Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 17.2.1848 (Keilhau)


F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 17.2.1848 (Keilhau)
(BN Anh. 43, Bl LC 57 - LC 64, Abschriftabschrift 4 B 8°16 S., Handschrift unbekannt. Der Abschriftabschreiber gibt als Vorlage eine Abschrift im Besitz eines Redakteurs Richard Lorenz, Coburg, an. Bemerkungen des Abschriftabschreibers, die sich mit seiner Vorlage auseinandersetzen, werden, soweit sie als richtig erscheinen, hier u. in allen F.-Briefen an Stangenberger aus BN Anh. 43 analog zu eigenen Bemerkungen wie folgt aufgegriffen: Hinweise auf Auslassungen als "< ? >", Hinweise auf vermutliche Lesefehler als "[sc.: ...]". Lt. Bemerkung des Abschriftabscheibers enthält die Vorlage in Coburg noch zwei weitere Abschriften: eines Briefs Stangenbergers an Kost und eines Briefs von Kost an Stangenberger, beide v. 18.2.1848.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Herrn Organist Stangenberger in
Schalkau
     Keilhau am 17. Febr 1848
Ich muss Ihnen, mein lieber Herr Stangenberger, gar sehr dankbar seyn, dass Sie sich die Mühe geben mich zum zweitenmale zu Ihrer so viel versprechenden Abendunterhaltung freundlich einzuladen und wegen dieser redenden Zeichen Ihrer Werthachtung ist es mir wirklich erfreulich Ihnen aussprechen zu können, wie ich ziemlich gewiss glaube, dass ich Ihrer gütigen Einladung werde nachkommen können, indem ich ja mein ganz bestimmtes Versprechen gegeben habe in den Tagen der Fastnachtsfeier zur weiteren Vorbereitung des Spielfestes in Poppenwind, Brünn und der Umgegend wirksam [zu] seyn. Wenn sich nun nach Ihrem schönen Plane mehrere Lehrer /
[LC 57b]
gleichsam zu einem Lehrerfeste in Schalkau zusammen fänden, so liesse sich ja daselbst auch gar Manches zur Ausführung des Spielfestes berathen. Nur müsste ich freilich dann gar sehr wünschen, dass dann besonders - der Herr Pfarrer u. Rektor Göpfert aus Eisfeld - der Herr Hopf von Poppenwind - der Herr Lemmerrt von Oberwind - auch der Lehrer aus Brünn vielleicht eingeladen würden, damit auch die Besprechung zu einem gewissen Ziele führe. Herrn Hess aus Neustadt haben Sie selbst erwährt [sc.: erwähnt]. Die Einladung nach Poppenwind und s.w. dürfen Sie aber nicht wieder durch die Post direkt schicken, denn Sie erinnern sich wie am Weihnachten keiner Ihrer Briefe bei demselben ankam, am zweckmässigsten halte ich, wenn Sie Ihren Brief an Hopf Ihrem Einladungsschreiben an Herrn Pfarrer Göpfert beifügten mit der  /
[LC 58]
Bitte solchen bald und sicher zu befördern, ich weiss er hat es selbst gesagt, dass er von Eisfeld aus einen sicheren Besorgungsweg nach Poppenwind kennt. Nun aber noch eine absonderliche Bitte. Meine jetzige Reise jenseits des Thüringer Waldes hat den ganz bestimmten Zweck die wenigen Tage vom Sonnabend bis ohngefähr Mittwochs Abends recht zur Vorbereitung des Spielfestes und selbst zur unmittel[bar] vorläufigen Einübung einiger Spiele auszukaufen; da es nun dabei sehr wünschenswerth ist, dass ich mich wenigstens dabey verdoppelt [sc.: verdoppeln] könnte, so habe ich daran gedacht mir eine Spielführungshülfe mitzunehmen. Ich weiss nun nicht ob Sie sich an Ihrem Hierseyn einer gewissen Levin erinnern, welche dortmals noch in der Anstalt WirtschaftsGehülfin war, jetzt aber um /
[LC 58b]
