Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Robert Felsberg in Neidschütz b. Naumburg v. 21.3.1848 (Keilhau)


F. an Robert Felsberg in Neidschütz b. Naumburg v. 21.3.1848 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert, ed. KG 1871, 57-58, Seitenzahlen nach der Edition)

Keilhau b. Rudolstadt, am 21. März 1848.
In dieser in ihren innersten Tiefen mehr als, - man kann alles
erwägend mit Recht sagen, seit Menschengedenken erregten Zeit gedenkt
der Freund unwillkürlich von Lebenstheilnahme getrieben, des fernen
Freundes und fragt: wie mag es ihm ergehen? - wie mag des Lebens
Sturm um und neben ihm brausen, oder mag er friedlich gleichsam auf
einem Eiland im Meere der sturmbewegten Zeit in seinem stillen Lebens-
kreise ungestört fortwirken? - Siehe, mein theuerer Felsberg, so denke ich
auch besonders in der jetzigen Zeit viel Deiner, und würde dieß mein
Andenken schon lange an sichtbare Schrift geknüpft haben, wenn ich nicht
in meinem erkiesten Lebensziel mit Beginn dieses Monats wieder eine er-
ziehliche Reise in die Umgegend von Eisfeld gemacht hätte und ich nicht
nach Rückkehr von derselben - im Anfang voriger Woche - sogleich so
in Anspruch genommen worden wäre, daß es mir unmöglich wurde, dem
Bedürfnisse meines Herzens nachzukommen.
Haben die Erlebnisse der jüngsten Zeit auch in Deiner allernächsten
Nähe ihre Folgen geäußert? - Wie sehr freue ich mich, daß durch Dich,
wenn auch erst jüngst, eine Fortbildungsschule ins Leben getreten ist;
die Umgegend und namentlich die Ortsbewohner haben doch dadurch den
thatsächlichsten Beweis gehabt, daß man echt menschlichen Antheil an ihrem
Leben nimmt, und das ist in der jetzigen Zeit so hochwichtig. Ja, mein
theurer Freund, Volks- und Nationalerziehung, gegründet auf das
Wesen des Deutschen, seine gesammten geistigen und leiblichen Lebensbedürf-
nisse und Beziehungen, und dieses alles in seinen ersten Keimen pflegend,
nährend und entwickelnd zu erfassen, das muß unser aller, die wir es
mit unserm Volke im Ganzen sowohl, als mit jedem Einzelnen desselben,
weß Standes und Lebensverhältnisses er auch sei, wahrhaft gut meinen,
erste und größte Sorge sein. In der jetzigen Zeit tritt es recht klar her-
vor, wie so sehr uns eine echte, durchgreifende und harmonische Volks-
und Nationalerziehung noth thut. Ja, Freund und Bruder, laß uns
jetzt Hand und Herz, Gesinnung, Geistes- und Thatkraft zur Verwirk-
lichung einer urgeistigen, deutschen Volks- und Nationalerziehung, min-
destens zur Begründung und Anbahnung derselben im heraufkeimenden
Geschlechte reichen. Laß uns alles aufbieten, die Ur- und Grundgesetze
aufzusuchen, aufzufinden; es muß nothwendig solche ewige Gesetze derselben
geben, und sie müssen, - sie müssen so einfach, als leicht erkenn- und
leicht anwendbar, d. h. es muß ihnen leicht nachlebbar sein; die ganze
Natur spricht dafür, alle Erscheinungen derselben, und der Mensch ist auch /
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ein Glied der Natur, aber gleichsam die Blüthe, die Frucht derselben, in
der sich das gesammte Wesen derselben bewußt, selbst in ihrer eigenen
Quelle und Urgrunde bewußt werden soll, wie der Apfelkern das Wesen
des ganzen Baumes in Einheit und Einigung nur auch die Stufe des
Urbewußtseins in sich trägt. Freund, Bruder oder Sohn, es gibt ganz
gewiß einfache, ewige Entwickelungsgesetze des Menschen, des Einzelnen,
wie des Menschengeschlechtes und der Menschheit im Allgemeinen; der
Deutsche, so trage ich die Ueberzeugung in mir eben als Deutscher, muß
diese Gesetze alle zuvor erkennen, anerkennen und ihnen nachleben. Ich
sehne mich recht danach, mich einmal wieder recht offen und klar darüber
auszusprechen und Dir die Grundanschauungen innerer und äußerer Le-
benserfahrungen mitzutheilen, worauf sich diese festen Ueberzeugungen grün-
den. - Was meinst Du, sollte es vielleicht in diesen osterlichen Tagen
geschehen können? - da hätte ich Zeit dazu und wir könnten uns dann
recht ruhig unsere gegenseitigen Lebenserfahrungen und die sich darauf
gründenden Lebensansichten mittheilen. Vielleicht könnte Dich dann auch
Freund H. [Härter] besuchen u. s. w. Grüße an Deine Principalschaft und freund-
lichen Gruß an Deine lieben Kinder! Stets             Dein Freund
Friedr. Fröbel.