Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann von Arnswald in Eisenach v. 16.11./20.11.1847 (Keilhau)


F. an Hermann von Arnswald in Eisenach v. 16.11./20.11.1847 (Keilhau)
(BlM XXVII,5,10, Brieforiginal 3 B + 1 Bl 8° 14 S. u. 1 Bl 8° 2 S. - Der Brief ist in zwei Stücke [Bl 10-16 bzw. 31] getrennt archiviert. Der zweite Teil [ohne Jahresangabe] ist aber nur Fragment, da ein eigentlicher Briefeinstieg fehlt. Obgleich ein sachlicher Bezug zwischen beiden Teilen fehlt und die zeitliche Nähe [16.11. bzw. 20.11.] zufällig sein könnte, ist der zweite Teil mit großer Sicherheit eine nachträglich beigefügte Nachschrift, da jeweils auf einen Eingangsbrief vom 10.10. Bezug genommen wird.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Herrn Oberlieutenant Hermann von Arnswald.
Keilhau bei Rudolstadt 16/XI 47.


Gütiger und so pflegend theilnehmender Freund.

Zuerst muß ich den hochverehrten Frauen Deines so seltenen Familienkreises meinen tiefgefühlten Dank für ihre lebenvolle Theilnahme sagen, welche sie an meinem Unternehmen und zunächst schon an der dasselbe betreffenden Anzeige gütigst theilgenommen haben. Ich werde alle Bemerkungen bestens benutzen und da noch von anderen Seiten Critiken eingegangen sind, welche in den wesentlichen Punkten mit der durch Deine freundliche Feder erhaltenen zusammentreffen, so wird also das Ganze, wie Du mir auch freundschaftlich vorschlägst wohl noch einer ersten Überarbeitung unterliegen[.] Das Programm soll doch nicht eher erscheinen als zugleich mit einem Schriftchen welches Herr Middendorff und ich gemeinsam bearbeiten, welches auch schon unter der Presse ist und den Titel führt: - "Die Kindergärten". Dieses Schriftchen soll von der Anschauung aus, also durch vorführende Darstellung in das Leben - das Wesen - und die Wirkung also in den eigentlichen Geist der Kindergärten einführen. Doch soll es um den Preis so billig als möglich zu stellen nur wenige Bogen stark werden. Wir hoffen daß es mit Neujahr fertig wird. Das Programm soll den Schriftchen beygedruckt werden so daß es alsdann, wenigstens bei den Lesern dieses seine Erklärung durch dasselbe erhalten wird.
An dieses Schriftchen knüpft sich nun die Ausführung des Planes von welchem ich Dir schon Einzelnheiten mitgetheilt habe, welcher den Schlußstein meines irdischen Wirkens /
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machen soll, welchen ich in seiner Hauptgliederung zunächst Dir - wenn Du Dein Hauptmanns Examen hinter Dir hast und dann nach Deinem besten Ermessen durch Dich Deiner gesammten innig verehrten Familie und besonders den trefflichen Frauen desselben zur gütigen Prüfung hier vorlege.
Jemehr ich nemlich den Gedanken, (welcher beinahe mit dem der Kindergärten selbst entstand): - einen Kindergarten einer Kinderpflege[-] und Kindererziehungsanstalt für theilweise oder ganz verwaisete kleine Kinder wohlhabender und reicher Eltern in ganz Deutschland - an geeignetem Orte auszuführen, der wiederkehrenden Prüfung unterwerfe, - destomehr erscheint mir die Ausführung desselben zur Erreichung meines großen und Gesammterziehungs-Planes wichtig. Die Ausführung dieses Planes von reifer Überlegung geleitet erscheint mir als der ächte Grund- und Eckstein für alles das was ich zunächst für frühe entsprechende Kindheitpflege theils in Familien, theils in und durch Kindergärten und besonders auch durch Ausbildung von Kindererzieherinnen bezwecke.- Jener Kindergarten für theilweise oder ganz verwaisete kleine Kinder vermögender Eltern würde den Mittelpunkt der ganzen Unternehmung ausmachen von woaus sie sich dann mit Nothwendigkeit nach den beiden Seiten hin: - 1) nach der Seite eines Kindergartens hin (dessen erste Pfleglinge eben die gedachten verwaiseten Kinder selbst bilden würden) - dann 2ens nach der Seite der Ausbildung von Kinderpflegerinnen und Erzieherinnen, welche in jener Kinderpflege[-] und Kindererziehungsanstalt ihre praktische Bildung erhalten würden. Von welchem Jahre an Kinder in die Kinderpflege[-] u Kindererziehanstalt aufgenommen werden könnten, das hängt von dem Grade der Vollkommenheit ab, wel- /
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chen die Anstalt erreichen würde. Wir hätten also
I.,
eine Kinderpflege[-]- u. Kindererziehanstalt
vom frühesten verwaiseter Kinder
vom frühesten Alter zunächst bis zum 6-7 Jahre


Sie bildete zugleich für dieses Alter eine Mustererziehungsanstalt[.]


