Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Robert Felsberg in Neidschütz b. Naumburg v. 16.12.1847 (Keilhau)


F. an Robert Felsberg in Neidschütz b. Naumburg v. 16.12.1847 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. KG 1871, 39-42, Seitenzahlen nach der Edition. Bei „H. in H.H.“ handelt es sich um den mit Felsberg befreundeten August Härter auf Saline Heinrichshall b.Köstritz. Mit „Q“ ist das Spielfest in Quetz vom 25.7.1847 gemeint)

Keilhau b. Rudolstadt am 16. Dezember 1847.

Mein theurer, geliebter Freund!
Dein lieber Brief vom 8. d. hat mir große Freude durch die sich darin
aussprechende treue Gesinnung gemacht und es beglückt mich die feste Ueber-
zeugung in mir, daß, wenn Du solche stetig so fortpflegen wirst, Dir Dein
Leben die schönsten und reifsten Früchte reichen wird. Ja, mein lieber Freund,
auf die Befriedigung Deines stets und warm von Dir gehegten Wunsches:
daß Du meinem Herzen nahe stehen und von mir unter meine geliebten und
theuern Söhne und Jünger gezählt werden möchtest, darauf kannst Du fest
bauen und dies eben um so mehr, als diese Befriedigung in Dir selbst
ihren Grund hat, Du die Gewißheit davon so in Dir selbst trägst, daß
ich, wenn ich auch wollte, doch nicht anders handeln kann; es sei denn
ich wollte mich selbst und mein eigenes mit meinem Leben und Sein ei-
niges Lebensziel im Zweck aufgeben, was ja aber eben nicht möglich
ist. Denn wonach ich ja zuletzt strebe, das ist auf bewußten See-
len-, Gemüths- und Geisteseinklang
und solches Zusammen-
stimmen und Zusammenwirken dieser, welches sich ganz genau und nach-
weislich ihres Grundes und ihrer Ursache wie ihres Zieles und Zweckes
bewußt ist. Nur eine solche Geistes- und Lebenseinigung kann den Ein-
zelnen, wie jedes Ganze - hieße es Familie, Gemeinde, Volk oder
Menschengeschlecht - von dem erlösen, was uns als Einzelne oder als
Gesammtheiten fesselt, nur von dem erretten und befreien, was uns eben-
so als Einzelne wie als Ganze drückt. Wo mir also ganz dasselbe
Sehnen und Streben, wie eben von Dir entgegen kommt, da siehest
Du wohl ein, da muß ich mich selbst geeint und einig fühlen. Doch
dieses Verhältniß darf nicht bloß das des Einzelnen zum Einzelnen sein;
es muß darum z. B. auch Dein und unser Streben sein in Beziehung
auf unsern H. in H.H., welcher eigentlich der Grund unserer Einigung
ist und uns einander zusammen führte. Dieß muß selbst Dein Streben
in Beziehung auf Deinen Ortsschullehrer sein, welcher, nach dem Briefe,
welcher mir von ihm an einen seiner Freunde bekannt geworden ist, sich
als ein recht achtsamer Schüler, Aufnehmer und Fortpfleger Deiner Mit-
theilungen über entwickelnd-erziehende Menschenbildung zeigt; so wie in
Beziehung auf Alle, welche Deinem Gemüthe und Geiste nahe stehen,
d. h. Dich in Deinem Streben in Beziehung auf Menschenwürdigung
und Menschenentwickelung verstehen. Siehe, das war das Ziel des sich /
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ungeahnet freimachenden Geisteswalten, welches uns an jenem Abend als
Geistes-, Seelen- und Lebensverwandte kennen lehrte und einte. Siehe
theurer Felsberg, es war dieß das reinste Wirken des reinsten Geistes
für wahre fruchtbringende Lebenseinigung. Es darf dieß aber keineswegs
als eine vorübergehende Erscheinung gleich einer beim wallenden Wasser
aufsteigenden Luftblase, sondern als eine bleibend achtend zu pflegende,
zu nährende und zu stärkende, wie fortzuentwickelnde Lebenserscheinung -
als eine wahre Offenbarung der geistigen Lebens-Einheit - beachtet und
behandelt werden. Willst Du Dich also für Dich selbst als meinen treuen
Sohn, oder wie Du Dich nennst, Jünger bethätigen, so darf Dir kein
Moment von Dir erkannter Geistes- und Lebenseinigung unbeachtet, be-
sonders aber nicht ungenährt, nicht ungestärkt und ungepflegt vorüber
gehen. So schreibst Du mir z. B. daß Deine Frau Prinzipalin und
zwei Pastore mit ihren Frauen in ihrem Urtheil über meinen Bil-
dungsplan so ziemlich in einem Punkte, oder willst Du lieber, in ei-
ner Ansicht zusammen getroffen sind. Dieses geistige Zusammentref-
fen mußt Du nun, wo sich die Gelegenheit dazu zeigt, benutzen, diese
Gemüther und Geister zunächst wenigstens in dieser Beziehung zu
einer bewußten innern Lebenseinigung zu erheben. Du mußt also keines-
weges mit den jetzt von jedem Einzelnen abgegebenen Urtheile die Sache
und das Ganze als abgemacht betrachten, sondern Du mußt durch gele-
gentliche Mittheilungen ihren Antheil an dem Gegenstande lebendig er-
halten, ihnen vielleicht auch noch andere mit den eurigen zusammenstim-
mende Urtheile mittheilen und so immer den Kreis des geistigen Verständ-
nisses und höherer Lebenseinigung vergrößern; sollten auch über solchem
Streben Jahre vergehen, man muß nur das Errungene pflegend treu
