Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 7.2.1848 (Keilhau)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 7.2.1848 (Keilhau)
(Brieforiginal nicht überliefert,ed. Pösche 1887, 124-126, Editionsfragment, Nachdruck Lück 1929. Bei Pösche gesperrte Passagen hier unterstrichen [außer in der Anrede so wohl im Orig.]; bei Pösche Normalschriftpassagen hier kursiv [im Orig. wohl Antiqua-Schrift]. Der abrupte Schluß verweist darauf, daß lediglich ein Teil veröffentlicht wurde [und zum Zeitpunkt der Edition erhalten war ?]; aufgrund der sonstigen Praxis Pösches ist damit zu rechnen, daß auch hier noch weitere Passagen unangemerkt ausgelassen wurden.)

Keilhau, d. 7. Feb. 1848.


Hochgeschätzte, teure Muhme!

Wirklich bin ich in Zweifel, ob ich Ihren letzten, lieben Brief beantwortet habe. Sein Inhalt hat mich so in Anspruch genommen, ich habe mich längere Zeit so lebhaft mit dessen Inhalt beschäftigt und ich hatte mir so bestimmt vorgesetzt, denselben gleich zu beantworten, daß ich nun in Wahrheit nicht weiß, ob es wirklich geschehen ist; dem sei nun wie ihm wolle, ist es schon geschehen, so sehen Sie aus diesem, wie demnoch fortgehend ich mich durch Ihre gütigen Mitteilungen angezogen gefühlt und ist es nicht geschehen, wie lebenvoll ich mich mit Ihnen beschäftigt habe. Die Beachtungen und Erfahrungen aus der sich in sich frei bewegenden Geistes- und Gemütswelt gehören ja immer zu den schönsten Blüten, wie zu den folgereichsten Früchten für das Leben.
Was konnte darum auch für den Erzieher wichtiger sein, als klare Blicke in diese Region des Seins und Daseins.- Mich hat /
[125]
daher ganz namentlich mit dem Beginn des neuen Jahres das Verhältnis des Seins zum Dasein, das Verhältnis des Ewigen und Bleibenden zum Erscheinenden, das Verhältnis der Einheit zur Einzelheit, und somit auch umgekehrt, in erziehlichen Beziehungen, d.h. das Studium dieser Verhältnisse und deren Bestimmungen im Leben wie es ist, wahrhaft gefesselt und noch ist meine Seele, mein Geist ganz davon erfüllt.- Jetzt wollte ich Sie, teure Muhme, auch im neuen Jahre um die treue Pflege des allseitig geistigen Lebensverkehres und Verbandes bitten. Der sich klar bewußte Mensch kann dafür unendlich viel mehr leisten und gewähren, als man gewöhnlich glaubt, nur muß dabei der einzelne, und scheinbar vereinzelt stehende Mensch und besonders der, dem mehrseitig innere geistige Blicke vergönnt sind, nie vergessen, sondern sich recht klar zur Einsicht und lebenvoll zur Ausübung bringen, daß solche klare und sichere Geistesblicke dem Einzelnen geschenkt und vergönnt sind, um damit immer mehr den unsichtbaren Geistesverband zur allgemeineren Beachtung, Pflege, ja Wirksamkeit zu bringen.
Ich sehe immer mehr ein, wie viel man hierfür schon in der frühen Kindheit pflegend vorbereiten, gleichsam begründen kann. Und hierin spricht sich mir nun auch immer klarer und bestimmter das Wesen der Kindergärten aus. Wie so gern teilte ich mich Ihnen hierüber recht ausführlich mit; doch die Zeit gestattet es mir nicht. Möchte es Ihnen möglich sein, mir recht bald wieder so reichhaltige Mitteilungen, wie in Ihrem letzten Briefe, zu machen.
Das Studium, welches mich seit dem Beginn dieses Jahres so fesselnd beschäftigte, knüpfte sich besonders an zwei Bücher, deren Titel ich Ihnen schreiben muß, da ich wünsche, Sie möchten einen prüfenden Blick in dieselben werfen. Man sagt freilich: Frauen lesen nicht gern wissenschaftlich gehaltene, mit Absicht belehrende Bücher. Um so mehr wäre es für mich wichtig von Ihnen zu hören, ob der Inhalt dieser Bücher Sie zu fesseln im Stande wäre. So viel ist für mich ganz gewiß: ich möchte solche mit Ihnen lesen, um dann aber auch sogleich von dem beiderseits als Wahrheit Erkannten in einem gemeinsam geleiteten und gepflegten Kindergarten die Anwendung zu machen. Ja, meine teure Muhme, das wäre mir die höchste Freude und das schönste Lebensgeschenk, die Krone und der lohnende Kranz meines Wirkens, mit einer gemütvoll denkenden, mit einer sinnigen Frau, gleichsam als Mitvorsteherin und Mitbegründerin, gemeinsam einen Kindergarten in reinem geistigen und seelischen Einverständnis und Einklang zu pflegen. Doch dazu /
[126]
bedarfs ja nicht eines äußern und örtlichen Zusammenlebens. Der Geist kann ja auch in weiter Ferne in Einklang wirken, und so bitte ich Sie, fahren sie fort, mir gütig Mitteilungen zu machen von Ihrer fortgehenden pflegenden Teilnahme, wenn auch nicht an einem Kindergarten, doch an der Bewahranstalt Gera's.
Der Titel der beiden Bücher ist: L. Aimé Martin über die Civilisation des Menschengeschlechtes durch die Frauen, oder Erziehung der Hausmütter. Übertragen von Dr. I. Leutbacher.
Das zweite ist: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele von Dr. L. G. Carus [sc.: C. G. Carus].
[Text bricht ab]