Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Thekla von Gumpert in Dresden v. 23.6./23.7.1848 (Keilhau)


F. an Thekla von Gumpert in Dresden v. 23.6./23.7.1848 (Keilhau)
(Es liegen drei Texte vor: a) dat. Entwurf in BN 730a, Bl 5-7, 1½ B 8° 6 S; b) korrigierte Abschrift ebenfalls vom 23. 6.1848 von Fs. Hand in BN 730a, Bl 8-9, 1 B 8° 4 S.; c) Abschrift von F.s Hand dat. 23.7.1848 in BN 730a, Bl 10-11, 1 B 8° 4 S. Der Text c) wurde ed. Pösche 1887, 206-209 als Brief mit Schlußfloskel und durchgängiger Änderung aller Pluralformen einschließlich Anrede in Singular, Auslassung einer Passage von Bl 10R unten.)
(Entwurf Verhältnis Originalzeile : Transkriptionsziele nicht 1:1)

a) Entwurf

Keilhau bei Rudolstadt am 23 Juni 1848.

Verehrte Fräulein.

Werden Sie mir wohl verzeihen mir zu erlauben schriftlich bei Ihnen einzusprechen?- Doch die Gedanken welche uns in den letzten Stunden meiner jüngsten Anwesenheit in Dresden beschäftigten haben einen so tiefen Eindruck auf mein Inneres gemacht, haben so wichtige, das Leben in seinem eigensten Wesen erfassende Entwickelungen in mir hervorgerufen, daß ich mich gedrungen fühle dieselben in weiteren Mittheilungen mit Ihnen zu gestalten, zu entfalten. Es dünkt mich, wir müssen dabei als die erste große Thatsache der Gegenwart festhalten: das Leben geht täglich immer mehr in allen seinen Verhältnissen dem Zerfallen, der Auflösung entgegen. Die zweite große Thatsache die sich unmittelbar daran anschließt ist die der Natur und des großen Lebensganzen: - daß überall in der Natur und im Leben wo sich Zerfallen und Auflösen zeigt, d[a]rinn neue Entwickelung keimt auch daraus bald dem, der nur Sinn und Auge dafür hat, in bestimmter Gestalt emporsteigt, jeder, welcher also die Zeit in ihren Erscheinungen verstehen, erfassen und darin für die augenblicklichen, so wie für die bleibenden Forderungen des Lebens das Beste ergreifen und pflegend beachten will, - und welcher vernünftige Mensch wollte dieß nicht - der muß vor Allem seinen Sinn und sein Auge für die Erkennung und Anerkennung jener Entfaltungen und Gestaltungen entwickeln; dann tritt ihm auch die dritte große, ja für die Erfüllung des Berufes /
[5R]
und der Bestimmung jedes Einzelnen wie jedes Ganzen höchst wichtige Lebensthatsache entgegen, daß nirgends ein blinder Zufall sondern in Allem durch eine liebend-leitende Vorsehung ein ewiges, sich in unzählige, doch immer lebenvoll und innig zusammenhängende Einzelgesetze entfaltendes, aber in sich einiges Gesetz, und so bis in die kleinste Lebenserscheinung herab, waltet.
Lassen Sie uns, verehrte Fräulein, zunächst diese drei Hauptlebensthatsachen auch auf unser - und ich glaube, eben durch jenes große Lebensgesetz hervorgerufenes Zusammenfinden anwenden: auch es hat seinen innersten Grund in dem, aus dem jetzigen Zerfallen und Auflösen aller Lebensverhältnisse, nach ewigem Gesetze sich entwickeln und gestalten sollenden, ja sich eben jetzt schon entwickelnden Keime eines neuen Lebens, eines Lebens zuhöherem, reineren, fried- und freudvolleren menschlichem Daseyn. Die Fortentwickelung und Pflege dieses neuen Lebenskeimes hängt von den jetzt lebenden Menschen ab, wir gehören aber zu denselben; sie hängt, diese, zu schöner Gestaltung und reiner Entfaltung führende Entwickelung, besonders von den, an innern und äußern Lebenserfahrungen reichen, sich ihres menschheitlichen Berufes klar bewußten, willens- und thatkräftigen, jeder in seiner Stellung und in seiner Weise thatfertigen Menschen ab; und wir dürfen uns in reinster ungetrübter Bescheidenheit zu diesen rechnen. Wo es aber etwas zu /
