Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. <Anfang Okt. >1847 (Keilhau)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. <Anfang Okt. >1847 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 232-236. - Jänicke datiert ohne Nachweis: "Keilhau, ohne Datum, wahrscheinlich Anfang Oktober 1847". Anhaltspunkt ist ein im Brief genannter vorausliegender Halle-Aufenthalt F.s. F. war im Juni und Mitte August 1847 in Halle. Gesichert sein dürfte „1847“. - In der Edition gesperrte Passagen werden hier unterstrichen wiedergegeben [so wohl im Original]; in der Edition fett gedruckte Passagen werden hier kursiv wiedergegeben [im Original wohl auffällig großgeschrieben].)

Mein theurer, hochverehrter Freund!
Welche hohe Freude es mir immer machte, Ihre lieben Briefe zu empfangen und zu beantworten, das wissen Sie sattsam, und daß ich keinen Freund kenne, mit welchem ich mich über des Lebens innersten Kern und dessen Wesen und Entwickelung lieber unterhalte, für mich belehrend bespreche, als den, an welchen ich eben diese Worte richte, das wissen Sie gleichfalls; deßhalb können Sie sich wohl schon sagen, daß es ein eigenes Zusammentreffen von Umständen sein müßte, was Sie so lange eine sicher gehoffte Antwort von mir vergeblich erwarten ließ. Als Ihr voriger lieber Brief in Halle für mich eintraf, war ich von dort schon abgereist, allein noch nicht nach Keilhau zurückgekehrt, sondern ich war noch reisend, in der Ihnen bekannten Weise, für den Ihnen klaren Zweck thätig. Zu Hause angekommen, machte es Zeit und Umstand nicht mehr möglich, daß das gewünschte Zeugniß zu der von S. [Seiffert] bestimmten letzten Zeit bei Ihnen eintreffen konnte. Zugleich trat in dieser Zeit für mich persönlich ein allgemeiner Schiffbruch meines Lebens, wenigstens nach der einen und in der jüngsten Zeit wesentlichsten Seite meines Lebens ein, dessen Ergebnisse ich nun erst abwarten mußte, ehe ich Ihnen, theilnehmender Herzens- und Lebensfreund, schreiben konnte. Sie haben mich auf denselben gleichsam prophetisch tröstend vorbereitet schon in einem früheren Briefe, dessen Sie sich vielleicht erinnern, in welchem Sie mir schreiben: "Wir leben im Glauben und nicht im Schauen" und "die actuellen Mächte, seien sie Vorurtheil oder Theuerungszustand rc. sind unbezwingliche Mächte, so lange ihre Stunde noch nicht gekommen ist; aber ein Wörtchen kann sie fällen, wenn ihre Zeit gekommen ist", so schreiben Sie. Ob ich nun gleich diesen ganzen Sommer der Zukunft mit einem unbestimmten bangen Gefühle entgegen gegangen bin, so glaubte oder vielmehr ahnte ich doch damals, als ich dies zum erstenmale in Ihrem lieben Briefe las ­ welcher mir soeben wieder in die Hand fiel ­ die so nahe und unmittelbare Anwendung auf mich und mein Wirken nicht; die Hoffnungen auf einen neuen erfolgreichen Bildungskursus umblühten mich damals noch alle, welche jetzt sämmtlich und noch andere dazu abgewelkt und abgefallen sind.- Zwei Jungfrauen, auf deren Eintritt in den Bildungskursus ich mich sehr freute wegen ihrer Anlagen und Vorbildung, haben es vorgezogen, in sich ihnen darbietende Wirksamkeiten für Erziehung einzutreten, ohne vorher die Kosten auf weitere Ausbildung zu wenden, was ganz natürlich ist.- Bei einer Dritten, für ihren Erziehungsberuf noch mehr im Allgemeinen durchgebildeten, welche darum die besondere Wirksamkeit der Kindergärten namentlich zu würdigen verstand, erlaubten die Ausbildung dafür und die Theilnahme an dem jetzigen Bildungscursus weder Verhältnisse noch Geldmittel. Mangel an Geldmitteln allein war es bei einer Vierten, gleich durchbildet, der den Antheil an dem Bildungskursus hinderte, so bei einer Fünften und Sechsten und anderen, so daß meine schöne Hoffnung für meinen jetzigen Bildungskursus ganz zu Nichts geworden ist; denn um der wenigen, vielleicht zweier willen, deren Eintritt noch überdies schwankend ist, ist es nicht möglich, die kostbare Zeit und große Kraft, wie gänzliche Hingabe von meiner Seite, welche mich ein Bildungskursus kostet, aufzuwenden; und so schwindet mir auch alle Aussicht, unseren S. [Seiffert] für diesen Winter wieder bei mir und mit meiner Wirksamkeit vereinigt zu sehen, welche darum nothwendig auch eine ganz andere sein und ohne Zweifel sich bloß auf das Wirken durch die Feder und durch /