Hieraus gieng hervor:


II., nach der einen Seite  III. nach der andern Seite
ein Kindergarten die Bildungsanstalt
ein Muster Kindergarten für Kinderpflegerinnen
es könnte dieß der Kindermädchen, Kinderwärterin[nen]
1840 gestiftetefür Erziehungsgehülfinnen:
deutsche Kindergarten  Kindererzieherinnen u Kindergärtne-
werden  rinnen.



Diese drei Anstalten bildeten in sich ein organisches Ganzes so, daß sie sich gegenseitig trügen und förderten;

und dadurch alles das erreicht werden könnte, was man von jeder dieser Anstalt[en] nur billiger u begründeter Weise fordern könnte.
I. Die erste Anstalt müßte durch die aufzubringenden Geldmittel das Bestehen der beiden andern wesentlich fördern; II denn ihre Kinder wären ja zugleich der Kern des Kindergartens, weshalb also von Seite der Kindererziehanstalt auch für das Bestehen, die Aus- und Fortbildung des Kindergartens mit gesorgt werden müßte.
Ebenso wären aber auch den Bildlingen oder Schülerinnen der dritten Anstalt, zur Morgen- und Abendbefragung nach Umständen je eines bis 3 Kinder zugewiesen, wofür natürlich auch diese auf irgend eine Weise vergütigt werden müßten, so daß also jeder einzelnen derselben ein Bildungscursus nicht mehr so hoch wie jetzt zu stehen kommen würde, deßhalb nun aber auch mehrere an demselben Antheil nehmen könnten. /
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II. Der Kindergarten würde auf diese Weise nun, nicht nur seine Musterhaftigkeit, sondern noch gar manche andere Vollkommenheit erreichen, was in der Natur des Ganzen läge[.]
III. Ganz besonders aber würde, wie schon angedeutet worden ist, die Bildungsanstalt für Kinderpflegerinnen und Erziehungsgehülfinnen gewinnen; es würde dann wohl so ziemlich alles das erreicht und ausgeführt werden können, was sonst so mehrseitig gewünscht wird, so z.B. Kenntniß und Fertigkeit in einfachen weiblichen Arbeiten und Übung darinn als Weiß[zeug]nähen und Plätten u.s.w.
Freilich müßte man zur obersten Leitung und Führung des Ganzen, auch eine oder nach Umständen ein paar hochachtbare Frauen oder resp: Jungfrauen haben von allgemein anerkannten Charakter und Stellung. Für die inneren herabsteigenden und mehr untergeordneten Wirksamkeiten würden sich schon entsprechende Personen finden. Dieß wäre nun wohl im allgemeinen Umrissen die Sache;
Es fragt sich nun zunächst wo? und vonwem? das Ganze auszuführen sey.
Nun schreibst Du mir, mein theurer geliebter Hermann in Deinem vorigen lieben Brief vom 10/X folgendes:
"Am besten wäre es, wenn ein Kindergarten, ein schon bestehender sich hier in unserer schönen Gegend niederließe und sich in voller Pracht und schöne[m] Schmuck darstellte; dieß würde wohl von bester Wirkung seyn."
