Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Hofmann in Hildburghausen v. 18.3.1848 (Keilhau)


F. an Friedrich Hofmann in Hildburghausen v. 18.3.1848 (Keilhau)
(BN 707a, Bl 58, hier:58V, ½ Bl 8° 1 S. undat. Entwurf des Briefs v.18.3.1848. Die 8 Textsegmente ergeben 6 Abschnitte ohne direkte Reihenfolge. Auf Textsegment [6] steht ein weiteres sechszeiliges Entwurfsfragment ohne Hinweise auf einen Adressat. BN Anh. 30, Bl 29b-31 = 237-240 = 57-60, fotographierte 4-seitige Abschrift von der Hand Luise Fröbels, Vorlage des Abschriftfotos mglw. im BlM-Anhang. Aus den weiteren Abschriften der F.-Briefe an F. Hofmann in BN Anh. 30, von denen die Reinschriften in Landesbibliothek Coburg erhalten sind, kann analog gefolgert werden, daß auch diese nicht authentisch ist, sondern verkürzend / sprachlich vereinfachend. Der erwähnte „beikommende“ Brief ist der vom 16.3.1848, es wurden also beide Briefe gemeinsam versandt. Zitate aus der Abschr. bei König II/1985,39,53f. mit Anm. Nr.7.90f.94-96.)

a) Entwurf

[58]
[1] Ja die Anstalt hat das Ziel
da sie jede Frucht welche aus
derselben kommt zu ihrer Wurzel
und zur Pflege derselben zurückfließen
läßt dann einer großen Zahl
Brot u Arbeit bedürfender Brüder u Schwestern nicht blos eine
nur u wie gesagt zugl[eich] erziehende
u bilde[nde], menschl[ich] Erhebende Nahrungs-
Quelle zu eröffnen u Friede u Freude zu sichern
die Anstalt in ihrer g[an]z[en] Ausbildung
hofft, je eher sie irgend wie ins Leben
treten kann, auch desto eher ihren Erzeug[nissen]
die großen Welt und selbst aus-
ländischen u überseeischen Weltmärkten
zu eröffnen[.]
[2] Alles wird von dem gesunden Boden
der entsprechenden Atmosphäre d.h. dem
Geiste, den Bestrebungen, den höhern Volksthüml[ichen]
Vaterländischen u Menschl[ichen] Interessen der
Gegend u des Ortes abhängen in welchen sie
verpflanzt wird in welchen sie Wurzel faßt.
[3] Ja ich erzieheziele d[urc]h die Anstalt wenn
sie in g[an]z guten Boden u unter einen g[an]z günstigen Himmel mit treuer Gärtner[-]
pflege so zur Ausführung kommt
Tausende[n] von Menschen des verschiedensten Bildungszweckes und Handfertigkeit
u fähigkeit u so g[an]zen Gegenden eine Lebensfrohe menschenwürdige Wirksamkeit
zu verschaffen, also darnach
den geistigen u leiblich[en] darum der gesammten menschl[ichen] <Bedürfnissen> [.]
Dieß ist der letzte Zweck meiner Bestrebungen.
Für alles dieß aber glaube ich in einer Stunde persönl. Zusammenseyns
Prüfenden den Beweiß zu liefern im Stande zu seyn
[4] wofür aber auch schon mein <aus> d[urc]h die Wahrheit
des Gedankens u auf denselben ohne alle - aber
alle sogenannten äußern Mittel gegründete
u noch schon bald 31 Jahr bestehende Keilh[au] Zeugschaft
ablegt.
[5] Ich enthalte mich zunächst jeder weitern
Auseinandersetzung deßhalb denn Du t.[heurer] Fr.[eund] wie
alle welche mein[e] Lebensstellung kennen weiß
Wirken näher kennen weißt daß ich mich nun schon seit Jahren
daß
ich mich der Ausführung dieses nun schon seit Jahren Plane
mit ungetheilter thätiger Kraft u <regem> Geiste hingebe
indem weder häusl[iche] noch Familiensorgen mich in Anspruch
nehmen u die Anstalt hier obgl[eich] mein Eigenthum u so
meine Subsistenz sichernd doch aus unsrer Mitte zugl[eich]
spezieller[e] Führer hat; ich beziehe mich auch auf
das [was] von mir nach meiner Rückkehr ins Heimathland schon
seit länger als 30 Jahren dafür geschehen ist
und den Geist desselben auf die Denkmale
welche [ich] noch vielfach hätte verwirklichen
können wenn ich es dem jetzigen Zwecke an[-]
gemessen gefunden
hätte[.]
[6] Nur ein Dreifaches erwähne ich noch:
1) daß somit
Blankenburg und Keilhau (in dessen Schosse
übrigens die in sich geschlossene Allgem. deutsche KnabenErziehungsan[-]
stalt wachsend grünt blühet u fruchtet) zeigt
sich unter den jetzigen gesammten Lebensent[wicklungen]
[7] daß g[an]z besonders namentlich der Kindergarten aus
dem Kinderpflegenden Sinne somit aus dem
ächten Bedürfnisse u der ächten Theilnahme
der Bürger hervorwachse blühe u fruchte [,]
[8] zur Ausführung dieses großen Planes wohl mehr geeignet
wären wohl geeignet den keimenden Saamen u die Versuche
der Ausführung zu pflegen aber sie sind schon wegen ihrer
Abgeschiedenheit vom großen Lebens[-] u Weltverkehre
zur wirkl gesunden kräftigen Ausführung dieses d[urc]hgreifenden Planes nicht mehr
wirk[lich] unendl[ich] mehr geeignet. Darum würde alles
in Blankenburg u Keilhau in dieser Hinsicht Zerstreute u Getheilte
nun in dem neuen Orte der Pflege als ein Ganzes geeint
und diese hier schon bestehende Wirksamkeiten hier aufgeh[ob]en und nach dorthin verpflanzt werden [.]