sich zur Kindergärtnerin auszubilden, Schülerin des jetzigen Bildungscursus ist. Da diese nun bald nach Beendigung des hiesigen Bildungscursus ohne Zweifel in eine grössere Wirksamkeit eintritt, so ist ihr Übung und selbst Bearbeitung ganz neuer Verhältnisse sehr wünschenswerth, dieser habe ich es nun vorgeschlagen mich in Beziehung auf sie, zu diesem Zweck der Übung, mch [sc.: auch] aber gefälligs[t] für den Zweck thätiger Unterstützung auf dieser Reise zu begleiten u. wozu sie sich au[c]h geneigt zeigt. In der Nähe von Poppenwind scheint sich mir nun schon für die Tage unseres Aufenthaltes ein Unterkommen für sie zu finden, wie sieht es aber damit in Schalkau aus?- Ich habe daran gedacht ob nicht Fräulein Kost es bei ihrem Vater bewirken könne, Fräulein Levin für den kurzen /
[LC 59]
Aufenthalt freilich immer auch wenigstens für 1 Nacht freundlich in ihrer Wohnung aufzunehmen. Frl. Luise, so wie sie hier genannt, ist einfach und anspruchslos, wie milden und gefälligen Wesens, wie sich alles diess von einer, sich ihrem Beruf wesentlich widmenden Kindergärtnerin, wie diess bei Frl. Luise der Fall ist, nicht anders erwarten lässt. Wollen Sie l. Herr. St. nun wohl so gütig seyn Herrn u. Frl. Kost um diese Freundlichkeit in Begleit[ung] von meinem achtungsvollen Gruss gelegentlich bitten? Mich dünkt beide Mädchen müssten sich verstehen, wenn auch Frl. L. vielleicht etwas älter und nicht so kunstgeübt und kunstverständig wie Frl. K. ist.
Was die Reise selbst betrifft so weiss ich noch gar nicht wie ich /
[LC 59b]
solche bewerkstelligen werde. Es wird dabei sehr viel auf das Wetter ankommen, das [sc.: da ?] es immer doch etwas gewagt ist in dieser noch wechselnden Jahreszeit mit einen [sc.: einem] Fraunzimmer zu Fuss über den hohen Thüringer Wald zu reisen. Doch in Abrede will ich es immer nicht ganz stellen, da mich Katzhütte und wie Sie mir auch schreiben Lnrbach [sc.: Heubach] zu freundlichen [sc.: freundlicher] Rast einladet. Jedenfalls glaube ich nicht, dass wir vor Sonntags den 5ten Vormittags [abreisen] und reisen wir noch mit der Post, hat diese noch ihren Lauf wie in der Weihnachtszeit, so werden wir Vormittags mit der Post von Sonneberg eintreffen, Ihrer gütigen Einladung folgend an Ihren schönen Aufführungen und fröhlichen [sc.: fröhlichem] Lehrerfest Antheil nehmen dann Montags zur rechten Tageszeit den Weg über Eisfeld nach Poppenwind fortsetzen und dort /
[LC 60]
noch am Abend weitere Mittheilungen über das Spielfest machen. Dienstag und Mittwoch denke ich dann für die Sache in Poppenwind, Brünn u. so. w. für die Sache thätig zu seyn und dann, wenn es das Wetter erlaubt über Heubach, Katzhütte rc zu Fuss nach Keilhau Donnerstags und Freitags zurück zu kehren. So der vorläufige Plan. Was nun zunächst die festliche Lehrerzusammenkunft in Schalkau betrifft, so freue ich mich derselben gar sehr, nur habe ich dabei eine so grosse als ernste Bitte an Sie, als den Festordner: - Lassen Sie mich ernstlich als Redner ganz aus dem Winden des Festkranzes draussen und zwar aus mehreren, sehr Wichtigen und triftig[en] Gründen: erstlich hat jede Rede, wenn solche aus dem Herzen kommt und wieder zum Herzen sprechen soll, selbst aber wenn sie aus dem klaren, kalten Denken /
[LC 60b]
