Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann von Arnswald v. 9.12./17.12.1847 (Keilhau)


F. an Hermann von Arnswald v. 9.12./17.12.1847 (Keilhau)
(BlM XXVII,5,11, Brieforiginal 4 B 8° 16 S.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Herrn Oberlieutenant von Arnswald in Eisenach.
Keilhau b. Rudolstadt 9 Dec 47
Weil ich geliebter, theurer Freund Deine vielseitigen Beschäftigungen gerad in der jetzigen Zeit kannte hatte ich keine so schnelle Antwort auf meinen langen Brief erwartet innig hat mich daher die empfangene erfreut und dieß um so mehr als am Schluß desselben all die Leiden und Schmerzen, welche mir der Brief am Anfang und in der Mitte machen mußte, ihr Ende erreicht haben[.] Es giebt doch keine höhere Freude und schönere Beruhigung als unsere geliebten Freunde in der Ferne gesund und allseitig sich wohlbefindend zu wissen. Möge jeder Deiner lieben Briefe auch im nun bald beginnenden Neuen Jahr mir stets diese Kunde bringen; möge jeder in so einfach reiner Sprache mich zum glücklichen Mitgenossen hohen edlen Menschheitsleben machen, wie auch dieser wieder. Ja, Ihr Geliebten, werdet Euch alle dieses Eures Lebens recht klar bewußt; denn eben in diesem Bewußtseyn liegt so hoher unversiegbarer Lebensgenuß; Freuden von welchen ich glaube, daß sie uns noch jenseits des Grabes begleiten indem sie den Zustand unserer Seelen bestimmen.-
Erlaube mir nun den Brief Satz für Satz beantworten zu dürfen.
1. Daß Du wie ein Adler Dich mit Deiner lieben Familie nun ausbreiten kannst freut mich gar sehr, gewiß tragen entsprechend große Räume wesentlich auch schon bei[m] kleinen Kinde zur schöneren Entwickelung des Lebens bey, sei es auch nur durch die Einwirkung des Lichtes und der reineren Luft.
2) Daß Deine verehrte Mutter und Schwester das sich in meinem vorigen Briefe ausgesprochene Ver- /
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trauen gütig aufgenommen haben, ist rückwirkend wieder mir gar sehr schätzbar, und ich freue mich daß es mir mindestens gestattet ist, dasselbe in mir zu pflegen und zu nähren, denn so viel ist gewiß das [sc.: , daß] dasselbe in mir sehr tief und auf ächtem Fundament gegründet ist; deßhalb wird es gewiß auch in welcher Form und in welchem Umfange es auch immer sey zur Förderung von Menschheitswohles Blüthen und Früchte bringen. Solche sinnige Kindheitpflege wie die Deiner lieben Schwester Marie sollte darum billig wie ein Magnet wirken und solche durch Oberleitung in vielen andern hervorrufen, kräftigen und entwickeln. Darum nur immer den mitgetheilten wie Du ihn nennst großen Plan still pflegend in sich fest gehalten, damit er, wo sich ihm dazu Gelegenheit zeigt aus dem Unscheinbarsten und Kleinsten, vielleicht ganz unerwartet hervorkeimen und wachsen könne.
3. Auf das Schriftchen Die Kindergärten wenden wir zu diesem Ende möglichst Fleiß.
4. Was die Ausführung des Planes selbst betrifft so mag der Winter ihn streng und sattsam prüfen, nur bei keiner entsprechenden Gelegenheit aus den Augen gelassen; die Schwierigkeiten schwinden dann bei einer naturgesetzigen Ausführung wie von selbst. Denke an die Gründung von Keilhau - Burgdorf - die Gründung der Kindergärten - des Kindergartens in Dresden wozu ich durch meinen Aufenthalt in Dresden 1838/39 den festen Grund legte.- Auch die Erziehungsvereine fangen jetzt wieder an wirksam zu werden. In ihrer Verallgemeinerung und wieder Concentrirung liegt ganz gewiß das Wohl deutscher Volks- und Nationalbildung[.] In Euerm Zwölferverein, sollte auch die Erziehung in ihrer Begründung wie als Volksbildung vertreten seyn.- /
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Die Kindergärten - die Jugendspielfeste und die Erziehungsvereine als ein in sich geschlossener Dreiklang der Kindheit der Jugend und des Mannesalters müssen die Grundlage zu dem Einklange der deutschen Volks- und National Bildung und Erhebung werden; dieses in sich gleichsam Dreieinige, wo jedes die übrigen in sich schließt halte als ein Unzertrennliches fest, wie Umkreis, Strahl und Mitte ein ewig in sich unzertrennlich Dreyeiniges sind,- und wir kommen zum Ziel. Nur Einigung und keine Vereinzelung[.]