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entwickeln, zu pflegen giebt, da erfordert es vor Allem des weiblichen Lebens und Sinnes, des weiblichen Gemüthes u. Handelns, das haben Sie uns ja selbst so schön durch Ihre lieblichen Dichtungen gelehrt. Also an die Frauenwelt an das Frauengemüth, vor Allem an die edle Frauenwelt, an das edle, sich seines Wesens wie seines hohen Berufes klar bewußtes Frauengemüth müssen wir uns mit der Bitte um Pflege, um Gestaltung und Entfaltung des sich jetzt so kräftig zu entwickeln strebenden Keimes des neuen Lebens, vertrauensvoll wenden. Dieß Hiernach war auch das Ergebniß der kurzen Zeit unserer Lebensmittheilungen, so wie die beiderseitige feste Überzeugung: daß der Keim zu neuem Lebensdaseyn in der darum sich auch immer erneuenden Kindheit ruhe, aus ihr hervor Wurzel und Stamm treibe; deßhalb, nicht nur überhaupt edles Frauen- und Jungfrauenwirken für ächte Kindheitpflege zu einen, war das Ergebniß unseres Gedankens und Willensaustausches, sondern besonders auch, die edlen, hoch- und höchstgestellten Frauen für dieß menschenwürdige Streben zu gewinnen, welche mit dem Willen auch die Mittel, mit der Idee zugleich den Stoff und mit dem Streben zugleich auch die Macht der Ausführung besitzen; doch vergessen wir hierbei die ungeheure, die gewaltige Lehre der Zeit nicht, daß das Haben und Nichthaben, das Besitzen und Nichtbesitzen von all diesen wirklich oft nur von einem Blick des Auges nur von einem Hauch abhängt; daß es gleichsam in der Hand /
[6R]
eines Augenblickes ruht heut der Wohlthäter seines Volkes ja der Menschheit zu seyn und morgen als der Verräther an beidem angeklagt zu werden. Jeder und vor Allem die jetzt noch lilienrein dastehende[n] Frauen, edle, hoch- und höchstgestellte Frauenwelt möge sich hüten, daß das verhängnißvolle Wort "zu spät" nicht Trübung, Schatten auf diese hehre Reinheit werfe. Möchten, o möchten dieß unsere Königinnen, Fürstinnen und alle hochgestellten, einflußreichen, edlen Frauen doch ja bedenken, damit durch sie, durch das so tief als wahr empfindende weibliche Geschlecht unserm Volke, der Menschheit, der Mit- und der Nachwelt noch gerettet werde, was denselben, nachdem ihnen von dem männlichen Geschlechte so viel genommen wurde, denselben noch von des Lebens höchsten Gütern noch übrig ist. Möchte es in dem großen Völkerhaushalte, ich möchte sagen in der großen Menschheitsehe geschehen, was so oft im Familienhaushalte, und so oft in der wirklichen Ehe geschiehet eintritt und zum Heil und Bestehen des Ganzen geschehen muß daß, wo Mannesleben, selbst Edles vernichtet, es Frauenliebe von Neuem belebt, aufrichtet.
Dieß, hochgeschätzte Fräulein, Ihnen auszusprechen, ist der eigentliche Zweck dieses Briefes nebst dem, Ihnen für Ihr gütig mir geschenktes Wohlwollen Vertrauen, dadurch zugleich nochmals in meiner Weise zu danken. Nur Vertrauen ist des Vertrauens ächter Dank[.] Ich hätte ihn leicht an die Spitze des Briefes setzen können; allein unwillkührlich [sc.: unwillkürlich] entwickeln sich mir auf dem Papiere die Ideen immer wieder von Neuem so, wie sie Anfangs in mir entstanden sind, was hinsichtlich ihrer Wahrheit auch wieder sein Gutes, freilich für die lieben Briefempfänger oft etwas Langweiliges hat. Möchten Sie Dasselbe finden Sie vielleicht nicht auch in dem Briefe bestätigt finden, welchen ich [ich] mir erlaube hier beizufügen. Ich lege ihn eigentlich eigentlich [2x] mit ganz in derselben Absicht hier bei in welcher ich diesen schrieb; hier /