"Könnte sich Dein Plan hier anschließen, Pflegeanstalten verwaister Kinder u.s.w[.] zu gründen, das wäre schön. Eisenachs geographische Lage günstig. Es liegt im Herz Deutschlands mitten drinn." Und ich füge noch hinzu, was nicht minder wichtig in der jetzigen Zeit ist: bald an einem /
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einem der bedeuten[d]sten Eisenbahnknoten Deutschlands.
Diese Deine lebenseinigen Mittheilungen weckten, rsp. nähren und entwickeln nun einen Gedanken in mir, welcher schon am Gesangsfeste in Eisenach in mir hervor keimte. Die Ausführung meines ganzen Unternehmens für Begründung und Verallgemeinerung früher entsprechender Kinderpflege, wozu ich die ersten Umrisse schon 1840 und nachher zweimal wiederkehrend durch der Öffentlichkeit zur Prüfung und Theilnahme vorlegte - nach und nach in Eisenach hervorzurufen rsp: dahin zu verlagern. Soll dieß nun aber natur- u lebenswüchsig in die Wirklichkeit ein- und in derselben hervortreten, so muß dieß zur rechten, zu richtiger Zeit geschehen.
Darauf aber unsere ganze Aufmerksamkeit zu richten dazu scheint mir schon vielseitig die größte Veranlasssung ja Aufforderung vorzuliegen; und wie die Natur im Winter zu den neuen Entwickelungen des Frühlings frische Kräfte sammelt und die vorhandenen stärkt und erhöhet so meine ich, sollen auch wir geistig den Winter, das winterliche Leben wo der Mensch in Person wie durchs Wort, zu Rath und zu That näher zusammenrückt dazu benutzen den angedeuteten Plan vielseitig, sowohl seinem Wesen wie seiner Ausführung und seiner Wirkung nach zu prüfen.
Aufrichtig nun gestanden, wie ich glaube, daß der vor der Thür seyende Winter eben die rechte Zeit zur allseitigen Prüfung und Berathung der Sache sey, so glaube ich auch daß mit dem kommenden Frühling auch der Punkt zum einleitenden Beginne des Ganzen gegeben sey und zwar in der einfachsten natürlichen Weise.
Demgemäß liegt nun dieser Entwickelungsgang so vor mir.
1., Die von Middendorff und mir jetzt bearbeitet werdende /
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und theilweise schon unter der Presse seyende Schrift: Die "Kindergärten", welche wie schon gesagt das Leben, Wesen und die Wirkung der Kindergärten in anschaulicher Weise, somit aber auch die Grundsätze der gesammten entwickelnd-erziehenden Kinderbildung, wenn auch nur gelegentlich andeutend enthält - erscheint um die Weihnachtszeit und liegt so nach Zweck und Geist und Zweck während des ganzen Winters, wo der Mensch überhaupt auch gern liest - dem gesammten deutschen Publikum zur Prüfung vor.-
2., An dieses Schriftchen schließt sich zu gleich an, ja erscheint mit demselben der Plan zur Ausführung einer Bildungsanstalt für Kinderpflegerinnen und Erzieherinnen[.]
Dieser Plan ruht sicher in dem Gedanken der Fortführung der schon bestehenden Bildungscursus in Keilhau, und läßt diesen Gedanken ungestört auf- und in sich ruhen.
3, Diese Cursus aber schließen wie schon bekannt und dieß auch in dem Plane ausgesprochen im Frühjahre und dann beginnt für mich auch eine neue Zeit der Thätigkeit nach Außen hin - zu frischer Außsaat, zur Begründung neuer Anstalten, rsp zur Anpf[l]anzung junger Kindergärten in.
4. Der vorliegende Winter nun würde zwar so still aber auch so thätig und sinnig als möglich von uns allen - (ich komme bald darauf zurück) - benutzt um in Eisenach die Ausführung eines Kindergartens anzubahnen und einzuleiten. Was nun die innern Mittel, das Wesen, den Geist und das ganze innere Leben desselben in seiner äußeren Erscheinung betrifft, so würde ich mich bemühen und ganz dem Bestreben hingegeben seyn in diesem nun Eisenacher Kindergarten, die ganze und reine Idee eines "deutschen Kindergarten" wie ich solche in mir trage oder /
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oder vielmehr eines Kindergartens an sich (die Familie als ein solcher auch damit eingeschlossen) - auszuführen.
