Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 17.2.1848 (Keilhau)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 17.2.1848 (Keilhau)
(BlM XIV,63, Bl 214-216 u. nicht foliiertes Blatt, Brieforiginal 1 B + 1 Bl 8°, tw. ed. Lück 1929, 149-152, S. 214V u 214R fehlen. - Zwischen Stück 62 und 63 bzw. zwischen Blatt 213 und 214 liegt in BlM XIV ein Umschlag an Friederike Schmidt von F.s Hand. Da er in Rudolstadt am 19.2.1848 gestempelt ist, wird er zu diesem Brief gehören.)

Frau Magister Schmidt in Gera.
Keilhau b. Rudolstadt am 17 Feb 48.

Meine liebe, theure Muhme.
Da ich vermuthen muß, daß das nächste Schicksal oder vielmehr
der nächste Beruf der Friederike Bredernitz mehrfach der Gegen-
stand Ihres gütig theilnehmenden Gespräches seyn wird, so be-
mühe ich mich Sie, das Mädchen und dessen theilnehmende Freunde
besonders über einen Gegenstand Ihres gestern empfangenen
lieben Briefes zu beruhigen.
Da ich meinte voraussetzen zu dürfen die an dem Schicksale der
Fr. Br. gütig Theilnehmenden könnten die Überzeugung in sich tra-
gen, daß mir Paris in seinen Gefahren besonders für ein junges
Mädchen selbst so bekannt sind, daß ich schon nicht einmal einen
Vorschlag wie den gemachten thun würde, wenn ich darüber
nicht vollkommen durch das Ganze wie im Einzelnen beruhiget
wäre so habe ich freilich nur Manches oder beides unvollstän[-]
dig angedeutet, was ich nun nachholen will.
Erstlich sind beide Eltern Deutsche, die junge Frau erst seit
ihrer Verheirathung in Paris - Zweitens da der Mann
nur der Geschäfte halber in Paris lebt, wie dieß mehrere
Deutsche thun, so kehren beide Eltern, ich glaube, all- oder
zweyjährlich nach Darmstadt, was ihre Vaterstadt ist
auf längere Zeit zurück.- Drittens lebt in Darmstadt
auch Mutter und Schwester des Vaters der Kinder, deren
Pflege Fr. Br. überwachen soll; wie denn die Verbindung
durch die letztere auch angeknüpft ist, indem selbige Auf-
sichtsdame in der Kl. Kinder Sch. in Darmstadt ist, wo
durch sie das Zweckmäßige der Kinderbeschäftigung durch
die dort wirkende Kinderführerin, die Ihnen gewiß be-
kannte Ida Seele kennen lernte. Zu diesen beiden eben-
genannten: Mutter u Schwester des Vaters der künftigen /
[214R]
Pflegebefohlenen Friederikens würde diese nun zunächst
von hier gehen und diesen gleichsam von mir übergeben
werden. Diese sind dann selbst wegen der gesicherten
Überkunft der Friederike so betheiligt, daß entweder
eine von den gedachten beiden dieselbe nach Paris selbst
begleiten wird, oder was ich fast vermuthe, und was
schon im verflossenen Jahre der Fall war, die Eltern
der Kinder werden dann beide oder der Vater wird we-
nigstens gerad in dieser Zeit in Darmstadt seyn und
dann Friederiken persönlich mit nach Paris nehmen;
so daß ich glaube wegen deren Überkunft dahin ganz außer
Sorgen seyn zu können. Genug ich habe nur für die Über-
kunft Friederikens nach Darmstadt Sorge zu tragen, wo
ich sie zunächst an Frl. Ida Seele überweise, deren seltene
Einsicht und edler Charakter mir sonst für alles bürgt.
Dieß zur einstweiligen Beruhigung Friederikens und aller
an der Entwickelung des Lebens derselben Antheil Nehmenden.
Doch bin ich aufrichtig dankbar daß mich Ihre Güte auf
alles dieß so freundschaftlich aufmerksam gemacht
hat; ich werde nun über Alles bestimmt an Fräulein
Ida Seele in den nächsten Tagen schreiben und erwarte dann
deren bestimmte Erklärung, welche Ihnen, als mütterliche
Beschützerin der Friederike, mitzutheilen mir Pflicht ist.
