Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 14.11.1847 (Keilhau)


F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 14.11.1847 (Keilhau)
(BN Anh. 43, Bl LC 43 - LC 50, Abschriftabschrift 4 B 8° 16 S., Handschrift unbekannt. Der Abschriftabschreiber gibt als Vorlage eine Abschrift im Besitz eines Redakteurs Richard Lorenz, Coburg, an. Bemerkungen des Abschriftabschreibers, die sich mit seiner Vorlage auseinandersetzen, werden, soweit sie als richtig erscheinen, hier u. in allen F.-Briefen an Stangenberger aus BN Anh. 43 analog zu eigenen Bemerkungen wie folgt aufgegriffen: Hinweise auf Auslassungen als "< ? >", Hinweise auf vermutliche Lesefehler als "[sc.: ...]". - Der anfangs erwähnte beiliegende F.-Brief an Stangenberger v. 10.11.1847 scheint verlorengegangen zu sein.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Herrn Organist Stangenberger i. Schalkau
Keilhau b. Rudolstadt am 14. Nov. 47.

Werthgeschätzter Herr Stangenberger.
Sie werden aus der grossen Flüchtigkeit mit welcher die beiliegenden Zeilen vom 10ten d. [Monats] geschrieben sind, ersehen, dass dieselben schnell und augenblicklich abgesandt werden sollten; und so war es wirklich; allein Sie haben so eben auch gelesen, dass ich am Schlus[s]e derselben Pröscholdts Schatzkästl. gedenke, welches im Laufe des Geschäftslebens auf meinen Arbeitstisch gekommen war. Während der Brief nun zum Absenden trocknen sollte, blickte ich zufällig noch in das Buch und - was schlug ich auf? "Wesen der neuen Erziehung" aus der zweiten Rede Fichte's an die deutsche Nation. Dass mich /
[LC 43b]
der Gegenstand als ein alter Bekannter und doch auch immer würde [sc.: wieder] als ein neuer mehrfach anzog können Sie sich denken, besonders gestehe ich Ihnen offen ich war überrascht von einem Manne wie mir Pröscholdt im Lebensfluss erschienen war, eine Beachtung dieser Reden, wie überhaupt Fichte's hier zu finden. Aber noch wichtiger war mir nun die Thatsache Fichte, besonders Fichtes Überzeugungen von den jetzigen Forderungen der Erziehung des Menschengeschlechts und des Deutschen ins besondere, hierdurch nicht nur in den Kreis, sondern auch recht eigentlich in das Leben der Volksschullehrer und so in den grossen Kreis ihrer Wirksamkeit wie in ihr denkendes Beachten eingeführt zu sehen. Natürlich war es mir nun weiter wichtig zu sehen mit /
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welchen Sätzen und Überzeugungen Fichte's es geschehen, was von denselben hier ausgesprochen sey. So wurde ich zum Lesen bestimmt und von dem Inhalt desselben Gelesenen festgehalten und fortgezogen: ich las
"Alle Bildung strebt die Hervorbringung eines festen, beharrlichen, bestimmten Seyns an., .....["] Strebte sie nicht ein "solches Seyn an, so wäre sie nicht Bildung, sondern zweckloses Spiel, hätte sie ein solches Seyn nicht hervorgebracht, so wäre sie eben noch nicht vollendet. Wer sich noch ermahnen und ermahnt werden muss, der hat noch kein bestimmtes und stets bereitstehendes Wollen, sondern er will dieses auch jedesmal im Falle des Gebrauchs machen. Wer ein solches festes Wollen hat, der will, was er will für alle Ewigkeit....... Dadurch hat eben die /
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bisherige Zeit gezeigt - dass sie von Bildung zum Menschen weder einen rechten Begriff, noch die Kraft hatte, diesen Begriff darzustellen, dass sie durch ermahnende Predigten den Menschen bessern wollte und verdriesslich ward und schalt, wenn diese Predigten nichts fruchteten. Wie konnten Sie doch fruchten?- ........ Willst Du Etwas [sc.: etwas] über den Menschen vermögen, so musst Du mehr thun, als ihn blos anreden; du musst ihn machen, ihn also machen, dass er gar nicht anders wollen könne, als du willst, dass er wolle. Es ist vergebens, dem der keine Flügel hat, zu sagen:"fliege" er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte über den Boden emporkommen; aber entwickle, wenn du kannst, seine geistigen Schwungfedern und lasse ihn dieselben üben und kräftig machen, /
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und er wird ohne all dem Ermahnen gar nicht anders mehr wollen oder können, denn fliegen.