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beilege. Er bezieht sich auch auf die Wirklichkeit und ist aus derselben gleich diesem hervorgegangen, nur, daß er an eine Mehrheit edler Frauen gerichtet ist, welche aber auch von dem Gedanken, durch Frauen- und Jungfraueneinigung für zeitgemäße entsprechende Kindheitpflege und so wieder für häusliches Glück und Volkswohl zu wirken, begeistert sind. Ich glaubte Ihnen, hochgeschätzte Fräulein, diesen Brief nicht vorenthalten zu dürfen, da Sie ja noch überdieß mit diesem schönen hochachtbaren Frauenkreis, welcher durch ein inniges Lebensband gleichsam auch nur Eine Person ist, hinsichtlich Ihres Kindheitpflegenden Sinnes auf der gleichen Stufe unvergänglich seegensreichen Wirkens stehen; doch ist Weil der Ideengang jenes Briefes ein anderer ist, so glaube hoffe ich, daß sie sich beide gegenseitig erläutern, ergänzen, wünsche es wenigstens hinsichtlich des mir wichtigsten Gedankens: daß Ein einzig großes Lebensgesetz, sich ins Unendliche stets im innigen Zusammenhang individualisirt entfaltend, in dem großen Menschheits- und Lebensganzen herrscht, daß wir uns bemühen müssen dieses, durch Alles durchgreifende Gesetz zu erkennen, und, so weit wir dieß im Stande [sind], mit Freiheit und Selbstwahl in unserm Leben in Anwendung zu bringen, demselben nachzuleben.
Und Dieses große allgemein durchgehende Lebensgesetz spricht sich wie überall, so besonders in dem Verhältniß der Geschlechter zu einander und in der Familie in dem Verhältniß von Vater, Mutter u Kind aus. u.s.w. Daher ist die Pflege des Familienlebens besonders hochzuachten, ja heilig zu halten, denn in ihm ruht u. keimt das Wohl der Völker, das Heil der Menschheit. Dieser Gedanke, diese Überzeugung liegt da- /
[7R]
[rum] auch den von mir ins Leben gerufenen Kindergärten z. Grunde.
Die Grundidee meines Wirkens, welche diese beiden Briefe andeuten ist auch die, welche darum den von mir ins Leben gerufenen "Kindergärten" zum Grunde liegt.
Freunde derselben haben mich aufgefordert dieselben einer öffentlichen Prüfung derselben durch angemessene praktische Vorführung ihres Wesens zu übergeben möglich zu machen und zu derselben öffentlich einzuladen. Ich erlaube mir hier zu geneigtem Gebrauche Ihnen die öffentliche Einladung dazu in einigen Exemplaren dieser Einladung beizulegen. Sobald das Weitere über Zeit und Ort entschieden seyn wird, werde ich mir erlauben Ihnen auch dieß mitzutheilen.
Eben als ich diesen Brief schließen will, empfange ich eine Anzahl des Programm[es] für die 2te allgemeine sächsische Lehrerversammlung. Indem darinn, die Kindergärten in ihrer wahren Stelle als organisches Glied der allgemeinen Volkserziehung erscheinen und das Wesen derselben darin kurz angedeutet ist, so erlaube ich mir wegen der Wichtigkeit dieser Thatsache zu Ihrem förderlichen Gebrauche auch ein Exemplar hier beizulegen.
Freuen würde es mich, wenn Sie sich hochgeehrte Fräulein sich recht bald veranlaßt sehen sollten mich mit einiger Nachricht von dem Erfolge Ihrer Bemühung durch für Ausführung und Verbreitung zeitgemäßer früher Kinderpflege in Kindergärten allgemeiner reine Lebensfreude in den Familien heimisch zu machen, ja den Volksfrieden dadurch mit herbei zuführen und den einst errungenen dadurch mit zu befestigen - in gütigen Zeilen beehren wollten.
Mit ausgezeichneter Hochschätzung, verehrte Fräulein
Ihr
Ergebener
FriedrichFröbel

