Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Hofmann in Hildburghausen v. 18.10.1847 (Keilhau)


F. an Friedrich Hofmann in Hildburghausen v. 18.10.1847 (Keilhau)
(Landesbibliothek Coburg, Ms 300/2 F. Fröbel, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., zit. König I/1984, 70f. unter Verwendung der Abschrift/Fotokopie in BN Anh. 30, Bl 234-236)

Herrn Friedrich Hofmann in Hildburghausen
Keilhau am 18 Oktbr 1847.


Verehrtester Herr.

Sie haben mir durch Ihre lieben freundschaftlichen Zei-
len viel Freude gemacht. Es ist ein gar zu hoher Lebens-
genuß wenn Geister und Geister, Gemüther und Gemü-
ther (und Gemüther) immer näher und inniger sich zusam-
men finden; man lebt dadurch selbst erst, indem man sich
nun erst des Lebens im Andern wahrhaft bewußt, das
Leben so erst wahrhaft zum Leben wird. Wenn nun
dieß schon der Fall beim Menschen überhaupt und im
Allgemeinen ist, wie viel mehr ist dieß noch bei Men-
schen der Fall die zum gemeinsamen Lebensberufe
nicht nur Menschheitspflege im Allgemeinen, sondern
zum besonderen Berufe noch gemeinsam die Pflege der
Menschheit in der Kindheit gewählt haben.
Und dieses höhere und höchste gemeinsame Menschen-
und Menschheitsgefühl könnten wir so leicht haben,
wenn wir unter uns gegenseitig und im Einzelnen
das Allgemeinmenschliche achteten, anerkennten und
pflegten, die Ausbildung und Darlebung im Besondern
aber jedem Einzelnen anheim gäben, dann würde
sich das Menschenleben so kräftig und fröhlich wie das
Naturleben, wo die Sonne, gleichsam der bewußte
Naturgeist in jedem Einzelnen das Allgemeine pflegt,
die Entwickelung der Besonderheit eben jedem Besondern /
[1R]
nach Maaßgabe seiner Anlagen und Kraft selbst ü-
berläßt. O, wir sollten und könnten noch weit mehr
durch die Natur lernen, die uns Gott zum Erziehungs-
buche durch Thatsachen und uns zum Spiegel der Selbst-
erziehung übergeben hat. Wie sie Gott gleich Anfangs
diesem[,] dem Menschen, gab, von ihm aber durch Mißverständniß, ich
möchte sagen Verwechselung des Innern mit dem und gegen
das Äußere verkannt wurde; so möchte und erstrebe
ich durch die Kindergärten den Menschen frühe und gleich
mit dem Beginne des Bewußtseyns in frühester Kind-
heit wieder in die Natur als Erziehungsbuch durch That-
sachen und zum Spiegel für die Selbsterziehung einzufüh-
ren, aber zugleich von der klaren Sonne des bewußten
Menschengeistes beschienen, die ihn vor der zum Falle
und zum zu Sühnenden führenden Verwechselung des
Äußern gegen das Innere nicht nur sichere, sondern
den Menschen und schon als Kind zum Ahnen, Beachten
u. Pflegen, Erschauen und Erfassen, zum Darleben des Innern im Innersten
am Äußeren und durch Äußeres führe.-
Mit Ihnen knüpfe ich - Sie, durch den "Christbaum", das
Christfest und durch Alles was daraus hervorgeht - ich, durch
das Spiel und Spielen der Kinder, die Entwickelung, die
entwickelnde Erziehung derselben an die "Freude", die
reine innere Seelen-, Gemüths- und Geistesfreude.
Wir sollten darum nothwendig, wie wir Freunde im Geiste
sind, so auch Freunde in der That und durch die That d.h[.]
in und durch gemeinsame That seyn; Sie dazu aufzu-
fordern drängt mich das, was Ihre Freunde mir
in den höchsten menschlichen Beziehungen von Ihnen aussprac[hen.] /
