Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an <Blankenburger> Frauen vom 16.6.1848 (Keilhau)


F. an <Blankenburger> Frauen vom 16.6.1848 (Keilhau)
(Es liegen zwei Dokumente vor: BN 45, Bl 1-2, dat. Entwurf 1 B 4° 3 S.; sowie BlM XVIII,2, Bl 30-31, Reinschrift 1 B +1Bl 4° 5 S.; Reinschr. ed. Pösche 1887, 199-205.)

a) Entwurf

Keilhau, Freitags am 16n Juni 1848 Morgens.


         Hochgeehrteste,
Edle, deutsche Frauen.

Im klaren Vollmondschein, bei licht heraufsteigendem Tagesanbruch sitze ich, so eben zurück-
gekehrt von meiner erzieherischen Wanderung, wieder einsam auf meinem stillen Stübchen
und sinne den Ergebnissen, den Blüthen und Früchten der jüngst wieder verlebten Wochen,
Tage und Stunden nach. ://: Wie der helle Morgenstern, - der leuchtende Vorbote der bald in aller
Reinheit hervortretenden, Alles gestaltenden und entfaltenden, die ganze Natur in ihrem regen,
freude[-] und friedvollen Leben, und in ihrer hohen Bedeutung, als Gottesoffenbarerinn, zeigenden
Sonne, - aus anbrechender Morgendämmerung; so steigt in meiner ruhig betrachtenden Seele
der Gedanke empor: -://: ”in dem sich selbst und gegenseitig erkennenden und anerkennenden
”weiblichen Wesen, - in der Erfassung der hohen weiblichen Würde und Bestimmung, wie
”in der Erfüllung der daraus hervorblühenden Wünsche und Hoffnungen des weiblichen Gemü-
”thes, die sich in hoher Begeisterung als Bestrebungen aussprechen und zur leben- und thatvollen Einigung hindrän[-]
”gen - geht der klare Morgenstern der neuen Zeit auf, welcher uns zunächst das baldige
”Erscheinen der Sonne deutscher freudiger Eintracht, deutschen friedigen Zusammenwirkens
”und deutschen freien Volks- und Nationallebens verkündet.” -
Ja, edle, deutsche Frauen, wie der Morgenstern zuerst unscheinbar und fast unbemerkt aus
der Dämmerung hervor und als Vorbote des neuen, sonnigen, den Einklang aller Dinge zeigenden
Tages immer höher emporsteigt; so verkündigt die, wie aus der Tiefe Ihres, gleich einem Heiligthum
in den Irren und Wirren des Lebens bewahrten Gemüthes mir entgegenblühende Begeisterung für
deutsche Frauen- und Jungfraueneinigung zu ächter Kindheitpflege, zu solcher Erziehung u. Bildung,
- nicht nur die Erscheinung eines neuen Geschlechtes, nein! das Erstehen eines ganzen neuen Volkes, einer,
zu einem höheren Daseyn wiedergebornen deutschen Nation, zu einer, ihrer selbst würdigen
Menschheit.-
Schwach sind die Andeutungen des Wesens und Glanzes deutschen Volks- und Familienlebens,
welches, durch den Gedanken an solch einiges Frauen- und Jungfrauenwirken hervorgerufen,
meine Seele erfüllt, allein für Sie, ächt deutsche Frauen, in deren Gemüthe und Geist sich
das ganze Menschheitliche des deutschen Volks- und Familienlebens, sey es nur noch in Ahnung,
sey es schon in Erfahrung abspiegelt, für Sie bedarf es auch nur dieser Andeutungen.
