Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 23.1.1848 (Keilhau)


F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 23.1.1848 (Keilhau)
(BN Anh. 43, Bl LC 51 - LC 56, Abschriftabschrift 3 B 8° 12 S. Handschrift unbekannt. - Der Abschriftabschreiber gibt als Vorlage eine Abschrift im Besitz eines Redakteurs Richard Lorenz, Coburg, an.
Bemerkungen des Abschriftabschreibers, die sich mit seiner Vorlage auseinandersetzen, werden, soweit sie als richtig erscheinen, hier u. in allen F.-Briefen an Stangenberger aus BN Anh. 43 analog zu eigenen Bemerkungen wie folgt aufgegriffen: Hinweise auf Auslassungen als "< ? >", Hinweise auf vermutliche Lesefehler als "[sc.: ...]".)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Herrn Organist Stangenberger in
Schalkau
Keilhau b. Rudolstadt am 23. Jan. 1848

       Sehr geschätzter lieber Herr Stangenberger.

Was werden und müssen Sie nun von mir denken, für Ihre so gastfreundschaftliche Aufnahme meiner und die nicht minder freundliche Förderung meiner Lebenssache Ihnen nach Ablauf von beinahe 1 Monat noch kein herzlich und aufrichtig dankendes Wort brieflich gesagt noch kein solches Wort von mir brieflich empfangen zu haben?- Wüssten und kennten Sie nicht aus eigener Erfahrung die Macht, ja hinreissende Gewalt geistiger Arbeiten, wenn wir einmal von denselben ergriffen werden, die Macht, welche /
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uns beinahe aus unseren gewöhnlichen Verhältnissen heraus, und in ganz neue versetzt; ich sage, kennten Sie nicht durch Ihr eigenes Streben diese Erscheinung des Lebens, so wüsste ich wahrhaftig nicht, wie ich mich bei Ihnen entschuldigen sollte; so aber ist es mir ein <Liehtes> [sc.: Leichtes]; ich wurde bald nach meiner Rückkehr von meiner Waldreise so von dem Inhalt einer neu erschienen[en] Schrift welche mir das Christkind gebracht hatte - weil derselbe mit der Lösung meiner Lebensaufgabe nicht nur im Allgemeinen, sondern selbst bis zum besondersten herab, bis zu unserm Jugendspiel- und Volksfeste in dem allerinnigsten Verbande stand - so ganz und gar gefesselt, dass ich in den ersten Wochen des neuen Jahres fast ganz vergass, dass es noch Feder /
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und Tinte gab. Denn wirklich vergingen die ersten Wochen des neuen Jahres ohne dass ich auch nur nach einer Feder griff, was selbst den Befreundenden der Umgebung so auffallend war, dass sie mich fragten: - was denn mit mir vorgegangen sey, indem man mich ja gar nicht mehr schreibend fände. Sie wissen aber selbst: wichtigen Lebensgedanken muss man sich ganz hingeben, soll ihre Bearbeitung uns zu unserm Lebensziele führen.- Ob ich nun gleich meinen herzlichen und besten Dank Ihnen nicht schriftlich und brieflich aussprach, so habe ich während meines Studiums Ihrer, Ihres Strebens und Wirkens, von dessen schönen [sc.: schönem] Erfolge ich ja Zeuge war, anerkennend mehrfach gedacht, denn dasselbe fiel in den Bereich dessen, was mich eben /
[LC 52b]
geistig so fesselte. Sie werden nun wohl aber gern wenigstens den Titel des Buches wissen wollen, hier ist er:
"L. Aimé-Martin (:Sprich Ähmeh-Martäng:) über die Civilisation des Menschengeschlechtes durch die Frauen oder die Erziehung der Mütter - Ein von der Akademie Frankreichs gekröntes Werk. Übergeben von Dr J. Leutbecher. Mit einem Vorworte und Anmerkungen von Prf: Fr. Nösselt. 1 Band in 2 Lieferungen 700 Seiten 12° Breslau Verlag von August Schulz Rth 2 - geb.["]
Ich halte diess Werk für eines der wichtigsten in der Gegenwart und wichtig für den denkenden Mann wie für diese Frau besonders wichtig für alle denen die Fortbildung des Menschengeschlechtes Lebensaufgabe ist.- /
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Nun aber auch ein Wort über meine Weiterreise.- Statt wie es bestimmt war aus [sc.: am] folgenden Tages [sc.: Tage] in Poppenwind zusammen zu finden führte ein glücklicher Zufall mich mit Mehreren in Brünn zusammen; der Gestrige Abend im Klost[e]r hatte das Interesse des Oberlehrers Dr Heine so sehr erregt, dass er sich früh 7 Uhr schon aufgemacht hatte mit uns in Poppenwind zusammenzutreffen, jedoch hatte ein geistiger Zug auch ihn nach Brünn geführt, so wurde denn mit einem Dzzd Lehrer fortgesetzt, was gestern begonnen hatte. Alle erfreut u. befriedigt zogen wir mit einbrechender Nacht jeder seiner Strasse; ich mit Hopfe nach Poppenwind.- Von ihm werden Sie nun schon erfahren haben, dass er keinen Ihrer beiden letzteren Briefe /