[Zweites Briefentwurfsfragment]
Du hoffest er werde sich in Dir
als einem deutschen Mädchen nicht irren
und Du werdest nach Deinen besten Kräften
mit den von Dir erkannten Mitteln für
Deutschl Deines Volkes u Vaterlandes
Erhebung wirken [.]

b) Abschrift

[29b = 27 = 57]
An Friedrich Hoffmann [sc.: Hofmann]
Keilhau am 18 März 1848 [*Jahreszahl eingekreist*]


Mein theurer Freund und geliebter Bruder.

Vor A allem laß Dich, wenn auch nur geistig, an mein Herz drücken,
damit zwei deutsche für das Wohl und Heil ihres Volkes und Vaterlan-
des durchglühte Herzen zur stärkenden Einigung in einander schlagen
wie ein Herz. Doch nicht Gefühlssteigerung, sondern Thaten zu
vollbringen giebt es jetzt, darum gleich zur Sache.
Beikommend erhältst Du den besprochenen Brief in der Sache unsers
in der Kindheit neu erstehenden Volkes durch Ausführung einer "An-
stalt für urgeistige Volks- und N-Erziehung."
Der Brief ist leider länger geworden als Du wünschtest und ich beab-
sichtigte; ich habe dreimal <abgeschnitten> allein ein <trocknes> Ge-
rippe Dir zu senden konnte ich mich nicht entschließen, doch habe
ich das Wesentlichste auf die erste Seite zusammengedrängt.
Von der großen Masse Drucksachen, welche bereit liegt habe ich, daß [sc.: das]
geeignetste beigelegt, doch Du kannst gern zurück legen was Dir
zu viel erscheint.
In Beziehung auf die Industrie Anstalt, wie in Beziehung auf
die Anstalt für literarische und Kunstverlag erlaube mir hier noch
ein paar Worte beizufügen, welche ich in dem formellen Briefe ab-
schnitt, ist Dir die Zeit zu kurz sie zu lesen, so überschlage sie.
Die Industrie Anstalt trägt nun nicht nur alle Kraft und alle
Mittel in sich aus dem Kleinen empor steigend, sich zur größt-
möglichsten Ausbildung und so Umfang zu erheben, sondern
sie trägt auch alle Kraft und alle Mittel in sich ihr Bestehen
durch sich selbst zu sichern; denn die Anstalt hält in ihrer ge-
sunden, freien und allseitigen Entfaltung jede Concurenz aus,
indem sie auf das reinste Naturprinzip
auf ein so klar entwickelt vorliegendes, als einfach moralisch intellectuelles
intellectuelles Prinzip
gegründet ist, welches
dennoch in seiner umfassenden wahrhaft unerschöpflichen Anwen- /
[30 = 238 = 58]
dung sich nicht so gleich aneignen noch weniger ohne wissenschaftliche Grund-
lage, sich aus sich selbst hervor bilden läßt, daß, wenn die Industrie
Concurenz sich auch heute eines Industrie Erzeugnisses sich bemächtigt, morgen ein
Neues ausgebildeteres an dessen Stelle tritt; dann ist das stetig leben-
volle in dessen Besitz nur die, wohl seit 50 Jahren gepflegte Idee
ist, das Magische im Kinde [auszubilden]. Ja mein Freund, die An-
stalt hat, da sie jede Frucht, welche aus derselben kommt, zu
ihrer Wurzel, gleichsam zur Pflege des ganzen Baumes zurück
fallen läßt - das sichere Ziel den bestimmten Zweck einer großen
Anzahl Brot und Arbeit bedürfender Brüder und Schwestern
der verschiedensten Bildungsstufen einer ganzen Umgegend -
eine zugleich erziehende und bildende, menschlich erhebende Friede
und Freude gebende Nahrungsquelle zu öffnen und zu sichern.
Diese Anstalt hofft <so> sie irgend wo entsprechend
guten Wurzelboden erhält und unter einem ihr günstigen Himmel
und treuer Gärtnerpflege zur Ausführung kommt, auch desto eher
ihren Erzeugnissen die großen und selbst ausländischen Welt-
märkte zu öffnen. Diese Anstalt ist für uns Deutsche ganz
unerläßlich auszuführen und zwar in mehrfacher Hinsicht, sie
ist uns so unentbehrlich wie Wasser, Brod und Salz, wenn wir auf
der einen Seite eine wahrhaft deutsche Volks- und National[-]
bildung erreichen und auf der anderen Seite die Forderungen
