Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Robert Felsberg in Neidschütz b. Naumburg v. 7.2.1848 (Keilhau)


F. an Robert Felsberg in Neidschütz b. Naumburg v. 7.2.1848 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. KG 1871, 52-56, Seitenzahlen nach der Edition. Mit „H. in Q“ ist Pastor Hildenhagen in Quetz gemeint, mit „H.“ August Härter.)

Keilhau b. Rudolstadt am 7. Februar 1848.

Mein theuerer Freund!
Bald vor Eingang Deines lieben Briefes vom 15. v. M. empfing
ich auch einen vom Pastor H. in Q., begleitet von seiner Anzeige der nun
vollständig eröffneten Fortbildungsschule. Da er, wie er mir schreibt,
den Namen Deines Aufenthaltsortes vergessen habe, so legt er ein Exem-
plar bei. Zugleich ersucht er mich - da der Candidat L. ihm den Austritt
für Ostern angezeigt habe, bei Dir anzufragen, ob Du nicht, oder vielleicht
H. geneigt sei, in dieselbe einzutreten. Ich gestehe offen, daß mich dieses
Gesuch etwas in Verlegenheit gesetzt hat, weil ich nicht eine Veranlassung
geben möchte, Dich in Deiner jetzigen Wirksamkeit schwankend zu machen.
Wie sehr freue ich mich nun Deines empfangenen lieben Briefes und
Deiner freundlichen Mittheilungen der Dir zum Weihnachtsfeste geworde-
nen ansehnlichen Anerkennung Deiner treuen, hingebenden Wirksamkeit,
denn diese gibt mir nun die Gewähr, daß Dich das Anerbieten in Deiner
jetzigen Stellung nicht schwanken machen wird; nur in dieser festen Ueber-/
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zeugung habe ich Dir den Wunsch aussprechen können; auch glaube ich
sonst, daß Dein jetziges Wirken nach mehreren Seiten hin, so viel Ange-
nehmes und für Dich wirklich Förderliches hat, was sich in diesem Zu-
sammenklang eben nicht so leicht findet.
Nun zur eigentlichen Beantwortung Deines lieben Briefes.
Zuvörderst ich gebe Dir Deinen herzlichen Glückwunsch und Bitte, wenn
auch etwas spät schon im Jahre, recht ernstlich zurück, wie es mir Freude
macht, Dir auszusprechen, daß mir die sorgsame Pflege unsers beiderseitigen
Vertrauens zum Wohl der aufkeimenden Menschheit wahre Lebensaufgabe
ist. Suchen wir beiderseits recht klar darüber zu werden, was sich in
der Zeit als Forderung der Fortbildung der Menschheit so klar und be-
stimmt, wie einfach ausspricht; haben wir dies beide klar erkannt und
haben wir beide das ernste Streben derselben getreu zu leben, so haben
wir nicht nur ein Geistesbündniß für die Zeit, sondern für alle Zeit.
Auch Deine Mittheilung Eurer einfachen Christfeier hat mich gefreut;
besonders auch das Patriarchale, was sich darin ausspricht, in welchem an
so einem Lebensfesttag die Feier desselben Alle eint, welche mit uns ein
Leben theilten. Die landwirthschaftlichen und gutsherrlichen Verhältnisse
führen in einer edlen Familie gar manches Treffliche mit sich. Ich habe
das Christfest, wie ich es jetzt seit einigen Jahre thue, in größerem, oder
vielmehr allgemeinerem Kreise, wo der Christbaum oder sonst Mildthätig-
keit eintrat, gefeiert und zwar im Meiningschen Städtchen Schalkau, wo
Joh. Stangenberger Organist ist, welcher mich zur Christfeier einge-
laden hatte. Die übrige Zeit bis zum Sylvester, wo ich wieder in die
Heimath zurückkehrte, habe ich mittheilend und zu unserm Kinderspielfest
für diesen Sommer einleitend in verschiedenen Dörfern um Eisfeld, Klo-
ster Vessra, Poppenwind, Brünn, Oberwind u.s.w. zugebracht. -
Daß Du abermals in Gotha und Eisenach warest, hat mich gefreut.