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erhalten hatte und deshalb weder nach Schalkau noch nach dem Kloster gekommen war.- Gleich Abends wurde schon in Poppenwind die Einübung von Gesängen und Spielen begonnen, um solche morgen Mittwoch den 29. Novbr [sc.: Dezember] einer grösseren Lehrerversammlung in Oberwind zur Prüfung vorzuführen. Und so fand sich denn am bestimmten Tage eine Anzahl von cca 20 Lehrern und Geistlichen das[elbst] zusammen. Auch der Vorsitztende [sc.: Vorsitzende] des Spielfestcomite Herr Pfarrer und Rektor Göpfert war fast mit sämmtlichen Lehrern Eisfel[d]s - auch dem Diac. Herrn Schuster gegenwärtig. Zuerst las Herr Pf. und R. Göpfert seine und des Comité Eingabe an das herzogl. Consist. vor und hierauf die bestimmte Revolution [sc.: Resolution]. Diess gab natürlich der ganzen Sache /
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neuns [sc.: neues] Interesse neuen Schwung. Die Spiele wurden um so freudiger empfangen und befriedigend aufgenommen.- Am Schlusse der Versammlung erfolgte eine Berathung wegen des zweckmässigsten Ortes wo das Fest auszuführen sey. Ernstthal fand man jetzt weil es zu nahe an der Grenze liege und es doch mehr ein Spielfest der Schulen der Eisfelder Ephorie sey - nicht mehr passend und so schlug man vorläufig einen Ort in der Nähe v. Oberwind u. Brünn vor, doch blieb die Bestimmung bis zu einer so günstigen Zeit ausgesetzt, wo man alles prüfend an Ort u. Stelle abwägen können.
Für den nächsten Tag - Donnerstags d. 30. wurde eine Zusammenkunft mit noch mehreren Kindern /
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zugleich aus den 3 Dörfern OberW.- PoppenW. u. Br. in Brünn festgesetzt. Auch diess kam zur allgem. Befriedigung zur Ausführung und es wurde festgesetzt, dass ich Sonnabend vor Fastnacht ich glaube den 4. März wieder nach Poppenwind kommen möchte um die weitere Vor- und Fortbildung auszuführen, vorher aber möchte ich mich anheischig [machen] mehrere Lieder und Spiele zur Einübung zu senden. Was aber leider bis jetzt noch nicht von mir geschehen ist, nun aber in den nächsten Tagen geschehen soll.
Bei Bestimmung des Ortes wurde auch ganz besonders Ihre Theilnahme und der Schaulkauer [sc.: Schalkauer] Schüler überhaupt gedacht, indem durch den näher gerückten Ort und so mit verminde[r]ter Entfernung /
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die Theilnahme der Kinder möglich werde. Wollen Sie nun zuerst die Sache in sich und dann mit den gesammten Schalkauer Lehrer[n] persönlich berathen. Freuen würd es mich Ihre Gesammtbestimmung wenigstens gegen die Fastenzeit hin zu vernehmen. Bei Ihrer musikalischen Achtungs- und Gestaltungsgabe werde ich so um gütige Mitwirkung anklopfen, so bald als ich den Plan des Ganzen ausgearbeitet habe.
Über alles diess werden Sie jedoch durch Herrn Hopf ohne Zweifel schon vollständiger unterrichtet seyn.
Freitags früh 6 Uhr wurde nun von Poppenwind aufgebrochen und in freundlicher Begleitung von Herrn Hopf und anderer Lehrer bis nach Goldisthal, der Weg zu Fuss über Katzhütte, Schwarzburg, Blankenburg nach Keilhau angetreten. Hier kam ich /
[LC 55b]
gerade noch zur rechten Zeit an um Middendorffs Abschied vom alten und Bewillkommensgruss des neuen Jahres zu hören und so noch in Gemeinsamkeit Sylvester zu feiern. Meine Thätigkeit seit jener Zeit bis jetzt habe ich Ihnen Eingangs dieses [Briefes] mitgetheilt und so haben Sie denn, worauf Sie wohl wegen meines so lang hinausgeschobenen Dankes ein Recht haben eine kleine Relation meines ganzen Lebens seit der gemeinsam so freudig verlebten festlichen Tage, darf ich bitten, so sagen Sie auch Ihren beiden Herrn Collegen meinen herzlichen Dank für die vielen mir erzeigten Freundlichkeiten u. ich freue mich darauf, wenn es mir möglich werden wird Ihnen sämmtlich wieder Gegenfreundlichkeiten erweisen zu können. Auch all die übrigen so achtbaren, als ehrenhaften Schalkauer, welche sich meiner gelegentlich freundlich /
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erinnern sollten, bitte ich in gleicher Weise dankbar von mir zu grüssen, so der [sc.: die] Familie d. Herrn Superint. und besonders ihn auch die Familie d. Herrn Rentbeamten Kost u.s.w.
Als mein Brief nach Schalkau an Sie schon versiegelt war, empfing ich einen Brief aus Marienberg worin folgendes steht.
"Kürzlich erhielt ich einen lang[en] Brief von dem Herrn Organist Stangenberger aus Schalkau. Er gefiel mir fast ganz und ich hätte desshalb gern seinen Wunsch erfüllt und wieder geantwortet, aber jetzt bin ich es nicht im Stande. Wollen Sie so gut seyn und diesem Herrn Stangenberger von mir grüssen und ihm sagen, dass ich die Briefe besorgt hätte, später werde ich ihn [sc.: ihm] einmal antworten.
Es freute mich, dass er den Brief nicht versiegelt hatte, wo Herrn Fröbels Brief darin /
[LC 56b]
lag. Ich schrieb den schönen Brief über Erziehung aus dem Schatzkästlein flink ab.-
Der Brief war aus Marienberg vom 3. Januar 1848 dadirt [sc.: datiert].
Ich hoffe dass diese Zeilen auch eine g[an]z besonders [sc.: besondere] Verzeihung wegen meines langen Schweigen[s] bewirken; denn ohne dieses hätten Sie diese Zeilen nicht so unmittelbar gleich nach Eingang be[i] mir empfangen u. so löst sich immer zuletzt alles Anfangs Unbehagliche in Günstiges auf. Stets
IFrFr.