b) korrigierte Abschrift

[8]
Abschrift.

      Keilhau b. Rudolstadt am 23 Juni 48.

Verehrte Fräulein.

Werden Sie mir wohl verzeihen schriftlich bei Ihnen einzusprechen?- Doch die Gedanken welche uns in den letzten Stunden meiner jüngsten Anwesenheit in Dresden so lebhaft beschäftigten haben einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, haben so wichtige, das Leben in seinem eigensten Wesen erfassende Entwickelungen in mir hervorgerufen, daß ich mich gedrungen fühle dieselben in weiteren Mittheilungen mit Ihnen zu gestalten, zu entfalten.- Es dünkt mich, wir müssen dabei als die erste große Thatsache der Gegenwart festhalten: das Leben geht täglich immer mehr in allen seinen Verhältnissen dem Zerfallen, der Auflösung entgegen.- Die zweite große Thatsache, die sich unmittelbar daran anschließt ist die der Natur und des großen Lebensganzen: - daß überall in der Natur und im Leben wo sich Zerfallen u. Auflösen zeigt, d[a]rinn neue Entwickelung keimt, auch daraus bald dem, der nur Sinn und Auge dafür hat, in bestimmter Gestalt emporsteigt; Jeder, welcher also die Zeit in ihren Erscheinungen verstehen, erfassen und darin für die augenblicklichen, so wie für die bleibenden Forderungen des Lebens das Beste ergreifen und pflegend beachten will, - und welcher vernünftige Mensch wollte dieß nicht - der muß vor Allem seinen Sinn und sein Auge für die Erkennung und Anerkennung jener Entfaltungen und Gestaltungen entwickeln; dann tritt ihm auch die dritte große, ja für die Erfüllung des Berufes und der Bestimmung jedes Einzelnen wie jedes Ganzen höchst wichtige Lebensthatsache entgegen, daß nirgends ein blinder Zufall sondern in Allem, durch eine liebend-leitende Vorsehung ein ewiges, sich in unzählige, doch immer lebenvoll u. innig zusammenhängende Einzelgesetze entfaltendes, aber in sich einiges Gesetz, und so bis in die kleinste Lebenserscheinung herab, waltet.-
Lassen Sie uns, verehrte Fräulein, zunächst diese drei Hauptlebensthatsachen auch auf unser - und ich glaube, eben durch jenes große Lebensgesetz hervorgerufenes Zusammenfinden anwenden: - auch es hat seinen innersten Grund in dem, aus dem jetzigen Zerfallen und Auflösen aller Lebensverhältnisse, nach ewigem Gesetze sich entwickeln und gestalten sollenden, ja sich eben jetzt schon entwickelnden Keime eines neuen Lebens, eines Lebens zu höherem, reineren, fried- und freudvolleren menschlichen Daseyn. Die Fortentwickelung und Pflege dieses neuen Lebenskeimes hängt von den jetzt lebenden Menschen ab, wir gehören aber zu denselben; sie hängt diese, zu schöner Gestaltung und reiner Entfaltung führende Entwickelung, besonders von den, an /
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innern und äußern LebensErfahrungen reichen, sich ihres menschheitlichen Berufes klar bewußten, willens- u. thatkräftigen, jeder in seiner Stellung und Weise thatfertigen Menschen ab; und wir dürfen uns in reinster ungetrübter Bescheidenheit auch zu diesen rechnen.-
Wo es aber etwas zu entwickeln, zu pflegen giebt, da erfordert es vor Allem des weiblichen Lebens und Sinnes, des weiblichen Gemüthes und Handelns, das haben Sie uns ja selbst so schön durch Ihre lieblichen Dichtungen gelehrt.- Also an die Frauenwelt, an das Frauengemüth, vor Allem an die edle Frauenwelt, an das edle, sich seines Wesens, wie seines hohen Berufes klar bewußte Frauengemüth müssen wir uns mit der Bitte um Pflege und Gestaltung des sich jetzt so kräftig zu entwickeln strebenden Keimes des neuen Lebens, vertrauensvoll wenden.-
Dieß Hiernach war nun auch das Ergebniß der kurzen Zeit unserer Lebensmittheilungen, so wie die beiderseitige feste Überzeugung: - daß der Keim zu neuem Lebensdaseyn in der, darum sich auch immer erneuenden "Kindheit" ruhe, aus ihr hervor Wurzel und Stamm treibe; deßhalb, nicht nur überhaupt edles Frauen- und Jungfrauenwirken für ächte Kindheitpflege zu einen, war das Ergebniß unseres Gedankens- und Willensaustausches, sondern namentlich auch, die edlen, hoch- und höchstgestellten Frauen für dieß, nicht nur menschenwürdige, sondern wirklich dringende Streben zu gewinnen, welche mit dem Willen auch die Mittel, mit der Idee zugleich den Stoff und mit dem Streben zugleich auch die Macht der Ausführung besitzen; doch vergessen wir dabei die gewaltige, sich in den ungeheuersten Ereignissen sich ausgesprochene Lehre der Zeit nicht: - "daß das Haben und Nichthaben, das Besitzen und Nichtbesitzen von all dem Genannten wirklich oft nur von einem Blick des Auges, nur von einem leisen Hauche des Mundes, einem Worte abhängt; daß es gleichsam in der Hand des eines Augenblickes ruht heut der Wohlthäter seines Volkes, ja der Menschheit zu seyn und morgen als der Verräther von beidem angeklagt zu werden. Jeder und vor Allem die jetzt noch lilienrein dastehenden Frauen, edle, hoch- und höchstgestellte gestellte [2x] Frauenwelt möge sich hüten achtsam sein, daß das verhängnißvolle Wort "zu spät" nicht Trübung und Schatten auf diese hehre Reinheit werfe. Möchten, o möchten dieß unsere Königinnen, Fürstinnen und alle hochgestellten, einflußreichen edlen Frauen doch ja bedenken; möchten sie bedenken was jetzt die liebend-leitende Vorsehung, die ewige Vatergüte jetzt abermals zur Begründung von Familien- und Völkerglück, zur Aussaat von Einzel- und Gesammtwohl, durch /
