Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 19.3./20.3.1848 (Keilhau)


F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 19.3./20.3.1848 (Keilhau)
(BN Anh. 43, Bl LC 65 - LC 71, Abschriftabschrift 3 B + 1 Bl 8° 13 S, Handschrift unbekannt, mehrfach zit. König II/1985, 39 u. 52. - Der anfangs erwähnte F.-Brief an Stangenberger v. 16.3.1848 ist offenbar nicht erhalten. Der Abschriftabschreiber gibt als Vorlage eine Abschrift im Besitz eines Redakteurs Richard Lorenz, Coburg, an. Bemerkungen des Abschriftabschreibers, die sich mit seiner Vorlage auseinandersetzen, werden, soweit sie als richtig erscheinen, hier u. in allen F.-Briefen an Stangenberger aus BN Anh. 43 analog zu eigenen Bemerkungen wie folgt aufgegriffen: Hinweise auf Auslassungen als "< ? >", Hinweise auf vermutliche Lesefehler als "[sc.: ...]".)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

          Keilhau am 19. März 1848

Mein werthgeschätzter lieber Herr
            Stangenberger.

Eben als ich heut meinen Brief vom gleichen Datum wie der Ihrige (vom 16. nemlich) zusiegeln wollte, empfing ich den lieben Ihrigen. Wird aber der meinige, welcher heut Abend hoffentlich mit der Post abgegangen ist, Sie morgen in Schalkau treffen, indem Sie wie Sie mir schreiben zur Deputation nach Meiningen mit erwählt sind?- Und wird auch dieser Brief Sie in Schalkau finden?
Wie freue ich mich dass ich Ihnen als Gegengabe für Ihre schönen Nachrichten die gleichen auch von unserm Ländchen schreiben kann. Wenn auch die erste Position der Rudolstädter Bürger ohne Zweifel von einen [sc.: einem] Juristen im /
[LC 65b]
servilsten Curialstyle, welcher mich empört hat, abgefasst war, so ist sie doch bald von anderen welche eine würdevolle, feste und ernste männliche Sprache führen in den Hintergrund gedrängt, ganz besonders zeichnet sich die Petition der Bürger Stadtilms durch so edle als entschiedene Sprache aus; diese hat besonders die Zurückgabe der Camergüter gefordert, welches der Fürst auch gewährt hat. Dass der Fürst - welcher über den Weltstand der Dinge ganz unterrichtet gewesen scheinet - die ersten Deputationen der Rudolstädter Bürger so parsch [sc.: barsch] empfangen, hat besonders darin seinen Grund, dass - denken Sie sich! - ein ehemaliger Landstandt, ein Bauer Namens "Herr" sich zum Fürsten zu schleichen gewusst hat und diesem vorgespielt: es sey nur ein Auflauf aus der Hefe des Volkes und der Fürst solle sich nur nicht imponiren lassen und /
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nicht[s] gewähren; ebenso soll der jetzt flüchtige geheime Rath und Oberstallmeister v. Witzleben gesagt haben: diess hat unsern Fürsten zu der unfürstlichsten Handlungsweise verleitet.- Aber hören Sie nun auch - und das muss mam [sc.: man] den [sc.:dem] Fürsten zu seinem Ruhme nachsagen - wie edel er sich, nachdem er alles mit seinen eigenen Augen gesehen und eingesehen, wie ihn seine Minister und Räthe hintergangen haben - wie edel er sich da benommen hat, er hat den Mann, den einfachen, ehrenhaften Bürger, welcher dem Fürsten, wie man sagt, die offene Brust zum Durchschiessen geboten aber dennoch dem freien Wort seinen Lauf gelassen hat, der Fürst hat diesen Mann, den Metzgermeister Vonrein dreimal zu sich bitten lassen und - als er erst dem drittmaligen Bitten nachgegeben hat, hat ihm dann der Fürst völlige Abbitte gethan und wie ein einfacher Bürger ihm die Hand zur Aus- /
[LC 66b]
söhnung gereicht und nachdem der Fürst 2-3 Stunden dieses Mannes Rath gehört, hat er ihn bis vor das Thor seines Schlosses begleitet und nochmals die Hand gereicht. Ist diess nun wohl als Fürst alles wenig so ist es doch menschlich und er sieht nun durch Concessionen seine Verirrung wieder gut zu machen.
In Rudolstadt hat sich eine treffliche Bürgergarde organisirt - alles Militär ist ausser Dienst gesetzt - die Dörfer geben auch entsprechend ihre Mannschaft und jetzt soll die Bürgergarde schon 1000 Mann zählen; Professoren, Gymnasiasten, Adlige und so w. alles ist eingetreten. Vorauf [sc.: Worauf] Sie mich schon in Schalkau aufmerksam machten: die Adelichen haben alle ihr von abgelegt, der jetzige Geheimrath ehemals von Röder hat diess sogar feyerlich erklärt. Mehrere Adliche sind ihrer Dienste entlassen worden oder haben derselben entsagt und noch mehrere sollen /
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fallen.
Gern schickte ich Ihnen unsere im Nu entstandene Bürgerzeitung - ohne Zweifel ein Organ wie die von Ihre [sc.: Ihnen] mit Recht für Meiningen gewünschte