5. Hauptgedanke ist (so schreibst Du) "daß eine solche Anstalt in Privathänden sich wohl schwerlich durchführen lassen wird"[.] Denke doch an Keilhau, welches auch nun schon seinen 31. Geburtstag feyerte; ist Dir dieß zu klein, so denke an das Hallische Waisenhaus: sind beide nicht aus gleichem Nichts nur durch die Wahrheit des Gedankens, durch die Festigkeit der Überzeugung und durch die Ausdauer des Handelns endlich durch die Einigung der Mitwirkenden und so zuletzt durch unsichtbares geistiges Wirken entstanden.
1. Die Gründung einer solchen Anstalt erfordert zu bedeutende Summen schreibst Du ferner. Das ist wahr, aber nicht auf einmal, der Geist muß und wird die Summen schaffen denke wieder an Keilhau. Als sich die Gründung dieser Anstalt noch nicht einmal als Keilhauer, oder anderer Orts Anstalt noch weniger schon als allgemeine deutsche Erziehungsanstalt entschied, hatte ich unter der Sonne alles in Allem nur cc 2 Sgr d.i. 18 gute Pfen[n]ige Vermögen. Und die Anstalt entstand doch und besteht noch bis heute. Es ist wahr bis zur Ausbildung die es [sc.: sie] jetzt hat, sind bis zu meiner unmittelbaren Führung wohl ein paar mal HundertTausend Thaler durch meine Hand gegangen. Nun denke erst an Aug: Herm: Fran[c]ke! mit dessen Werk /
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das meine gar nicht zu vergleichen ist. Aber in beiden Eingang - Vertrauen - Ausdauer in sich und um sich.
2, Die Verantwortlichkeit meinst Du sey groß u.s.w.
Gott sey Dank seit den 31 Jahren seit welchen meine Anstalt besteht ist mir noch kein Zögling gestorben obgleich ich harte Krankheiten erlebt und in den härtesten keinen Arzt gebraucht sondern blos die höchste Diät angewandt habeund doch hatte ich einmal nahe 60 Zöglinge, wie jetzt nahe 50. Witzlebens in R. ist jetzt bei vielen Ärzten rc rc der 5e Sohn gestorben. Übrigens versteht es sich von selbst daß man sich durch die strengste ärztliche Controlle vor jener Verantwortlichkeit sicher zu stellen suchen würde.
3. Du meinst Vormünder rc rc würden sich nicht entschließen einer Anstalt Kinder anzuvertrauen, wo Schülerinnen Pflegerinnen derselben wären.- Diese Schülerinnen würden ja immer nur Gehülfinnen der bleibenden Aufsichts- und Vorstands Personen seyn, und so ist es ja fast überall[.] Bei der gleichmäßig, stets gleichgesetzigen Behandlung der Kinder würde der Wechsel der Personen wenig schaden. Übrigens wo sind jetzt vollkommen ausgebildete Wärterinnen zu haben? - Du denkst vielleicht an Fliedner in Kaiserswerth. Wer sich dorthin wendet, wendet sich so nicht zu mir, so wie auch der nicht, der Vollkommeneres als ich zu reichen vermag. Das möglichst Vollkommene zu reichen würde ja eben unser Ziel seyn.
6. Alles was Du hinsichtlich zu bildender Vereine vorschlägst kann geschehen so bald irgend Etwas schon da ist worauf man hinweisen, auf was man sich beziehen kann. Übrigens kann die Anstalt später, da es mir nur um die Möglichkeit handelt das möglichst Beste auszuführen - eine einem Vereine angehörige werden[.]