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die Einladung, ja Aufforderung zu thatkräftiger Förderung erfolgreicher frühen Kindheitpflege in Familien und Kindergärten - in ihre Hand, ja an ihr Herz legt; - damit durch sie, durch das so tief als wahr empfindende weibliche Geschlecht unserm Volke, der Menschheit, der Mit- und der Nachwelt noch gerettet werde, was denselben - nachdem ihnen von dem männlichen Geschlechte so viel genommen wurde, - denselben von des Lebens höchsten Gütern noch übrig ist.
Möchte es in dem großen Völkerhaushalte, ich möchte sagen in der großen Menschheitsehe geschehen, was so oft im Familienhaushalte, in der wirklichen Ehe eintritt und zum Heil und Besten des Ganzen geschehen muß, daß, wo Mannesleben, selbst Edles vernichtet, es Frauenliebe von Neuem belebt, aufrichtet.
Dieß, hochgeschätzte Fräulein, Ihnen auszusprechen, ist der eigentliche Zweck dieses Briefes nebst dem - Ihnen für Ihr gütig mir geschenktes Wohlwollen Vertrauen, dadurch zugleich nochmals in meiner Weise zu danken, nur Vertrauen ist des Vertrauens ächter Dank. Ich hätte denselben leicht an die Spitze des Briefes setzen können; allein unwillkührlich [sc.: unwillkürlich] entwickeln sich mir auf dem Papiere die Ideen immer wieder von Neuem so, wie sie Anfangs in mir entstanden sind, was hinsichtlich ihrer innern Wahrheit auch wieder sein Gutes hat, freilich für die lieben Briefleser oft etwas Langweiliges hat. Dasselbe finden Möchten Sie vielleicht dasselbe nicht auch in dem Briefe bestätigt finden welchen ich mir erlaube hier beizufügen. Ich lege ihn eigentlich ganz in derselben Absicht hier bei, in welcher ich diesen Brief schrieb hier beilege. Er bezieht sich auch auf die Wirklichkeit und ist aus derselben gleich diesem hervorgegangen, nur daß er an eine Mehrheit edler Frauen gerichtet ist, welche aber auch von dem Gedanken: - durch Frauen- und Jungfraueneinigung für zeitgemäße entsprechende Kindheitpflege und so wieder für häusliches Glück und Volkswohl zu wirken - begeistert sind. Ich glaubte Ihnen, hochgeschätzte Fräulein, diesen Brief nicht vorenthalten zu dürfen, da Sie ja noch überdieß mit diesem schönen, hochachtbaren Frauenkreis, welcher durch ein inniges Lebensband gleichsam auch nur Eine Person ist, hinsichtlich Ihres kindheitpflegenden Sinnes auf der gleichen Stufe unvergänglich seegensreichen Wirkens stehen; doch da jedoch ist der Ideengang jenes Briefes ein anderer ist, so hoffe glaube ich, /
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ich [2x], daß sie sich beide gegenseitig erläutern, ergänzen, wünsche es wenigstens hinsichtlich des mir wichtigsten Gedankens: daß Ein einzig großes Lebensgesetz, sich ins Unendliche stets im innigen Zusammenhang individualisirend entfaltend, in dem Menschheits- und Lebensganzen herrscht, daß wir uns bemühen müssen dieses, durch Alles durchgreifende Gesetz zu erkennen und, so weit wir dieß im Stande sind, mit Selbstwahl und Freiheit in unserm Leben in Anwendung zu bringen, demselben nachzuleben. Dieses große, allgemein durchgehende Lebensgesetz spricht sich wie überall, so besonders in dem Verhältniße der Geschlechter zu einander, darum so rein und klar als einfach in der Familie, in dem Verhältnisse von Vater, Mutter und Kind usw. aus. Daher ist die Pflege des Familienlebens besonders hochzuachten, ja heilig zu halten, denn in ihm ruht und keimt das Wohl der Völker, das Heil der Menschheit. Dieser Gedanke, diese Überzeugung liegt darum auch den von mir ins Leben gerufenen Kindergärten zum Grunde. Freunde derselben haben mich aufgefordert eine öffentliche Prüfung derselben durch angemessene praktische Vorführung ihres Wesens - möglich zu machen und zu derselben dieser öffentlich einzuladen. Ich erlaube mir hier zu geneigtem Gebrauch Ihnen einige Exemplare dieser Einladung, welche in der sächsischen Schulzeitung abgedruckt ist, beizulegen. So bald das Weitere über Zeit und Ort entschieden seyn wird, werde ich mir erlauben Ihnen auch dieß mitzutheilen.
Eben als ich diesen Brief schließen will empfange ich eine Mehrheit des Programm[es] für die 2te allgemeine sächsische Lehrerversammlung. Indem darinn, die Kindergärten in ihrer wahren Stelle als organisches Glied der allgemeinen deutschen Volkserziehung erscheinen und so in ihrem Wesen angegeben sind, so erlaube ich mir, wegen der Wichtigkeit dieser Thatsache zu Ihrem der Sache förderlichen Gebrauche auch ein Exemplar beizulegen.
Freuen würde es mich, wenn Sie, hochgeehrte Fräulein, sich recht bald veranlaßt sehen sollten mich mit einiger Nachricht von dem Erfolge Ihrer Bemühungen für Ausführung und Verbreitung zeitgemäßer früher Kindheitpflege in FamilienKindergärten und durch diese wieder in Familien, in gütigen Zeilen beehren wollten.
Mit pp