Doch alles Streben, so vor allem das zarte, sinnige, bescheidene und schüchterne des weiblichen
Gemüthes und Lebens fordert, wie es sich auch immer innerlich bestimmt manifestirt, so auch
äußerlich seine Anerkennung, es fordert, wie es sich in sich scheu gestaltet, so von außen die
Sonne, welche die im Innern gewonnenen Gestaltungen zur äußern Entfaltung bringen. -/
[1R]
Gestatten Sie mir nun, hochgeehrteste Frauen, Ihnen das auszusprechen, was ich in dem
vor mir aufgeschlagenen Buche des Geschickes der Menschheit überhaupt, aber zunächst des,
der deutschen Menschheit, des deutschen Volkes insbesondere lese, welches ich mich Ihnen zugleich
durch eine Kraft, durch eine Macht auszusprechen bestimmt getrieben fühle, gegen welche ich gar kei-
ne Appellation erkenne, indem es zugleich die Stimme meines eigensten innersten Wesens, also
eines Menschen, und dadurch eine individualisirte, eine wenn auch Einzelstimme doch so eine Stimme der Menschheit selbst ist: -
”In solcher begeisterten und begeisternden Erfassung und Erfüllung des weiblichen, menschheit-
”pflegenden, die Kindheit entwickelnd-erziehenden Berufes, wie sie sich so hehr im Heiligthu-
”me Ihres einfachen Gemüthes ausspricht, liegt die eine unerläßliche Bedingung
”zur Erreichung des Zieles der, zu einem höheren Daseyn, einer höheren Entwickelungs-
”stufe wieder- und neugebornen Menschheit überhaupt, wie der des deutschen Volkes,
”der deutschen Nation insbesondere.”
Pflegen Sie darum - diese Bitte Ihnen, hochgeschätzte Frauen, auszusprechen, dazu fühle ich
mich mit aller Kraft des, sich zu höherem Daseyn wieder- und neugebärenden Lebens in mir
gedrungen, und sie ist der eigentliche Zweck dieses Briefes - pflegen und nähren Sie da-
rum jene hohe Begeisterung jede von Ihnen zuerst in sich, beleben Sie solche immer von Neuem
durch Blicke und Lesen im eigenen, wie im Fremdleben, in dessen Entwickelungsgeschichte, so wie
solche Ihnen vorliegt und zugänglich ist, verglichen und vergleichend mit den Erscheinungen
in der Natur, deren Bedingungen und der Geschichte ihrer Entwickelung; genug, benutzen Sie
dazu jede Gelegenheit, welche sich Ihnen immer dazu darbiethet; es ist dieß ein Geschäft,
welches Sie Ihre hohe Würde und Bestimmung: ”das Göttliche durch die Kindheit in der Mensch-
heit und sie so selbst zu pflegen und zu entwickeln”, erfassen, derselben getreu leben macht. Und, was giebt es
Höheres als sich selbst so als Gotteskind und Gotte seinem Vater treu, somit sich ihm
dankbar zu wissen?! - Doch pflegen Sie auch diese Begeisterung zu höherer Lebenseini-
gung unter sich; das Abschwächen, ja das Erkalten derselben unter sich erscheine Ihnen mindestens
als Verkennung Ihrer selbst und der Anforderung, welche die Menschheit in Ihrer Stellung
an Sie in Ihrer Stellung wirklich zu machen ein Recht hat.://: O, ich bitte, erwägen Sie vor allem diesen
wichtigen Punkt, wir gehen im gewöhnlichen Leben gar zu leicht darüber hinweg: es
es ist groß[e] es ist unsere unerläßlich[e] Pflicht jeder an seinem Platze in seinem Lebens<wirken> nach unsern Kräften und Mitteln zur Gesun-
dung der Menschheit durch die aufkeimende Kindheit und in derselben aufkeimenden Kindheit mitzuwirken;und, überdieß
dieß ist es ja so leicht: es soll ja blos durch die Kraft der Gesinnung Gesinnung entwickelt, durch die Wahr-
heit der Überzeugung die gleiche Überzeugung hervorgerufen und durch die Wärme, durch das Feuer
der Begeisterung, die gleiche Macht derselben auch in Anderen entwickelt geweckt werden,
und gewiß gelingt Ihnen dieß, sey es zunächst auch nur bei Einigen, seyen es zuerst
auch sehr Wenige, bald werden sich zu diesen wieder Einige und so immer Mehrere und
Mehrere und diese sich immer enger und wärmer zusammen finden: Bestrebungen
werden gleiche Bestrebungen hervorkeimen machen und Entschlüsse die gleichen hervor-
blühen machen
zur Ausführung bringen. Wenig ist es was wir zunächst bedürfen: Worte <vor> aber einigende herzliche gestaltete und gestaltende Worte, und diesen Worten werden wenn wir sie ausdrücken auch Thaten folgen.