"Allgemeine Stadt- und Landzeitung"[.]
Bis jetzt sind schon 3 Nrn erschienen, wovon besonders die beiden letzteren Nrn recht gut sind. Leider habe ich keine Blätter vorräthig, sonst legte ich welche bei - Sie müssen ja auf ein solches Blatt für Meiningen dringen, ich sehe und fühle es um mich bis zu meinen Bauern - ich höre es mit Sorgfalt von meinen [sc.: meinem] Hauswirth lesen, das Blatt schafft viel Gutes. Besprechen Sie doch die Sache mit Friedrich Hofmann oder mit J. Meyer. Wollen Sie es lieber nicht auch Bürgerzeitung nennen denn jeder Bauer und Tagelöhner ist ja Staatsbürger. Mich dünkt es < ? > [sc.: daß] dieser Titel mehr als der sonst zwar auch gute St. u. L. Zeitg aber hier erscheint mir /
[LC 67b]
Stadt und Land durch das Und mehr äusserlich zusammen gebunden, gleichsam geleimt als ein inniges Einiges was doch Stadt u. Land von nun an seyn soll[en]. Fügen Sie dann noch unten hinzu "Für Meiningen" So haben Sie in "Bürgerzeitung" das Allgemeine mit ganz Deutschland Verbindende und in "Für Meiningen" das Besondere. Es können dann auch recht wohl gute Artikel mit Nennung der Quelle aus einer Bürgerzeitung in die andern übergehen. So hat z.B. <No> 2 der Rudolst. Bürgerzeitung einen recht guten populären Artikel "über den < ? > [sc.: Auftrag ?] der Presse"[.] Ich hoffe auch für den Landmann verständlich.-
Die Meyersche Petition habe ich leider noch nicht zu Gesicht bekommen können Sie mir solche senden, so thun Sie mir einen Gefallen.
In Wien soll der Kaiser, nachdem 2 Erzherzoge durch kräftiges Wort ihn bestimmt haben, alles Geforderte zugestanden /
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haben. Die Schüler der Politechnischen Schule sollen sich trefflich gehalten haben, doch soll viel Blut geflossen seyn. Die öster[r]eichischen Erzherzoge erscheinen jetzt sehr allgemein deutschsinnig und populär. Wenn wir ein deutsches Bundeshaupt haben sollen, sagen Sie zu wem haben Sie mehr Zutrauen zu Preussen oder Österreich?-
In Leipzig so höre ich eben soll man das ganze Brockhausische Etablissement zerstört haben, Sie wissen Brockhausen war nie popülar [sc.: populär] sondern zweiseitig.
Sie schreiben mir:"Unser Land hat viel moralische Kraft, was es will, das will es ganz[.]" Diess sind Worte der Ermuthigung in der jetzigen Zeit. Helfen Sie ja nach Möglichkeit dazu, dass es geschehe, und alles Halbe fern bleibe. Nun jetzt, bitten < ? > fordern Sie auf das Ernsteste dazu auf [dass] nur jetzt durchgekämpft [wird], denken Sie an Hanau, sehen Sie /
[LC 68b]
was diese Stadt dieses Land erreicht hat, allein welches feste einmüthige Zusammenhalten, daran sollen wir ein Beispiel nehmen, daran uns halten. Sie haben doch diese Petition gelesen? Sie schreiben mir zu meiner Freude: "Ich habe hier einen sehr überwiegenden Einfluss auf die Stadt u Umgegend"[.] - Ich bitte Sie, benutzen Sie diesen ja zugleich auch mit der grössten Umsicht und Besonnenheit zum Wohle des Ganzen keine Person steht jetzt in Deutschland mehr allein, wie keine Stadt, u keine Umgegend kein Land. Wie ein elektrischer Schlag wirkt alles gleich in unberechenbare[r] Ferne, das Wort wie die Handlung des Einzelnen haben Sie immer, wenn Sie Ihre Stadt, Ihre Umgegend selbst Ihr Heimatländchen im Auge haben u. auch den Blick auf das grosse Ganze und vergeben Sie diesem nichts indem Sie für Ihre Heimat wirken. Deutschland, mein /
[LC 69]
theurer Freund, ist geistig schon vielseitig ein einziges. Lassen Sie es uns auch immer mehr im Handeln seyn. Dass Sie zum Mitdeputirten gewählt worden sind freut mich nicht minder. Nur so festes klares ruhiges Manneswort wie entschieden bestimmte That. Grüssen Sie herzlich theilnehmend Ihre Mitcollegen von mir. Ich drücke Ihnen allen glückwünschend die Hand.
Der Gedanken den Gesinnungen des Volkes durch einen Aufruf einen Einigungspunkt, wie Ausdruck zu geben erscheint mir ganz der Lage der Dinge angemessen nur erregen Sie nichts, was Sie nicht glauben, durchzusetzen zu erringen, sprechen Sie so stark, so entschieden und bestimmt als Sie können und wollen u. allein sprechen Sie kein Wort dem man es nicht anfühlt, dass Sie auch entschlossen sind dafür Leib u.Leben, Gut und Blut einzusetzen[.] /
[LC 69b]
Sie haben Recht: es ist eine Lust so Mitten im Volksleben und für des Volkes Recht und Ehre einzustehen, es ist eine Lust auch wenn mann [sc.: man] zu verlieren hat und wenn ich mich dazu aufgefordert fühle, werde ich wie vor 35 Jahren mit Gut u. Blut dafür eintreten.
Ihr Sinnen und Blicken nach Amerika müssen Sie lieber Herr Stangenberger seyn lassen. Zunächst müssen Sie mit allen Ihren Freunden in Deutschland eine Volks- und National Erziehung mit anzubahnen und zu begründen helfen. Diess ist das grosse Gesammtwerk für welche[s] wir insgesammt wie Ein Mann eintreten müssen, wenn der Staatskörper etwas geordnet ist, diess Stangenberger ist unsere heiligste und erste Pflicht wenn wir unserem Vaterlande dem [sc.: den] allseitig politischen Fortschritt sichern wollen.
Volks und NationalErziehung im Ur- /
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geiste desselben, diese müssen wir hervorrufen, begründen, wollen wir unseres Volkes Bestehen, den Frieden, die Freude an die Freite d.i. das Gefühl und Bewusstsein ächter Freiheit jedem Einzelnem wie dem Ganzen sicher[n]. Darum - alles für deutsche politische Nationale und volksthümliche

