Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Amalie Marschner in Dresden v. 2.11.1847 (Keilhau)


F. an Amalie Marschner in Dresden v. 2.11.1847 (Keilhau)
(BN 557, Bl 1-4, Abschrift 2 B 8° 7 S. Handschrift Luise Fröbels, ed. Georgens/Klemm: Illustrierte Monatshefte Nov. 1854, 147-148; tw. ed. Pösche 1887, 194-197, Auszug bei Heiland 1998, 343f. - Die Edition bei Pösche 1887 suggeriert Vollständigkeit, ist aber stark verfälschend und mit falscher Datierung [2.9.1847; so auch zusätzlicher irriger Brieflisteneintrag Nr. 1367] versehen.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Fräulein Marschner in Dresden.
Keilhau b. Rudolstadt am 2ten Novber 47.

Verehrtes Fräulein!

Was werden Sie sich sagen, schon wieder einen Brief von mir zu empfangen und noch überdieß einen Brief mit einer Bitte an Sie, fast muß ich fürchten bei Ihnen als zudringlich zu erscheinen; allein was kann ich dafür daß mir so viel Hochachtbares von Ihnen ausgesprochen worden ist, wodurch ich mich vom reinsten Vertrauen gezogen fühle Ihnen eine Sache zur Prüfung vorzulegen, welche mir für meine erziehenden Bestrebungen höchst wichtig ist.- Schon seit Langem sehe ich mich nemlich aufgefordert über meine Bildungsanstalt für Kinderpflegerinnen, und Kindererzieherinnen ein paar erziehende und erklärende Worte, ein sogenanntes Programm oder Plan drucken, und so veröffentlichen zu lassen; allein so sehr ich mich auch selbst von der Begründetheit solcher Forderungen überzeugt fühle, so habe ich doch ebenso auch mit gleichen Bedenken mich veranlaßt gefunden die Erfüllung dieser Forderung bisher immer noch hinaus zu schieben; denn man verständigt sich leichter durch die That als durch das Wort und hier oft um so schwier[i]ger, je einfacher und bestimmter das Wort ist. Diese beiden Eigenschaften wünschte ich nun einmal und wohl von der einen Seite meinen einladenden Worten, meinen beigelegten Plan; oder wie Sie es sonst nennen wollen, allein ich wünschte ihm auch noch ein für mich bei weiter Führens: - ich bin nemlich in mir tief überzeugt: - die Zeit hat für das stetig in der Kindheit sich erneuende Menschengeschlecht und für die jetzige Stufe der Menschheitsentwicklung, wie sie sich ganz namentlich auch unter uns Deutschen ausspricht, für die Beachtung, Pflege und Erziehung des aufkeimenden und heranwachsenden Geschlechtes ihre in ganz bestimmten Formen scharf und ausgeprägten Forderungen. Da ich nun weiter in mir fest überzeugt bin: wir kommen mit unsern gesamten Erziehungs Bestrebun[gen] erziehenden Bestrebun[gen], so wohl in Beziehung auf den /
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Einzelnen, wie in Hinsicht auf das Familien- und Gemeindeleben, wie in Betracht des staatlichen und kirchlichen Lebens, des gesammten Volkslebens nur dann zu den ersehnten Ziele[n] wenn wir jene Forderungen klar erkennen, und ihnen mit freithätiger Selbstbestimmung nachleben; so strebe ich, und ersehne ganz vorallem, daß es mir gelingen möge nicht nur die jetzige Stufe der Menschheitsentwickelung, wie sie sich namentlich in und unter uns Deutschen ausspricht und ihre Forderungen in Beziehung auf die Erfassung und Erziehung der Kindheit klar zu erkennen, sondern auch die rechten und richtigen Mittel, Wege und Weisen aufzufinden, jenen Forderungen getreu und gemäß zu handeln. Da nun vor allem das sinnige weibliche, das gebildete und erziehende Frauen Gemüth einen so sichern Prüfstein für das Richtige nach Zeit und Ort, für das Rechte nach Weg und Weise in sich trägt, so komme < ? > ich denn auch vertrauensvoll zu Ihnen, Ihnen was ich möchte und erstrebe, und wie ich es möchte und suche, zu