5, Dafür und dazu müßte uns nun eben für Eisenach insBesondere das jetzt erscheinende Schriftchen: "Die Kindergärten["] den Weg bahnen und den Boden lockern, denn alle sähen darin klar dargelegt was man in und mit einem Kindergarten wolle und wie und zu welchem Zwecke man es wolle. Wenn man so die innere Stimmung dafür gewonnen, so zeigten
6ns sich dazu vielleicht auch äußere Hülfen. So z.B. schreibst Du mir in Deinem lieben, schon erwähnten Briefe: ­ "Dr. Mai wäh wäre es zufrieden, wenn Ein oder der andere seiner Gehülfen den Kindergarten nähme." Gienge es nun nicht an, wenn ausgeführt würde was Trautvetter in Aussicht stellte, daß Dr. Mai durch die neuzuerrichtende Töchterschule als Lehrer an derselben eine entsprechende Entschädigung erhielte, daß man dann die Kinder des Maischen Kindergartens als das Gegebene zur Ausführung unseres Kindergartens [hätte]?-
7., Auch habe ich ja von mehreren Seiten her von einer so wohlhabenden als wohlwollenden Frau in Eisenach gehört, durch deren schönen Garten wir ja glaub ich auch gegangen sind, könnte man denn diese Frau nicht so lebhaft für die Ausführung des Ganzen erregen, daß sie etwas Namhaftes mit welchem sich auch etwas bewirken ließ dafür opferte?
8., Überhaupt müßte man die ganze hochachtbare und wackere Frauenwelt Eisenachs für die Sache und deren Ausführung zu gewinnen suchen. Ich höre dieselben interessiren sich so sehr für die Ausschmückung des Hauses Schillers in Weimar dessen Andenken zu ehren. Schiller aber war es, welcher schon vor Jahren in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen auf die Beachtung des Spieltriebes in denselben hinwies, und darin in seinem Briefe aussprach[.] /
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Schiller selbst legte also auf die Ausführung seiner Überzeugung seines Gedankens großen Werth; und was ist auch wohl für den Menschen wichtiger als der Besitz der Lebenskunst und was für ihn erfreulicher als im Besitz der Grundlage zu seyn, welche das ganze Gebäude derselben trägt. Fühlen wir uns nun zum Dank gegen Schiller verpflichtet, so müssen wir ganz gewiß wie die Schweizer - in einer so eben vor mir liegenden Schweizerischen Schrift in Beziehung auf Pestalozzi, so in Beziehung auf Schiller fragen: ­ ["]wie ehren wir Schiller? wie danken wir ihm <aufswürdigste>?" - und darauf mit den Schweizern antworten: "Dem Edlen dankt man immer am besten, wenn man in seinem Sinne und Geiste das von ihm Angefangene fortsetzt, überhaupt in seinem Sinn und Geiste fortwirkt." Wie so schön wäre es nun, wenn in einem Kindergarten Eisenachs d. i. Weimars für die Erfüllung der Überzeugung Schillers ihm zur Ehre, ihm zum Dank gewirkt würde.-
Ob mir nun gleich jene Worte Schillers immer bedeutungsvoll, ich möchte sagen [p]rophetisch sind, so ist deren Anführung und das daran Angeknüpfte hier doch nur Nebensache; Hauptsache jedoch ist, daß man einen Kreis der oben bezeichneten Frauen für den Gegenstand gewinne und dieser Kreis in einer derselben einen würdigen Schlußstein erhalte.