Hätte ich gewußt, daß Du nach Eisenach gingest, so hätte ich Dir dahin
einen Gruß an einen meiner treuesten früheren Zöglinge und Söhne,
jetzt einem meiner förderlichsten Freunde - an den Oberlieutenant
Hermann von Arnswald
mitgegeben. Kommst Du irgend einmal
dahin, so suche ihn ja auf; bringe ihm und seiner liebenswürdigen Fa-
milie einen Herzensgruß von mir, sage ihm, daß Du auch ein treuer
Mitpfleger der Kindergärten u.s.w. seiest, und Du wirst freundlichst bei
ihm aufgenommen sein, wie Ihr dann ganz gewiß auch bald Freunde
werden dürftet. Es ist ein gar lieber, biederer, einfacher und treusinniger,
zugleich aber auch strebender und so vaterländisch und volksthümlich, wie
menschlich gesinnter Mann. Laß Dich von ihm mit seinem Bruder, /
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dem Commandanten auf der Wartburg bekannt machen; auch dies ist, wie
ein zartsinniger, so kunstliebender Mann. Herm. v. A. pflegt den Ge-
danken in sich, einen Kindergarten in Eisenach auszuführen, vielleicht
kannst Du durch Deine Mittheilungen in Eisenach zu dieser Ausführung
beitragen. Eisenach ist ein, zu einem Kindergarten gar schön gelegener
Ort; besonders durch seine Weihe, welche er schon früher durch Luther
dazu erhalten hat. Hast Du bei Deiner Anwesenheit in Gotha schon von
dem Absenker oder Ableger gehört, welcher von dem Goth[ai]schen Kindergar-
ten gemacht werden soll? - Mit 1. März nämlich, wird Auguste Mi-
chaelis
auf Ersuchen mehrerer Erfurter Eltern einen Kindergarten daselbst
ausführen. Sie hat mich mit meinen Schülerinnen zur Eröffnung des-
selben eingeladen. - Am 1. Mai will die Madame Lütkens, welche Du
in Q. [Quetz] kennen lerntest, einen Kindergarten in Hamburg errichten. Es ist
möglich, daß meine Großnichte Alwine Middendorff, welche Du in Dres-
den kennen gelernt hast und welche jetzt einen Bildungskursus bei mir
durchmacht, als Gehilfin nach Hamburg zur Lütkens geht; wenigstens
für einige Zeit In den Hamburger Nachrichten vom 5. November
v. J. hat die Lütkens einen großen Aufsatz über die Kindergärten drucken
lassen; ich melde Dir dies, wenn Dir etwa zufällig dies Blatt in die
Hände fallen sollte oder Du Freunde in Hamburg haben solltest, welche
Du gern auf den Gegenstand aufmerksam machen möchtest.
Was Du mir von der Gründung Deines Fortbildungskurses
geschrieben hast, hat mich auf das Höchste interessirt. Die Sache hat sich
bei Euch und durch Dich auf eine so einfache Weise ausgeführt, daß
solche nothwendig der Anschauung werth ist: deßhalb habe ich sogleich auch
in einem treuen Auszuge aus Deinem Briefe Nachricht von der guten
Sache zunächst in das Hildburghäuser Land und zwar unter den Volks-
lehrern der Diözese Eisfeld zu verbreiten gesucht. Den Organisten Stan-
genberger
in Schalkau habe ich in der Sache zum Sprecher für jene
Gegend gemacht; denn es ist gar zu schön, wie sich das Ganze bei Euch
gefügt hat. Hältst Du es für gerathen, so sage Deiner Principalschaft
auch meinen Dank für die eingehende Erörterung der gewiß segensreichen
Veranstaltung. - Aber auch eine wackere Dorfjugend müßt Ihr haben,
denn solche Theilnahme findet sich eben auch nicht allwege. - Wäre ich
den Burschen nicht unbekannt, so würde ich denselben durch Dich gerne
meine achtende Anerkennung aussprechen lassen. Solche Gesinnung und
solches Handeln verdient förderliche Unterstützung, ungeschminkte Anerken-
nung und vielseitige Nachahmung.
Deine vorläufige Zusage zur Theilnahme an dem Spielfeste hat mich /
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gar sehr gefreut. Du hast wohl durch Deinen Hrn. Schullehrer gehört,
daß das Spielfest sich der ganz eingehenden Genehmigung des Herzogl.
Consistorium zu Hildburghausen erfreut, worüber eine Ausfertigung
vorliegt. - Auch Dr. Peter hat außerdem noch seine besondere persön-
liche Mitwirkung zugesichert. Fastnacht werde ich wieder in die obenge-
nannte Gegend gehen, um für das Fest vorbereitend zu arbeiten.
Empfiehl mich Deiner verehrl. Principalschaft. Grüße vielmals Deine
lieben Zöglinge; sowie aber auch Deine Herren Mitarbeiter an Eurer
Fortbildungsschule, den Herrn Pastor und Deinen Herrn Ortsschullehrer;
sage Ihnen [sc.: ihnen], daß ich mich gar sehr darauf freue, in diesem Jahre ihre
Bekanntschaft zu machen; es sei mein fester Vorsatz, mir nicht länger das
Vergnügen zu entziehen.
In Marienberg - (Kindergärtnerin Auguste Steiner). In Lünen
(Kindergärtnerin Marie Christ). In Darmstadt (Kindergärtnerin Ida
Seele
.) In Dresden im Frauenschutz (Kindergärtnerin Frl. Louise Fran-
kenberg
.[)] In Gratz [sc.. Quetz] (Kinderg. Ida Wieder [sc.: Weiler].) In Annaburg (Kindergärt-
nerin, Anna Hesse.) In Hildburghausen (Kindergärtnerin Amalie Henne.)