so weiser als gütiger Prüfung vorzulegen und durch Sie allen denen, welche als Freundinnen gleiches Strebens und Handeln mit Ihnen theilen. Ich wünsche ein klares Bild des Eindruckes den das Ganze, wie sein Einzelnes auf Sie und, ganz nach Ihren Ermessen, etwa auf die Ihnen befreundeten Frauengemüther mache, selbst wenn Sie fürchten sollten, daß dieß nur eben kein zusagendes sei. Ich wünsche Wahrheit, darin ist ja eben mein persönliches Vertrauen begründet. Um mich aber ganz zu verstehen muß ich mir erlauben Ihnen noch eine weitere meiner Überzeugungen auszusprechen; eine Überzeugung jedoch, welche für mich mit Nothwendigkeit <und eben ganz getreu> hervorgeht. Ich will sie kurz und [bündig] so aussprechen: - Das <sogenannte> weibliche Geschlecht auf allen Stufen der Entwickelung, ganz besonders aber in seiner Kind- und Menschheit pflegenden und erziehenden Wirksamkeit, muß wieder in das richtige, aber auch allseitig anerkannte Verhältniß zur Entwicklung und Erziehung des Menschengeschlechtes, des kleinsten und <eines ältesten> Kindes /
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und Menschen, wie der Familien, der Gemeinsamkeiten, und des ganzen Volkes kommen; allein dieß nicht einseitig, nicht einmal blos mehrseitig, sondern allseitig d.h. nicht nur den äußern Thun, sondern auch der Gesinnung nach; nicht blos nach der Richtung des Gefühles und Gemüthes, sondern auch nach der Seite, des <Elementes>, des Denkens und des Geistes nicht nur nach der Einsicht und des Erkennens des Einzelnen sondern nach der Übersicht des Ganzen, nicht nur nach der Glaubens, sondern auch nach der Wissens Seite. Sie müssen mich, verehrteste[s] Fräulein nicht mißverstehen, ich spreche und rede von dem ganzen weiblichen Geschlecht; die einzelnen Wirksamkeiten und ihre verschiedenen Arten sind, innerhalb des ganzen Geschlechtes, auch an die Einzelnen deßelben nach Maaßgabe ihrer Entwicklungsstufen vertheilt. Nochmals ich rede von dem ganzen weiblichen Geschlechte, dem ganzen männlichen Geschlecht gegenüber, welche beide innig geeint die Menschheit in der Erscheinung, also als ein in sich es Einiges darstellen.- Wie Kopf und Herz im Gemüthe und durchs Gemüthe ganz gleichen Antheil an der vollkommenen Ausbildung eines Menschen, des Menschen haben sollen, so sollen auch das männliche und weibliche in inniger und wechselseitiger Durchdringung ganz gleichen Antheil an der Ausbildung der Menschheit haben und zwar jedes Geschlecht nach Maaßgabe der Eigenthümlichkeit des an sich gleichen Wesens, nach Maaßgabe seiner E eigenthümlichen Natur. Dieß aber scheint mir keinesweges der Fall, die Einwirkung des weiblichen und männlichen Geschlechtes auf die Fortbildung der Menschheit scheint mir, gleichsam <der> Quantität nach, zum Nachtheil des ersteren z.B. ungleich vertheilt, und wie muß ich seit länger als ein sogenanntes Menschenalter, so sonderbar und [un]gewohnt es auch immer in Rücksicht auf die Art und Größe der vorliegenden <aufsichtlichen> Thatsachen erscheinen mag, den <allinnersten> und letzten Grund derselben finden. Ich gehe von der inneren Wahrnehmung, Anschauung und Überzeugung aus: - Die Menschheit ist als ein in /
