Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leiterinnen von Kindergärten v. 4.7.1848 (Keilhau)


F. an Leiterinnen von Kindergärten v. 4.7.1848 (Keilhau)
(BlM XVIII,3, Bl 48-49, 1 B 4° 3 S., korrigierte Reinschrift Luise Levins)

Rundschreiben
Friedrich Fröbels
an die Leiterinnen von Kindergärten
und
an, in diesem Geiste wirkende Erzieher und Volksschullehrer,
hervorgegangen
aus dessen Bildungsanstalten in Blankenburg u. Keilhau.
Ihr habt mir, meine lieben Töchter und Söhne, so darf ich Euch alle mit
Freudigkeit nennen, denn Ihr seyd es alle, jedes auf seine Weise und
treu im Geiste und Leben, Wort und That; Ihr habt mir zu großen Theil mehrfach
ausgesprochen, wie Ihr wünschtet durch eine jährliche Wiederkehr
gemeinsamer Berathung und gegenseitigen Erfahrungsaustausches
möchte sich unter uns ein immer innigeres Band zunächst zu geeinter
Kindererziehung und hernach zu entsprechender Mütterbildung
knüpfen. Es sprach sich dieser lebenswichtige Wunsch besonders
in den schönen Tagen aus, welche mehrere von uns im vorigen Jahre in Quetz
verlebten, als wir daselbst das Kinder- u. Jugendspielfest fey-
erten, veranlaßt durch den Jugend- und Volksfreund Pastor Hil-
denhagen
daselbst. - Schon dortmals trug ich die Hoffnung in mir, daß
uns dieser Wunsch in den nächsten, d.i. nun in diesen Tagen würde
erfüllt werden. Mit dem wachsenden Jahre wuchs auch, wie Ihr
wißt wirklich die Hoffnung dazu; doch wie es so häufig geschieht:
die Ergebniße der Zeit und dießmal die, so ungeahnet gewal-
tigen begruben, doch zu unserer Freude zernichteten sie unsere
Hoffnung nicht, im Gegentheil, in Nacht und Dunkel, durch Zerfallen
und Auflösen, - wie die deutsche Eiche aus ihnen Nahrung zieht,
stärkte auch sie sich, wuchs kräftig empor, um, als ein noch
schönerer Baum, als ein Baum der Wirklichkeit, ihre schatten-
blüthen- duft- und früchtereichen Kronen, wenn auch nur in etwas
anderer Art doch weiter auszubreiten. -
Beikommend empfanget Ihr nemlich eine Einladung zu einer Ver-
sammlung von Volkslehrern und Freunden deutscher Volkser-
ziehung besonders von Kindergärten
bei welcher es sich, wie Ihr
darin lesen werdet, in gewisser Hinsicht um eine Prüfung
derselben, ihrer Leistungen und Wirkungen handelt. Wie Ihr darum
bei dieser Versammlung hinsichtlich Eurer Wirksamkeit und deren
Anerkennung wesentlich betheiliget seyd, somit seyd Ihr denn aber /
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auch alle, als treue Mitarbeiter am Werke der neu zu begründenden
entwickelnd-erziehenden, deutschen Kinder- Jugend- und Volks-
bildung zur Theilnahme an dieser Versammlung eingeladen.
Da es sich nun aber, wie ich eben aussprach, vor allem hier um
Mittheilung der Erfahrungen, somit der Ergebnisse dieser Kinder-
und Jugendführungsweise handelt, so ergeht an Euch, Ihr geliebten
Söhne und Töchter, als Euer stets treugesinnter, geistiger Va-
ter der Vorschlag und Wunsch: daß Ihr nicht nur persönlich und mit
Eurem Geiste und ausgesprochen, im Worte bei der Versammlung
gegenwärtig seyn möchtet; sondern auch, wenn es Euch möglich
einmal mit der wichtigsten dieser Erfahrung[en] als Mittheilung auf
dem Papiere an unserer Versammlung Antheil nehmet, Ihr
könntet sie an eine kurze Geschichte des Entstehens und des Fort-
ganges Eures jetzigen Wirkungskreises, besonders nach Zahl,
Alter und Geschlecht der jetzt an demselben Antheil nehmenden
Kleinen knüpfen; und dann, mit einer kleinen Sammlung der
belehrendsten kleinen Handfertigkeiten Eurer kleinen Lieblinge,
wo möglich mit Angabe des Namens, des Alters und der Zeitdauer
der genossenen Pflege - bei unserer Versammlung erscheinet [sc.: erscheinen].
