Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 20.3./21.3./22.3.1848 (Keilhau)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 20.3./21.3./22.3.1848 (Keilhau)
(BlM XIV,65, Bl 219-221, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., ed. Lück 1929, 152-156)

          Keilhau bei Rudolstadt am 20 März 1848. [*Jahreszahl eingekreist*]


Meine theure Muhme

Ihr lieber um baldige Antwort bittende[r] Brief kam ge-
rad in den Tagen meiner jüngsten erziehlichen Reise in die Ge-
gend um Eisfeld - besonders die Ausführung eines größeren
Kinder- und Jugendspiel- und Volksfestes für diesen Sommer
in der genannten Gegend betreffend - hier an; dieß der eine
Grund meiner bis heut verspäteten Beantwortung des-
selben, der zweite ist der wogende Sturm, der, Gott gebe
es gründlichen Verbesserung durch alle Lebensverhältnisse
hindurch, welcher über unser kleines Ländchen daher prauß[-]
te und niederriß, dem man noch kurz vorher eine noch lange Dau[-]
er zugetraut hatte. Glücklich ist unsere Reform wie Sie aus
den öffentlichen Blättern wissen werden beendet und dem
Himmel sey Dank ohne Bürgerkrieg und ohne Blut. Ruhig
arbeitet man jetzt nachdem man das meiste Mißliebige
entfernt hat an der Bildung des neuen Lebens fort. Gott
gebe daß es - wozu wir aber auch die schönste Hoffnung ha[-]
ben, ein gesunder Lebensbaum werde.- In Königsee
soll es durch Waldbewohner zu wirklichen Excessen gekom-
men seyn; doch habe ich nicht gehört, daß man unserm l.
Vetter etwas zu Leide gethan hat, glaube es auch nicht,
denn er war wie sein ganzes Haus geachtet.
In Berka einem nahe liegenden weimarschen Städtchen
hat man einen Justizbeamten Emminghausen, so arg
bei ausgelöschten Lichtern an einem Versammlungsort zu[-]
gerichtet, daß man ihn besinnungslos nach Hause brachte,
auch Kopfwunden hatte rc.; jetzt soll er auf dem Wege der
Besserung seyn. Doch warum Ihnen solche Einzelnheiten
welche jetzt wohl schwerlich irgendwo aus bleiben.
- Was nun die Beantwortung Ihrer vertrauenden /
[219R]
Anfrage betrifft, so kann ich die leider! nur mit
Nein! beantworten und wenn noch mehr geboten würde
und noch weniger Häusliches gefordert würde, so könnte ich
doch Niemanden nachweisen. Leider finden sich noch zu wenig
weibliche Personen, welche sich diesem hohen Berufe wid[-]
men, warum?- Weil als Gegengabe noch zu wenig
gegeben wird, nicht einmal Ehrenhaftes; denn eine so
ausgebildete Person mag nicht mehr Kindermädchen seyn,
denn sie fühlt daß sie wenigstens ächte Kinderpflegerin
aber auch wahre Erziehungsgehülfin ist oder Miterziehe-
rin; warum will und soll man nun nicht der Wahr[-]
heit die Ehre geben?- Ich gedenke im Laufe der Fortent-
wickelung öffentlich darauf anzutragen, daß jede edle
deutsinnige Familie welche Hülfe für die Pflege und Er-
ziehung ihrer jüngeren und jüngsten Kinder bedarf, den
Namen oder vielmehr die Benennung "Kindermädchen"
welche nun einmal einen erniedrigenden Nebenbegriff
hat gänzlich zu verbannen und dagegen einen der oben
angegebenen oder wenn sich ein passenderer finden
sollte - diesen anzunehmen. Alle unsere Lebensver[-]
hältnisse und Beziehungen müssen durchweg eine
edlere, menschlichere, würdigere, brüderlichere und
schwesterlichere Form und {Beziehung, / Bech Bezeichnung} Benennung be-
kommen; der Name, das Wort ist
kein leerer Schall, das fühlen Sie z.B. l. Muhme recht
gut in der sorglichen Wahl Ihrer Beziehungsbezeich-
nungen in Ihren l. Briefen. Und alle Edle haben
dieß bisher gefühlt welche genöthigt waren in abhän[-]
gige Dienstverhältnisse zu treten; sie zogen immer
gute Behandlung einem größeren Geldlohn vor, und so
wird es zum Wohl der Menschheit, der Familien und /
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aufkeimenden Kindheit ewig bleiben; ich preiße
mich glücklich den schon fast überall angenommenen
Namen: - Kindergärtnerinn - diesen so edlen als Sinn[-]
vollen in die deutsche Sprache in unsere Muttersprache
eingeführt zu haben.-
Doch wohin komme ich?!- Sie werden Ihren
alten Vetter darin vielleicht gar nicht wiederfinden;
Sie sehen liebe Muhme der heraufdämmernde neue
Lebensmorgen und die hoffentlich bald heraufglänzende
Frühlingslebenssonne weckt auch das Alter aus seiner
Ruhe, wie im verflossenen Jahre durch die alles be-
fruchtende Atmosphäre auch die ältesten Bäume
selbst oft fast nur noch Stumpen an ihren kahlen Ästen
und wenigen Zweigen schöne, volle, reife Früchte
trugen und - so sage ich mir immer sollte der Mensch
geringer u schlechter seyn als ein Gegenstand der be-
wußtlosen Natur - als ein alter Baum?!-
Gott seegne unser Volk!- Gott seegne unser l. Vaterl[an]d
Gott seegne die in der Kindheit aufkeimende
Menschheit - Auf! lassen Sie uns ungeschwächt
den Kindern leben!- Erwärmen Sie dafür
aller Frauen und Jungfrauen, aller Mütter Herzen
und Sinn mit welchen Sie immer in Beziehung kommen.
Auf solchem Handeln ruhet ewig unseres liebenden Vaters
schönster Segen!-
Wie herrlich sagt J. Meyer: - "In den Kindern knospet des
"Lebens Ewigkeit; durch die Kinder schaffen wir des Ge-
"schlechtes Zukunft, knüpfen wir diese an die Gegenwart
"flechten wir Rosen oder Dornen um ihre Schläfe. In dem
"Kindergarten wehet Völkerfrühlingsluft: Kinderpflege
"und Völkerpflege liegen in einem Tempel." /
[220R]
Für Friederiken ist noch keine Nachricht eingetroffen.
Mein Brief kam gerade in den Tagen der neuen
Lebensschöpfung in Paris an; wie könnte ich da schon
Antwort erhalten; vielleicht ist er auch gänzlich
verloren gegangen was sich jedoch in einigen Wochen
entscheiden muß. Herzliche Grüße all Ihren Lieben[.]
Alles Leben in seiner Entwickelung zum ewigen
Ziel dem ewig Einen befohlen.
Leben Sie recht wohl und schreiben Sie bald
einige Worte
            Ihrem
stets treu gesinnten alten Vetter
            FriedrichFröbel.

Am 21en März Abends. Heil dem nun freien Vater[-]
lande.

Am 22en März Morgens. Gegrüßet sey des deutschen Volkes,
des freyen deutschen Volkes Frühlingsmorgen.
Mit dem Natur- und Himmelsfrühling begann
auf der Erde der Deutschen Volks- und Vater-
landsfrühling. Gepriesen sey Gottes ewige Welt-
regierung. Ihr verjüngter Vetter Fr Fr.
Grüßen Sie mir herzlich die Vettern alt u. jung. /
[221]
[Briefumschlag mit Adresse:]
Ihre Wohlgeboren
der Frau Magister Fr: Schmidt
gebornen Hoffmann
in
Gera.