hervorgeht aber wieder für klares wenn auch kaltes Denken wirken soll Etwas an und in sich, was man aber in der jetzigen Zeit selbst von Seiten der uns und unserem Streben sonst gar förderlich Gewogenen für eine Art von Demonstration, von Schwarm und Partheimachen ansieht, diess aber müssen wir alle, wollen wollen wir selbst mit unseren so nahe als tiefgegründeten Bestrebungen zum Ziele kommen, wollen wir uns dazu nicht gleich von vorn herein den Weg dazu mit einen [sc.: einem] kaum zu beseitigenden Verhau belegen gar sehr vermeiden, diess muss ich besonders vermeiden, will ich nicht, bei scheinbar allerförderlichen Bestimmungen gleich beim Beginn der Sache derselben auch schon den tränkelnden [sc.: kränkelnden] Todeskeim einimpfen. Lassen Sie uns, mein geschätzter feuriger Freund, bei der Jugend und Kraftfülle, bei dem Feuereifer /
[LC 61]
alles von Grund auf neu aufzubauen, neu herzugestalten, was herrlich und trefflich ist ohne welches nichts Gutes nur Grosses neu entsteht, lassen Sie uns dabei auch weise seyn, und die ruhige Erfahrung und überschauende Besonnenheit hören, glauben Sie mir mein wahrhaft geachteter Freund, glauben und trauen Sie einer nun bald durch zwei Menschenalter hindurchgehenden Erfahrung: - es verträgt sich dies recht gut zusammen es verträgt sich so gut zusammen wie Gemüth und Geist in einem Menschen wie Gemüth und Geist in einem strebsamen Jüngling, in einem Paar glücklichen Liebenden [sc.: glücklicher Liebender], wie Gemüth und Geist in einer durch Eintracht und Frieden schon des Himmels Seligkeit in sich besitzenden Familie.- So mehrfach man nun auch diess in einzelnen Erscheinungen des Lebens wo es gleichsam von sich selbst wird erkennt und an- /
[LC 61b]
erkennt [sc.: anerkannt], so wenig erkennt und anerkennt man es doch wenn man die Anwendung davon auf die Thatsachen des Lebens machen soll, welche aus unserm Bewusstseyn hervor[gehen] - und mit klarem gegenseitigen Bewusstseyn geschehen soll, und dennoch, dennoch wäre diess so leicht - das in thatsächliches, also schaffendes Wirken in Eins zusammen fliessendes Leben, das thätig wirksame Leben ist es was jene ersehnte Einigung zwischen Gemüth u Geist - (man könnte auch sagen innern und äussern Lebenserfahrungen) - die sich häufig noch nicht blos als getrennte, sondern sogar bekämpfende Gegensätze einander entgegenstehen - bewirkt. Könnte die so edel, so begründet strebende Gegenwart, besonders noch in der erwachten und erwachenden jungen erziehenden Lehrerwelt diese Einigung der Gegensätze durch Vermittelung ahnen und wahren, der Friede, /
[LC 62]
das Wohl, das Glück des Menschengeschlechtes und ein reiner Stand wäre geboren, der Stand der entwickelnd erziehenden Lehre und Lehrer, der Menschenbildung, welchen alle nach Emanzipation strebenden Lehrer u[n]bewusst in sich ersehnen, ein Stand dem eigentlich in seiner Allgemeinheit aufgefasst jeder, auf welcher Stufe es immer sey, sich bewusste Mensch angehören solle, der dann darum auch die ganz allgemeine die ihm Achtung, Würdigung und organische Stellung im grössten Gesammtmenschenleben finden würde, die ihm gebührt! - Auflösen, Zerfallen und Entwickelung, Neugestaltung müssen wie im grossen Welt- Natur- und Geschichtsganzen so auch im augenblicklich gegenwärtigen Leben fast gleichzeitig durchdringen, das ist das ganze Entwickelungs- und Fortbildungsgesetz was uns unser Schöpfer und Vater in der und durch die /