Die zweite Hälfte der Menschheit, das männliche Geschlecht wird daher wenn auch nur zunächst das
von seinem hohen erziehenden Berufe ebenso, wie Sie begeistert durchdrungene, /
[2]
wird Ihnen kräftig stützend und schützend zur Seite stehen. Es ist hierzu meiner Freude hier nicht nöthig, daß ich mit
dem Bewußtseyn meiner Bestimmung und Verpflichtung als Mann und Mensch dafür hier bürge einstehe; in Ihrem
eigenen FamilienKreise bezeugen Ihnen Söhne Brüder Schwager und Gatte Cusine und Vetter pflegen das was ich aussprach
durch die ihre Thun Gesinnung durch ihre Thaten Thun, so daß wir auf diese Weise dadurch mit Sicherheit - wenn auch schein-
bar mit kleinem Beginne, doch bei Ausdauer mit Sicherheit einer einigen vorbildl[iche] zunächst deutschen Menschheit, eines ächt
deutschens Volkes, nicht in einzelnen und vereinzelnden Erscheinungen, sondern Einigung
und Einigkeit als einer Eigenschaft des ganzen deutschen National-, des wahren deutschen
Volks- und des ächten deutschen Familienlebens wieder erhalten werden entgegen sehen können; denn was sonst
vereinzelt und Einzelgutes und Gutes seyn sollte, soll jetzt allgemein Gutes werden;
wie das, was Jesus für einzelne Kinder in Anspruch nahm, soll jetzt Eigenthum der
gesammten Kindheit und so thatsächlich der aus ihr hervorwachsenden gesammten Menschheit
werden soll; was sonst Wirkung eines lebenvollen Gefühles war, soll jetzt die
Frucht der aus dem höchsten einigen Leben geborenen, sich bewußten allgemeinen Menschheits-Vernunft werden.
Unterstützen Sie daher aber auch mit der Allgewalt Ihrer ganzen Gemüths- und Willens[-]
kraft, Edle, das Streben der für Menschheits- und Volkserziehung, für unseres deutschen Volkes Erziehung glühenden
und ganz hingegeben wirkenden Männer und Jünglinge, als ebenso auch *das den Ihrigen gleiche Streben der Männer u Jünglinge. Die zweite unerläß-
liche
Bedingung zur endlichen durchgreifenden Gesundung der Menschheit, und zunächst der
deutschen Menschheit, unseres deutschen Volkes ist aber auch: vereinzelt und alleinstehend von Ihnen und Ihrem Geschlecht nicht kräftigst unterstützt vermögen auch
wir mit unserm besten Willen mit unserer größten Kraft nichts; rein durch die Kindheit u in der Kindheit **in dem deutschen Familienleben zunächst ist es geboren und in jedem ächten Familienleben wird es von nun an immer wieder von Neuem in jedem Kinde durch jedes Kind geboren; nur vereint und geeint
mögen wir die beiden Geschlechter der Menschheit das hohe Ziel derselben Menschheit und so zunächst unseres Volkes und jeder Familie erreichen - unsern Beruf
unsere Bestimmung zu erfüllen. Denn Wie demnächst in der Familie dasKind er und dessen Bildung die sonst getrennt sich gegenüber
stehenden beiden Geschlechter zu gemeinsamer hingegebener Erfüllung ihres hohen Menschenbe-
rufes innig einigten, so lassen erkennen Sie [sc.: sie] auch im großen Ganzen die gesammte Kindheit als solche und deren Pflege pp nach
dem hohen Rathschlusse der Vorsehung als das einzig unfehlbare, ganz genügende
Mittel seyn, die, nach demselben hohen Rathschlusse der liebend leitenden Vorsehung in die
beiden Geschlechter getrennte Menschheit, zur wie der <einzelnen> wie freien wie wie der innig friedigen und freudigen Erfüllung
ihres Berufes, zu solcher voller Erreichung ihrer Bestimmung wieder innig zu einigen. Es ist hier, wie in der
Familie, wo in dem Kinde die Liebe beider Gatten ihr Ziel und ihre Nahrung in dem Kinde findet, das
höchste erreicht, daß nämlich Mittel und Zweck: ”Kindheit und Menschheit” - als ein innig Einiges hier
zusammenfallen, ja ein innig Einiges, die ”Menschheit” selbst und mit dieser, als der ewigen
Tochter, dem ewigen Kinde Gottes, selbst ein Einiges mit Gott ist, wie der Geist und
die Seele des Kindes ein Einiges mit der Seele, mit dem Geiste der Eltern und Gott. ***Wie er der höchste u größte Menschenfreund u Menschheitserzieher sagt ‘Den Kindern ist das
Reich des Friedens, und der Freude, der Einigung u der Wahrheit und: nur d[urc]h die Rückkehr zu der u in die Kindheit erringen wir es selbst erst Klarheit, so ist es die Rückkehr zur Kindheit deren Heilighalten u Pflege, welche auch die Menschheit auf Erden zum Himmel zum Frieden u Klarheit <Einigung> u Wahrheit u alles was daraus hervorleben u Früchte bringen wird.