Zunächst bitte ich aber das angeknüpfte Verhältniß
derselben als einer Gehülfin an Ihrer Bewahranstalt
zu Gera, nicht abzubrechen, da es ja doch möglich wäre
das [sc.: daß] der einen oder der anderen Parthei die obwaltenden
Verhältnisse nicht zusagten und es würde mir dann gar
sehr leid thun, wenn sich Friederike dann, wie man zu
sagen pflegt, zwischen zwei Stühle niedersetzte. Wenigstens
ersuche ich zunächst die Fr[.] Consist: R. Wittich (:nebst hoch-
achtenden Gruß:) das bisherige Verhältniß noch kei[-]
nes- /
[215]
weges als abgebrochen zu be[tr]achten. Da Sie l. Muhme, so
mütterlich sorgsamen Antheil an Friederikens Leben
nehmen, so bin ich fest in mir überzeugt, daß Sie alle
Verhältnisse zu deren Wohl auf das Beste beachten, wie
ich noch besonders darum bitte.
- In Beziehung auf Carus Psyche habe ich auf Veranlassung
Ihres jüngsten l. Briefes noch besonders hinzuzufügen, daß
ich, namentlich bei bestimmten Abschnitten des Buches,
rücksichtlich Ihrer früheren gütigen Mittheilungen Ihrer
gedacht habe.- Dieß Ganze und hauptsächlich eine Stelle
in Ihrem jüngsten l. Briefe in welcher Sie sagen: - "Es
"ist mir wahrhaft merkwürdig, wie viele unserer,
"sowohl früherer als später ausgesprochener Gedanken
"sich in einem Punkte begegnen und einen, so auch jetzt." -
veranlaßt mich zu einer recht freundlichen, aber für mich und
mein Erziehungsziel wichtigen Bitte an Sie, um deren eingeh-
ende Erfüllung ich darum gar sehr bitte.- Die Erziehung
und zunächst die Entwickelung des Menschen und so vor allem
schon auf der Kindheitsstufe hängt wohl wesentlich - was
Niemand in Abrede stellen wird, - von der geistigen Ein-
und Wechselwirkung der Dinge und namentlich des Men-
schen auf den Menschen und so besonders auf das Kind ab.
Darum liegt es mir als ein nach Gründlichkeit und somit siche-
rem Erfolge strebender Erzieher vor allem ob: - erstlich
jener Thatsachen geistiger Ein- und Wechselwirkung
des Menschen auf den Menschen, - wohin auch das unmit-
telbare und leichte Erkennen seines Innern und Wesens
gehört - nicht nur [{]an sich / vieler[}], sondern auch zweitens deren Gesetze
klar zu erkennen, um solche bei der entwickelnd-erziehen-
den Menschenbildung mit Sicherheit und Erfolg zu beach-
ten, damit das Leben des Menschen schon von frühe an
ein - nach Vernunftgesetzen geleitetes, bewußtes
werde; /
[215R]
werde; - deßhalb nun ersuche ich Sie liebe Muhme recht
vertrauensvoll, da ich weiß daß noch manche Eindrücke
und dadurch bewirkten Äußerungen, welche mein Erschei-
nen in Ihrer lieben, theuren Familie hervorgerufen hat, Ihnen
gegenwärtig und in der Erinnerung sind, - mir solche Ihrer
und der lieben Ihrigen Ansichten von mir, meines Lebens
und Meinungen darüber ganz offen mitzutheilen, damit ich
solche in meinem Innern mit den eigenen Gefühlen meines
Herzens, den Streb Regungen meines Geistes und den Bestre-
bungen meines Willens vergleichen und dadurch in
den Stand gesetzt werde allgemeine Gesetze der Wechsel-
wirkung des Geistes auf den Geist und somit die Entwicke-
lungsgesetze, mindestens Entwickelungsthatsachen des mensch-
lichen Wesens zu erkennen und so die Erziehung des Menschen,
soweit es immer möglich ist, dem Zufall u. der Willkühr
zu entreißen und auf tief und allgemein gegründete
Gesetze zurückzuführen.
Sie sehen keinesweges irgend eine Art Neugier oder wie
Sie es sonst nennen mögen, sondern eine sehr ernste Absicht
bringen mich zu der oben ausgesprochenen Bitte. Seit dem
größten Theil meines mehr klar bewußten Lebens, sammle ich
still in meinem Gedächtniß solche Lebensthatsachen und die Er-
gebnisse der selben bilden die Hauptgrundlage für das Erfolg-
reiche meiner Erziehungsbestrebungen, dieses Alles führt mich
immer mehr zu der so klaren als festen Überzeugung: - "Nur
"die innere Ansicht der Dinge, des Lebens und dessen Erscheinungen,
"nur die Beziehung alles dessen auf die innere LebensEinheit
"kann uns hinsichtlich der Erreichung unseres Berufes, und
"somit unserer Erziehungsbestrebungen, zu dem ächten u. wahren
"Ziele führen."