bewahren. Aus dem Wenigen wächst bald das Mehr hervor, und aus
dem Mehr das Viel; Du wirst dies schon jetzt erfahren, darum das
kleinste einigende geistige Leben pflegend beachten, denn bald wird auch
aus dem Kleinsten das Größere hervorgehen.
Wesentlich können ganz gewiß und werden für die geistige Vereini-
gung namentlich in Beziehung auf frühe und entsprechende Kindheitent-
wickelung und Jugendbildung - die Kinder- und Jugendspielfeste wirken.
Die Ausführung, oder zunächst wenigstens das thatsächliche Bestreben
nach Ausführung derselben scheint jetzt auch einen festen Punkt in dem
Meining'schen und zwar besonders in dem Hildburghäusischen und hier
namentlich in der Ephorie Eisfeld gefunden zu haben. Eine bedeutende
Anzahl Landschullehrer des genannten Distriktes haben sich nämlich
vereinigt, mit ihren Schulkindern, vielleicht gegen 1500 an der Zahl, /
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im Laufe des künftigen Sommers und zwar um die Johanniszeit in ei-
nem schönen Thale des südwestlichen Abhanges des Thüringer Waldes -
Schleußegrund zwischen Eisfeld und Schleußingen zu Ernstthal -
ein Kinderspielfest zu feiern. Schon ist das Komite zum Ordnen des
Ganzen gewählt und mir hat man vertrauensvoll die Leitung der Spiele
und ihre Anordnung übergeben. Nach dem Spielfest soll, wenn es die
Zeit gestattet, von mir eine Vorführung der entwickelnd-erziehenden Kin-
derbethätigungs-, Spiel- und Beschäftigungsmittel stattfinden, und wo-
möglich eine allgemeine Besprechung darüber. - Es kann dieß, wenn
nicht die Zeit zu knapp zugeschnitten ist, wenigstens für ein[e] wesentliche
Anzahl der theilnehmender Erzieher, Lehrer, Kinder- und Jugendfreunde
sehr belehrend und erhebend, so vor allem einigend im Gemüth und
Geiste werden. Ich denke, daß wir uns zum großen Theil daselbst wie-
der zusammen finden, die wir uns so schön am Spielfest in Q. einigten.
Wir müssen nur vorher in uns das Ganze geistig bearbeiten, daß wir
klar sind über das Wesen des Menschen, dessen Entwickelungsgang und
seiner Gesetze, der Bestimmung, des Berufes des Menschen, daß wir
klar sind über die Wichtigkeit, das Wesen und die Weise der frohesten
Kinderpflege und der Bedeutung des Familienlebens, klar über die Eini-
gung des Hauses, der Schule, und über die Forderung der gegenwär-
tigen Stufe der Menschheitsentwickelung eben an die Schule, also des
organischen, d. i. lebenvollen Zusammenhanges dieser mit dem Leben.
Schön, ja hocherfreulich ist es, daß die obersten Schulbehörden nicht nur
das Vorhaben genehmigen, sondern sogar es nach Kräften zu fördern
versprechen; so habe ich vor wenigen Stunden einen Brief von Dr. Peter
in Hildburghausen, - der, wenn ich nicht irre, Landschul-Inspektor für
das gesammte Meining'sche ist, - worin derselbe mir schreibt: "Ich bin
“zu sehr von dem wohlthätigen Einfluß überzeugt, der zweckmäßig gelei-
“tete Kinderfeste nebst den mit ihnen verbundenen Uebungen auf Sinn
“und Gemüth und auf die körperliche Ausbildung der Schuljugend aus-
“üben müssen, als daß ich mich nicht lebhaft für den Gegenstand interes-
“siren sollte. Ich bin daher sehr bereit, Alles, was in meinen Kräften
“steht, für Förderung der Sache zu thun u.s.w." - Möge nun nur
der Himmel geben, daß das Ganze zur Zufriedenheit aller Betheiligten
und Erwartenden ausfällt. Wenn dieß der Fall sein wird, was wir
hoffen, so will dann die Stadt Eisfeld im Laufe des Jahres für sich
noch besonders ein Kinder- und Jugendspielfest feiern.
Euer Kinder- und Jugendspiel- und zugleich Einweihungsfest würde
daher wohl diesen schönen Reigen beginnen. Eine ganz wesentliche Rück-/
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wirkung, oder wenn Du lieber willst Fortwirkung davon hoffe ich sowohl
hinsichtlich der Kindergärten, als auch in Hinsicht auf die Erzie-
hungsvereine
; diese beiden bilden nach meiner Meinung mit den
Kinder- und Jugendspielfesten den Grundakkord, den Alles eini-
genden Dreiklang der Volks- und Vaterlands- wie der Familien-
erhebung. Sie sind daher vor Allem zu pflegen.
Nachbemerkungen:
In dem Hamburger Anzeiger vom 5. Nov. Nr. 47 steht von der
Mad. Lütkens ein großer Aufsatz über die Kindergärten.
Auch Friedrich Hofmann, der Dichter in Hildburghausen, führt in
seinem dießjährigen Weihnachtsbaum ebenfalls die Kindergärten sehr freund-
lich in ein großes Publikum ein.
So der Schluß des Jahres 1847. Möge ihn der Beginn und der
Inhalt des neuen Jahres - 1848 - in der Entwickelung gleichen.
Dank für Deine Liebe im alten Jahre und bitte um die Stetigkeit
derselben im neuen. Dank auch Deiner Prinzipalschaft für ihr jetziges
Wohlwollen.
Deinen Pfleglingen sämmtlich meinen besondern Gruß. -
Gott geleite uns alle aus dem alten freud- und friedvoll in's neue
Jahr.
Stets Dein Freund
Friedrich Fröbel.