Unterstützen Sie edle, deutsche Frauen darum aber auch mich, der ich von einem mächtigen unwi-
derstehlichen, dennoch aber auch liebend leitenden Geschicke zum Sprecher zum Vorkämpfer in dieser Angele-
genheit und Weise hervorgedrängt werde, denn ohne Sie vermag auch ich dennoch nichts, wie ich durch
nichts vermag ohne die Unterstützung auch meines Geschlechtes, mindestens zunächst
einer Mehrheit derer, welche mit mir die Überzeugung theilen daß Kindheit- und
Menschheitpflege ein ewig innig Einiges und ihre Verwirklichung für zur wirklichen Vollendung
der göttliche Beruf beider Geschlechter als auch dadurch aber auch wieder zu <reiner> Menschheit innig geeint[er] Geschlechter sey; -
doch bin ich auch dieser Unterstützung meines Geschlechtes wie des Ihren <ganz> gewiß und Sie Edle haben dafür merkwürdiger Weise
wieder wie oben den sprechenden thatsächlichen eben schlagedenen [sc.: schlagenden] Beweis in Ihrer eigenen GesammtFamilie ans Licht geboren wurde er in dem Ihnen und ich darf sagen uns geschenkten Engelskinde.-
So sehen Sie - und dieß ist der höchste Triumph der Wahrheit, des Erkannten des Ausgesprochen[en], - schon factisch
thatsächlich erreicht was wir, was ich anstrebe - Geboren ist das Heil der Welt!!! -
[Rand 2] lassen es bedarf nun nur desr Pflege des Schutzes. Auf! Auf! lassen Sie uns ihm beides von den zu einer Menschheit
geeinten Geschlechtern gewähren darreichen und so sey Gott mit uns, die Wahrheit wird uns frei machen und aus
in ihr und mit ihr Alles geben was wir bedürfen und was der Menschheit Erlöser ihr durch sein Leben geben wollte;
Jeder Einzelne - und das war sein Streben - wird es der Menschheit nun gleich ihm erstreben nach Maaßgabe seiner Kraft u Verhältnisse doch in gleicher Liebe geben.
[1R]
[Rand 1R] Nochmals, der einige Urquell alles Lebens durchströme u einige auch unser
Leben und die Liebe u Güte <wahre> Treue die sich in seinen Werken kund thut offenbare sich auch in unserm
Wirken Thun; sie seyen Liebe, Güte, Wahrheit Treue seyen darum auch dessen unzertrennliche Begleiterinnen, mögen
sie aber auch uns wie uns mit der Menschheit u zunächst mit unserm Volk u so mit jedem Einzelnen desselben in der Gegenwart und Zukunft zum Heil jedes Einzelnen u des G[an]zen <tatkräftig> zu blüthen- und früchtereichen Wirken einigen. I[hr] Fr Fr.

b) Reinschrift

[30]
Keilhau, Freitags am 16. Juni 1848 Morgens.


         Hochgeehrteste,
Edle, deutsche Frauen.

Im klaren Vollmondschein, bei leis sich entschleierndem Tage sitze ich, soeben zurückgekehrt
von meiner erziehlichen Reise wieder einsam auf meinem stillen Stübchen und sinne den
Ergebnissen, den Blüthen und Früchten der jüngstverlebten Wochen, Tage und Stunden nach.-
Wie der leuchtende Vorbote der bald in all ihrer Schönheit hervortretenden, Alles neu gestal-
tenden und entfaltenden, die ganze Natur in ihrem regen, fried- und freudvollen Leben, in ihrer
hohen Bedeutung als Gottoffenbarerinn zeigenden Sonne - der <halb>helle Morgenstern aus sanft
anbrechender Morgendämmerung; so steigt in meiner ruhig betrachtenden Seele der Gedanke empor-
”in dem sich selbst und gegenseitig erkennenden und anerkennenden weiblichen Wesen, - in
der Erfassung der hohen weiblichen Würde und Bestimmung, wie in der Erfüllung der daraus
erblühenden Wünsche und Hoffnungen des weiblichen Gemüthes, die sich in hoher Begeisterung
als Bestrebungen aussprechen, zur leben- und thatvollen Einigung hindrängen - geht der
klare Morgenstern der neuen Zeit auf, welcher uns zunächst das baldige Erscheinen der Sonne deutscher
freudiger Eintracht, deutschen friedigen Zusammenwirkens und deutschen
freien Volks- und Nationallebens verkündigt.”