[2]
Der Mensch ist nun zwar alles was erst durch sich selbst,
durch seine Anlagen; allein es ist auch nicht zu läugnen:
er wird das erst, was er in sich schon ist, in der Erscheinung
und im Äußeren durch die Verhältnisse, ich möchte sagen
durch den Raum in dem er lebt.- Sie, verehrtester
Herr, scheinen mir nun in dieser Beziehung in einer
besonders glücklichen Region zu leben, denn der Sinn
und die rege Thätigkeit besonders für frühe Kinder-
pflege entwickelt sich ja selbst aus Ihrem Hildburghau-
sischen Lande über den Rücken des thüringer Landes
bis zu mir herüber, und dieser Sinn, wie er warm
und kräftig in manchen besonders Ihrer jungen Land-
und Volksschullehrer lebt, ist es ja eben der uns, ich
will nicht sagen, hat finden lassen; allein der uns eigent-
lich doch verbunden hat.- Dieß dünkt mich nun -
keinesweges gleichgültig, sondern hochbeachtenswerth,
ein Zeichen, daß durch Vereinung solcher, sich beson-
ders so vertrauend zusammenfindender Kraft, nicht
nicht [2x] nur die Hoffnung und Erwartung werde erfüllt
werden, welche die Erziehung in Ihrem Ländchen heegt
sondern, daß davon ausgehend die Hoffnung und Erwar-
tung als, welche ganz Deutschland still, ja es mehr oder
minder noch unbewußt hinsichtlich der, in der Kindheit
neu aufkeimenden Menschheit in sich trägt - werde er[-]
füllt werden:- Lassen Sie uns darum ja die sich in Ihrem
Ländchen regenden Erziehungsgedanken und Bestrebungen
als ein Ganzes pflegen, den Christbaum und die Kinder-
gärten
- die Kinderchristgabe und die Kinderspiele, müssen
nothwendig so geeint <al[l]es> Kleinem und durch Kleines /
[2R]
Großes wirken; ich hätte schon längst gern mit Ihnen
über alles dieß gesprochen - könnte dieß nicht ein-
mal so ziemlich auf halbem Wege z.B. in Neustadt
am Rennsteige geschehen?- Vielleicht noch ehe es zu[-]
wintert, wenn wir noch einige Wochen schönes Wetter
behalten?-
Sie hatten schon früher die Güte mich um ein Scherf-
lein zu Ihrem Christbaum zu bitten. Da fällt mir
nun durch Ihren lieben Brief ein Liedchen - "Das Dörf-
chen" in die Hand - es ist Wahrheit und Dichtung zu-
gleich - die Kinder meiner Dörfer, namentlich zu Eich[-]
feld singen es gern; wie es denn auch bei dem Kin-
derfest zu Quetz eines der, dem Kinderkreis am
meisten zusagenden Liedchen war. Um auch die Eltern
theils an dieser Kinderfreude Antheil nehmen zu lassen
theils um ihnen als Dorfbewohner Gelegenheit zu geben
in diesen Spiegel ruhig zu schauen, wurde das kleine
Liedchen mehrmals als Abschrift abgedruckt und an das theilnehmende
Publikum zu vertheilen [sc.: vertheilt]. Können und wollen Sie davon
für für Ihren dießjährigen Christbaum noch Gebrauch
machen so wird es mich freuen, wenn die Gabe nicht zu
unbedeutend ist. Gedruckt ist es noch nirgends.
- Ich freue mich recht, daß die Spielschule zu Hildburg-
hausen nun auch - was sie glaube ich mit Recht verdient,
- zu einem Kindergarten erhoben worden ist.-
Mit inniger Hochachtung und wahrer Liebe
Ihr
     Friedrich Fröbel.

[***Erläuterung Luise Fröbels in Abschriftfoto in BN Anh. 30, paginierte Seite 235:
"Weihnachtsbaum für unsere Kinder" eine Gedichtsammlung welche viele Jahre zu einer Weihnachtsbescherung für Arme <versand> und in den für den Fr Fr besonders thätig war.]