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die Presse beschränken wird. (Bei diesen Worten fällt mir im Nu auf die künftige Wirksamkeit unseres S. [Seiffert] in fortgehender Verbindung mit meinen Bestrebungen Etwas ein, was ich nachher bestimmter wieder aufnehmen werde; so hängt noch die Fortentwickelung des Lebens von dem Festhalten und Ausbilden eines augenblicklichen Gedankens ab[.]) Sehen Sie, mein wahrer und treuer Freund, so stehen jetzt meine Verhältnisse oder vielmehr meine Wirksamkeiten gänzlich umgekehrt und wodurch?- Durch die Gewalt der - wie Sie solche mit Recht nennen ­ actuellen Mächte!- Doch nicht bloß in die Bestimmung meiner persönlichen Wirksamkeit greifen dieselben ein, sondern auch in meine Wirksamkeit nach außen, das heißt in die thatsächliche Ausführung von Kindergärten. Ich sage Ihnen, mein theurer Freund, es ist zum Versinken ins Grab: wenn man nun in einer ansehnlichen, wohlhabenden, ja reichen Stadt zu Eltern, Vätern, Männern der Stadt und Behörden gesprochen, sie von der Wichtigkeit der Sache überzeugt, ja sogar bis auf einen bestimmten Punkt für dieselbe, d.h. für die Ausführung derselben begeistert hat, und es kommt nun auf den Punkt der Herbeischaffung der wirklich, örtlich betrachtet, geringen Mittel: da ist es denn, wie wenn alles vorhergehende Leben wie durch ein Zauberwort in todten Stein verwandelt und nun Öde und Wüste umher wäre; da ist ein Klagen um Mangel der Geldmittel in den Kassen der Privaten, wie in öffentlichen Kassen, in beiden noch als Folge der Theuerung, wie in den letzteren besonders bei Magistraten wegen anderer öffentlicher Bauten, daß man, wie ich sage, in die Erde versinken möchte. Nun haben wir ein gutes Jahr, nun heißt es wieder: "Ja die Folgen der gewesenen Theuerung müssen erst wieder beseitigt sein", und so, fürchte ich, wird man die Sache selbst für beseitigt halten und in Vergessenheit zu bringen suchen. Man darf also zunächst wenigstens noch nicht auf den Sieg der, wenn gleichwohl sich schon vielseitig bewährten guten Sache so rechnen, daß man, in Hoffnung dieses Sieges, es wagen könnte, Jungfrauen aus ihren bestehenden, wenn auch ihnen kaum kärglichen Unterhalt gebenden Verhältnissen herauszureißen, um sie einer würdevolleren Lebens- und Wirkungsweise zuzuführen. Denn dort haben sie doch wenigstens ihr kärgliches Brot und in ihnen bekannten, von ihnen in gewisser Beziehung beherrscht werdenden Verhältnissen. Die der Ausbildung der Jungfrauen zu Kinderpflegerinnen und Kindergärtnerinnen entgegentretenden Hindernisse, welche wahr oder scheinbar sich so vielseitig der Ausführung von Kindergärten entgegenstellen: ­ "Es soll keine weitere Ausbildung für die Befriedigung eines, wenn auch von geistiger und allgemeiner Einsicht klaren Bedürfnisses geschehen, bis das höhere und allgemeinere Bedürfniß auch - ich möchte sagen niederes und besonderes, gleichsam persönlicheres - den Einzelnen als solchen wirklich unbequemes, drückendes Bedürfniß sich gezeigt hat, bis eigentlich jeder Einzelne und zuletzt sie alle gleichsam im Chor um Befriedigung dieses Bedürfnisses wirklich schreien" - diese lese ich, theilnehmend eingehender Freund, im offen aufgeschlagenen Buche der Lebensthatsachen und Erscheinungen und so gleichsam als die Mahnung des Schicksals, als das Wort der Vorsehung; auch die kleinste Erscheinung, selbst bis auf das unbedeutende Verhältniß eines Fröbels zu einem S. [Seiffert], muß sich vor diesem rechtfertigen lassen, d.h. es muß sich in dem aufgeschlagenen Buche der Lebensthatsachen in seiner Wahrheit und Nothwendigkeit zeigen. Wie nun aber mit der hingestellten Forderung entgegengesetzter Wirksamkeit durch die Feder und durch die Presse? Wird sich diese auch rechtfertigen lassen, wird sie auch ebenso klar, wie mir jenes erscheint, im Buche der Lebensthatsachen zu lesen und gleichsam das Positive zu jenem Negativen, die Antwort gleichsam auf jene Frage, oder anders ausgedrückt, der /
