Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an August Blumröder in Marlishausen v. 3.9.1848 (Keilhau)


F. an August Blumröder in Marlishausen v. 3.9.1848 (Keilhau)
(Autograph nicht überliefert. Abschriften im BN, BlM und im KN. a) BN Anh. 17, Stück 1, Abschrift 1 B 8° 4 S., Handschrift unbekannt, b) BlM Abschr. F 1058/51, S.180-183, 1 B 8° 4 S. Handschrift Luise Levins, davon Fotofaksimile in BN Anh. 17, Stück 2, c) KN 57,5, 1 B 4 S., Handschrift unbekannt. Die Abschriften in BN und KN stimmen textlich überein [kategorisiert als Br. an „Pfarrer Blumenröder“] und dürften dem Brieforiginal nahe kommen. Die BlM-Abschrift hingegen strafft teilweise den Text ganz erheblich. Es wird hier a) der BN-Text und b) der BlM-Text wiedergegeben, auf die mit BlM textidentische KN-Abschrift hingegen verzichtet.)

a) Abschrift BN

 Abschrift.

Keilhau am 3. Sept. 48. ["48." *eingekreist*]

  Hochgeschätzter Freund!

Es hat mir recht leid gethan u. ich empfinde
in mir noch darüber Schmerz, daß wir in Rudol-
stadt am Ende der Verhandlungen so aus einan[-]
der gerissen worden sind, ohne daß wir uns vor-
her, die wir uns doch alle in Beziehung auf die Haupt-
sache unter einander verstanden u. so in unserm
Innern, wirklich geeint waren u. sind, noch ein-
mal friedig und freudig, so in und mit wahrer innerer
Gemüths- Geistes u. äußerer Lebensfreiheit zu-
sammenfanden, es würde dies höchst wohlthätig auf den
Einzelnen wie auf das Ganze eingewirkt haben;
ich hoffte u. ersehnte es am folgenden Sonntage auf un-
serer Wanderung oder vielmehr Fahrt nach Schwarzburg,
nach der Fasannerie u. Paulinzelle; allein nur wenige
waren es, welche sich noch dort zusammen fanden. Diese
friedige, freudige u. freie Geistes- Gemüths- u. Lebens-
einigung, die in uns allen, die wir uns in den
Tagen der Versammlung u. Verhandlung zu Rudolstadt, als
wahre Volkserzieher erkannt, ja innig geeint fühlten -
hervorblühete, diese innerste Lebenseinigung, so wenig
als sie in klarer abgeschlossener äußerer Gestalt, das
Ganze gleichsam mit duftigen u. einigender Kranz schmückend
hervortrat, zum ächten Schlusse des Ganzen auch äußer[-]
lich erschien; diese Geistes- u. Seeleneinigung werde un-
ter uns allen, die wir uns im Hochgefühl unseres Be-
rufes: - ["]Deutsche Volkserzieher" - nennen für unser
ganzes Leben fest gehalten. Was wollen wir denn
als wahre, ächte deutsche Volkserzieher?- Das Gute, Edle,
Wahre, Schöne, Große u. Erhabene was in der deutschen
Seele, dem deutschen Gemüthe, dem deutschen Geiste als
einen menschlichen lebt, u. was bisher theils nicht ge-
achtet, nicht bloß nicht geachtet, sondern verachtet, ja
sogar unterdrückt wurde; dieß beachtend u. pfle-
gend gleich wie die Sonne den Keim u. die Blüthe her- /
[1R]
vorzuziehen, eigentlich zu entwickeln d.h. durch ei-
gene, geweckte Selbstkraft aus dem Innersten hervor-
wachsend zu machen; dieß ist das uns alle Einende
wie den Landmann, den Kunst-, den Blumen-, u. den
Baumgärtner, alle ein Streben eint, das in Kern
u. Saamen Verborgenen nach jedes eigenen u. doch
ste[t]s allgemeinen, allen eigenen pflanzlichen Ge-
setze hervorkeimen, hervorwachsen, blühen und
fruchten zu lassen machen. In dieser innigen Geistes-
Lebens- u. Strebenseinigung komme ich denn nun auch
Sie in Ihrem gewöhnlichen Wirken wieder herzlich be-
grüßend zu Ihnen; in dem Kleinsten unseres
gewöhnlichen Geschäfts kann u. soll sich darum diese Gesinnung
kund thun; das ist ja eben das Große, Hohe, ne was
aber noch so Wenige verstehen wollen, das ist das Be-
glückende, Befriedigende, ja Beseligende der entwickeln-
den Erziehung, daß ich sie üben kann in allen Verhältnissen,
in jeder Form, ja in jedem Augenblicke, wenn ich die
scheinbar große u. doch so vielfache Kunst verstehe,
das Kleinste als Glied eines größeren, ja zuletzt
des größten Ganzen, der Lebenseinheit zu schauen,
wenn ich in der äußeren Gestalt das immer [KN und BlM: innere] unsichtbar
Waltende erkenne, genug, jedes Einzelne als ein Glied-
ganzes des großen Lebenseines erfasse.
In solchen Gesinnungen u. Streben lassen Sie uns
darum hochgeehrter Freund, ferner geeint sein. Solche
Gesinnungen, solches Streben, nur das ächte Erzieher-
leben u. Streben kann uns, kann die Unsrigen, kann
unser ganzes Volk u. jeden Einzelnen nur aus