c) Abschrift

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Abschrift.

Keilhau b. Rudolstadt am 23 Jul 48. [48 eingekreist]

Hochgeehrte Fräulein!

Werden Sie mir wohl verzeihen schriftlich bei Ihnen einzusprechen?-
Doch die Gedanken, welche uns in den letzten Stunden meiner jüngsten Anwesen-
heit in Dresden so lebhaft beschäftigten, haben einen so tiefen Eindruck auf mich
gemacht, haben so wichtige, das Leben in seinem eigensten Wesen erfassende Ent-
wickelungen in mir hervorgerufen, daß ich mich gedrungen fühle dieselben in wei-
teren Mittheilungen mit Ihnen zu gestalten.- Es dünkt mich, wir müssen da-
bei als die erste große Thatsache der Gegenwart festhalten: - das Leben geht
täglich immer mehr in allen seinen Verhältnissen dem Zerfallen u. Auflösen
entgegen.- Die zweite große Thatsache, die sich unmittelbar daran anschließt ist die
der Natur und des großen Lebensganzen: - daß überall in der Natur und
im Leben wo sich Zerfallen und Auflösen zeigt, darinn neue Entwickelung
keimt, auch daraus bald dem, der nur Sinn und Auge dafür hat, in bestimm-
ter Gestalt emporsteigt; Jeder, welcher also die Zeit in ihren Erscheinungen
verstehen, erfassen und darin für die augenblicklichen, so wie für die blei-
benden Forderungen des Lebens das Beste ergreifen und pflegend beachten
will - und welcher vernünftige Mensch wollte dieß nicht - der muß vor
Allem seinen Sinn und sein Auge für die Erkennung und Anerkennung jener
Entfaltungen und Gestalten entwickeln; dann tritt ihm auch die dritte große,
ja für die Erfüllung des Berufes und der Bestimmung jedes Einzelnen wie jedes
Ganzen höchstwichtige Lebensthatsache entgegen, daß nirgends ein blinder Zufall, sondern
in Allem, durch eine liebend-leitende Vorsehung ein ewiges, sich in unzählige, doch
immer lebenvoll u. innig zusammenhängende Einzelgesetze entfaltendes, aber
in sich einiges Gesetz, u. so bis in die kleinsten Lebenserscheinungen herab, waltet.
Lassen Sie uns, geehrteste Frl., zunächst diese drei Hauptlebensthatsachen auch auf
unser - und ich glaube, eben durch jenes große Lebensgesetz hervorgerufenes Zu-
sammenfinden anwenden: - auch es hat seinen innersten Grund in dem, aus dem
jetzigen Zerfallen und Auflösen aller Lebensverhältnisse, nach ewigem Gesetze
sich entwickeln und gestalten sollenden, ja sich eben jetzt schon entwickelnden
Keime eines neuen Lebens zu höherem, reineren, fried- und freudvolleren
Daseyn. Die Fortentwickelung u. Pflege dieses neuen Lebenskeimes hängt
von den jetzt lebenden Menschen ab, wir gehören aber zu denselben; sie hängt
diese, zu schöner Gestaltung u. reiner Entfaltung führende Entwickelung, beson-
ders von den, an innerer und äußeren Lebenserfahrungen reichen, sich ihres mensch-
heitlichen Berufes klar bewußten, willens- u. thatkräftigen, jeder in sein[er] /
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Stellung und Weise thatfertigen Menschen ab; und wir dürfen uns in
reinster Bescheidenheit auch zu diesen rechnen.-
Wo es aber etwas zu entwickeln, zu pflegen giebt, da erfordert
es vor Allem des weiblichen Lebens und Sinnes, des weiblichen Gemüthes
und Handelns, das haben Sie uns ja selbst so schön durch Ihre lieblichen Dich-
tungen gelehrt.- Also an die Frauenwelt, an das Frauengemüth, vor
Allem die edle Frauenwelt, an das edle, sich seines Wesens, wie seines
