Du schreibst daß Dir mehrfache Journale zum Gebrauch stehen, nun glaube ich zwar
nicht daß darin auch pädagogische Zeitschriften sind, doch vielleicht kannst Du durch
Deinen Freund Senf (:von welchem ich, im Vorbeigehen gesagt, noch keine Zuschrift
bekommen habe:) die Sächsische Schulzeitung Jahrgang 1847 erhalten, es sollen
darin wie mir ein theilnehmender Schulmann schreibt mehrere Aufsätze
pro & contra über mich, mein Wirken u dessen Zweck stehen; auch wieder in
der jüngsten No soll ich erwähnt seyn. Ich mache Dich wenigstens darauf aufmerk-
sam.-
Meyer in Hildburghausen soll in seinem großen Reallexicon eine Biographie von
einem gewissen Wiedemann in Saalfeld, über von mir aufgenommen haben. Viel-
leicht kannst Du wenigstens den Heft Frö-- durch Deinen Buchhändler zur Einsicht
bekommen. Mir auf dem Dorfe bleiben fast alle diese Sachen dem Inhalte nach fremd.
Das Wort krank hat einen Anlaut mit dem Satze: sich empor, hervor aus eigener Kraft ranken
wie z.B. die Rebe am Weinstock aus einem Abschnitt aus einer Hemmung sich empor
rankt, so macht gleichsam auch die Krankheit einen Abschnitt, eine Hemmung im äußeren
Leben, während dem das innere Seelen- und Geistesleben sich um so freier entfaltet
so gehörte also auch Krankseyn zur großen Harmonie des Lebens, wie aufgelöste Dissonanzen
zu einem großartigen Concert. Man vergleiche damit die Äußerungen mehrerer Kranker über ihr Seelen-
leben während des Krankseyns.

[30]
(BlM XXVII, Verschiedene Briefe II, 34, Bl 30)
Ich weiß, daß die Kindergärten rein- und ächtmenschliche,
von jedem Zufälligen ganz unabhängige, entwickelnderzieh-
ende Bildungsanstalten für alles was Kind heißt, bis zur
eigentlichen Schulzeit seyn sollen, daß ich sie nun so gedacht
habe, aber eben darum würde ich sie auch unter allen Ver-
hältnissen, wo nur Kinder geboren und sie menschlich zu be-
handeln gestattet ist ausführen und sie von jedem dieser
Punkte, unter der eben ausgesprochenen Bedingung zur
Darlebung reiner Menschheit an- und hinleiten.
Wenn ich also von einem Luther Kindergarten rede, so
meine ich nicht daß die Erziehung der Kinder darin gegen
die der anderen christlichen Confessionen abgesperrt oder
abgegrenzt werden sollen, sondern ich meine und will recht
eigentlich, daß darin die Kinder zu rein und allgemein
christlicher Liebe erzogen werden sollen; wenn es also
so scheint als spräche ich nur moll und wolle ich nur christ-
liche Kindergärten mit Ausscheidung der Juden, so ist dieß
wieder ganz auch gegen mein thatsächliches Wirken,
denn es war früher in Frankfurt ein jüdischer oder isra-
elitischer Kindergarten, als ein christlicher - sondern ich
will die Kinder zu rein menschlicher Liebe erziehen,
da sich aber die rein menschliche Liebe immer wenn nur
nicht immer in völliger Klarheit auf die Anerkennung des Göttlichen in der
M menschlichen Natur, im Menschen
im Kinde gründet, so fällt [sc.: fallen] die ächt menschliche und reine
christliche Liebe zusammen; ich nenne aber die christliche Liebe
die, die sich ihres eben angeführten Grundes, - der Gött[-]
lichkeit des menschlichen Wesens d.h. des der menschlichlichen [sc.: menschlichen] Seele
des menschlichen Geistes in welchem Grad es immer sey
bewußt ist - darum: nur Kindergärten; jedes
Beiwort: Luthers, deutscher, christlicher rc, jedes bleibe /
[30R]
weg, so bald es stört.
Erwähnen will ich auch nur noch: der Name Lu-
thers Kindergarten sollte das allgemeinere Inter[-]
esse für die Sache wecken.
Könnt Ihr in Eisenach das Interesse, das Allgemeine
für einen Eisenacher, oder einen deutschen Kindergarten
wecken, so <wie's ist> von meiner Seite gewiß und
fest. Ihr könnt auf meine kräftigste Mitwir[-]
kung rechnen.
- Du schreibst einfach und zugleich anziehend[.]
Hast Du Neigung einmal von dem in Deinem
Briefe angeregten Standpunkt aus über
die Sache zu schreiben so sende es in die Bremer
und will es diese nicht - in die Weser Zeitung ein[.]
Das Publikum des Allgem. Anz. ist für diesen
Gegenstand zu klein und zu unwirksam.
Ich freue mich sehr darauf Dein - "Bald mehr!"
in letzterm Briefe, erfüllt zu sehen.
D. u. E. Fr. Fr.