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zeitgemäßere Ersatz für das Gewonnene sein. Lassen Sie uns es sehen!- Wäre dies, so wäre ein tiefes Sehnen meines Gemüthes, ein langes, stilles Ahnen meines Herzens erfüllt, das nämlich: aus den vorliegenden Lebensthatsachen und Erscheinungen gleichsam als Mahnung des Schicksals und als Wort der Vorsehung, wie aus einem Buche abzulesen, oder wie in einer Proportion das als gesuchtes unbekanntes Glied zu finden, was eben in irgend einem vorliegenden Falle mit Selbstwahl zu ergreifen und mit Freithätigkeit auszuführen oder darzustellen ist.-
Und so ist es nun eben in dem uns jetzt vorliegendem Falle wirklich: unzählig oft bin ich ganz besonders in diesem Jahre aufgefordert worden, das Sonntagsblatt fortzusetzen; immer von neuem wiederkehrend und von den verschiedensten Punkten aus: mich klar über die Idee und das Wesen der Kindergärten auszusprechen - und ich kann wohl sagen, von allen Denkenden, denen ich die Grundgedanken meiner Überzeugung der Menschenbildung in verschiedenen Verzweigungen der Ausführung vorlegte, wurde es mir, und besonders in der jüngsten Zeit und fast dringend, zur Pflicht gemacht, meine Erfahrungen und Ansichten doch ja der Öffentlichkeit durch den Druck zur Prüfung vorzulegen; dazu kommt nun wirklich, daß in der jetzigen Zeit nicht das gesprochene Wort, sondern das durch die Presse gleichsam erst besiegelte und zur Allgemeingültigkeit erst gestempelte Wort erst wahrhaftes Gewicht und Bedeutung hat, so daß die Presse in Beziehung auf die Menschenbildung jetzt wirklich eine der actuellsten Mächte ist, so beschränkt sie sonst immer noch sein möge. Und so scheint mir ganz vor Allem jetzt die Zeit gekommen zu sein, durch die Feder und durch die Presse für die Sache der frühen zeitgemäßen Kindheit- und Jugendpflege zu wirken. Es ist wahr, ich habe es schon mehrmalen versucht und gethan und nicht eben mit dem erwarteten Erfolg; der Grund davon liegt mir in einem Mehrfachen, wovon einiges die noch nicht ganz vollendete innere Durchbildung und die noch nicht ganz durchdrungene äußere Anwendung war. Das wesentlichste Hinderniß aber war, daß das Publikum noch gar nicht für den Gegenstand angeregt und vorbereitet war, und somit die Mittheilungen durch den Druck nicht sowohl ein Entgegenkommen, einem von Außen sich aussprechenden Bedürfnisse, als vielmehr bloß aus persönlicher Bestimmung hervorgegangen waren; dann aber besonders sich immer in zu eng begrenztem Raume sich bewegten. Alles dies ist jetzt anders, und so scheint mir jetzt, wie die bestimmte Forderung, so auch die ganz bestimmte Zeit zu einer allgemeinen Mittheilung und selbst wieder Prüfung des Gegenstandes durch die Presse gekommen zu sein. Es scheint mir nun an der Zeit, deßhalb einen klar durchdachten Plan zu fassen. Dies habe ich nun wirklich schon mit einigen meiner hiesigen Freunde und namentlich Herrn Middendorff gethan und zwar weitergestützt auf die Überzeugung: "Wie der König seinen Dienern, der Staat seinen Beamteten, so muß auch nothwendig die Idee ihren Trägern, Bildnern und Dienern ihr Bestehen sichern, wenn nur alles klar gedacht, ensprechend vorbereitet und richtig ausgeführt wird". Auf alles dies gestützt haben wir nun folgenden Plan:
Zunächst soll eine ganz kleine Schrift von einigen Bogen unter dem Titel: "Die Kindergärten" - erscheinen. Sie ist schon fast zum Drucke fertig und soll diese Schrift so schnell und so weit als möglich vorbereitet [sc.: verbreitet] werden. Bald auf dem Fuße soll ihm in zwanglosen Heften, vielleicht von 3 Bogen jedes, eine andere Schrift folgen: "Für und wider Fröbel und dessen Erziehungsweise." Diese Schrift soll nun wo möglich nach und nach Alles enthalten, was nur immer irgendwo für oder wider mich geschrieben, d.h. öffentlich ausgesprochen ist. Deßhalb bitte ich Sie, theurer /
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Freund, auch gar sehr, mir demnächstens gütigst Alles das zu diesem Gebrauche zu überschicken, was ich Ihnen früher zu einem ähnlichen Gebrauche zurückließ und später ergänzte. Ich bitte Sie sehr um baldige Erfüllung dieser Bitte, weil ich leider durch vielfaches Vertheilen und Abgeben selbst fast um Alles gekommen bin, was ich in dieser Beziehung gesammelt hatte, und jetzt ist mir dessen Wiederbesitz vielfach wichtig.