hohen Berufes klar bewußte Frauengemüth müssen wir uns mit der
Bitte um Pflege und Gestaltung des sich jetzt so kräftig zu entwickeln stre-
benden Keimes des neuen Lebens, vertrauensvoll wenden.-
Hiernach war nun auch das Ergebniß der kurzen Zeit unserer Lebensmit-
theilungen, so wie die beiderseitige feste Überzeugung: - daß der Keim
zu neuem Lebensdaseyn in der, darum sich auch immer wieder erneuenden
"Kindheit" ruhe, aus ihr hervor Wurzel und Stamm treibe; deßhalb,
nicht nur überhaupt edles Frauen- und Jungfrauenwirken für ächte
Kindheitpflege zu einen, war das Ergebniß unseres Gedankens- und
Willensaustausches, sondern namentlich auch, die edlen, hoch- und
höchstgestellten Frauen für dieß, nicht nur menschenwürdige, son-
dern wirklich dringende Streben zu gewinnen, welche mit dem Willen
auch die Mittel, mit der Idee zugleich den Stoff und mit dem Streben zugleich
die Macht der Ausführung besitzen; doch vergessen wir dabei die gewal-
tige, sich in den ungeheuersten Ereignissen ausgesprochene Lehre der Zeit
nicht: - "daß das Haben und Nichthaben, das Besitzen und Nichtbesitzen von
all dem Genannten wirklich oft nur von dem Blick eines Auges, nur
von einem leisen Hauch des Mundes, einem Worte abhängt; daß es
gleichsam in der Hand eines Augenblickes ruht heut der Wohlthäter sei-
nes Volkes, ja der Menschheit zu seyn und morgen als der Verräther von
beidem angeklagt zu werden. Jeder, und vor Allem die jetzt noch lilien-
rein, ja in Engelklarheit dastehenden Frauenwelt, edle, hoch- und höchst-
gestellte Frauenwelt möge sich achtsam seyn, daß das verhängniß-
volle Wort "zu spät" nicht Trübung und Schatten auf diese hohe, hehre
Reinheit werfe.-
Möchten, o möchten dieß unsere Königinnen, Fürstinnen und
alle hochgestellten, einflußreichen Frauen doch ja bedenken; möch-
ten sie bedenken, was jetzt die liebend-leitende Vorsehung, die ewige
Vatergüte abermals zur Begründung von Familien- u. Völker- /
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Glück, zur Aussaat von Einzel- und Gesammtwohl durch die Einladung,
ja Aufforderung zu thatkräftiger Förderung erfolgreicher frühen
Kindheitpflege in Familien- und Kindergärten - in ihre Hand,
ja an ihr Herz legt; - damit durch sie, durch das so tief als wahr
empfindende weibliche Geschlecht unserm Volke, der Menschheit,
der Mit- und der Nachwelt noch gerettet werde, was denselben -
nachdem ihnen von dem männlichen Geschlechte so viel genommen
wurde - von des Lebens höchsten Gütern noch übrig ist.
Möchte es in dem großen Völkerhaushalte, ich möchte sagen in
der großen Menschheitsehe geschehen, was so oft in dem Familienhaus-
halte, in der wirklichen Ehe eintritt, und zum Heil und Besten des Gan-
zen geschehen muß, daß, wo Mannesleben, selbst Edles vernichtet,
es Frauenliebe von Neuem belebt, aufrichtet.-
Dieß h[och]g[eehrte] Frl: - Ihnen auszusprechen ist der eigentliche Zweck dieses Briefes
nebst dem - Ihnen für Ihr gütig mir geschenktes Vertrauen, dadurch zu-
gleich nochmals in meiner Weise zu danken, nur Vertrauen ist des
Vertrauens ächter Dank. Ich hätte denselben leicht an die Spitze des
Briefes setzen können; allein unwillkührlich [sc.: unwillkürlich] entwickeln sich mir auf
dem Papier die Ideen immer wieder von Neuem so, wie sie Anfangs
entstanden sind, was hinsichtlich ihrer innern Wahrheit auch wieder sein
