Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 14.12.1847 (Keilhau)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 14.12.1847 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 237-238. - In der Edition gesperrte Passagen werden hier unterstrichen wiedergegeben, so wohl im Original.)

         Keilhau, am 14. Dezember 1847.


Mein theurer, hochgeschätzter und geliebter Freund!

Beim nahenden Ende des nun bald verschwundenen alten und stillen, kaum noch bemerkten Heraufdämmerns des neuen Jahres sitze, stehe und wandle ich in klarer sternheller Mitternacht einsam in meiner ruhigen Stube auf und ab und nichts vernehme ich von der mich umgebenden Außenwelt, als das harmonische Plätschern des nahen Brunnens mit seinem krystallhellen Wasser; sinnend frage ich mich bei des Lebens gegenwärtigen Druck und bei dem mich umgebenden Winter auch des geistigen Lebens: "Was hast du denn nur eigentlich durch dein 42- - und in engerer Beziehung blos auf Keilhau - 31jähiges uneigennütziges und von der reinsten Absicht getriebenes, erziehendes Wirken eigentlich bewirkt, und wo sind die Jünglinge, Männer und Söhne der Idee, die sie wahrhaft, rein, uneigennützig, sie in ihrer - ich kann und darf, ja muß sagen - göttlichen Tiefe würdigend erkennen und mit treuer ausdauernder Hingabe pflegen?["] Und wie sich da tiefer Mißmuth und bei weitem mehr noch in meinem Herzen anklammert, wenn ich die Vielen sehe, die, ich mag es gar nicht mit Worten aussprechen, der Idee den Rücken kehrten und kehren und bei ihrer trüben Persönlichkeit doch sich den Schein achtender Anerkennung, ja wohl gar Pflege geben - da lese ich Ihren lieben, lieben Brief vom 1. d. M.; und schwindet auch die Gemüthsnacht nicht gleich ganz, so beginnt doch Himmelslicht das Gemüth von neuem zu erhellen und reine Herzenswärme es von neuem zu durchdringen; denn die Treue, sie schließt das Höchste in sich, den Dank und die Liebe; und Treue gegen eine, das Leben seinem Ziele entgegenführende Idee, ist als Lebensthatsache die beglückendste, ja bei weitem mehr noch - Seligkeit bringende Erscheinung des Lebens. Da sich nun diese Treue von Ihnen, theurer Freund, gegen unsere Lebensidee in ihrem lieben Briefe so warm und innig, als einfach und klar ausspricht, so können Sie sich nun wohl sagen, welch eine hohe Gabe mir derselbe am Schlusse dieses Jahres war, er oder vielmehr sein Inhalt, der Geist seines Inhalts; die Gesinnung, die so einfache, als rein menschlich treue, die sich mir in demselben ausspricht, wird mir für mein ganzes noch zu lebendes Leben und wohl noch über dasselbe hinaus ein wahres Himmelsgeschenk sein. Ja, lassen Sie uns in der und durch die Idee entwickelnd-erziehender Menschenbildung für Gotteinigung oder wie sie solche immer, sich auf den schon im Kinde thätigen Schaffenstrieb sich gründend, sonst bezeichnen wollen - ja wahrhaft zum Heil des aufkeimenden Menschengeschlechts Ein Herz und Eine Seele, Ein Geist und Ein Gemüth sein.- Zwei Jahre sind es nun, wie Sie schreiben, daß wir gemeinsam der schönen Weihnachtszeit entgegenlebten. Wie wahrhaft göttlich groß, wie himmlisch schön, wie lebenerfassend hat sich mir in dieser Zeit immer mehr die Darlegung und Ausübung der Erziehungsidee gezeigt, die ich in den und durch die Kindergärten zu verwirklichen, zum Wohl der Kindheit in das Leben einzuführen mich bemühe. Wären Sie doch immer dabei und könnte ich es Ihnen doch gleich so alles mittheilen, wo sich mir in Mitte der Vorführung oder der Anwendung das so Einfache als wahrhaft Göttliche - gleich einem offenbaren Geheimniß vorliegende der Entwickelungsgesetze und Bedingungen des Menschen zu und für irdische Vollendung - gleichsam geoffenbaret haben. Man kann darüber auch nur, wie über alles Göttliche und dessen Kundmachung, mit dem wahren Seelen- und Herzensfreund, mindestens nur in wahrer Geistes- und /