Ja, edle deutsche Frauen, wie der Morgenstern zuerst unscheinbar und fast unbemerkt aus der
Dämmerung hervor[tritt], als Vorbote des neuen, sonnigen, den Einklang aller Dinge zeigenden Tages,
immer höher emporsteigt; so verkündigt die, aus der Tiefe Ihres klaren, in den Irren und Wirren
des Lebens gleich einem Heiligthum bewahrten Gemüthes mir entgegen blühende Begeisterung
für deutsche Frauen- und Jungfraueneinigung zu ächter Kindheitpflege, Erziehung und Bildung -
nicht nur die Erscheinung eines neuen Geschlechtes, nein das Erstehen eines neuen Volkes, einer,
zu einem höheren Daseyn wiedergeborenen deutschen Nation, zu einer, ihrer selbst würdigen
Menschheit.-
Schwach sind die Andeutungen des Wesens und der Würde des deutschen Volks- und Familienlebens,
welche durch den Gedanken an solch einiges Frauen- und Jungfrauenwirken hervorgerufen,
meine Seele <erfüllen>, allein für Sie, ächt deutsche Frauen, in deren Gemüthe und Geist sich
das ganze Menschheitliche des deutschen Volks- und Familienlebens, sey es nur noch in Ahnung,
sey es schon in Erfahrung abspiegelt, für Sie bedarf es auch nur dieser.
Doch alles Streben, so vor allem das zarte, sinnige, bescheidene und schüchterne des weiblichen
Gemüthes und Lebens fordert, wie es sich auch immer innerlich bestimmt manifestirt, so auch
äußerlich seine Anerkennung, es fordert, wie es sich auch in sich scheu gestaltet, so von außen
die Sonne, welche die im Innern gewonnene Gestaltung zur äußern Entfaltung bringe. -/
[30R]
Gestatten Sie mir nun, hochgeehrteste Frauen, Ihnen das auszusprechen, was ich in dem,
vor mir aufgeschlagenen Buche des Geschickes der Menschheit überhaupt, aber zunächst des, der
deutschen Menschheit, des deutschen Volkes insbesondere lese, welches ich mich zugleich durch eine
Macht auszusprechen getrieben fühle, gegen welche ich gar keine Appellation erkenne, in-
dem es zugleich die Stimme meines eigensten innersten Wesens, also eines Menschen, und
dadurch eine individualisirte, wenn auch so Einzelstimme, doch so eine Stimme der Menschheit selbst ist:
”In solcher begeisterten und begeisternden Erfassung und Erfüllung des weiblichen, mensch-
”heitpflegenden, die Kindheit entwickelnd-erziehenden Berufes, wie sie sich so hehr im
”Heiligthume Ihres klaren Gemüthes ausspricht, liegt die eine wesentliche Bedingung
”zur Erreichung des Zieles der, zu einem höheren Daseyn, einer höheren Entwickelungsstufe
”neugebornen Menschheit überhaupt, wie der, des deutschen Volkes insbesondere.”