7) Vor Ausbildung der Anstalt ist es nicht gut, wenn sie irgend /
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Staatsanstalt würde; denn der Staat eben als das was steht, als ein nothwendiges Stehendes, fesselt, bindet nothwendig. Der Staat als solcher liebt erst, pflegt und schützt erst die freie Entwickelung dann, wenn er die Erfahrung gemacht hat oder mit geistigem Auge voraus sieht, daß er Vortheil, Gewinn rc davon hat; wie der Bauer die Blumen [sc.: Blüten] am Apfelbaum und Flachs liebt, die ihm als Gänseblümchen und Kornblumen gleichgültig sind - weil er weiß und erfahren hat, daß sie ihm Früchte und durch diese Nahrung u Geld zu Kleidern rc bringen. Der freie Mann, die freie Familie muß die freien Institutionen schaffen, der Staat, so bald er seinen Nutzen in demselben sieht, greift nur zu bald hinzu und - schlägt sie, wenn nicht todt, doch in Fesseln. Darum muß das freye Walten und Wirken so in sich erstarkt seyn daß es auch in Banden sich Blüthen- und Früchtereich entfalte, wie der Weinstock am Gitterwerk an der Hauswand.
7. In allen großen Staaten sind Waisenhäuser u.s.w. wären diese nicht geeignet Kinderpflegerinnen und Erzieherinnen zu bilden?- Wohl und gewiß; nur müßten die Waisenhäuser seyn, was sie seyn sollten: Kinder[-] und Jugendgärten. So habe ich ja den Director des Waisenhauses zu Halle Niemeyern den Vorschlag gemacht oder ihn vielmehr aufgefordert mit seinem Waisenhause einen Kindergarten, und so eine Bildungsanstalt für Kindermädchen, Kinderwärterinnen, Kindergärtnerinnen überhaupt Erzieherinnen zu bilden; das Meiste und gerad Wesentliches zeigt sich daselbst dafür günstig allein etwa zwei Umstände sind ungünstig; anstatt aber diese zu beseitigen unterläßt man lieber das Ganze. Lieber theurer Freund Du weißt nicht, was ich schon alles gethan habe um das, doch schon anerkannt Gute, allgemeiner zu machen; allein das Endergebniß ist ewig: - das Zurückgeworfen werden auf und in sich. Was wäre leichter als die (negativen) Bewahranstalten in ächt (positive) Kindergärten um zu wandeln, man bräuchte blos die Pole umzuwenden was jede Magnetnadel lehrt, aber da ist eine alte Jungfer und dort eine alte Frau welche kein Brot hätte, wenn man nicht 50-100 Kindern /
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die erste und nothwendigste geistige Nahrung vorenthielte. Unser gurriges Erbarmen führt uns zu einer Menge Erbärmlichkeiten.
8. Weiter sagst und fragst Du? Würden nicht solche Pflegeanstalten kleiner Kinder in der Nähe großer Städte Berlin pp[.] eingerichtet werden können? O gewiß nur erst muß eine ächte Musteranstalt dafür daseyn. Ja bei allen großen Städten können solche Pflegeanstalten seyn, bei einigen sogar mehrere und dennoch kann und würde, ja müßte eine Musteranstalt irgendwo z.B. in Eisenach bestehen. Ich bin längst und mehrfach aufgefordert worden meinen Gedanken in Paris, London oder in Amerika auszuführen; das hilft aber uns Deutschen nicht, und ich bin nun einmal ein Deutscher.
9. Willst Du vielleicht einen Versuch machen, ob Dir in die Keilhaueranstalt ganz kleine Kinder anvertraut werden? fragst Du ferner.- Wir haben kaum für unsere eigenen Platz und noch weniger Platz für die pflegenden Personen. Aller Grund und Boden bis auf ein Stück einer [*Zeichnung: Quadrat*] Elle groß, ist in festen Besitz, und Niemand will nicht einmal gegen guten Tausch ein Stück abgeben darf es aber auch im Kauf nicht, denn von keinem Gute als ein in sich Geschlossenes darf ein Stück verkauft werden und ganze Güter sind gar nicht feil.