9., An diesem vorläufigen und gleichsam Versuchskindergarten kann nun ebensowohl das Wesen dieser neuen Kinderführungsweise dargelegt als die Wirkungen desselben daran erschaut werden, und dieß während der ganzen Zeit des Sommers. Einheimische und Fremde können sich mit dem Schriftchen - Die Kindergärten ­ in der Hand ein Urtheil über sie bilden.- /
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10. Während dieser Zeit nun, und, da sich die Ergebnisse dieser Wirksamkeit sehr bald ermessen <laßen>, sogleich mit dem Beginne günstiger Urtheile würde die Vorbereitung zur Ausführung einer Pflege[-] und Erziehungsanstalt noch nicht schulfähiger also frühe verwaister Kinder vermögender Familien beginnen, ja man könnte sehr bald sehen, wenn man den Gedanken derselben, in entsprechenden Familien verbreitete, ob solchen in der Gesammtheit der jetzigen Lebensverhältnisse und Lebensthatsachen einen festen Grund und Anhaltspunkt fände oder nicht. Ich nehme dieß erstere auf dem Grund an, daß in dieser Pflege- und Erziehungsanstalt das Familienleben möglichst zunächst nach der einen Seite hin, dadurch erreicht würde, daß jede der Kinderpflegerinnen mit höchstens nach Umständen 3 Kindern ein Zimmerchen gemeinsam habe.
11., Also angenommen, daß der Gedanke einer Pflege- und Bildungsanstalt für verwaiste Kinder der bezeichneten Verhältnisse so förderliche Theilnahme fände daß man an ihre wirkliche Ausführung und Eröffnung bis zum Spätherbst künftigen Jahres denken könnte, so würde an Michaelis nächsten Jahres öffentlich angezeigt, daß die Bildungsanstalt für KinderErzieherinnen pp und Kindergärtnerinnen von hier nach Eisenach, wegen der Gesammtheit günstigerer Verhältnisse verlegt werde.
12., Wer, und wenn man es unstatthaft finden sollte, daß eine Mehrheit kleinerer Kinder in einem und eben demselben Gebäude, wenn auch in der angedeuteten Weise gepflegt werden sollten, indem man vorwürfe die Kinder entbehrten dadurch zu sehr der Einwirkung der häuslichen und Familienerziehung; so läßt sich diesem Ein- und Vorwurf, obgleich noch auf mehrere Weise, doch /
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doch besonders dadurch entsprechen, daß man mit mehreren achtbaren und wackern dazu geeigneten und geneigten Familien Eisenachs in Verbindung träte, so, daß jede dieser Familien gegen entsprechende Vergütung eins oder einige solcher Kinder gleich eigener in seine Familie aufnehme. Nach Umständen könnten die Kinder in diesen Familien nur ihre Abend-, Nacht- u. Morgenpflege, alles übrige aber in der Erziehungsanstalt, oder die Kinder könnten in diesen Familien auch ihren Mittagstisch erhalten.- Ich hebe dieß nur heraus, damit man die Sache gründlich nach allen Seiten der Ausführung hin prüfen könne; die Idee selbst eine zeitgemäße menschenwürdige frühe Kinderpflege allgemeiner ins Leben einzuführen und an Kindern wirklich zu bethätigen, bliebe dadurch unverkürzt.-
13.) Um zunächst noch bei dem Äußeren stehen zu bleiben, so fragt es sich ob aber auch in Eisenach wenigstens zunächst miethsweise ein zweckmäßiges Locale für den Kindergarten wie für die Bildungsanstalt der Jungfrauen und der Kinderpflege[-] u Erziehanstalt zu bekommen sey. Schön wäre es und sehr zweckmäßig wenn der Kindergarten und die Bildungsanstalt für Erzieherinnen in einem und ebendemselben Locale seyn könnte[n]; und wenn dann das Wohnhaus mit seiner Hauptseite nach Mittag gekehrt und vor derselben ein Hof der Garten aber hinter demselben (dem Hause nemlich) gelegen sey.