Pflegen Sie darum - diese Bitte Ihnen, hochgeschätzte Frauen und Jungfrauen auszuspre-
chen, dazu fühle ich mich nicht minder mit aller Kraft, des sich zu höherem Daseyn neuge-
bärenden Lebens in mir gedrungen, und sie ist der eigentliche Zweck dieses Briefes -
pflegen und nähren Sie darum jene hohe Begeisterung jede von Ihnen zuerst in sich, bele-
ben Sie solche immer von Neuem durch Lesen im eigenen wie im Fremdleben, in dessen
Entwickelungsgeschichte, so weit solche Ihnen offen vorliegt; lesen Sie in den Büchern der
Gegenwart und Vergangenheit, so wie in denen welche mit geweihetem Seherauge die Zukunft
zu entschleiern suchen; forschen Sie in den Büchern der äußern wie der innern Geschichte der
Menschheit, ihrer Völker, Geschlechter und einzelner Menschen; alles dies vergleichend
mit den Erscheinungen der still schaffenden Natur, deren Bedingungen und der Geschichte ihrer
Entwickelung; genug, benutzen Sie zur stetigen Erhöhung und Fortwirkung Ihrer Begeisterung
jede Gelegenheit, welche sich Ihnen immer dazu darbietet, und sie ist da diese Gelegenheit, wo
immer Ihr beachtendes Auge seinen geistigen Blick hinwendet; es ist dieß ein Geschäft,
welches Sie Ihre hohe Würde und Bestimmung: -”das Göttliche durch die Kindheit in
der Menschheit und sie so selbst zu pflegen und zu entwickeln” - erfassen und derselben
getreu leben macht. - Was giebt es aber Höheres als sich selbst so als <Gottes Kind> und
so Gotte seinem Vater treu, somit sich ihm dankbar zu wissen?! -
Doch pflegen Sie auch, Edle! diese Begeisterung zu höherer Lebenseinigung unter sich;
das Abschwächen, das Erkalten derselben unter Ihnen erscheine Ihnen mindestens
als Verkennung Ihrer selbst und der Anforderung, welche die Menschheit in Sie in Ihrer
Lebensverkettung zu machen ein Recht hat. Wenige Menschen stehen in so glücklichen
Verhältnissen wie Sie, daß sie nach mehrfachen Richtungen und selbst nach <oben> hin wirken
können.
Und so suchen Sie auch die Empfänglichen Ihres Geschlechtes, es finden sich deren gewiß
in der Frauen- und Jungfrauenwelt Ihrer Lebenskreise, für frühe Kindheitpflege
und deren Ausübung zu gewinnen, zu begeistern, wo sich Ihnen immer durch die
Vielseitigkeit Ihrer Verbindungen dazu Gelegenheit bietet. O, ich bitte, erwägen /
[30a]
Sie vor allem diesen hochwichtigen Punkt, wir gehen im gewöhnlichen Leben gar zu leicht über ihn
hinweg: -es ist groß[e], es ist unsere unerläßliche Pflicht, daß ein Jeder in seiner Stellung nach Kräften
und Mitteln zur Gesundung der Menschheit, besonders durch Beachtung der aufkeimenden Kindheit und
in derselben mitwirke; überdieß ist es ja so leicht - es soll ja blos durch die Kraft der Gesinnung,
tüchtige Gesinnung entwickelt, durch die Macht der Wahrheit dieser der Weg gebahnt und der Boden be-
reitet, durch die Allgewalt der Überzeugung die gleiche Überzeugung hervorgerufen und durch
die Wärme, durch das Feuer der Begeisterung die Macht derselben auch in Andern geweckt werden;
und gewiß gelingt Ihnen dieses, sey es zunächst auch nur bei Einigen Ihres Geschlechtes, seyen es deren zunächst auch sehr wenige, bald werden sich zu diesen durch Ausdauer des Wirkens wie-der einige und so immer mehr und mehrere, endlich diese auch immer enger und wärmer zu-
sammen finden: Bestrebungen werden die gleichen Bestrebungen hervorkeimen machen und Entschlüsse die gleichen in Andern zur Ausführung bringen.
Auch die andere gleichunerläßliche Bedingung zur endlichen, durchgreifenden Gesundung der
Menschheit, zunächst unseres Volkes, die erziehende Mitwirkung der zweiten Hälfte der Mensch-
heit, des männlichen Geschlechtes , geht ihrer vollkommenen Erfüllung entgegen, so daß
Ihnen und Ihrem Geschlechte, wenn auch nur zuerst die, von der hohen Wichtigkeit der Erziehung
überhaupt, wie besonders von der entsprechenden frühen Kindheitpflege ebenso wie Sie durch-
drungenen Männer und Jünglinge kräftigst stützend und schützend zur Seite stehen. Es ist,
zu meiner Freude nicht nöthig, daß ich mit dem Bewußtseyn meiner Bestimmung und
Verpflichtung als Mensch und Mann dafür als Bürge einstehe; in Ihrem eigenen, schöngeein-
ten Familienkreis bezeugen Ihnen Söhne Brüder Schwäger und Gatte, Oheim und Vettern
das, was ich aussprach, durch ihre Gesinnung durch ihr Thun, so daß wir dadurch schon, wenn
auch mit kleinem Beginne, doch bei Stetigkeit und Ausdauer der Fortwirkung mit Sicherheit
einer einigen deutschen Menschheit, einem ächt deutschen Volk, nicht in einzelnen und verein-
zelten Erscheinungen, sondern in Einigung und Eintracht, als einer Eigenschaft des deutschen
National- und Volkslebens wieder entgegen sehen können; denn was sonst vereinzelt
und Einzelgutes seyn sollte, das soll jetzt Allgemeingutes werden; wie das, was Jesus
für einzelne Kinder in Anspruch nahm, jetzt Eigenthum der gesammten Kindheit und so
thatsächlich der aus ihr hervorwachsenden gesammten Menschheit werden soll; was sonst
Wirkung eines Gefühles oder eines alleinstehenden Gedankens war, soll jetzt die Frucht der,
aus dem höchsten einigen Leben geborenen, sich klar bewußten allgemeinen Menschheitsvernunft werden.