Diesem zweiten soll dann drittens die regelmäßige Fortsetzung einer Wochenschrift, d.h. des "Sonntagsblattes", nur unter einem anderen Titel, vielleicht unter dem: "Mittheilungen über und aus den Kindergärten" [folgen]. Irre ich nicht, so waren wir beide es schon früher, welche diesen Gegenstand besprochen haben. Zu Mitarbeitern an dieser Schrift würde ich alle theilnehmenden Freunde einladen, wie ich Sie, theurer Freund, glaube ich schon früher einmal um gütige Mitwirkung bei Ausführung dieses Unternehmens gebeten habe.
Diesen allen würden dann auf der einen Seite bestimmte und ausschließend wissenschaftliche Belehrungsschriften folgen, wie aber auch auf der anderen Seite sämmtliche Spielmittel, als ein organisches Ganzes zwar, aber in einzelnen, ganz für sich bestehenden Gaben, wie dies schon bis jetzt geschehen ist. So entwickelte und bildete sich die Idee ganz frei und selbstständig, wie selbstthätig aus sich, sicherte nicht allein jedem ihrer Träger, Fortbildenden und Dienenden sein Bestehen, sondern was noch mehr ist, ich hoffe, daß durch solche Behandlung der Idee sie noch überdies so viel reinen Ertrag abwirft, daß sie aus sich und durch sich sich darstellen kann und wird, was sich bisher Gemeinsamheiten und selbst wohlhabende Städte nicht auszuführen getrauten, nämlich einen deutschen Musterkindergarten, und dazu habe ich mir auch schon einen in der Mitte Deutschlands gelegenen und historisch für uns Deutsche vielfach wichtigen und bedeutungsvollen Ort ausersehen.
Zur Ausführung dieses schönen und wichtigen Planes nun, meine ich, könne unser S. [Seiffert] in einiger Zeit durch die Gesammtheit seiner Anlagen und dafür vorgebildet durch seine Theilnahme an dem jüngsten Bildungskursus, besonders auch durch seine reine Sittlichkeit, wie kindlichen Sinn, ganz wesentlich beitragen ­ und dies war der Gedanke, welcher mir oben bei den Worten Feder und Presse im Nu durch die Seele flog. Ich meine nämlich so: "Alle diejenigen nämlich, welche jetzt literarische, Kunst- oder andere Unternehmungen haben, wobei das Publikum im Großen und in Masse, aber doch durch Sammlung der Einzelnen betheiligt werden soll, haben ihre Reisenden für ihre Zwecke wie z.B. Meyer in Hildburghausen u. A.; wie ich selbst Reisender in Sache der Kindergärten war, so, meine ich, könnte auch unser S. [Seiffert] Reisender für das dargelegte Unternehmen und so für den Absatz und die Verallgemeinerung der Kinderbeschäftigungsmittel u.s.w. werden. Er wäre in gewisser Beziehung ein reisender Erziehungskünstler, welcher den Eltern zugleich mit den Spielmitteln auch die Anwendung, den Gebrauch und die Spielweise lehren könnte. S. [Seiffert] ist begeistert für die Sache, er wünscht in und mit dieser Begeisterung für die Kinder zu wirken. S. [Seiffert] liebt die Kinder und weiß sich wirklich recht angenehm und lieblich zu machen, und die Eltern würden gewiß für die Sache gewonnen, mit den Kindern sich zu beschäftigen. Wenn ihm auch leider das eigentliche Gesangsorgan für die Sache mangelt, so besitzt er doch sonst andere musikalische Hülfsmittel, welche ihm wenigstens möglich machen, den Menschen einen Begriff von den Spielliedchen zu geben.