14. Wäre es folglich später noch möglich die Commune und die Communal-Behörden für das Ganze und die Ausführung desselben zu gewinnen, so würde dieß wohl demselben wesentlich förderlich seyn, deßhalb ist es gut frühe auch nach dieser Seite hin seine Fühlfäden zu wenden. /
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15., Doch lasse mich einmal annehmen, theuerer Hermann es ließe sich alles, wenigstens in seinen wesentlichsten Punkten so ausführen wie angedeutet, so bleibt in Bezeichnung auf die innere Gedeihung der Sache immer noch der wichtigste Punkt übrig; es ist dieß der der obersten Leitung und gleichsam der innersten Seele des Ganzen diese müßten nothwendig Frauengemüther seyn. Es handelt sich hier blos um die Vereinigung alles Einzelnen in einem Ganzen und das Wiederfinden dieses Ganzen in jedem Einzelnen um das Darstellen und Ausprägen des Allgemeinen in jedem Besonderen.- Darf ich hier nun mit meinem Gedanken- mit meinem Meinen keck seyn, - jedoch sind diese meine Gedanken in einer hohen Achten, und ist dieß mein Meinen in einem tiefen Vertrauen gegründet - und darf ich Dir beides unumwunden aussprechen, so sage ich mir: Die hochverehrten Frauen: Deine liebe Mutter Deine liebe Schwester entweder beide geeint, aber eine derselben allein, seyen die ganz geeigneten Frauen, welche den obersten Halt und die eigentliche weibliche Seele des Ganzen bilden könnten. Durch die ganze kurze Zeit welche mir Deine hochgeschätzte Schwester gütig ihre Aufmerksamkeit geschenkt hat, glaube ich mich überzeugt zu haben, daß sie zu einer vollkommenen Einsicht in das Ganze und das Einzelne desselben wie zur Übersicht des Ganzen also zur völligen Erfassung des Geistes desselben geschickt ist; Deine hochverehrte Frau Mutter das weiß ich, hat einen ebensoschnellen Einblick wie Überblick alles dessen was nur immer zum edlen häuslichen u Familienleben gehört, wie sie damit zugleich den Geist der Milde und doch auch des Ernstes verbindet welches alles zur obersten Leitung eines solchen Ganzen so wesentlich ist; für geeignete und durchgebildete Gehülfinnen beson- /
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ders nach der Seite der Kinderpflege und Erziehung will ich dann nach Möglichkeit sorgen. Ich selbst will dann persönlich alles thun um den beiden hochverehrten Frauen oder einer derselben ihre Wirksamkeit so leicht und doch zugleich so wirksam und seegensreich als möglich zu machen; wie denn auch der wesentlichste Theil meiner Kraft der Ausbildung dieses Unternehmens gewidmet seyn würde.
Was nun die innere und äußere Stellung betrifft in welche da durch die verehrten Beide[n] treten würden zunächst auch in dem geselligen Leben, so dünkt mich diese die ehren- und würdevollste welche Frauenwirken nach der jetzigen Lebensansicht nur immer einnehmen kann. Im Innern steht ein solches Wirken ganz gleich, wenn ich nicht sagen will noch höher dem, in welches jüngst in Berlin vom König rc. ich glaube eine gewisse Gräfin Rantzau eingeführt wurde; nur biedet [sc.: bietet] dieses Wirken freilich nicht solch äußerlichen Glanz und Auszeichnung, aber wenn es zu vergleichen hier gestattet werden darf, mit unendlich mehr Seegen: - doch gilt es die Pflege der Kranken, hier der Gesunden - dort derer die schon einen großen Theil ihres Lebens zurück gelegt haben, hier solchen die das Leben erst betreten; dort betrifft die Pflege überwiegend den Leib den Körper hier vor allem den Geiste in seinem ganzen Umfange; - dort bleibt die Wirkung mehr in einer Person beschlossen hier wirkt die geistige Bildung und Entwickelung bis in das Unendliche nach Personen und Zeit; - Was hat nur ein einzig wohlerzogenes Kind der Welt und seinem Volke für Seegen gebracht man denke nur an Schiller und der Einwirkung seiner Mutter auf ihn, nach der Darstellung am Leipziger Schillerfeste. Nur diese hohe ja höchste Würde dieses Wirkens konnte mich bestimmen jenen /
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Gedanken auszusprechen. Du weißt, ich glaube Göthe sagt: wenn nur der Name einer würdevollen Person an der Spitze selbst einer schwierig auszuführenden Sache steht, so ist diese schon halb gewonnen; Hier handelt es sich ganz besonders um solche Frauennamen und um das Auge der Hausfrau wie anderen um das Auge des Hausherrn; für die Ausführung jedes Geschäftlichen würde für die hinlängliche wie für die genügendste Hülfe gesorgt werden, es handelt sich nur wenigstens in der ersteren Zeit um einen täglichen Besuch der Anstalt; wie dieser nur für die Anstalt das Ersprieslichste wirken könne, dieß, so wie alles Einzelne hängt noch von der gemeinsamer Berathung ab. Und sollte hier alles nur, zur allseitigen Prüfung in allgemeinsten Umrissen gegeben werden. Sollte es den verehrten Beiden oder einer derselben unlieb seyn allein an der Spitze des Ganzen genannt zu seyn, nun gut, so ließe sich dieß auch, wie schon oben angedeutet - vermitteln: - man rief[e] einen Frauenverein ins Leben der sich nach bestimmten Tagen in die Aufsicht theilte doch die hochgeschätzten Beiden bildeten wieder Haupt u Herz, Geist und Seele auch dieses Vereines.