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Gemüthseinigung sprechen; und doch liegt wieder, wie Sie es ja aus früheren Mittheilungen wissen, Alles so einfach anschaulich, in seinem Entstehen und seiner Fortentwickelung so nachweislich, fast mit den Händen faßbar vor, so rein geistig es wieder nach der anderen Seite ist.
Ich freue mich recht darauf, uns gegenseitig einmal wieder mitzutheilen; denn was werden auch Sie wieder alles durcharbeitet und neuerkannt und auch wieder mir mitzutheilen haben. Waren doch die Zeiten meines Aufenthaltes bei Ihnen durch die Güte Ihrer Mittheilungen stets auch Zeiten des innern Fortschritts für mich. Ja die schönen, in den drei Zimmern Ihrer schönen Wohnung verlebten Tage werden mir stets unvergeßlich und gewiß für unser gegen- und beiderseitiges Wirken nicht ohne segensreiche Folgen sein. Schon als Sie mich in Ihrem vorigen lieben Briefe so freundlich einluden, kam mir der Gedanke, Sie wohl in dieser Weihnachtszeit mit meinem Besuche zu überraschen und auf die jetzt so gütig wiederholte Einladung würde ich wirklich augenblicklich kommen, wäre es mir möglich. Außer Ihrer lieben Einladung zur Mitfeier des Christfestes empfing ich noch drei und unter diesen eine mehrfach dringende; ob ich aber auch dieser werde nachkommen können, weiß ich jetzt noch nicht, ob ich es gleich gern thäte. Sie ist in das Hildburghausische, wo sich unter den Volks- und Landschullehrern eine ganz seltene, so allgemeine als warme Theilnahme für entwickelnde rc. Kindheitspflege zeigt, welche sorgsam genährt sein will. Eine große Lehrergesammtheit beabsichtigt zur Johanniszeit künftigen Jahres mit ihren Schülern, nahezu 1500, ein großes Kinder- und Jugendspielfest im Schleußegrund zu Ernstthal zwischen Hildburghausen und Schleusingen. Mir ist von einem schon deßhalb gewählten Comité die Leitung übertragen.- Ich hatte bei Ausführung und besonders bei der deßhalb so vielfach nöthigen Vorbereitung an unseren S. [Seiffert] als Hülfe gedacht, auch zu seiner wandernden Lehrwirksamkeit schon einige Vorkehrung getroffen, welche auch vorläufig genehmigt worden sind. Jetzt beruht die letzte Entscheidung auf der Erlaubniß des Hildburghausen-Meiningenschen Consistorii. Man hat nun dieselbe nachgesucht, jedoch ist bis in diesem Augenblick noch keine Entscheidung erfolgt. Jedoch zweifeln die bittenden Lehrer nicht an der Genehmigung. Die Erfahrung wird es lehren. Sehr, sehr wichtig wäre dieses Fest für eine allgemeinere Ausführung der Kindergärten, als besonders auch für die größere Bekanntwerdung der Idee der Erziehung und Belehrung durch schaffende Bethätigung der Kinder. Auch ist die Lage des gewählten Ortes wichtig, er liegt zwischen Meiningen, Preußen (Henneberg) und Sondershausen.
Dem Jahre 1848 gehe ich in gar mancher Hinsicht mit vielen Hoffnungen entgegen, was sich erfüllte, werden Ihnen, so Gott will, meine Briefe heute über's Jahr sagen.- Herr Middendorff und ich arbeiten jetzt an einer Art Anzeigeschrift: "Die Kindergärten". Ökonomische Hemmnisse verspäten deren Erscheinen.- In der Schweiz ist auch wieder ein Schriftchen: "Die Verhandlungen der schweizer gem. Gesellschaft. St. Gallen und Bern, bei Hüber u. Comp., 1847" - erschienen, welches auf Veranlassung der Stroß'schen [Stooßschen] Schrift auch wieder unsere deutschen Kindergärten bespricht.- S. [Seiffert] wünschen Sie Glück, und Ende dieser Woche werden Sachen von ihm von hier abgehen. Die Geldangelegenheiten ordnen Sie, wie Sie es gewünscht. Von hier die reinsten Segenswünsche zum lieben Christfest und zum Austritt aus dem alten und Eintritt in's neue Jahr. Stets
Ihr Fr. Fröbel.