- Durch Erfüllung der obigen Bitte würde auch unser
geistiger Lebensverkehr und darf ich es offen aussprechen unsere
uns nicht selbst gegebene geistige Lebenseinigung ihre wahre
Bedeutung bekommen /
[216]
Bedeutung bekommen, die eigentlichen Blüthen und Früchte für
das ganze Menschheitleben treiben, welche ihr bis jetzt noch fehlen
welche aber eigentlich aus jeder, auch der einfachsten menschlichgei-
stigen Verbindung hervorgehen sollen, oder als schon an und
für sich hervorgehend, erkannt werden sollen, damit die
Menschheit gesund und fröhlich sich in ihrer Wahrheit, Schönheit
und Güte mit Bewußtseyn und freier Selbstbestimmung
ihrem Ziele entgegen entwickele und ausbilde.
Hierdurch wird auch das in sich zurückgezogene bescheidene
und einfache weibliche Gefühl mit seiner Wirksamkeit
nicht im mindestens getrübt, nicht im Mindesten ver-
letzt, und doch gehen dessen unmittelbare Wahrnehmungen
für das Wohl und Heil der Menschheit und zu deren Entwicke-
lung dem Ziele der Vollendung entgegen, nicht verlohren
ja die Wirksamkeit des weiblichen Gemüthes und Lebens
erhält so für die Fortentwickelung der Menschheit ihre seine
wahre Bedeutung.
Prüfen Sie was ich sagte liebe Muhme an der Unmittel[-]
barkeit Ihres Wahrheitsgefühles.
Über Ich hätte Ihnen noch gar Manches und zum wenigstens
ein wesentlich Bestimmtes über Carus Buch und dessen
Verhältniss zu mir zu sagen; doch darüber vielleicht ein
andermal; vielleicht ist Ihnen auch schon unmittelbar
durch Sie selbst und durch Ihr eigenes Lesen Ihnen
klar und dieß wäre dann freilich wieder um so schöner
ich hätte dann einen von Ihnen selbst ausgehenden und dann
einen um so sichereren wie lebensvolleren Ausgangspunkt.
Für heut muß mir das Vorstehende genügen.
Leben Sie wohl. Von hier die freundlichste Erwie-
derung all Ihrer l. Grüße, sowohl an Sie als an den
l. Vetter und die l. Vettern. An Friederiken einen
Brief sobald bestimmtes möglich; jetzt blos Gruß,
Ihr treugesinnter Vetter FrFröbel /

[216R]
N.S. Bald hätte ich vergessen Ihnen, so leid es mir thut
auszusprechen, daß es mir jetzt nicht möglich ist für
Ihre, Ihnen und mir vertrauende Familie in Gera
ein Kindermädchen nachzuweisen. Zu einem Kinder[-]
mädchen - das ist der Grund warum für diese Forderung diesen Beruf
sich keine dem Bedürfnisse entsprechende Befriedigung
finden will - u einem Kindermädchen mag sich auch
das einfachste, bescheidenste, gutgearteste Mädchen
sich nicht ausbilden, warum? - weil die Würdigung
und Stellung eines Kindermädchens im Hause in der
Familie und im bürgerlichen Leben zu ungleich, ja
man darf sagen in zu grellem Widerspruch mit
den eigentlichen, jetzt wach werdenden Forderungen
an diesen Beruf und mit der inneren Würde und
Bedeutung desselben steht. So straft es sich nun
selbst noch an den späteren Geschlechtern, daß
die früheren die erste Kinderpflege und Erziehung
zu unbedeutend; und die sich ihr widmeten in ge-
wisser Beziehung zu niedrig behandelt und gestellt
hat [sc.: haben].- Niemand [-] nochmals gesagt - mag sich zu einem
Kindermädchen ausbilden. Nach meiner Überzeugung
wird dieß auch nicht besser werden bis man -
woran ich arbeite - diesen Namen ganz beseitigt
und dafür - "Kinderpflegerin" oder "Erziehungsge[-]
hülfinnen" setzt - denn jedermann ist es jetzt
schon wenigstens heraufdämmernd wahr daß
die Erziehung des Menschen schon mit den ersten
Lebenswochen, wenn ich nicht sagen will Lebens-
tagen beginnt; die Einfachheit Bescheidenheit wird
dadurch nicht nur nicht gefährdet, sondern sogar
gefördert - wofür nach einer höheren Stufe
all meine "Kindergärtnerinnen" Zeuge sind. /
[]

(Umschlag zwischen Blatt 213 u. 214) [Adresse:]
Ihrer Wohlgeboren
der Frau Magister Schmidt,
gebornen Hoffmann
       in
       Gera
frei!