"Diesen festen und nicht weiter schwankenden Willen muss die neue Erziehung hervorbringen, nach einer sicheren und ohne Ausnahme wirksamen Regel; sie muss selber mit Nothwendigkeit erzeugen die Nothwendigkeit die Nothwendigkeit [2x] die sie beabsichtiget."-
"...... Aus den Händen einer dunkeln und nicht zu berechnenden Kraft nun soll hinfort die Bildung zum Menschen unter die Botmässigkeit einer besonnenen Kunst gebracht werden, die an allem, ohne Ausnahme, was ihr anvertraut wird, ihren Zweck sicher erreiche oder, wo sie ihn etwa nicht erreichte, wenigstens weiss, dass sie ihn [nicht] erreicht hat, und dass somit die Erziehung noch nicht geschlossen ist. Eine sichere /
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und besonnene Kunst einen festen und unfehlbar guten Willen im Menschen zu bilden, soll also die vorgeschlagene neue Erziehung seyn, und dieses ist ihr erstes Merkmal."
"Weiter - der Mensch kann nur dasjenige wollen, was er liebt, seine Liebe ist der einzige, zugleich auch der unfehlbare Autor seines Wollens und aller seiner Lebensregung und Bewegung ........ Die Liebe für das Gute, schlechtweg als solches, und nicht etwa um seiner Nützlichkeit willen, für uns selber trägt, wie wir schon ersehen haben, die Gestalt des Wohlgefallens an demselben eines so innigen Wohlgefallens, dass man dadurch getrieben werde, es in seinem Leben darzustellen, dieses innige Wohlgefallen also wäre es, was die neue Erziehung als festes und unverwandelbares Seyn ihres Zöglinges hervorbringen müsste, worauf denn dieses Wohlgefallen /
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durch sich selbst den unwandelbar guten Willen desselben Zöglings als nothwendig begründen würde.["]
..... S 207 Z <3/9> v.u[.] "Daher auch aus der bisherigen Erfahrung hervorgeht, dass es allein die Entwicklung der geistigen Thätigkeit durch den Unterricht sey, die da Lust an der Erkenntniss rein als solcher hervorbringe und so auch das Gemüth der sittlichen Bildung offen erhalte."
.... S 208 Z 7. v[.] o[.] "Es ist klar dass der Zögling von seiner Liebe getrieben viel und, da er alles in seinem Zusammenhange fasst und das Gefasste unmittelbar durch ein Thun übt, dieses Viele richtig und unvergesslich lernen werde. ....... Bedeutender ist, dass durch diese Liebe sein Selbst[gefühl] erhöht und in eine ganz neue Ordnung der Dinge besonnen und nach einer Regel (:Gesetz:) eingeführt wird[.] Ihn treibt eine Liebe die ...... /
[LC 46b]
auf geistige Bildung die unmittelbare Vorbereitung zu der sittlichen u. die Wurzel der Unsittlichkeit aber rottet sie, indem sie den sinnlichen Genuss <nun> als Antrieb werden lässt, gänzlich aus."
"S 209 Z. 2. v[.] u. Es ist klar, dass diese freie Thätigkeit des Geistes in der Absicht entwickelt worden [ist], damit der Zögling mit derselben frei das Bild einer sittlichen Ordnung des wirklich vorhandenen Lebens entwürfe, dieses Bild mit der in ihm gleichfalls schon entwickelten Liebe fasse und durch diese Liebe getrieben werde, dasselbe in und durch sein Leben wirklich darzustellen."