Nun überlegen Sie sich, theurer Freund, die Sache, mit der Ausführung hat es noch ein paar Monate Zeit; ehe wir ihn ausführen können, muß erst die kleine Schrift: "Die Kindergärten" - und noch ein Heft der /
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Schrift: "Für und wider Fröbel" - gedruckt sein u.s.w. Da alle meine größeren Geldmittel in der hiesigen Anstalt stecken, die ich nicht herausnehmen kann, da die Anstalt besonders noch wegen dem letzten Theuerungsjahre mit ihrem eigenen Bestehen zu kämpfen hat; da ich ferner meine kleinen Geldmittel alle durch meine Reisen auf die Verbreitung und Bekanntmachung der Idee verwandt habe, so muß ich natürlich ganz klein anfangen. Könnte ich vielleicht über 100 oder 200 Thlr. augenblicklich gebieten, so wäre mir wohl in etwas geholfen, und ich meine, sie wohl in 6 Monaten wieder aus dem Ertrage des Ganzen nehmen zu können; ich muß nun sehen, durch das Sammeln kleinerer Posten das Nöthige zusammenzubringen. Irre ich nun nicht, so hofften Sie schon, theilnehmender Freund, daß bis vorige Weihnachten für Spielmittel etwas bei ihnen eingehen würde. Sollte dies wirklich der Fall gewesen sein, so würde ich mich freuen, wenn ich es jetzt zur Ausführung meines Planes verwenden könnte.
Als ich den Brief an S. [Seiffert] und dessen Zeugniß schrieb, war mir der hier dargelegte Gedanke seiner zur Förderung des Ganzen eingreifenden Thätigkeit noch fremd; deßhalb habe ich Herrn S. [Seiffert] in seinem Briefe auch ganz andere Vorschläge für seine nächste Wirksamkeit gethan. Ob Sie ihm nun auch diesen meinen neuen Plan und Gedanken mittheilen wollen, wird ganz von Ihrem Ermessen abhängen.
Ob es gleich schon tief Mitternacht ist, so will ich mir doch erlauben, Ihnen noch eine Mittheilung zu machen, indem mir es wirklich daran liegt, von Ihnen ganz und gar namentlich hinsichtlich meiner Lebensansichten erkannt zu sehen.- Sie wissen, daß ich in meinem Leben schlechterdings nichts vereinzelt sehe; da las ich nun heut früh folgenden Tagesspruch:
"Wer ist wohl, der auf nächtlich nöthiger Reise
Den Führer in die Grube wirft, die Fackel
Auslöscht, und besser so den schönen Weg
Nun wandeln und die Heimath treffen will?-
Das ist der Mensch, der Erderfahrung schmäht
Und der Vernunft, des Lebens Licht, nicht folgt.
Wer bei Vernunft nicht sieht, dem fehlt Vernunft.
Sie lehrt den Weg, sie treibt ihn auch zu wandeln.
Vernunft ist selbst des Lebens Weg: - wie Platon
Die Freude, welche mit dem Unerkannten
Gereiset, um Platon in Athen
Zu sehen, freundlich - zu sich selber führte."-
Schon heut Morgen, als ich diese Stelle las, war sie mir wichtig und gerade als wie zu meinem Leben gehörig, indem sie mich lehrt, was mir überhaupt, ganz besonders aber gerade in den jetzigen Tagen so Noth thut, nämlich das Leben zu nehmen, wie es ist, das Leben mit seinen Erderfahrungen recht zu würdigen, diese recht zu gebrauchen. Wichtiger ist mir aber diese Stelle noch in Beziehung auf das in diesem Briefe über das Lesen in dem Buche der Thatsachen des Lebens und somit über den großen geistigen und stetigen Zusammenhang nicht nur des inneren, sondern selbst des äußeren, d.h. der Ergebnisse des äußeren Lebens, weßhalb ich mir aber auch erlaubte, diese Stelle noch am Schlusse dieses Briefes hierher zu setzen.
Hier haben Sie nun einmal wieder ganz wie er ist, in voller Aufrichtigkeit und Offenheit
Ihren Freund

Friedrich Fröbel.

So ganz vertrauend und vertrauensvoll dem Menschen gegenüber zu stehen, das ist die Seligkeit meines Wesens.