10. Was würde man in Rudolstadt sagen, wenn Du Deine Anstalt verlegtest? so fragst Du nach.
Keilhau bleibt in vollem Besitz seiner Knaben, der allgem. deutschen Erziehungsanstalt.- Die von mir beabsichtigte Bildungsanstalt für Kinderpflegerinnen pp hat bis in diesem Augenblick hier noch nicht festen Fuß gewinnen können eben weil der Grund und Boden, der Erd- wie der Hausraum dazu mangelt, die bisherigen Bildungscursus sind und waren ephemere Erscheinungen, welche auf Monate durch vorübergehende künstliche Umstände f möglich gemacht wurden; deßhalb müssen wir daran denken zweck- /
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mäßige Localität für diese weibliche Bildungsanstalt zu finden, wenn sie anders bleibend und gesichert in Ausführung kommen soll. Nun haben wir aber unser ganzes Thal schon darauf geprüft auch sind mir sogar Localitäten angetragen worden; allein es steht nirgends lebenvolle Fortentwickelung in Aussicht: - die Natur, die gesammten äußern Umstände müssen dazu beistimmen, der Wegverband selbst. Sogar bis Rudolstadt bin ich mit meinem Plane gegangen. Nirgends zeigt sich etwas was dem Fortgange lebenpflegend entgegen käme.
Also für das Fortbestehen der Bildungsanstalt für Erzieherinnen ist hier rein gar keine Aussicht; ich muß also entweder die Ausführung derselben ganz aufgeben - (:wie ich schon für diesen Winter wegen Mangel selbst an Speiseraum, wegen schwieriger Bestellung der Küche und des Tisches zu keinem Bildungscursus öffentlich einladen konnte:) - oder ich muß einen günstigeren Ort dafür aufsuchen. Nun machtest Du noch früher mündlich, später schriftlich auf Eisenach aufmerksam und ich gestehe offen, daß wie nur der Gedanke ausgesprochen war, mir auch sehr vielseitig, das allseiti Genügende dieses Ortes entgegen trat. Und so ist es noch bis jetzt.
11. Nun schreibst Du: Es wird wohl am Besten seyn Keilhau bleibt der Heerd für Ausbildung weiblicher Missionare[.] Wirst Du uns aber im Frühling besuchen wirst Du Dich selbst von der Unmöglichkeit überzeugen.
12. Deßhalb unterschreibe ich mit Dir zunächst den Vorsatz dahin zu wirken, daß der Geist der Erziehung allgemein werde.
13., Was unsere sehnlichsten Herzenswünsche betrifft, so glaube ich zwar, daß sie Wahres in sich tragen, allein ich bin auch mit Dir überzeugt, daß wir sie so wohl ihren Wesen, als ihren Wegen und Mitteln nach der strengsten Prüfung unterwerfen sollen, denn sehr oft ist die Form ihrer Erfüllung eine ganz andere, als wir es uns denken, und so geht leider dieselbe von uns selbst unerkannt an uns vorüber. /
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14. Der Herr Dr. Mai ist mir ein sehr ehrenwerther Mann und ich wünsche seinen Unternehmungen alles Gute, wie ich mich deren Fortgang freue; nur glaube ich nicht, daß er die Idee der Kindergärten erfaßt hat, also ebensowenig Darsteller als Vertreter ihres Grundgedankens seyn kann. Was übrigens He. Dr. M. nicht im Mindesten zum Nachtheil angerechnet werden soll, noch kann.
15. Kann es mir möglich werden Deiner und Eurer wiederholten gütigen Einladung nach und wieder einmal nach Eisenach zu kommen, so soll die Kleinkinder Bewahranstalt daselbst und die dabei betheiligten Personen ein ganz besonderer Gegenstand meiner Beachtung und Pflege seyn, namentlich auch die verw: Fr. PstM. Koch. Schön wäre es wenn sich wie in Hildburghausen und Homburg vor der Höhe der Kindergarten aus der Bewahranstalt hervor entwickelte.
16. Solche Vereine wie das Flickkränzchen können ganz wesentlich zur Verbreitung des Tüchtigen, namentlich in Beziehung auf Erziehung wirken und ich freue mich wenn Deine Frau Schwiegermutter auch da die Aufmerksamkeit auf unsern Gegenstand lenkt.