Wenn Sie nun lieber Herr Stangenberger, das was ich hier aus der zweiten Rede Fichte's, welche Pröscholdt in sein Schatzkästlein aufgenommen hat, einzeln herausgehoben habe, und was Sie im Zusammenhang in der Rede selbst finden /
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können - in ruhiger Beachtung mit sinnigem Gemüthe gelesen haben ist Ihnen darinn und dabei nicht vielseitig das, dem Geiste wie der Ausführung nach, klar gezeichnete Bild der entwickelnden erziehenden Menschen[-] und somit vor allem Kinderbildung entgegen[ge]treten, welche auch in Ihnen ganz besonders einen so eingehenden, als rüstigen Vertreter findet entgegengetreten?- Mich dünkt, es könnte gar nicht anders seyn; - ganz besonders unsere Spiele unsere Beschäftigungen und unsere, das Ganze in sich schliessenden Kindergärten, so weit es möglich war Ihnen alles diess vor- und in dasselbe einzuführen.-
Sie werden, geschätzter Herr Stangenberger, darin zugleich nicht nur eine Rechtfertigung und Bestätigung, sondern auch wirksamste Kräftigung Ihrer mir wiederkehrend, und besonders nach [sc.: noch] in Ih- /
[LC 47b]
rem jüngsten lieben Brief aus Saalfeld wieder so schön ausgesprochene Überzeugung: - "Mir ist es eine heilige Pflicht, Ihre Sache (d.h. die der Kindheit pp) zu fördern und genehmigen Sie aufs Neue meine Versicherung Ihnen (d.h. eben der Kindheit, der Menschheit des Vaterlandes und Volkes Sache) treuer Anhänger zu seyn, nach der Kraft die zu mir lebt[.]" < ? >
Sehen Sie nun, mein lieber Herr Stangenberger, das ist das Schöne Erhebende und Ermuthigende im Leben, dass wenn wir nur etwas wahrhaft Gutes ersehen und wünschen, sey es nun heil- und segenbringend für Einzelne oder für [das] Ganze, für uns selbst oder für Andere, zur Erziehung desselben, wenn wir nur allseitig unsere Augen eröffnen und unsere Kräfte gebrauchen, seyen diese auch noch so schwach - die eben rechten Mittel vor uns liegen, wir dürfen sie nur /
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ergreifen und recht gebrauchen, so auch im vorliegenden Falle mit Ihrer Überzeugung, Vorsatz und Versicherung: Pröscholdt giebt Ihnen zum Handeln nach Ihrer Überzeugung, zur Ausführung Ihres Vorsatzes, zur Erfüllung Ihrer freundlichen Versicherung, Mittel und Weg an, die Hand indem er Ihnen die Einführung seines Schatzkästlein[s] in das Leben und namentlich in das Leben und Wirken, der Schulmeister überträgt d.h. die Beurtheilung desselben - Sie - Sie [2x] schreiben mir daher, ich möchte sagen in der Vorahnung dessen, was Ihnen dadurch und darin gegeben wird in Ihrem l' Brief: "Eine besondere Freude habe ich soeben erlebt, als mein Freund Pröschold[t] sein neuestes Werkchen zu Händen giebt - Schatzkästlein für Schulmeister das ich beurtheilen und in der sächs. S. Ztg anzeigen will."- Und Sie haben doppelt und mehrfach recht sich zu freuen, /
[LC 48b]
wenn Sie nur das, was Ihnen in und mit dem Buche für Ihr Streben gehoben wurde, nicht nur klar erkennen, sondern auch kräftig gebrauchen wollen; denn Fichte, der tiefe Denker, giebt Ihnen für dasselbe in der im Schatzkästlein theilweise aufgenommenen 2ten Rede und wieder in den von mir besonders hervorgehobenen Stellen Wahrheiten und Grundsätze zur Grundlage auf und aus welchem Sie nun auch die tief begründete Wahrheit der Sache die Sie mit vertreten allseitig nachweisen und entwickeln können.- Wohl weiss ich, dass das, was Fichte von der neuen Erziehung ausspricht (1808) dortmals sich auf die Pestalozzische Schule sich bezieht, und von ihr erwartet wurde, allein es liegt wohl auch jedermann klar vor, dass diese Erwartungen durch vernichtende Einseitigkeiten und tödtender [sc.: tödtende] Leidenschaften jener nur im geringen Grade erfüllt wurde. Ob nun aber durch die von mir angebahnte und von /
[LC 49]
Ihnen so kräftig mit vertretene entwickelnd- und erziehende Menschen[-] und zunächst Kinderbildung die von Fichte, unter der von ihm sogenannten neuen Erziehung gestellte Aufgabe gelöst werde, diess ist nun eine Frage zu deren entscheidente [sc.: entscheidender] Beantwortung vielseitig die Tatsache[n] vorliegen, zu welcher nun eben auch von Ihrer Seite gerad jetzt das "Schatzkästlein" so schön Weg und Mittel zeigt und zwar auch nach der ausführenden Seite, ich meine in den Briefen eines Schulmeisters aus B. Auerbachs ["]Gevattersmann 1847" und zwar S[.] 261 unseres Schatzkästleins die Einführung der "Kindergärten" ins Leben.