Die ersteren könnten vorgelesen oder später nach Umständen, bei
Drucke der Verhandlungen beigefügt, diese die Arbeiten, aber
in einem besonders dazu bestimmten Saale zur Prüfung aufgestellt
werden, damit sich dadurch der Geist und die Wirksamkeit der
Kindergärten klar herausstelle.
Da es aber vielleicht nicht Jedem von Euch durch die Umstände
vergönnt ist persönlich an dieser Versammlung Theil zu nehmen, es
Euch aber gewiß leid thun würde, durch Unvermeidliches gänz-
lich von dieser Vereinigung ausgeschlossen zu sein, so bitten wir
Euch: wenigstens durch eine kleine schriftliche Mittheilung Eurer
Erfahrungen, gesammelt in Eurer Kindergartenpflege und eben
so mindestens mit einer entsprechenden kleinen Sammlung unter-
richtender u, [in] das Wesen der Kindergärten und ihren Geist ein-
führenden Kinderarbeiten, mit den obenerwähnten Angaben
bei der Versammlung zu erscheinen. Es wäre dieß gewiß und
in vielen, kaum zu erschöpfenden Beziehungen höchst wichtig.-
Ich bitte also ein Jedes von Euch und sey es auch wirklich nur in /
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geringem Maaße diesen Wunsch zu erfüllen; es macht es ebenhier nicht
die Masse, sondern der Geist und die Kraft ist es, welche sich durch Bearbeitung
des Stoffes und sey es in noch so zarten kindlichen Keimen geoffenbart
hat - um welche es sich hier handelt.
So bald es mir selbst irgend möglich ist, werde ich Euch den bestimmten
Tag der Zusammenkunft selbst melden, oder Ihr werdet solchen aus öffentl
Blättern erfahren. Je früher Ihr mir aber vorläufig Eure persönli-
che Theilnahme oder Nichttheilnahme, die Sendung oder Nichtsendung von
Arbeiten oder Abhandlungen und schriftlichen Mittheilungen melden könnet
umso lieber ist es mir damit ich meine Einrichtung in Allgemeinen dar-
nach treffen auch Unterkommen für Euch auswählen könne. - Beson-
ders ist es mir lieb, wenn Ihr mir meldet ob Ihr neue Spiele mit-
bringen und solche und mit welcher Art von Kindern und wie mit vielen Ihr sie
ausführen wollet. Es wäre mir sehr lieb, wenn sich der Geist
auf diese Weise recht vielfach individualisirt, d.h. gleichsam als
besondere Wesen darstellen sollte.
Die Wahl so wie der Umfang des zu Sendenden bleibt Euch gänzlich
überlassen, allein das Gesandte möge, in soweit es auf diesen Stufen über-
haupt möglich ist, die Arbeit der Kinder allein seyn. Figuren, welche die
Kinder mit Stäbchen oder sonst gelegt haben, können durch Papier-
streifchen [Zeichnung] Papiergevierte [Zeichnung eines Quadrats] oder Dreiecke [Zeichnung von 4
  Dreiecken],
auf Papier anderer Farbe z.B. grau oder blau aufgekleistert oder
mit Oblaten befestigt werden. Nicht die Masse nur der Geist
macht es wie schon ausgesprochen; möge sich derselbe wenigstens
immer nach einer der drei Seiten menschlicher Bildung Gemüth, Geist
und ausübendes Leben - klar darin aussprechen.
So werden denn Eure Sendungen gewiß wesentlich zur Anerkennung
und Verbreitung der Kindergärten und ihres Kindheit, Familie
und Volk beglückenden Wesens beitragen.
Solchen unvergänglichen Seegen Euren Wirken wünschend und
der baldigen Erwiderung eines Jeden von Euch entgegen sehend
sage ich Euch ein herzliches Lebewohl - Lebewohl auf Wieder-
sehn.
Keilhau bei Rudolstadt am 4t Juli 1848.
FriedrichFröbel.