17. Daß Mager nach Eisenach kommt ist jedenfalls für unsere Sache wichtig er mag für oder gegen dieselbe seyn, was ich noch nicht weiß. So viel ist gewiß, er soll ein riguroser [sc.: rigoroser] Mann seyn. Seine Zeitschrift für Pädagogik wird als eine der ersten genannt und viel gelesen. Kannst Du ihn für die Sache gewinnen, so ist gewiß nicht Unbedeutendes gewonnen; weil er sonst gleich Anderen, was ihm möglich seyn soll, auch sehr niederziehend in die Welt hinein schreiben soll. In seiner pädagogischen Revue soll im Jahrgang 1844 ein großer Aufsatz für mich stehen. Ich habe dieß Heft nie zu Gesicht bekommen können. Bei persönlicher Anknüpfung mit ihm, hörte ich, sollte man etwas sorglich seyn, auch das Gewicht seiner Worte erst kennen lernen.- /
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18. In Euerm ZwölferVerein die Sache der deutschen Erziehung zu vertreten ist gewiß nicht unwichtig erstlich wird sie doch 12 Männern zur Kunde gebracht; dadurch bleibt sie doch nicht in die 4 Wände eingeschlossen; endlich muß dadurch nothwendig der Gegenstand unter einem Gesichtspunkte fest gehalten werden, und erleichtert so das Besprechen Für u. Wider[.]
19., Daß Du selbst in der Sache tüchtig werdest und sie für Deine liebe Familie zunächst heilbringend wirke dafür wollen wir nach besten Kräften sorgen. Wenigstens will ich nicht versäumen Dich mit den Schriften bekannt [zu] machen welche den Gegenstand am gründlichsten behandeln. Eine solche ist mir jüngst zugesandt worden, sie führt den Titel:
"Die Verhandlungen über die Kleinkinderschulen in der schweiz. gemeinen Gesellschaft. Auf Veranlassung der Gesellsch[a]ft besonders abgedruckt. St. Gallen u Bern. Verlag von Huber & Comp. 1847. 116 Seiten 4 Seiten Anhang 8° 12 Sgr:[".]
Auch unserer deutschen Kindergärten wird darin prüfend nach Namen und Wesen gedacht, beider anerkennend, wenn man sich zuletzt auch zu wahren der Nationalität hinsichtlich beider auf schweizerischen Boden zurückzieht.
Dieß Schriftchen halte ich für eines der wichtigsten um zur klaren Einsicht in das Ganze zu kommen, soweit man nemlich die Sache von der mehr äußerlichen, der bürgerlichen und besonders von der socialen Seite ansieht; in die innere nationale u noch weniger in die humane geht man ein; diese sind aber die Hauptbeziehungspunkte.
"Die christlichen Kindergärten von Rud. Stooss. Pfarrer in Münsterthal Cton Bern bei Fischer 1845. 41 Seiten 5 Sgr:["]
gehören eigentlich auch hierher und wird dieß Schriftchen und sein Inhalt - der es besonders damit zu thun hat, unsere deutschen Kindergärten den Schweizern zur Beachtung zu empfehlen - ganz namentlich in den oben gedachten Ver- /
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handlungen prüfend durchgenommen.
20., Deine Äußerung: "Eine gewisse Befangenheit drängt sich mir immer auf, wenn ich die Durchführung Deiner Erziehungsmethode in meiner Familie vor Augen habe.- Im Hause selbst sind ja gar viel hemmende Elemente welche mit Vorsicht und Klugheit behandelt seyn wollen.-["] Diese Deine Äußerung verstehe ich nun lieber Hermann nicht oder was gleich ist: - sie zeigen mir daß Du mich nicht verstehest. Von irgend einem Eingriff in Deine l. Familie ist ja gar nicht die Rede.
Ich will Dir einmal eine der möglichen Ausführungsweisen wie ich mir die Sache denke im Bilde zeigen. Es giebt deren übrigens mehrere; die Umstände könnten die Wahl entscheiden; der Gang die Entwickelung wie das Endergebniß würde in allen Fällen das gleiche dem Wesen nach seyn. Also
a) Ich setze den Fall ich käme im künftigen Frühjahre veranlaßt durch Deine gütige Einladung wieder nach Eisenach, so würde ich einer zweiten Einladung einer Freundin unseres Hauses Folge geben und veranlassen daß eine meiner besten Schülerinnen gerad in jener Zeit von dieser 2en Einladung Gebrauch mache und auch nach Eisenach reise.