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einiges Ganze, eine beziehungsweise Einheit, Ein Gedanke Gottes. Die Erscheinung der Menschheit auf der Erde, und somit als eine Werdende uss.w [sc.: usw.] findet oder bedingt in und durch sich selbst die Trennung der in zwei Geschlechter, wie ja selbst der einzelne Mensch in sich ein fühlendes und denkendes; oder vielmehr bestimmter und richtiger gesagt, sich selbst obgleich ein einiges Wesen, doch als ein fühlendes und denkendes wahrnimmt.- Dadurch ist nun aber auch - ich erlaube mir nochmals diesen Ausdruck - die Quantitativ ganz gleiche Berechtigung des weiblichen Geschlechts an der Fortbildung bedingt, ich meine ganz gleich dem Wesen und der Wichtigkeit nach, wenn auch verschiedenn ihrer Natur, d.h. der Art ihrer Erscheinung und Wirksamkeit nach.- Dem weiblichen Geschlecht gehört die subjective, die Innenwelts-Weckung, Erstarkung und Bildung der, in der Kindheit neu aufkeimenden Menschheit, den [sc.: dem] männlichen Geschlecht dagegen die Objective Ausbildung; die Außenweltauffassung und Anschauung des heraufwachsenden Menschengeschlechtes!- Beide Bildungs[-] und Entwicklungssphären sind nun in sich ihren Wesen nach ganz gleich berechtigt, will man nun aber dennoch, weil der Mensch immer gern mißt und <[ver]mittelt>, einen ordnenden Unterschied zwischen beiden finden, so ist, weil bei einem Aufbau der gute und sichere, entsprechende Grund das Wesentlichste, eben so bei einer Aussaat das Keimen, Wurzeln und erste Wachsthum; so ist auch bei der Emporbildung der Menschheit zu ihrem Ziele die Erweckung, Pflege und Ausbildung der Innen[-], der Gemüthswelt in der Kindheit, der sich erneuenden Menschheit, gewiß das Wesentlichere.
Wie nun aber auch bei dem männlichen Geschlechte sein Einwirken auf das heraufwachsende Menschengeschlecht nicht blos dem zwar in sich richtigen, allein weil der Mensch ein Vernunftswesen ist, nicht mißverstandenen und mißgeleiteten Naturtriebe - überlassen bleiben, sondern durch das prüfende /
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Denken und die Vernunftthätigkeit hindurch gehen solle, so soll denn auch die Einwirkung des weiblichen Geschlechtes auf die Entwicklung, und Erziehung Ausbildung der Menschheit in der stets neu aufsprießenden Kindheit, nicht blos und allein dem weiblichen Natur-, Lebens[-] und Bildungstriebe - so richtig derselbe in seiner völligen Ursprünglichkeit und Ungestörtheit auch immer sein mag - überlassen bleiben sondern der ursprüngliche Trieb soll in dem und durch das Denken in seinem Grunde, wie in der Richtigkeit seines Weges, seine[r] Mittel und seines Zieles erkannt, er soll durch auch ewige und die von Gott aus gehende Vernunft, als Entwicklungsgesetz erkannt und als solches, ihm nachgelebt werden.- Sehen Sie, verehrteste[s] Fräulein! das ist eigentlich der Ausgangs[-] meines und Zielpunkt [sc.: und Zielpunkt meines] erziehenden Bestrebens: Ich möchte das ganze weibliche Geschlecht, natürlich zuerst in unserm deutschen Volke, in jedem einzelnen Individuum, nach Maasgabe seines Alters, seiner Stellung und Wirksamkeit nach dem Maaß seiner Fähigkeiten, seiner Kraft seiner Ausbildung, also den menschlichen Verhältnissen ganz entsprechend -- in seiner erziehenden Bedeutung für die Ausbildung der Menschheit ihrem Ziele entgegen, nicht nur allgemein anerkannt und in dieser Anerkennung wirkend sehend, und daß es in dieser Wirksamkeit nicht blos auf der Stufe des oft noch sehr dunkeln und wenig <gewerkten>, oft gestörten und mißgeleiteten, oft aber auch ganz mißverstandenen Naturtriebes thätig sey; sondern immer, wenn auch auf den verschiedensten Stufen, wie es nur auf der, der erst beginnenden Einsicht oder mindestens unter der Controlle der Einsicht und Übersicht, bei kindlich gläubiger und vertrauender Ausführung des <Angerichteten> - wirksam <sam> sey.- Ich bin mehrseitig von hochgebildeten Müttern, die sich durch ihr Denken und sonstige Mithülfe aus ihren mehrjährigen Erziehungs- und Kinderpflegepraxis eine Art Erziehungsverhalten abstrahirt hatten und damit auch wohl in ihrem eigen[en] häuslichen Kreise vollständig <wie kaum>, ganz <verkannt worden>; wo mir dann /
