Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 18.2.1848 (Keilhau)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 18.2.1848 (Keilhau)
(BN 651, Bl 36-38, Brieforiginal 1 B + 1 Bl 8° 6 S., tw. ed. König 1990, 167-170)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

     Keilhau bei Rudolstadt am 18 Febr 48.

Meine liebe töchterlich gesinnte, treue und theure Ida.

In diesem so wahren als aufrichtigen Ausspruch meines Herzens haben Sie in Eins zusammen gefaßt die Antwort auf alle Ihre lieben Briefe, welche ich seit Jahren von Ihrer Dankbarkeit und den sich immer gleichbleibenden kindlichen Gesinnungen Ihres reinen Herzens empfing; und lesen Sie darin, ich bitte sehr darum meine herzinnige väterliche Theilnahme an all dem Schmerz und all dem Leid, aber auch an all der Wonne und all der Freude, welche Sie in dieser langen Zeit empfunden haben.
Fragen Sie, wie ich zu diesem, Ihnen vielleicht eigenthümlich erscheinenden Anfange meines Briefes komme? so hören Sie. Um den Wunsch der Frl. Strecker ihr ein Kindermädchen für deren Bruder zu besorgen, in seiner ersten Ursprünglichkeit wieder zu lesen, durchlief ich wieder einen großen Theil Ihrer früheren lieben Briefe und da gestehe ich Ihnen denn, daß mich der Ausdruck Ihrer ausdauernder Treusinnigkeit und Dankbarkeit Ihre wandellosen töchterlichen Gesinnungen, Ihr Ernst und Ihre Stetigkeit in Ihrem Berufe, Ihre Liebe zu demselben und zu Ihren kleinen Pflege[an]vertrauten, so wie Ihr frommer Sinn in deren Beachtung, dabei Ihre reine natürliche Bescheidenheit, daß mich alles dieß zusammen tief gerührt hat und daß die reinsten väterlich anerkennenden und, wenn Sie wollen, selbst dankbaren Gesinnungen dafür mein Herz erfüllt haben; aller Schmerz, welcher Sie in diesen Jahren ergriffen hat ist durch mein Herz hindurch gegangen, so wie ich Ihr Glück und Ihre Freude als die meinigen wieder em- /
[36R]
pfunden habe. Möchte dieser wahre Wiederschein [sc.: Widerschein] meines anerkennenden väterlichen Herzens alle Wünsche und alles Sehnen Ihres kindlich, töchterlich gesinnten erfüllen.
Weiter in das Einzelne und Einzelnste Ihrer aufrichtigen, ein edles reines Herz und Gemüth durchweg beurkundenden Mittheilungen einzugehen halte ich nach all diesem im Vorstehenden von mir Ausgesprochenen nicht weiter für nöthig. Nochmals spreche ich nur aus: - seyen und bleiben Sie tief in sich überzeugt daß Ihr Leben dessen Beachtung und Pflege mir so theuer und eine gleiche Angelegenheit meiner, wie das meiner eigenen Tochter ist. In diesen Gesinnungen werden Sie alle meine künftigen Briefe an Sie finden[.] Ein Zeichen soll und wird es Ihnen seyn, daß ich mich Ihnen vertrauensvoll über das Ziel meiner Bestrebungen die Mittel zu deren Erreichung und den jedesmal gegenwärtigen Stand der Entwickelung desselben mittheilen werde.
Heut aber ist für mich auch zu bloßen Andeutungen dazu, die Zeit zu kurz. Denn außer dem ersten, Sie über das W wahre Wesen meiner väterlichen Gesinnungen zu beruhigen ist der zweite Zweck dieses Briefes Ihnen zu sagen - daß es mir jetzt möglich ist den Wünschen der Frl. Strecker und des Herrn Ewald in Paris hinsichtlich eines, den mir dargelegten Verhältnissen entsprechenden Kindermädchens nachzukommen. Ich glaube daß solche alle die Eigenschaften besitzt welche Herrn und Frau Ewald von einem tüchtigen Kindermädchen wünschen.