b. Durch Deine und Deiner verehrten (Verwandtinnen) Familie gütigen Vermittelung würde ich es versuchen von den Vorstandsdamen der K. K. B. Anst. [sc.: Kleinkinderbeschäftigungsanstalt] die Gunst zu erhalten mit den Kindern dieser Anstalt oder besser zuerst mit einem entsprechenden Theile derselbe[n], mich einigemale unter Mithülfe meiner Schülerin auf meine Weise bethätigend und spielend beschäftigen zu dürfen.
c., Hieraus würde sich nun bald ergeben ob man geneigt sei beides Spiele und Beschäftigung in der Anstalt heimisch zu machen oder nicht. Im letzteren Falle wäre dieser Faden abgebrochen und es müßte ein anderer /
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angeknüpft werden. Doch ich nehme das erstere an.
d. Auf diesen Fall der Einbürgerung unserer Spiele und Beschäftigungsmittel in der Anstalt würde ich darauf anfragen den Namen K. K. B. Anstalt mit dem eines "Kindergartens" zu vertauschen wogegen ich dann versprä[che] daß von mir und meinen Schülerinnen in 4 mal 1 Stunde wöchentlich Spiele und Beschäftigungen in der Anstalt mit den Kleinen getrieben werden sollten.
e. Wäre nun die Sache so weit eingeleitet daß ich gewiß wäre in der K. K. B. A. nun "Kindergarten" eine ÜbungsAnstalt für meine Schülerinnen zu haben, so würde ich nach den dann vorliegenden Umständen es versuchen die gestrige Anzahl an Schülerinnen zu bekommen, ich will diese Anzahl aus Gründen 12 nennen.
f. Ich setze nun den Fall meine 12 Schülerinnen wären in Aussicht. Jetzt würde ich mich bemühen, auch vorher schon darnach umgethan haben wo möglich in einem Hause mit Hof u Garten für sie eine Wohnung zu erhalten. Diese Möglichkeit setze ich nun als Wirklichkeit voraus; und je zweckmäßiger das Locale desto besser.
g. Bette, Bett- und Handwäsche müßten die Schülerinnen mitbringen.- Für das tägl. Reinigen ihrer Zimmer müßten sie abwechselnd gemeinsam sorgen. Eine Aufwärterin besorgte spätere Hausgeschäfte zu bestimmten Stunden rc.
h. Frühstück und Vesperbrot besorgten die Schülerinnen je 2 abwechselnd.
i. Mittags[-] und Abendbrot würde aus einem guten Speisehause gesandt, mit welchem deßhalb ein Akkord abgeschlossen.
k. Die ebengedachte mich nach Eisenach begleitete Schülerinn würde die unmittelbare Leiterin und gleichsam die ältere Schwester der Übrigen, sie wäre die ausführende. /
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l. Nun fehlen noch 2 wesentliche Elemente: das geistige überblickende und das hausmütterlich prüfende, welches in alles Einzelne Sitte, Ordnung, Reinlichkeit u.s.w. eingeht beide Elemente können in einer Prüfer[in] vereint, oder sie können auch getrennt seyn. Lasse Sie [sc.: sie] uns zunächst einmal theilen die verehrten beiden Deine l. Mutter u Schwester. In der ersteren hätten wir das Auge der Hausmutter wenn dieß auch in unbestimmten Zeiten und sey es wöchentlich auch nur wenige, selbst nur einmal so wäre dieß schon hinlänglich. In Beziehung auf das eigentlich Geistige und Erziehliche im engeren Sinne wäre Deine liebe Schwester der Vertreter und zwar so, daß diese womöglich sey es auch immer nur aber den 2n Tag die Anstalt besuchte. So hätte das Publikum und die Eltern die Bürgschaft für den Häuslichen, weiblichen sittlichen und erziehlichen Sinn des Ganzen. Entsprechend bezeichnende {Worte / Namen} für diese verschiedene Gliederung des Ganzen würde[n] sich gewiß finden.
m.) Wir Vier - Deine verehrte Mutter u Schwester, die Kindergärtnerin und ich, wir bildeten nun gemeinsam stets das berathende Collegium; alles würde gemeinsam besprochen, nur das gemeinsam Bestimmte hätte Gültigkeit, selbst ich als Einzelner könnte einseitig nichts in dem einmal gemeinsam Bestimmten abändern[.]