[LC 62c]
richtige Auffassung des Welt- Natur- und Lebensganzen lehrt. Nicht Auflösen, Zerfallen und dann wieder Entwickelung und Neugestaltung jede allein, sondern beide stets innig geient [sc.: geeint]; da nun aber im Leben und in der Erscheinung bald das eine bald das andere beinahe ganz überwiegend und ausscheidend hervortritt so erscheinen sie dem, dafür noch nicht entwickelten Auge, selbst als wirklich getrennt und gleichsam als sich feindliche Gegensätze. Der ursprüngliche innerl. Zusammenhang zwischen beiden muss aber so zart und fein er inn [sc.: in] sich immer seyn mag im Leben stets pflegend fest gehalten werden. Und nun komme ich nach diesem langen Zwischensatze welcher sich ganz ungesucht hier eingedrängt hat, wieder zu Ihrem l. Feste und zu der sprechenden Theilnahme zurück, welche Ihre Güte mir dabei zugedacht hatte. Aus dem nun /
[LC 63]
im Vorstehenden Angedeuteten geht auch hervor, warum ich mich viel lieber und auch <erfolgreicher> gesprächsweise und zugleich unter meiner Hand hervorwachsenden von mir zugleich in gewissen Beziehungen, sinnbildlich aufgefassten Lebens- und Sachanschauungen, als in sich abgeschlossener auf rein geistige und nur innere Lebenserfassung beziehende Rede mittheile. An dieser hier bezeichneten Stelle bin ich an meinem Platze, denn ich habe das Mittel auch mit meiner Zuhörerschaft nach Maassgabe [sc.: Maßgabe] ihrer Empfänglichkeit ihrer inneren geistigen Anschauung, kurz nach dem Grade ihrer Bildung - mitzutheilen, wirklich auch äusserlich in meiner. Wird mir nur dazu die Gelegenheit, so gestehe ich ganz offen, so habe ich es gern, wie ich solche Gelegenheiten, wie Sie selbst wohl solches aus eigener Erfahrung wissen, auch /
[LC 63b]
gern ergreife.
Nun aber endlich an das eben auf der 3ten Seite ausgesprochenn [sc.: ausgesprochene] erstlich meinen Zweitens anknüpfend: - Auch wenn Sie sprechen oder irgend ein zweiter und Sie finden es darin nothwendig meiner und selbst meiner Wirksamkeit zu gedenken, so bitte ich, thun Sie diess in so einfacher Weise als in der Sache selbst liegt. Ich will auf die Menschen zu ihrem eignen Heile nach ihrem eigenen, aber nur eben von ihnen selbst noch nicht ganz und klar erkannten, Bedürfniss und nach der eigenen ihnen aber noch selbst unklaren, unbewussten Forderung ihres Gesammtlebens wirken, diess ist aber nur möglich durch entsprechende Lebenseinigung, nicht Lebenstrennung. Lebenshervorhebung trennt aber in gewisser Beziehung immer, desshalb thut es mir immer Leid, wenn mich solche Lebens- /
[LC 64]
hervorhebung trifft[.]- Achtende Anerkennung freut wie Andere, so auch mich allein, diess sind nicht Worte, sondern die tiefste reinste Wahrheit, nicht nur <meinet / meiner>, sondern um des Gegenstandes, der Sache willen, denn nur der Achtbare und Ehrenhafte, auch wirklich Geachtete kann gewisse Beziehung unter seines Gleichen für das Gute Edle wirken, so sagt man ja von den auch wohl zu Höchststehenden, wenn sie gute, edle Thaten ausführten, welche von andern nachgethan werden sollten; er handelt menschlich d.h. einfach, natürlich, wie es sich eigentlich von selbst versteht - also Gleichstellung, nicht hervorhebende Trennung. Ich hoffe l. Herr Stangenberger, wir verstehen uns und nun schnell ein Lebewohl, denn noch ein Brief soll geschrieben werden.
Der Ihrige Friedrich Fröbel.