Gutes, freilich für die lieben Briefleser wieder etwas Langweiliges
hat. Möchten Sie dasselbe nicht auch in dem Briefe bestätigt finden,
welchen ich mir erlaube hier beizufügen. Ich lege ihn eigentlich
ganz in in [2x] derselben Absicht hier bei, in welcher ich diesen Brief schrieb.
- Er bezieht sich auch auf die Wirklichkeit und ist aus derselben
gleich diesem hervorgegangen, nur daß er an eine Mehrheit edler
Frauen gerichtet ist, welche aber auch von dem Gedanken: - durch
Frauen- und Jungfraueneinigung für zeitgemäße entsprechen-
de Kindheitpflege und so wieder für häusliches Glück u. Volks-
wohl zu wirken - begeistert sind. Ich glaubte Ihnen h.g. Frl.
diesen Brief nicht vorenthalten zu dürfen; da Sie ja noch über-
dieß mit diesem schönen, hochachtbaren Frauenkreis, welcher
durch ein inniges Lebensband gleichsam auch nur Eine Person ist,
hinsichtlich Ihres kindheitpflegenden Sinnes auf der gleichen
Stufe unvergänglich seegensreichen Wirkens stehen; da jedoch
der Ideengang jenes Briefes ein anderer ist, so hoffe ich, daß /
[11R]
sie sich gegenseitig erläutern, ergänzen, wünsche es wenigstens
hinsichtlich des mir wichtigen Gedankens: - daß Ein einzig großes
Lebensgesetz, sich ins Unendliche stets im innigen Zusammenhange
individualisirend und entfaltend, in dem Menschheits- u. Lebens-
ganzen herrscht, daß wir uns bemühen müssen dieses, durch
Alles durchgreifende Gesetz zu erkennen und, so weit wir dies
im Stande sind mit Selbstwahl und Freiheit in unserm Leben in An-
wendung zu bringen, demselben nachzuleben. Dieses große,
allgemein durchgehende Lebensgesetz spricht sich wie überall, so be-
sonders in dem Verhältnisse der Geschlechter zu einander, darum
so rein und klar als einfach in der Familie, in dem Verhältniß
von Vater, Mutter und Kind aus. Daher ist die Pflege des Fa-
milienlebens besonders hochzuachten, ja heilig zu halten, denn
in ihm ruht und keimt das Wohl der Völker, das Heil der Menschheit.
- Dieser Gedanke, diese Überzeugung liegt darum auch den von
mir ins Leben gerufenen Kindergärten zum Grunde. Freunde
derselben haben mich aufgefordert eine öffentliche Prüfung derselben
durch angemessene praktische Vorführung ihres Wesens - möglich
zu machen und zu derselben öffentlich einzuladen.
Ich erlaube mir hier zu geneigtem Gebrauch Ihnen einige
Exemplare dieser Einladung, welche in der sächsischen Schulzeitung
abgedruckt ist, beizulegen. So bald das Weitere über Zeit u. Ort
entschieden seyn wird, werde ich mir erlauben Ihnen auch dieß mitzutheilen.
Eben, als ich diesen Brief schließen will empfange ich eine Anzahl
Programm[e] für die zweite allgem: sächsische Lehrerversammlung.
Indem darin die "Kindergärten" in ihrer wahren Stelle als orga-
nisches Glied der allgemeinen deutschen Volkserziehung erscheinen
und so in ihrem Wesen angegeben sind, so erlaube ich mir, wegen
der Wichtigkeit dieser Thatsache zu Ihrer [sc.: Ihrem] der Sache förderlichem
Gebrauche auch ein Exemplar beizulegen.-
Freuen würde es mich, wenn Sie hg. Frl. sich recht bald
veranlaßt sehen sollten mich mit einigen Nachrichten von dem
Erfolge Ihrer Bemühungen für Ausführung und Verbreitung
zeitgemäßer frühen Kindheitpflege in Kindergärten
und durch sie wieder in Familien - in gütigen Zeilen beehren wollten.
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