In meiner etwanigen Abwesenheit wäre Deine l. Schwester dann die geistige Vertreterinn meiner.
Siehe so denke ich mir zunächst im Allgemeinen die Anordnung des Ganzen kannst und willst Du uns noch Deine Hülfe da oder dort reichen, so ist dieß ein Geschenk auf welches jedoch gar nicht (bestimmt) gerechnet wird.
n. Nach allem diesen würde nun das jährliche Unterhaltsgeld auf die runde Summe von N rth bestimmt.
o. Wäre nun alles dieß gut vorbereitet, so würde sich /
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auch sehr bald der gute Erfolg beim Publikum zeigen und nun könnte man [sich], was vielleicht schon vorher eingeleitet wäre bei der Städtischen Behörde auch vielleicht bei der Fr. Großherzogin um Unterstützung verwenden. Vielleicht bestimmte sich auch die Fr. PstM. Koch dem Unternehmen wenigstens in der ersten Begründung ihre humane Unterstützung zu zu wenden.
p. Bildete sich nun so nach und nach das Ganze immer mehr zu einem Erziehungshause aus, so könnte [man / sich] entweder in einzelnen Stunden in der Woche u.s.w. einen Kreis Kinder in einem Kindergarten in dem Locale versammeln, oder man könnte auch nach und nach einzelne Waisen wohlhabender Eltern, welche die Kosten zu tragen im Stande sind, ganz in Pflege nehmen.
So meine ich nun mein theurer Hermann, könnte nach und nach das Ganze empor wachsen, die waltenden Umstände müßten das Ganze bestimmen, wir giengen nach Außen nur einen Schritt weiter als uns durch das Leben selbst der Weg gezeigt wäre.
Nun der ganze Winter ist uns ja zur Prüfung freigegeben.
21. Was Du mir über die Zither schreibst macht mir große Freude. Die Einführung eines musikalischen Spielzeuges beschäftigt mich schon lange. Ich habe jetzt die Glasharmonika aus geschnittenen und gestimmten Glastäfelchen, wie eine Tastatur nebeneinander liegend nur eben von verschiedener Breite und Länge, welche dann mit Korkhämmerchen geschlagen werden. Es ist dieß ein sehr einfaches, wohltönendes Spielzeug und die Kinder spielen gern damit; große Melodien aber auszuführen [ist] schwierig. Vielleicht reicht mir nun Deine Cither was ich längst suche. Ich wundere mich selbst daß ich nicht an sie gedacht habe in dem ich sie auf meiner Reise von einem jungen Bürgersmädchen sehr schön habe spielen hören. Führe Deine Bearbeitung ja aus. /
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Auch unsere kleinsten Kinder; wenig älter als Deine M. haben die Musik sehr gern, allein zu einem so schönen Terzett als Du mir schilderst haben wir es hier noch nicht gebracht. Du mußt aber auch bedenken, daß Ihr ein so glückliches Familienleben lebt wie wenige.- Wo sind denn die Cithern zu kaufen und was würde eine für ein Kind von 4-6 Jahren kosten?-
22. Das Schreien bleibt noch immer ein Gegenstand der ernsten Beachtung der Erziehenden. Ich glaube daß manches Schreien der Kinder zuletzt ganz krampfartig ich möchte sagen mechanisch wird, wie ein Sturm der alles niederreißt, so daß das Kind zuletzt selbst gleichsam davon gegen seinen Willen mit fortgerissen wird. Hier glaub ich hemmt am leichtesten eine unerwartete frappante Erscheinung: helles Licht, dunkle Nacht, starker Ton u.s.w. J. Paul führt in seiner Levana ein 4faches Schreiweinen (bei schon etwas größeren Kindern) und Mittel dagegen durch [sc.: an]: das Schreiweinen über äußern Schmerz - über Krankheit - das Folternde - dann über Verlust, aus Furcht, aus Verdruß.