Institution!!!
alles für ächte deutsche d.i. urgeistige Volks[-] und NationalErziehung!!!
Glück auf! Glück auf! Glück auf!
Ihr treugerniter [sc.: treugesinnter]

        FriedrichFröbel.

[Nachschrift im Original auf einem beiliegenden Zettel:]
Keilhau am 20ten März 1848
Soeben als ich abermals diese Zeilen zur Absendung an die Post zusiegeln will, empfange ich die Meyersche Petition, /
[LC 70b]
und kurz vorher habe ich die deutsche Heidelberger Zeitung vom gestrigen und die Blut und Rachsinne in Wien und Breslau gelesen. Ja in welcher schreckliche[n] Zeit mechanischer Zertrümmerung aller socialer Verhältnisse leben wir, da muss alle Kraft aufgeboten werden, die zarten Keime des neuen Lebens zu pflegen.
Lassen Sie uns darum bei unsern [sc.: unserm] muthvoll raschen Vorwärtsdringen immer auf diese Pflege achten. Durch die Ereignisse des Tages erscheint ein Brief wie der beiligende unbedeutend, doch habte [sc.: halte] ich ihn - in der verflossenen Mitternachtsstunde geschrieben nicht zurück, denn er ist eben als schon geschrieben auch Thatsache und gehört somit der Geschichte unseres beiderseitigen Lebensverkehrs an. Denken Sie sich, so weit geht jetzt die politische Neugier. Freunde oder vielmehr Bekannte in Rudolstadt streiffen [sc.: streifen] wegen des Postzeichens Hildburghausen den X Verband ab und so zir- /
[LC 71]
kulirt gestern in Rudolstadt die Meyersche Reformadresse selbst bis zu Hönniger dem Führer der Rudolstädter Reform gelangte sie so, wie ich höre hat sie grossen Beifall erhalten. In der Mittagsstunde habe ich solche unserm [sc.: unserer] versammelten Anstalt vorgelesen. Über die Wirkung davon später. Im Packet lag doch kein Brief sondern er [sc.: zur] die <Repousia> [sc.: Rezension ?]. Den gestrigen Brief haben Sie doch erhalten[?]