Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in <Keilhau> v. 29.5.1848 (Bautzen)


F. an Luise Levin in <Keilhau> v. 29.5.1848 (Bautzen)
(Brieforiginal nicht überliefert, Abschrift von der Hand Luise F.s in BlM F 1058/46/2, Bl 163, ½ Bl fol 1 S. Edition in: Vereins-Zeitung des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin 7 (1892), No. 21, 5. Hier wird der Text der Abschrift wiedergegeben. Ferner 1. u. 2. Abschn. in engl. Übersetzung ed. in „Child-Life 1/ 1891, p.36. Bei „Bautzen“ handelt es sich um Bautzen in Sachsen, das F. selbst irrtümlich Schlesien zuordnet. Die Grenze zu Schlesien liegt in der Nähe.)

Bautzen in Schlesien [sc.: Sachsen] am 29 Mai 1848.


Sehr liebe Luise!

Aus Schlesien [sc.: Sachsen] den nächsten Brief an Sie zu schreiben, wie hätte
ich das ahnen können als ich Ihnen verflossenen Donnerstag in
Schalkau Lebewohl sagte; so reißt jetzt das Leben den Menschen
ohne seinen Willen zum Ziele.
Am Sonnabend Abends acht Uhr kam ich nach Leipzig. Sonn-
tags früh ging ich sogleich aus, um Kunde von der Lehrer-
versammlung zu erhalten, hörte, daß sie nicht in Leipzig
sondern in Oschatz sei, und daß die Betreffenden schon abge-
reist wären. Für mich gab es keine Wahl ich mußte nach´-
reisen. Von der Versammlung in Oschatz ist für Sie und mich
dieß das Wichtigste, daß den neuen Regierungen und nament-
lich der königlich sächsischen wie denen von Meiningen und
Coburg zur Pflicht, zur nicht zu erlassenden Pflicht gemacht
werden soll in jedem Orte, als unerläßliche begründende
Bildungsanstalt "Kindergärten" auf Kosten des Staates zu
errichten. — In Sachsen stehen die Sachen der Volkslehrer
so, daß nicht zu zweifeln ist die Forderungen des gesammten
Lehrerstandes werden erfüllt werden.-
Die versammelten Lehrer in Oschatz sprachen einmüthig aus, daß ich zur fer-
neren Begründung des Gesuches wie gerufen käme, daß ich
aber nothwendig nach Dresden müsse, um dort ausgeführte
Mittheilungen für ein bestimmtes Publikum zu machen.
Durch die weiteren Entwickelungen kam ich endlich hier-
her; doch kehre ich morgen nach Dresden zurück, wo heute
und morgen zu Vorführungen die Vorkehrungen getroffen
werden. Nur dies wollte ich Ihnen mit vielen Grüßen
schreiben. Schreiten die Entwickelungen so fort, so bedarf
ich fürs künftige Jahr hunderte von Kindergärtnerinnen.
In den Ihnen bekannten Gesinnungen unverändert Ihr Freund
Friedrich Fröbel.