den gegenwärtigen alles zu vernichten strebenden
Irren & Wirren des Lebens heraus zu führen u. leiten,
denn nichts geschiehet u. erscheinet, was nicht nach
ewigen, für unsern kleinen Kreis endlichen
Sehkreis, freilich nach großen colossalen Erziehungs-
d.h. Entwickelungsgesetzen der Natur wie des Lebens
u. Geistes überhaupt geschähe; dies ahnet schon der
Mensch als Kind, dies ahnet der Mensch auf der
ersten Stufe seiner Kindheitentwickelung, wenn
sein Auge den Blitz schauet, den Donner höret u.
den Friedensbogen sinnig beachtet. Diese Ahnungen
zu entwickeln, ich bedarf es Ihnen nicht erst aus-
zusprechen, das ist das Wesen, das ist das Geschäfte
u. Ziel des Kindergartens- der Kindergärten. /
[2]
Darum muß um unseres Volkes, ja um der Mensch-
heit u. um jedes Einzelnen Heil, Frieden, Freude
u. wahre Freiheit willen alles unser Streben als
ächte Volkserzieher nicht bloß, nein! als Menschheit-
erzieher, welche ihre Zeit, ihrem Beruf, ihre Stellung
in der Zeit verstehen - auf die Ausführung von Kin-
dergärten gerichtet sein. Nicht solche dem Menschen
wider seinen Willen, ja auch nur in der besten Absicht
von uns, von Außen aufzudrängen, nein! - wie
der Knabe das Mädchen gleichsam mißachtet, wohl
gar neckt u. spottet, der Jüngling aber es als Jung-
frau sucht u. der einsichtige, lebens- u. geisteser-
fahrne Mann sie als Gattin, als Pflegerin alles Hohen,
Edlen, Schönen u. Guten am häuslichen Herde u.
Familienleben einführt - so sollen wir in dem Men-
schen, in dem einfachsten Bauer u. Landmann das
Bedürfniß der Kindergärten oder der höheren d.h.
das Innerste entwickelnden Erziehung wecken u. es muß
uns dies gelingen. Gehen wir dabei, wenn wir
davor wie vor einem Felsen stehen, bei der Natur
in die Schule, wie sie durch Regen u. Sonnenschein,
Wasser, Wärme u. Kälte die Felsen zerprockelt zu
Staub, daß sie die schönsten Pflanzen [KN: Gewächse] aus ihr sich
entwickeln, wie die Sonne, die Wärme u. Feuchtig-
keit, die Steinfrucht z.B. den harten Pfirsischkern löset,
daß er den zartesten Keim zur einst rosigen
Blüthe [KN: u.] gewürzigen, gesundenden Frucht entwickeln,
gehen wir in die Schule beim Moosstäubchen, wel-
ches sich auf den glänzenden Bergkrystall eine Wurzel
eingräbt u. so diesen bald zum Beete eines schönen
Gartens macht.- Mein theurer Freund, was der me-
chanisch wirkenden Natur beim Felsen, Stein-
kern u. der Festgestalt möglich ist, das sollte dem sich
selbstbewußten Menschengeiste nicht in Beziehung
auf den zum Bewußtsein mit Verstand u.
Vernunft begabten Wesen Menschen, sei er auch
gleich einem harten Fels, ein stöckiger, starrer,
trotziger Bauer u. groben Klotz von Proletarier
nicht möglich sein?- Können, mögen wir
so schlecht von Menschen von menschlicher Kraft,
von der Geisteskraft des Menschen denken? Ich
kann es nicht!- Jeder sich auflösender Fels,
jedes Moosplätzchen, auf klarem blanken Fels /
[2R]
ist mir das Bild eines Kindergartens u. lehrt mich,
was ich in denselben soll u. kann, jedes gelbe, rothe,
graue Moosfleckchen auf schwarzer Baumrinde ist
mir ein Kindergarten - mögen die Eltern der
schwarzharten Rinde gleichen, neues Leben ent[-]
wickelt sich doch durch sie, höheres Leben wieder in
ihren Kindern.
So komme ich nun zu Middendorffs "des F. [BlM: Freundes] unser
allen [KN: aller] Buch, die "Kindergärten". Um zu erreichen,
was ich hier andeutete, machen Sie die Sonne, die
in diesem Buche scheint, die Wärme, die in ihm
herrscht in recht viele Gemüther, besonders ein-
fache Gemüther der Landleute, Männer u.
Frauen scheinen [KN: schauen]; sorgen wir dafür, daß diese Schrift
bis in die kleinste Hütte hin verbreitet werde,
wenigstens ihr Dasein und die einfachsten, von
einfachsten Gemüthe zu verstehen, Gedanken u.
Bestrebungen desselben. Suchen Sie, theurer Freund,
recht viele Freunde zu gewinnen, welche im ein-
fachen Localblatte davon Kunde geben; gerne sen-
de ich Ihnen zu diesem Endzwecke Exemplare, wie
viel Sie davon bedürfen, der Gedanke W's in Ru-
dolstädter Wochenblatte muß dabei leitend sein;
ich lege es bei. Nur durch die Erfüllung dieser
Forderung retten wir als ächte deutsche Volks-
u. Zeiterzieher unser Volk u. machen die Zeit
zur Gebärerin des Friedens, der Freude u. der
Freiheit, die wir Alle erstreben.
Stets
         Ihr
Fr. Fröbel.