- Das Mädchen ist zwar nur ein einfaches Landmädchen, aber wie unsere thüringschen Mädchen sind von regen Bildungstrieb. Ja eben fällt mir ein, ich glaube sogar daß Sie das Mädchen kennen. Sie Es /
[37]
ist aus Unterrottenbach über Blankenburg und Quittelsdorf auf dem Wege nach Paulinzella. Als die Frau Pastor Richter noch ihre Strickstunden gab, deren Sie sich vielleicht erinnern, kam das Mädchen alle Woche einigemal aus seinem Dorfe in diese, und weil das, ich glaube dortmals 12 bis 13 [(]jetzt ich glaube 18jährige[)] jährige Mädchen viel Lust und Geschick zum Spiele und zu den übrigen Kinderbeschäftigungen hatte, so kam dasselbe nach beendigter Strickstunde immer noch zu uns in die Spielstunde. Es war ein hübsches, besonders so freundlich als bescheidenes Kind welches ich sehr gern hatte. Ich wünschte Sie erinnerten sich dessen. Durch alles dieß wurde die Neigung zur Kinderpflege und Spielführung in ihr geweckt. Als ich später nach Keilhau kam sprach sie mir den Wunsch aus einen bestimmten Bildungskursus mitzumachen. Dieß wurde ihr dann auch endlich möglich, so daß das Mädchen den vollständigen Bildungscursus der Kinder- und Spielführung vom Jahr 1846/47 mit großem Fleiße und Erfolg benutz[t]e.- Sogleich nach Beendigung des Cursus war das Mädchen so glücklich eine vorzügliche Stelle zu ihrer Fort- und besonders praktischen Ausbildung als Kindermädchen in der Familie des Herrn Consistorialrathes Wittich nach Gera kam [sc.: zu bekommen,] wo das Mädchen ich glaube 3-4 Kinder zu pflegen und zu beschäftigen hatte wovon das erste Kind irre ich nicht sehr im ersten Jahre stand. Unter der Aufsicht einer so sinnigen, als treuen und sorgsamen erfahrenen Mutter bildete sich das Mädchen übend besonders praktisch für Kinderpflege und Wartung aus.
Die Ihnen vielleicht noch erinnerliche Frau Magister Schmid[t]
in Gera, welche einmal 14 Tage bei mir in Blankenburg lebte um sich mit unsern Spielen und Spielweisen bekannt zu machen - eine Muhme von mir - hat das Mädchen in /
[37R]
ganz besonders mütterliche Pflege und Obhut genommen und Sie erinnern sich daß dieses eine ernstsinnige, das Leben in seinen Forderungen sehr strenge Frau war. Da nun so wohl diese als ganz besonders auch die Hausfrau, die Frau Consistorialräthin Wittich - die ein sehr feines und schön geordnetes Hauswesen um sich hat - ebenfalls mit dem Mädchen sehr zufrieden ist, da dasselbe nicht minder von ihren Pflegebefohlenen geliebt ist und diese wirklich mit Liebe an ihr hangen, so spricht dieß alles gar sehr für das Mädchen, welches, wie es sich unter diesen gesammten Verhältnissen von selbst versteht, noch von reinen unverdorbenen Sitten ist. Auch hat sich das Mädchen, wie dieß bei dem Bildungstriebe der Thüringer-Kinder so leicht ist - ein reines Deutsch angeeignet; wie sie <dann / denn> auch in ihrem jetzigen Verhältnisse nur reines Deutsch sprechen durfte und hörte.
Dieses Mädchen - welches wie alle Meine Schülerinnen das vollste, ich und reinste Vertrauen zu mir hat - ist nun auf meinen Vorschlag und Wunsch eingegangen und will als Kindermädchen in die Dienste von Herrn u Frau Ewald zu Ostern genug in kommendem Frühling gehen, indem ich ihr alles ausgesprochen habe, was Sie mir als Bedingungen geschrieben haben - Nicht allein, sondern nur in Gesellschaft eines der Eltern mit den Kindern ausgehen - (Was ich für Paris unerläßlich nöthig halte, besonders bei einem so weltunerfahrenen Mädchen) - das Tragen eines Häubchen[s] nach Pariser Sitte - das Beseitigen der Betten jeden Morgen in ein anderes Zimmer - das feine Säubern eines oder zwei Zimmer jeden Morgen - dann bei ganz freyer Station das erste Jahr 150 Franken - und bei Zufriedenheit das zweite Jahr 200 Frken - freye Reisekosten von hier bis nach Paris. Und - sollte das Mädchen ohne seine sprechende u. gewichtige Schuld vor Ablauf des ersten Jahres seines Dienstes entlassen werden, auch dann /
[38]
Erstattung der Reisekosten zur Rückkehr in des Mädchens Heimath.