der Proletarier gründlich befriedigen, d.h. mit Arbeit
und Brod zugleich Belehrung, Bildung, somit Sittlichkeit und Sittigkeit,
Mäßigkeit, Selbstbeherrschung überhaupt alle socialen,
bürgerlichen und menschlichen Tugenden geben wollen. Dies
ist der letzte Zweck aller meiner Bestrebungen. Für
alles dies glaube ich auch in höchstens einem Tage persönli-
chen Zusammenseins, denkend Prüfenden, besonders Lebenserfah-
renen Geistigen den Beweis liefern zu können.
Was ich von der Industrie Anstalt aussprach, gilt alles auch /
[30b = 239 = 59]
von der Anstalt für Literarischen und Kunst Verlag in dem angedeu-
teten volksthümlichen <Streben>
nur in erhöhtem Maaße und nach
geistigerem Maaßstabe; dieselbe stellt es sich zur Aufgabe
die deutsche Volks- und Nationalbildung nach allen Seiten hin
mit den verschiedenen völklichen, National- und Vaterland Inte-
ressen in Ausgleichung und Einklang zu bringen.
Urgeistige deutsche Denker, Dichter und Künstler, werden
sich so hoffe ich fest, mit mir zur Lösung dieser großen
Aufgabe einigen, und vor allen von Dir mein hochherziger
Freund, hoffe ich durch Kopf, Herz und Hand, durch Wort,
Rath und That Mitwirkung wie sie ein solches Unternehmen
bedarf, wie es in meinem Geiste klar vorliegt, so soll
es eines werden wie Deutschland noch keines gesehen
hat. Ein Baum des Lebens gleich einem immer grünen-
den, blühenden und fruchtenden Orangenbaum,
duftige Blüthen und reife Früchte zugleich bietend.
Alles dies wird freilich von dem gesunden Boden, der ent-
sprechenden Atmung für, d.h. dem Geiste, den Bestrebun-
gen, den höheren volksthümlichen und menschheitlichen
Interessen der Gegend und des Ortes abhängen in welchen
das Ganze verpflanzt, in welchen es gepflanzt wird.
Daß Blankenburg und Keilhau (:in dessen Schooß übrigens -
die selbstständig in sich abgeschlossene Knabenerziehungs-
anstalt - die allgemein deutsche - fröhlich grünt, blühet
und fruchtet:) und daß selbst Rudolstadt mit seinem
Geiste und besonders jetzt in seiner Abgeschiedenheit
vom größten Lebensverkehr zur Ausführung dieses großen
Planes nicht mehr geeignet sind, wird klar leicht ein-
sichtig sein, so sehr sie es auch zum Theil gewesen
sein mögen den keimenden Saamen und die Versuche der
Ausführung zu pflegen. Darum würden die in Blankenburg /
[31 = 240 = 60]
und Keilhau in dieser Hinsicht bisher ungebahnten und
getheilten Wirksamkeiten nun als ein, wie angegeben ge-
eintes Ganze nach dem neuen und entsprechenden Orte
der Pflege übergesiedelt werden, so wie ihm dort eben
so ungetheilt leben.
Sollten sie [sc.: sich] Dir nun, mein Freund, solche Orts- und
Personen Verbindungen bieten, wodurch Du mich und
meinen Lebensplan in einen entsprechenden Grund
und Boden und in die dazu geeignete Atmosphäre
und verhältnisse einpflanzen könntest und dadurch
meine ganze Kraft entfesseln, ja mich im eigent-
lichen Sinne, dadurch mir selbst geben würdest,
so würde Dir dafür mein Geist in Wahrheit ewig
danken, denn geistig und leiblich, physisch und psygisch [sc.: psychisch]
in seine rechte Stellung und Wirksamkeit versetzt
werden, das bringt - davon bin ich tief in mir über-
zeugt - ewig unvergänglichen Gewinn. Das ist es
aber, was ich nicht allein für mich, sondern für alle
Menschen, alle, alle anstrebe für den Begabtesten wie
für den mindest begabten - und würde es mir werden,
dies hohe Glück, so würde ich mich wieder jung fühlen
wie ein Adler und meines Lebens Aufgabe würde
sein, daß unser Volk werde, wozu es im Gebiete der
Menschheit im Reiche der Geister bestimmt ist, und un-
ser Vaterland ein Garten der Menschen auf der Erde.
Gedenke in Liebe Deines FrFr.