b) Abschrift BlM

[180 = 233]
An den Pfarrer Blumenröder [sc.: Blumröder]
in Marlishausen b. Arnstadt.

Keilhau 3 Sept 1848.
Hochgeschätzter Freund!
Es war mir leid, daß wir in Rudolstadt am Ende
der Verhandlungen so rasch aus einander gerissen worden
sind, daß wir uns vorher, die wir uns in Beziehung auf die
Hauptsache unter einander verstanden und so im Innern wirklich
geeint waren uns nicht noch einmal friedig und freudig mit wahrer
Gemüths- Geistes und äußerer Lebensfreiheit zusammen fan-
den; es würde dies wohlthätig auf den Einzelnen einzelnen, wie auf das
Ganze ganze eingewirkt haben.
Diese friedige, freudige und freie Geistes- Gemüths- und
Lebenseinigung, die uns allen, die wir uns in den Tagen der Versammlung
in den Tagen in Rudolstadt als wahre Volkserzieher erkannten,
ja innig geeint fühlten - hervorblühete, diese innerste
Lebenseinigung, so wenig sie auch äußerlich als duftiger Kranz /
[181 = 234]
das Ganze schmückend auf ächte <lich erschien> hervortrat. Diese
Geistes[-] und Seeleneinigung werde unter uns Allen allen, die wir uns im
Hochgefühl unsers Berufes: - "Deutsche Volkserzieher" - nennen
für unser ganzes Leben festgehalten. Was wollen wir denn
als ä echte deutsche Volkserzieher?- Das Gute, Edle, Wahre,
Schöne, Große und Erhabene, was in der deutschen Seele, dem
deutschen Geiste als einen menschlichen lebt, und was bisher,
theils nicht geachtet ja sogar verachtet, unterdrückt wurde,
beachtend und pflegend hervorziehen; G gleich der Sonne
den Keim und die Blüthe hervorzuziehen, eigentlich zu ent-
wickeln; d.h. durch eigene, geweckte Selbstkraft aus dem
Inneren hervorwachsen lassen. Dies ist das uns Alle alle
Einende wie den Landmann, den Kunst-, den Gemüse-, den Baum-
gärtner alle ein Streben eint: das im Kern u. Samen Verbor-
gene, nach jedes eigenen und doch stets allgemeinen, allen eige-
nen Pflanzungen setzen, hervor keimen, wachsen, blühen und
fruchten zu machen. In dieser innigen Geistes- Lebens- und
Strebenseinigung kom[m]e ich, um Sie in Ihrem gewöhnlichen
Wirken wieder zu begrüßen. In dem Kleinsten unsers täg-
lichen Geschäfte kann und soll sich diese Gesinnung kund thun;
das ist das Große, Hohe, was aber noch so Wenige verstehen
wollen, das ist das Beglückende, Befriedigende, ja Beseligende
der entwickelnden Erziehung, daß ich sie üben kann in allen
Verhältnissen, in jeder Form, ja in jedem Augenblicke, wenn ich
die scheinbar große Kunst verstehe, das Kleinste als Glied
eines Größeren, ja zuletzt des größten Ganzen, der
Lebenseinheit zu schauen; wenn ich in der äußeren Gestalt
das innere unsichtbare Waltende erkenne, genug, jedes Ein-
zelne als ein Gliedganzes des großen Lebenseines erfasse.
In solchen Gesinnungen und Streben lassen Sie
uns darum, hochgeehrter Freund, ferner geeint sein, nur /
[182 = 235]
das ä echte Erzieherleben und Streben kann uns und unser ganzes Volk
aus dem gegenwärtigen, alles zu vernichten strebenden Irren
und Wirren des Lebens herr heraus führen und leiten; denn nichts
geschieht und erscheint, was nicht nach ewigen, für unsern kleinen
endlichen Sehkreis, freilich nach großen, ja kolossalen Entwick-
lungsgesätzen geschähe.
Dies ahnet schon der Mensch als Kind, dies ahnet der