Da die Eltern des Mädchens, wie dieses selbst volles Vertrauen in mich setzen, so muß ich dieß zu rechtfertigen suchen, daher muß ich bitten daß mir entweder Frl. Strecker oder noch lieber Herr Ewald selbst nochmals sowohl alle Forderungen an das Mädchen, als auch deren Jahrgehalt und Zusicherung der Reisekosten, in der angegebenen Weise schriftlich ausspricht.
Auch sind die Eltern des Mädchens, wie dieses selbst, so wie auch dessen Beschützerinnen, wegen der Reise von Darmstadt nach Paris in Sorgen, denn alle können sich nicht dazu <entschließen> daß das Mädchen allein die Reise von Darmstadt nach Paris mache, indem das Weltunerfahrene Mädchen ganz besonders einem Paris gegenüber und in diesem einer Vielheit von widrigen, ja selbst vernichtenden Umständen ausgesetzt wäre, ich habe daher zur einstweiligen Beruhigung vorläufig ausgesprochen daß ich, auf schon mehrmals befolgten sicherem Wege durch Eisenbahn und Post, das Mädchen nach Darmstadt besorgen und dann durch Ihre Hand l[iebe] Ida der Frl. Strecker übergeben lassen würde. Von Darmstadt würde das Mädchen in Begleitung eines Familiengliedes die Reise nach Paris machen, oder He. Ewald selbst würde vielleicht gerad in dieser Zeit in Darmstadt anwesend seyn und er das Mädchen selbst mit nach Paris nehmen.-
So dünkt mich hätte ich nun alles erörtert was bei der Sache zu erwägen ist. Lassen Sie mich nun nach Möglichkeit bald Rückantwort wissen, damit das Mädchen zur rechten Zeit ihren Dienst aufsagen kann, nicht aber durch ein zu spätes Eingehen der Entscheidung Gefahr läuft sich zwischen zwei Stühlen niederzusetzen. Denn die jetzige Stelle reicht dem Mädchen für ihre dasigen Verhältnisse wohl fast so viel, als der gebotene Gehalt für Paris. /
[38R]
Freuen soll es mich wenn die dargelegten Verhältnisse Ihnen, der Frl. Strecker und Herrn wie Frau Ewald genügen - sollte dieß aber nicht der Fall seyn so sehe ich mich außer allem Stande dieß später zu erreichen, weil gebildete Kindermädchen mit des Beibehalt[s] einfacher Bescheidenheit, wie dieß wirklich bei der Friederike Breternitz - so heißt das Mädchen der Fall ist - wie Gold gesucht werden und bei auch etwas weniger Gehalt, doch lieber in der Heimath bleiben.- Der Gehalt hat auch keinesweges das Mädchen bestimmt sondern die Freude in meine[n] Vorschlag und Wunsch einzugehen und möglichst das Gute zu verbreiten.- Sie kennen ja diesen Sinn so ganz aus sich.- Das Mädchen schreibt auch - wenn auch nicht ganz von Fehlern der Rechtschreibung freien, doch sowohl Schrift als Inhalt nach gut lesbaren, verständlichen Brief. Ihre, d.h. des Mädchens Briefe gefallen mir noch besser als die der Ackermann.
Von Blankenburg muß ich Ihnen doch schreiben, daß d[er] H[err] Superint[endent] gestorben ist und wegen 2 der Söhne, des ältesten und jüngsten großes Leid in der Familie ist in dem sie beide nahe daran sind ganz geisteskrank zu werden.- Von Keilhau die herzlichsten Grüße. Allwina theilt mit Luise Levin den jetzigen Bildungscursus[.] Von Herrn Middendorff werden Sie bald etwas hören. Möglich ist es das [sc.: , daß] Allwina am 1 May nach Hamburg als Mitarbeiterin am Kindergarten der Mde Lütkens geht.
Die Kleinkinderschule in Hildburghausen ist auch zum Kindergarten erhoben worden. Mit Frühling werden gegen 16 eigentliche und namentliche Kindergärten in Deutschland seyn - Frl. Luise Frankenb[er]g ist Kindergärtnerin, im Kindergarten des Frauenschutzes zu Dresden.
In Erfurt wird nächsten 1 März ein Kindergarten errichtet - Auguste Michaelis Schülerin von 1846/47 geht dahin - Amalie Henne hat diesen Cursus auch theilweise zur Fortbildung benutzt.- Ihr väterlicher Frd. Fr. Fr. /
[36V]
(Nachbemerkung:)
N. Die Beilage ist einzig und allein für Sie.-