Überhaupt glaube ich würde Deinen l. L. [sc.: lieben Leuten] eine freundliche Festgabe ein kleines Buch seyn:
Auswahl der vorzüglichsten u gelungensten Stellen und Aufsätze aus Jean Paul's Levana oder Erziehlehre.- Die beste Gabe und der treueste Wegweiser für Eltern, Lehrer, Erzieher und das gebildete Publikum überhaupt. Zweite vermehrte und verbesserte Auflage. Leipzig klein 8° Kommission von J. Schreinz 126 Seiten und 207 größere u kleinere Auszüge (jeder also cca 3/5 Seiten im Durchschnitt)
23. Für all die übrigen Bemerkungen meinen herzlichen Gruß. Fahre ja mit Deinen Tagesblättern fort; sie sind mir eine heilsame liebe Gabe. /

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Sonnabends am 17. Dcbr. So eben bringt mir unser Middendorff, welcher auch Dich wieder recht herzlich grüßt, die

"Allgemeine (Darmstädter) Schulzeitung (v. Dr. Zimmermann)
"No 38 u 39. Sonntag vom 7en und Dienstag vom 9 März 1847."
und in derselben einen Aufsatz vom Turnlehrer Adolf Spieß in Basel überschrieben: ­ "Welches sind die Grundsätze, durch welche Schul- und Jugendfeste bedingt seyn sollen?-"
Ich bitte Dich recht sehr Dir ja, wenn es möglich ist, diese beiden Blätter zum Nachlesen zu verschaffen, der Aufsatz ist es werth, daß Du ihm Deine ganze Aufmerksamkeit widmest. Der Gegenstand welchen er behandelt hängt auch auf das innigste mit unsern Kindergärten und Kinder- und Jugendspielfesten z.B. in Quetz zusammen und zeigt die Wichtigkeit beider für das spätere Schulleben. Dürft Ihr in Euerm Zwölferverein auch etwas Fremdes vorlesen, so eignet sich dieser Aufsatz, wegen seines allgemeinen Interesses und seiner Wärme mit der er geschrieben ist besonders dazu.- Die Motti beider Nrn sind
No 38 "Sollen wir Kinder ziehen, so müssen wir auch Kinder mit ihnen werden" "Luther"
No 39 Jugendfeste sind Sonnenblicke im Schulleben der Jugend. (Unger)
Am Abend. Von einer adel. Dame auf dem Lande, von 2 Pastoren und ihren Frauen wie von einem Erzieher sämtlich in der Nähe Naumburgs erhalte ich in diesem Augenblick folgendes Urtheil über die von mir auszuführende Bildungsanstalt für Kinderpflegerinnen pp - "sie vereinigen sich sämtlich dahin, daß durch eine solche Anstalt einem allgemein u. tief gefühlten Bedürfnisse abgeholfen werden wird, und daß sich der Seegen für die Zukunft von derselben gar nicht berechnen läßt."- Ähnliches ist mir auch aus Braunschweig und aus der Gegend von Halle über die Anstalt als solche ausgesprochen worden. Ich darf Dir bei deiner Theilnahme diese Urtheile nicht vorenthalten. Auch aus dem Kreise der Landschullehrer im Meiningschen liegen mir gl[ei]che Urtheile vor. /
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Weil der Brief nun fertig ist, will ich dessen Absendung doch nicht verschieben obgleich die Antwort etwas schnell folgt; doch liesest Du sie vielleicht auch lieber jetzt als in der den Familienfreuden ganz hingegebenen schönen Weyhnachtszeit. Da nach dem Schluße Deines l. Br. alles Unwohlseyn sich aus Deinem Familienkreise entfernt hat, so zweifle ich nicht ein sehr beglückenden Weihnachtsfest wird bei Euch einkehren. Und Hochgenuß wird es für mich seyn, gerad in dieser Zeit der Umschlingung Aller zu dem höchsten <Lebensganzen> Deines innig hochgeschätzten Familienkreises zu gedenken.
Auch meine besten Seegenswünsche für alle als Ganzes und für jeden Einzelnen insbesondere zum Austritt aus dem alten und Eintritt ins neue Jahr. Bitte erhaltet mir als Ganzes wie jeder Einzelne Euer mich so beglückendes Wohlwollen, und diese Bitte richte ich auch besonders an Dich mein theurer Hermann. Der herzig lieben Marie in diesen Festtagen namentlich meinen seegnenden Kuß auf Stirn, Mund und Wange.
Im neuen wie im alten Jahr bleibend
Dein treugesinnter

Friedrich Fröbel