Unterstützen Sie, Edle, daher auch mit der Allgewalt Ihrer ganzen Gemüths- und Willenskraft
das ernste Streben der für Menschheit und Volkserziehung, für unseres deutschen Volkes Erziehung
glühenden und ihr ganz hingegebenen Männer und Jünglinge; vereinzelt und alleinstehend,
von Ihnen und Ihrem Geschlecht nicht thätigst, ausdauernd unterstützt, vermögen auch wir
mit unserm besten Willen mit unserer größten Kraft nichts durchgreifend Genügendes
nicht einmal in der einzelnen Familie und für dieselbe, noch weniger also für unser Volk
und am wenigsten für die Menschheit, welche doch Hülfe und gesundung soheiß ersehnt. /
[30aR]
Nur geeint, einig und durch die Kindheit deren Pflege und Erziehung mögen die beiden Geschlechter
der Menschheit das hohe Ziel derselben, so unseres Volkes und jeder Familie erreichen: - unsern
Beruf, unsere Bestimmung zu erfüllen. Denn wie in der Familie das Kind, dessen Pflege pp,
die sonst getrennt sich gegenüberstehenden beiden Geschlechter als Eltern zu gemeinsamer hingege-
bener Erfüllung ihres hohen Menschenberufes innig einigt, so zeigt sich auch nach dem hohen Rath-
schlusse der Vorsehung in dem großen MenschheitsGanzen die gesammte, sich immer er-
neuende ”Kindheit”, deren Pflege pp als die einzig unfehlbare, ganz genügende Bedingung
und als Mittel die, nach demselben hohen Rathschlusse in die ”beiden Geschlechter” getrennte
eine Menschheit, gleichsam als ihr Gärtner zur freien, friedigen und freudigen Erfüllung
ihres Berufes, zu voller Erreichung ihrer Bestimmung wieder innig zu einigen, und so in diesem
”Dreiklange” die Menschheit in ihrem hohen ”Einklange” wieder rein darzustellen. Es ist hier,
- wie in der Familie, wo in dem ”Kinde” die Liebe ”beider” Gatten ihre Nahrung, ihr Ziel, ihre
Einigung, ja selbst die mit ihrem Gotte und Vater findet, - das ”Höchste” erreicht, das nämlich, daß Mittel und Zweck, Bedingung und Bestimmung: ”Kindheit und Menschheit” - als
ein innig Einiges hier zusammenfallen, ja, daß das Einige die ”Menschheit” selbst ist, und
mit dieser, als dem ewigen Kinde Gottes, selbst ein Einiges mit ”Gotte”. -
Wie er, der größte Menschenfreund, der höchste Menschenerzieher sagt: - Den Kindern ist das
Reich des Friedens und der Klarheit, der Eingung u der Wahrheit und: nur durch Rückkehr zu
der Kindheit und in dieselbe erringen wir es selbst wieder, dieses Reich, so ist die Rückkehr zu der
Kindheit, deren Heilighaltung u Pflege es einzig nur, welche auch der Menschheit auf Erden
jene Himmelsgüter, Friede und Klarheit, Einigung u Wahrheit u alles was das mit Nothwen-
digkeit daraus hervorblühet und fruchtet: - Gesundung und Freudigkeit bringen wird.
