Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Anna Hesse in Annaburg v. 27.11.1847 (Keilhau)


F. an Anna Hesse in Annaburg v. 27.11.1847 (Keilhau)
(BN 476, Bl 1-2, Reinschriftfragment 1 B 8° 3 S., ed. Pösche 1887, 198f.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)

Keilhau bei Rudolstadt, am 27 Nov. 47.


Meine liebe Anna.

Nun will ich aber auch einmal, was mir eigentlich bis her bei Briefen an Sie noch gar nicht recht möglich wurde, wie der Musiker sagt, recht con amore schreiben; d.h. ich will mir Sie in Ihrem lieblichen Kinderkreis denken und Sie so sehen, wie Sie theils in liebender Hingabe das zarte Leben hervorkeimen, wachsen und blühen, theils in milden Ernst den noch schwachen Willen kräftigen, die noch schwankende Kraft erstarken machen; ich will sehen, wie Sie das, was ich Ihnen nur in ruhender Verstandesform vorführen konnte, in lebensvoller, warmer Gemüthsgestalt ausführen; wie Sie das, was uns die Zeit hier nur in einer Weise darzustellen erlaubte, in mannichfach schönem Wechsel sinnig in das Leben der lieben Kleinen, Ihrer threuen Pflegebefohlenen einführen, um in denselben den Sinn für das sinnige innere Leben zu wecken, schon jetzt von ihnen ungeahnet, den Sinn für das höhere Leben zu pflegen; so will ich Sie, liebe Anna, in Ihrer vielfachen Freude sehen, ich will mich hier Ihrer in so vielfachen Beziehungen erfreuen, daß ich diese all gar nicht mit Worten aufzählen kann; doch nein, ein einziges Wort faßt alles zusammen: ich will mich Ihrer als lieben, treusinnigen und treuthätigen Tochter erfreuen. Indem ich dieses schreibe sehe ich Sie, in Ihrer ganzen eigenthümlichen Persönlichkeit im milden Ernst sinnig ordnend, im frohen Kreise Ihrer Lieben stehen.- Damit es mir nun möglich wird Sie in der Ganzheit Ihrer Wirksamkeit zu sehen, habe ich mir nun alle Briefe die ich wohl in diesem Jahre von /
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Ihrer Freundlichkeit und Güte, von Ihrem Wohlwollen und Ihrer Treue empfing, zusammen gelegt um solche, einen nach dem andern zu lesen.- Ich will es Ihnen nur zum Voraus gestehen, es wird mir bei diesem Lesen - ob es nun die Sache gleich längst vorbei ist und wir uns auch nun seit der Zeit wieder persönlich gesprochen haben - dennoch zum öfteren das Herz klopfen, wenn ich darin an mein oft banges und wohl unstatthaftes Schweigen gegen Sie erinnert werde;- allein, meine sehr liebe Anna, das Leben des Mannes - und Sie werden es auch zu seiner Zeit selbst in Ihrem eigenen Leben empfinden - das Leben welches einer höheren Wirksamkeit, wie man sagt, dem Dienste einer Idee gewidmet ist, zeigt so viel Eigenthümlichkeiten, die man sich freilich aus dem gewöhnlichen Leben schwerlich erklären kann, welche aber dennoch vollkommen im Leben gegründet sind - allein eben in dem höheren Leben.- Eine solche Eigenthümlichkeit ist z.B. diese - und Sie, meine liebe Anna, haben Sie gewiß auch schon als treue Kindergärtnerin und sinnige und sinnende Jungfrau an sich wahrgenommen - daß wenn wir einen Gedanken, und diesen gleichsam schon als und im I Bilde d.h. eben als Idee, und besonders in Beziehung auf dessen Verwirklichung und Ausführung denken, daß dieser Gedanke uns dann so ganz in Anspruch nehmen kann, wir eigentlich so ganz in demselben aufgehen können, daß wir, ich möchte sagen, dieser Gedanke leibhaft ganz und persönlich werden, so daß wir gleichsam für alles was uns umgiebt beachtungslos und unempfindlich erscheinen, wie wenn man als ein Fremder und Maskirter selbst wieder unter Fremden und Maskirten herum wandle, man wechselt Gespräche, ja man tha tauscht Meinungen aus, ohne jedoch innigen Antheil an dem Leben zu nehmen. Ein solcher Zustand kann Jahre dauern; ich /
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habe ihn seit Jahren gelebt; Sie haben die Folgen davon ja selbst empfunden; denn wie lang schuldigte ich die Beantwortung Ihrer lieben Briefe!- Jetzt erst beginnt er sich zu lösen; Sie bekommen nun aber auch, ich möchte sagen aus Dankbarkeit für Ihr früheres langes Warten nun die erste Frucht dieser inneren Entfesselung.-
Seit Jahren nemlich beschäftigt meinen Geist und mein Gemüth einzig die hohe und wirklich unaussprechliche Wichtigkeit der Kindergärten und ihre Ausführung; all mein Denken und all mein Sinnen bezieht sich auf die möglichst vollendete Darstellung der Idee der Kindergärten und so ihrer allgemeinen Einführung. Wie bei dem Schützen alle Kräfte und Thätigkeiten nur auf das Treffen bei dem Läufer nur auf das Erringen eines Zieles, mit Nichtbeachtung alles dessen was um ihn vorgeht, gerichtet ist, so war mein Sinnen und Handeln in gleicher Weise, nur auf die vollendete Ausführung der Kindergärten gerichtet; denn eben dadurch, daß diese so ungeahnet schwierig war, dadurch wurde eben mein ganzes Wesen so völlig von ihr in Anspruch genommen.- Jetzt nun aber scheint die Idee der Kindergärten Grund und Bodengefunden zu haben nicht nur im Herzen und Gemüthe zur Wurzelung und Anerkennung, sondern auch im Geist und Willen zur Ausführung, und nicht blos in einem Einzelnen oder einer Mehrheit von Einzelnen, sondern in der Mehrheit eines in sich geschlossenen, gleich lebenvoll nach Innen wie nach außen wirkenden, die Verhältnisse und das Leben immer mehr beherrschenden Ganzen. Von den Lehrern und namentlich den Volks- und Landschullehrern und eben nicht als Einzelner, sondern als Geeinter, und nicht bloß in Beziehung auf Erkennen sondern auch in fester Beziehung auf Ausführung, nicht blos wieder ins unbestimmt Allgemeine, sondern mit ganz bestimmter Beziehung auf Ort Zeit wie auf Art und Weise, geht jene frohe entfesselnde Hoffnung aus; es sind Lehrer der meiningische[n] Hildburghäuser Seite des thüringer Waldes, welche besonder die Idee pfle-
[gen und ausführen wollen.] [Text bricht ab; Ergänzung am Schluß nach Pösche, ohne Anhaltspunkt im Original]