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von jenen Seiten Fragen dazu vorgeworfen werden: ich als Mann, der ich doch gar nichts von mütterlichen Leben, Lieben, Gefühlen u.s.w. u.s.w. verstehe, wolle den Müttern lehren und vorschreiben, wie sie mit Kindern und ihren Kindern umgehen sollten, was sie doch schon von Haus aus und eben als Frauen und Mütter und als Wesen von weiblichen Gemüthe und Herzen, viel besser verstehen müßten u.s.w.- Dieß, verehrteste[s] Fräulein, ist mir nie eingefallen; und wie könnte mir es auch, <nur> als Mann der ersten Stufe der Denkthätigkeit einfallen etwas gegen die Naturthätigkeit wollen, oder es besser als der Naturtrieb zu verstehen; mein Streben geht blos dafür, zu wirken, daß aber der Natur- und Lebenstrieb nicht nur in seinem Wollen nicht mißverstanden, sondern eben recht und richtig verstanden; daß er in seiner menschenwürdigen Reinheit nicht gestört und getrübt, sondern in denselben erkannt, anerkannt und ihm von der höheren Stufe der Vernunfteinsicht möglichst treu und mit Freithätigkeit und Selbstbestimmung nach gelebt werde. Dieß ist nun, verehrteste[s] Fräulein der Zweck meiner entwickelnden, erziehenden, und bildenden Spiele, dieß ist der Zweck meiner und der von mir dafür ins Leben gerufenen Kindergärten; dieß ist ganz vor allen auch der Zweck meiner Bildungsanstalt für Kinderpflegerinne[n] und Kindererzieherinnen.
Und ich sehe jetzt, ich habe im Verfolge der Denkthätigkeit Ihnen nicht blos, was ich nur Eingangs des Briefes wollte und aussprach - in und mit diesen [sc.: diesem] Briefe den Plan der gedachten Bildungsanstalt, sondern die Gesamtheit meiner Lebens[-] und Menschheitsansicht, die demselben natürlich zu Grunde liegt, vertrauensvoll zur Prüfung vorgelegt. Ich sehe jetzt wohl ein, es war und ist ein wenig viel gewagt, daß ich dieß auf die mir gewordenen Mittheilungen hin thun konnte, denn wie leicht war und ist es doch möglich, daß Sie keinesweges meine Lebens- und Menschheitsansicht, wenigstens nicht in dem Vorhingetheilten [sc.: vorhin Mitgetheilten ?] als solcher dieser Brief darlegt; doch wenn dieß auch /
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wirklich der Fall sein sollte, so könnte mich dieß nun <doch> nicht mehr bestimmen das <Niedergeschriebene> zurückzubehalten; nur eines bitte ich, schreiben Sie mir recht klar, <offen und unumwunden wie> Sie über dieß hier dargelegte Erziehungsstreben denken; wollen Sie sich andern Ihnen geistig Verwandten darüber mittheilen, so habe ich gar nichts dagegen; denn ich suche Prüfung und trage sie auch das Gepräge der schärfsten Vernichtung, denn ich will blos das was wirklich wahr ist, und nur so kommt es zu Tage. Wohl fühle ich, daß es fast unbescheiden ist, und doch muß ich mir gestatten noch einen Wunsch auszusprechen.-
Da ich den Plan der in Frage stehenden Bildungsanstalt in der zweiten Hälfte dieses Monats gern dem Druck übergeben möchte, so würde es mich freuen, wenn es möglich wäre noch in der ersten Hälfte desselben Ihr Urtheil und vielleicht die [Urtheile] von Freundinnen durch Ihre Güte ausgesprochen zu hören. Auch wird es mich freuen wenn Sie geradezu durchstreichen wollen, was Sie Ihren Lebensansichten entgegen erkennen, wie wenn Ihr[e] Güte, auf diese gegründet, mir Entsprechenderes an dessen Stelle setzt.
Jedenfalls werde ich dadurch zu einer strengeren Prüfung veranlaßt. Welche Ansicht Sie mir nun auch immer aussprechen müssen und sey es die rein <anzie[h]ende>, so seyn Sie doch der bleibend vorzüglichen Hochachtung versichert
Ihres
Ergebenen

Friedrich Fröbel