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Nun im Vertrauen noch Eines. Ich glaube wirklich daß Deiner theuren Schwester eine solche geistige Wirksamkeit, eine Wirksamkeit für das höhere u höchste Menschheitliche Bedürfniß ist, eine Wirksamkeit wie die welche besonders im Bereiche des weiblichen Gemüthes und Geistes liegt, es ist die für Menschheitpflege und Bildung im Kinde.-
16. Du mein innig geliebter Hermann, bist nun nicht nur ein für Dich Freyheit liebender, sondern solche auch gern andern sichernder Mann; deßhalb gebe ich besonders Deinem Ermessen mit anheim inwieweit man die Freundhülfe bei Ausführung dieses Planes mit in Rechnung bringen, und ob man so bis zu den höchsten Sitzen hin ausdehnen will; sonst meine ich ein solches Liedchen wie das Beiliegende müßte ins weibliche Gemüth auch /
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derer gesenkt welche auf Thronen sitzen, die thätig förderliche Theilnahme an unsern Kindergarten u.s.w. wecken.
17) Und so sei denn das ganze Dir und Deiner gesammten hochachtbaren Familie, Deinen lieben Bruder auf der W[art]b[urg] ganz mit eingeschlossen, wie zu ruhiger, so zu gelegentlicher Prüfung anheim gegeben.
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Trautvetter hat mir auf meinen letzteren Brief an ihn noch nicht geantwortet; da er vielleicht die Sache in sich zur Seite geschoben, wird er nicht wissen was er nun schreiben soll, und so ist sein Schweigen selbst mir lieb, indem ich so unabhängig von ihm ruhig für die Sache wirken kann.
Beiliegende Druckblätter sind von einem jungen Mann aus Berlin welch[er], ich glaube vor 2 Jahren einmal 14 Tage hier sich mit dem Gegenstand beschäftigte auch mehrere Materiale zum Selbststudium mit sich nahm.
Könntest Du durch Deinen Buchhändler das Hauptschriftchen aus welchem das Wort nur ein Abdruck ist - zur Einsicht erhalten, so würdest Du darinn vielleicht Manches für unsern Zweck erspriesliches finden.-
- Du bist also wohl nicht in Rudolstadt gewesen, weil wir Dich nicht in Keilhau gesehen haben. Welch eine Freude würde dieß für uns alle gewesen seyn, wäre die uns von Dir gemachte schöne Hoffnung auch von Dir erfüllt worden.
Hier ist alles wohl, und alle die Dich hier kennen und dieß ist ja der ganze Kern des hiesigen Lebens, lassen Dich Deine Mutter u Schwester hochachtend grüßen.
Meine Grüße habt ihr in jeder Zeile, jedem Worte empfangen, deßhalb hebe ich ihn nicht noch besonders hervor. Mit treuer Liebe stets
Der Deine

FrFr. /

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Am 20 Novbr. In Deinen lieben Blättern vom 27/IX bis 10/X wünschest Du zur Durcharbeitung für Dich die erste bis dritte Spielgabe. Ich hätte Dir solche nun wohl schon längst schicken sollen und auch gewiß gesandt wenn nicht einiges vergriffen gewesen wäre. Du erhältst nun
1., die erste Spielgabe, der Ball in 3 einzelnen Farben.