Von allen diesen Punkten die schönsten, und erfreulichsten Nachrichten
vom erfolgten Fortgang der guten Sache. Von der Gründung eines
Kindergartens durch den Lehrer Krömer in Zöblitz habe ich Dir wohl
früher schon geschrieben; er ist hervorgegangen aus dem Kindergarten zu
Marienberg, somit aus der Wirksamkeit von Auguste Steiner. - Auch
aus der Wirksamkeit von Ida Seele in Darmstadt sind weitere Verbrei-
tungen dieser Kinderbeachtungs-, Spiel- und Beschäftigungsweisen, im
Großherzogthum Hessen zunächst in und um Darmstadt hervorgegangen,
So z.B. in Darmstadt, in der Mädchenerziehungsanstalt der Madame
Bruere
; Spielführerin und Gehilfin in derselben Henriette Ackermann;
ebenso in Darmstadt nach Einführung derselben in der Knabenerzie-
hungsanstalt des Dr. Schwalbach. Spielführerin und Gehilfin in dersel-
ben: Therese Langguth. Sämmtlich genannte Jungfrauen in verschiede-
nen Kursen Schülerinnen von mir. - Noch sind unmittelbar durch
mich schon 1844 diese Kinderbeschäftigungsweisen, eingeführt in den
Kinderpflegeanstalten zu Oberingelheim am Rhein und in Gais-
burg
, einem Dorfe nächst Stuttgart, wo eine Geh. Legat.-Rath von
Pistorius
einen Landsitz hat und durch deren eingehende Vermittelung.
Ebenso auch in dem eigentlichen Kindergarten in Homburg vor der Höhe
nächst Frankfurt a. M., eingeführt durch die eingehende Theilnahme der
Frau Geh.-Räthin Müller daselbst. /
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Da mir dieß, indem ich diesen Brief niederschreibe, alles so lebhaft
im Zusammenhang vor die Seele tritt, so halte ich es auch für Dich, lie-
ber Freund, auf dem Papiere fest; damit auch Du immer in der Uebersicht
des Ganzen und der Einsicht in das Einzelne verbleibst und so künftig
förderlich, wo sich Dir immer Gelegenheit dazu zeigt, zum Wohle der
Kindheit und Heile der Menschheit für das Ganze wirken kannst. Da
ich nun einen ganz gleichen Wunsch in Beziehung auf unsern H. [Härter] in mir
trage, ich aber jetzt nicht Zeit habe, einen gleichen Brief auch an ihn zu
schreiben; dieser aber nun schon auf dem Papiere steht, so möchte ich Dich
bitten, denselben H. zur Einsicht mit der Beilage freundschaftlich zu über-
schicken; er kann Dir denselben ja bald wieder zurücksenden.
Zum Schlusse will ich Dich doch noch auf zwei, ich glaube grad in
der jetzigen Zeit lebenswichtige Bücher aufmerksam machen, deren Studium
mich seit Beginn dieses Jahres zu meinem großen Gewinne ganz in
Anspruch genommen hat. Das erste Buch hat einen französischen Ueber-
setzer, mag aber durch seinen Uebertrager in's Deutsche - einem Schüler
und Jünger des für das Ziel seiner Bestrebungen viel zu früh verstor-
benen Philosophen Christoph [sc.: Christian] Krause - gar sehr gewonnen haben. Der
Titel heißt:
L. Aimé-Martin, über die Civilisation des Menschengeschlechtes
durch die Frauen, oder Erziehung der Mutter. Ein von der Akademie
Frankreichs gekröntes Werk. Uebertragen von Dr. J. Leutbecher. Mit
einem Vorwort und Anmerkungen von Fr. Nösselt. 1. Band in zwei
Lieferungen. Breslau, Verlag von A. Schultz. 12° 700 Seiten. Preis
2 Thlr. pr. C.
Der Titel des zweiten ist sehr einfach: - Psyche. Zur Entwickelungs-
Geschichte der Seele von Dr. Carl G. Carus, gr. 8 493 Seiten. Pforz-
heim, bei Flammer und Hoffmann 1846 3 Thlr. 8 Sgr.
Dieß letztere Buch ist mir besonders deshalb merkwürdig, indem der
Verfasser und ich von rein ganz entgegen gesetzten Standpunkten aus-
gehen; jedoch gelangt er wegen der ganz gleichen stetigen Durchfüh-
rung zu denselben Ergebnissen. Ich kenne bis jetzt kein Werk, was so
die Wahrheit meiner Bestrebung gleichsam nachweist, als dieses.
Dein treuer Freund

Fr. Fröbel.