Mensch auf der ersten Stufe seiner Kindheitentwickelung, wenn
sein Auge den Blitz schauet, den Donner hört und den Friedensbogen
sinnig beachtet; diese Ahnungen zu entwickeln ist die Auf-
gabe des Kindergartens. Darum muß, um unseres Volkes,
ja um der Menschheit und um jedes Einzelnen Heil, Friede,
Freude und wahrer Freiheit willen, all' unser Streben als ä echte
Volkserzieher, welche ihre Zeit und ihren Beruf in der Zeit
verstehen, auf die Ausführung von Kindergärten gerichtet
sein. Nicht solche dem Menschen wie wider seinen Willen aufd
von A außen aufdrängen, nein!- Wie der Knabe das Mädchen gleichsam miß-
achtet, wohl gar neckt, der Jüngling aber es sucht und der reife
einsichtige, geisteserfahrene Mann sie als Gattin als Pflegerin
alles Edlen, Schönen und Guten am häuslichen Herr Herde und
Familienleben einführt, so sollen wir in dem Menschen,
in dem einfachsten Landmann, das Bedürfniß Bedürfnis der Kindergärten
oder der höheren, das Innerste entwicklenden Erziehung, wecken, -
und es muß uns dies gelingen.
Wir stehen dabei wie vor einem Felsen. Doch gehen wir bei
der Natur in die < ? > Schule wie sie durch Regen und Sonnenschein Wasser,
Wärme, Kälte die Felsen zu Staub zerbröckelt, daß sie die
schönsten Gewächse aus sich entwicklen; wie die Sonne, die
Wärme und Feuchtigkeit, die Steinfrucht, z.B. den harten
Pfirsichkern löset, daß er den zartesten Keim zur einst
rosigen Blüth Blüte und gewürzigen, gesunden Frucht entwickle, /
[183 = 236]
Gehen gehen wir in die Schule beim Moosstäubchen, welches sich auf dem
glänzenden Bergkrystalle eine Wurzel eingräbt und so diesen bald
zum Beete eines schönen Garten[s] machte.
Mein th teurer Freund, was der mechanisch-wirkenden Natur beim
Felsen, Steinkern und der Festgestalt möglich ist, das sollte
dem bewußten, vernünftigen Menschengeiste nicht in Beziehung
auf den mit Vernunft begabten Menschen möglich sein,
sei er auch gleich einem harten Fels und festem Stamm?-
So schlecht können wir von von menschlicher Kraft, von der Geisteskraft
des Menschen, nicht denken. Jeder sich auflösende Fels, jedes
Moosplätzchen auf klarem blanken Fels, ist mir das Bild eines
Kindergartens und lehrt mich, was ich in demselben soll und kann,
jedes gelbe graue oder roth rote Moosfleckchen auf schwarzer Baum-
rinde ist mir ein Kindergarten; mögen die Eltern der schwar-
zen, harten Rinde gleichen: neues Leben entwickelt sich doch
durch sie, höheres Leben wieder in ihren Kindern.
So komme ich nun zu Middendorffs, des Freundes, unser aller Buch "Die Kinder-
gärten". Um zu erreichen, was ich hier andeute, machen Sie die
Sonne, die in diesem Buche scheint, die Wärme, die in ihm herrscht,
in recht vielen Gemüth Gemütern der Landleute, Männer und Frauen schauen;
sorgen wir dafür, daß diese Schrift bis in die kleinste Hütte hin
verbreitet werde, und die dem einfachsten Gemüth Gemüte verständlichen
Gedanken verbreitet werden. Sollten Sie zu diesem Zwecke
noch mehr Exemplare gebrauchen, so stehen sie zu Ihrer Verfügung.
Sorgen wir als ä echte deutsche Volkserzieher, daß
endlich die Zeit des Friedens, der Freude und der Freiheit
komme, welche wir A alle erstreben.
Stets
        Ihr

FrFröbel.