Der Text zum Gebrauch dieser Spielgabe nebst der dazu gehörigen lithographischen Tafel ist auch in dem Sonntagsblatte, welches Du schon besitzest abgedruckt, weßhalb ich solchen nicht besonders beilege, indem Du ihn dort nachsehen kannst. Aber ich lege bey
2., die Hundert Balllieder weil darin schon ein paar kleine Liedchen sind, welche sich bald beim Spiel mit der kleinen Marie anwenden lassen z.B. beim Schwingen an der Schnur hin, her; - hinüber, herüber; - hinauf, herab; - Glöckchen, Glöckchen läute pp; -
3., die zweite Spielgabe nebst Köcher. Hinsichtlich des Textes dieselbe Anmerkung wie bei der 1n Spielgabe; er findet sich im S. Bl.
4., die dritte Spielgabe nebst lithographirten Blättern.
Gebrauchsanleitung gleichfalls im Sonntagsblatte[.]
Diese Spielgabe, wegen der Reichhaltigkeit ihrer Ergebnisse in der Anwendung, hat eine vielseitige Bearbeitung erfahren. Je größer die Kenntniß und Übersicht dieser, desto sicherer u. lebenvoller auch die Anwendung und Ausführung des Einzelnsten und Kleinsten, deßhalb lege ich auch bei:
5., Hundert Baulieder (zu den Lebensformen)           Sie geben sämtlich
6., 78 Lieder zu den Schönheitsformen und      Stoff zur Belebung
7., 22 Liedchen zu den Erkenntnißformen.        für die Kinderpflege.
8., Das Spielganze der 71 Schönheitsformen nebst Lithographie
9. Die Gebrauchsanleitung zur ausgeführten dritten Spielgabe. Dieses Heftchen gehört zwar zu dem großen Kasten, worinn die vorgenannten 200 Formen in kleinerem Maaßstabe dargestellt sind welchen Du wohl bei mir sahest; doch, da man was dort mit einemmale und als ein Ganzes vor dem beachtenden Blick steht, nach Anleitung der beiden beiliegenden Blätter, und theilweise /
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nach den < ? > Lithographien nach und nach darstellen kann und da diese Gebrauchsanleitung sonst noch manches wohl Wissens werthe enthält sowohl hinsichtlich der Anwendung im Besonderen als rücksichtlich der Erfassung des Geistes [des Ganzen], so habe ich solche auch beigefügt.
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Die E einfachsten und kleinsten Spielchen mit dem Ball, kannst Du gewiß schon bei der kleinen lieben Marie in Anwendung bringen; damit der Ball nicht immer zur Erde falle beim Spiel mit dem Kinde, so befestigt man ihn an dem Ende der Litze, während man das andere Ende um den Mittel- oder Zeigefinger wickelt und dann so festhält.
Zum schönen und ganz erschöpfenden, wie in seinem Bereiche vollständig entwickelten Spiele mit dem Ball gehört eigentlich ein Farbenganzes aus 6 Bällen, der 3 Hauptfarben g. r. bl. und der drei Zwischenfarben grün, goldig und veilchenbl. Es sind diese Farbenganze aber jetzt auf dem Lager vergriffen und zum ersten Spiel mit den kleinsten Kindern sind die kleinen Kästchen, besonders auch wegen des auf dem lithogr. Blatte zuletzt stehenden Spielchens am zweckmäßigsten.
Das Spielganze von 6 Bällen ist namentlich bei späterem Gebrauche entwickelnd, und soll daher auch bald folgen; sollte ich es [nachzusenden] vergessen, so bitte ich mich daran zu erinnern.
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Ich bin nun so vielfach Dein großer Schuldner, daß ich eigentlich Deine Aufforderung den Betrag der Spiele von der Post zu entnehmen nicht nachkommen sollte, allein erstlich scheint es mir kleinlich auf diese Weise meine bedeutende Schuld bei Dir abtragen zu wollen, indem ich hoffe daß sich mir dazu geeignetere Gelegenheit bieten soll, zweitens muß ich Dir aber auch offen gestehen, daß ich in diesem Augenblick auf diesem Wege nicht anders handeln konnte. Deßhalb also der Gebrauch von Deiner Erlaubniß.- Möge Dich alles immer mehr in den Geist des Ganzen einführen. E.u.D.Fr.Fr.