Unterstützen Sie darum, edle deutsche Frauen, in dem Ihnen vielfach Dargelegten, gleich ei-
nem Gärtner das Kind entwickelnd-erziehenden Streben auch mich, der ich von einem mächtigen,
- von mir in seinen Wegen, Mitteln, Ziel und Zweck klar erkannt - liebend zum Besten zum
Höchsten leitenden, darum unwiderstehlich waltenden Geschicke zum Sprecher und Vorkämp-
fer in dieser Angelegenheit und Weise hervorgedrängt werde, denn ohne Sie, ohne die
kräftige Mitwirkung Ihres Geschlechtes vermag auch ich dennoch nichts, wie ich auch wieder
nichts vermag ohne die thätigst eingreifende Unterstützung auch meines Geschlechtes, denn
ich bin nur der dritte in diesem heiligen Bunde, in diesem einigen, heiligen Dreiklange, ich
bin blos der Vertreter der noch schuldlosen unmündigen Kindheit; darum ich, gleich einem
hülflosen Kinde auch nichts vermag ohne mindestens einer Mehrheit in beiden Ge-
schlechtern, welche mit mir die - schon vom großen Kinderfreunde ausgesprochene, nun
aber endlich in allgemeiner Anwendung kommen sollende - Überzeugung theilen daß
Kindheit und Menschheitpflege ein ewig in sich Einiges, und ihre Verwirklichung der
göttliche Beruf beider - sich ihres Wesens und ihrer Stellung zu einander klar bewußten,
dadurch aber auch wieder zu Einer Menschheit innig geeinter Geschlechter sey; -
Wie ich jedoch voll Vertrauen Ihrer und Ihres Geschlechtes Unterstützung entgegen /
[31]
sehe, so bin ich auch der, meines Geschlechtes gewiß; und Sie, edle Frauen, haben auch dafür wieder
merkwürdigerweise, den sprechenden, schon oben gedachten thatsächlichen Beweis in Ihrer eigenen,
darum so hochachtbaren und in ihrem Wirken so sorgsam zu pflegende GesammtFamilie. So sehen
Sie; - und dieß ist der höchste Triumph der Wahrheit des Erkannten und Ausgesprochenen, - so sehen
Sie schon thatsächlich erreicht, was die Menschheit sich jetzt erstrebt: - innere Einigung bei äuße-
rer Trennung, fühlbare Einheit in der sichtbaren Mannigfaltigkeit, in der Verschiedenheit der Erscheinung
den hohen Einklang alles Seyenden, in der Freiheit des Wollens das Gesetz des Lebens: - Geboren ist
darum schon von Neuem das Heil der Welt, in dem deutschen Familienleben zunächst ist es geboren
und in jedem ächten Familienleben wird es von nun an immer wieder von Neuem in jedem Kinde
durch jedes Kind geboren werden, es bedarf nur des Schutzes, der Pflege. Auf! lassen Sie uns ihm
beides von den, zu Einer Menschheit geeinten Geschlechtern reichen; und so sey der Urquell aller Wahrheit mit uns! Denn nur die Wahrheit und unser Handeln was in der Wahrheit seinen Grund
hat, wird uns frei machen und uns in und mit ihr alles geben was wir bedürfen und was schon
vor Jahrtausenden der Menschheiterlöser durch sein Leben durch sein Lieben ihr geben wollte. Der
Einzelne jedes Geschlechtes- und das war sein Streben - wird es von nun an gleich ihm erstreben,
gleich ihm, das heißt in gleicher Liebe durch sein Leben und in seinem Leben, jedoch nach Maaß-
gabe seiner Kraft u Verhältnisse.
Nochmals, der einige Urquell alles Lebens durchströme u einige auch unser Leben,
die Liebe, Güte, Wahrheit, Treue, die sich in seinem Wirken kund thut offenbare sich auch in un-
serm Thun; sie seien darum auch dessen unzertrennliche Begleiterinnen; mögen Sie darum
auch die vier, nun auch auf Erden, ”Unzertrennlichen” uns, wie uns mit der Menschheit und
zunächst mit unserm Volk u so mit jedem Einzelnen desselben in der Gegenwart und Zukunft,
zum Heil jedes Einzelnen und des Ganzen thatkräftig, zu blüthen- und früchtereichen Wirken einigen, damit das bisher nur jenseitig Friedige nun auch ein dießseitiges
werde und der Seele dießseits Freudiges nun auch ein jenseitiges bleibe, die Erde somit
auch ein Theil des Himmels und die Menschheit im Bewußtseyn und Thun werde, was sie
schon ihrem Wesen nach ist - eine freie Tochter Gottes. -
In dieser Gesinnung Ihnen hochgeehrte edle deutsche Frauen und all Ihren Lieben
ein gegenseitiges uns einigendes und einiges Lebewohl. -
FriedrichFröbel.