Ich meine nemlich, wie Ihnen, Herr Stangenberger die Beurtheilung und Anzeige von Pröschold[t]s Schatzkästlein helle, schöne Veranlassung giebt durch die darin zum Theil aufgenommene Rede Fichtes /
[LV 49b]
und den Brief eines Schulmeisters die Prüfung wiederkehrend auf die entwickelnd-erziehende Menschen- und Volksbildung, oder in ihrem ersten Beginn - auf die bethätigende Kinderpflege- Spiel- und Beschäftigunsweise - oder auch in und mit einem Worte:- auf die "Kindergärten" hinzuweisen. Indem für alles diess das Schatzkästlein allen und Jedem, besonders aber den Lehrern (in Fichtes Rede) den Prüfstein und (im Brief des Schulmeisters) Erfahrungen mittheilt. In letzteren [sc.: letzterem] können Sie manches erweitern, manches berichtigen z.B. die Äusserung des Schulmeisters: - Die Kinder lernen sonst nichts als Lügen. S[.] 262 In Niederschreibung dieses an sich ganz einfachen Gedanken[s] bin ich - wie Sie auch aus der Schrift ersehen werden, unzählig oft gestört worden wesshalb [sc.: weshalb] ich wegen der zerstückelten Darstellung ich sehr um Nachsicht bitten muss. Bei Absendung des /
[LC 50]
Briefes fällt mir ein, dass es Ihnen vielleicht doch lieb ist das ganze Schriftchen Leidesdorff aus welchen [sc.: welchem] "Ein Wort über FrFr" blos ein kleiner Auszug ist zur Einsicht haben; deshalb lege ich es angeschlossen bei. Möglich, dass Sie sich auch dadurch veranlasst finden eine Anzeige davon in der Sächsisch. Sch. Ztg. zu machen.- Nun auch noch ein Wörtchen von uns: - Herr Middendorf[f] und ich sind jetzt mit der Herausgabe eines Schriftchens "Die Kindergärten" beschäftigt, welches gleichsam in einen [sc.: einem] Spiegelbilde das Leben, das Wesen und die Wirkung der Kindergärten darstellen soll. Es wird einige Bogen stark werden und der Preis zwischen 27 und 35 Fr. hintragen [sc.: betragen]. In einem der nächsten Briefe werde ich Ihnen davon weitere Nachricht geben, auch sollen Sie immer der erste seyn welcher ein Schrift[ch]en zur Einsicht und Beurtheilung <wie> Erfährung [sc.: Empfehlung ?] ans Publikum durch die Sächsisch. /
[LC 50b]
Sch. Zeitg. empfängt. Auch ein Programm für meine Bildungscurse wird zuzüglich damit erscheinen. Wenn vorgenanntes Schrift[ch]en sein Publikum findet, so sollen zwanglose Hefte mit dem Titel - für u wider Fr Fröbel zu möglichst billigen [sc.: billigem] Preise folgen, welche nach und nach zur Prüfung des Gegenstandes alles enthalten sollen, was für und wider denselben geschrieben ist.
Sie werden von dem Lesen des langen Briefes müde seyn, darum leben Sie unter herzlichen Begrüssungen von uns allen recht wohl.
Mit bekannter Liebe u. Achtung
Der Ihrige
FrFröbel