Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann von Arnswald in Eisenach v. 3.9.1848 (Keilhau)


F. an Hermann von Arnswald in Eisenach v. 3.9.1848 (Keilhau)
(BlM XVIII,2, Bl 34-37, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

Herrn Hauptmann Hermann v. Arnswald in Eisenach
Keilhau b. Rudolstadt 3/9 48. [*Jahreszahl eingekreist*]

Geliebter, theurer Hermann.

Deine letzteren brieflichen Mittheilungen und besonders die Tage-
blätter gäben mir wohl sehr reichen Stoff zur Beantwortung
allein ich muß die Aufforderung dazu jetzt in mich zurück drängen
weil die Zeit mir dazu mangelt und ich mich getrieben fühle
diese wenige Zeit zu einiger Nachricht von unserer Versammlung
und Verhandlung besonders aber zum aussprechen dessen zu
benutzen was mir jetzt ganz vor allem wichtig dünkt: - zu einem
Blick in die Forderung unseres Familien- unseres Volkslebens
ich meine in die Familien der Masse des Volkes.
Unsere Versammlung war ziemlich zahlreich besucht, be-
sonders wenn man annimmt, daß in vielen angrenzenden
Ländern im Weimarschen, Coburgschen, ja selbst im Königl.
Sächsischen, und, irre ich nicht auch im Preußischen die Sommer-
oder sogenannten Hundstagsferien schon zu Ende, also viele
durch ihre erst kürzlich wieder begonnene Thätigkeit abgehal-
ten waren die Versammlung zu besuchen. Nach den vorliegen-
den Verzeichnissen u.s.w. betrug die Anzahl der an den Ver-
handlungen stimmberechtigten Theilnehmer: Volkslehrer u
Erzieher, Freunden der Erziehung, erziehende Frauen und Kinder-
gärtnerinnen ohngefähr 300. Auch das weibliche Gemüth mach-
te seine Rechte geltend: eine Frau, eine Erzieherin aus Hamburg
sprach und eine Jungfrau eine Erzieherin aus Dresden, letzte-
re mit ganz besonderer Ruhe und Klarheit wiederkehrend, eine
dritte gab ihren Antrag schriftlich ein. Viele Frauen u Mütter
Rudolstadts haben gleichfalls an den sehr würdevoll gehalte-
nen obgleich mit heftigsten Kampfe geführten Verhandlungen
Antheil genommen, und zwar nicht ohne wenigstens bis jetzt
bleibenden Erfolg, denn mehrere derselben sind sogleich zu-
sammengetreten um sich selbst zuerst zur Ausführung d.h.
Überwachung eines Kindergartens in Rudolstadt vor- und /
[34R]
auszubilden. Rudolstadts und der Umgebung Lehrer,
[waren] bisher, wenn ich nicht mehr sagen will, mindestens ver-
einzelt für Erfassung und Darlebung der Lehre und des Un-
terrichtes als Erziehung wenigstens zum großen Theil un-
thätig und für Erfassung und Zusammenfassung des
ganzen Erziehungs- und Schulwesens zu und in einer in
sich einigen Volkserziehung weithin ganz unempfänglich
diese siehest Du wie einen Mann zu Stadt und Land, aus
den Gelehrten[-], den Bürger- und den Landschulen, und
selbst aus benachbarten anderen Herren Länder (wie
d. d[ie] Ztg sagt) sich zu einem Lehrer[-] und Erzieherverein nicht
nur zusammen schaaren sondern sogar nicht nur einen
festen Punkt suchend, sondern in der Beachtung des früheren
Kindheitleben und dessen Forderung mit Bestimmtheit hinstel-
len um von diesem festen und sicheren Punkte aus das
Ganze Erziehungs- und Unterrichtswesen des Volkes als
eines in sich Einigen auch als einen frischen gesunden Lebens[-]
baum zu entwickeln. Ist dieß nicht ein herrliches Ergebniß
einer einzigen Versammlung von der ich als ich Pfingsten
bei Dir war nur erst den noch wenig ausgebildeten Ge-
danken in mir trug zu dessen Verwirklichung minde-
stens erst noch Wüsten zu durchwandern waren; doch dieß
ist sind nicht die einzigen Früchte. Nächsten Mittwoch den 6. 7br
wird eine noch größere und allgemeinere Schwarzbur-
gische Lehrerversammlung in Petitionsangelegenheiten hin[-]
sichtlich des Volkslehr- und Erziehungswesens unseres engeren
Heimatlandes im Schwarzburgerhof vulgo Chrysopras
(Goldstein) nächst Blankenburg statt finden; auch hier soll
wieder wie die Berathungen öffentlich sind, so Jeder, welcher
für Erziehungs- und Lehr- besonders Volkserziehungs- und
Schulwesen ein Herz und Sinn hat an der Versammlung
Antheil nehmen. Auch für hier ist schon wieder bestimmt,
daß der Satz: in der richtigen Beachtung des frühesten und
frühen Kindheitlebens liegt der Keim ächter Erziehung, respekt[ive]
/
[35]
Unterrichts, die Grundlage der Besprechung über das Wesen und Form
der Volkserziehung, des Volksunterrichtes und seines
innern organischen Zusammenhanges, wie seiner geist-
und lebenvollen Gliederung ausmachen soll. Auch hier[-]
von hoffe ich Dir das Ergebniß seiner Zeit gedruckt mit-
theilen zu können, wie ich es in bekommenden [sc.: beykommenden ?] kleinen
Blättchen in Beziehung auf die Rudolstädter Versamm-
lung thue.
Da nun Deine Eisenacher Sonntags Zeitung unsere Einla-
dung und Bekanntmachung aufgenommen hat, so wür-
de es mich um der Sache willen gar sehr erfreuen, wenn
sie nun auch so freundlich seyn und auch dieses Endergeb-
niß
unserer Berathung auf Dein Ersuchen vielleicht
wenn es nöthig mit meinem und unserm des ganzen Co-
mite's Gruß - in ihre Spalten aufnehmen wollte.-
Doch durch dieß habe ich noch keinesweges die Folgen und
Früchte unserer Versammlung erschöpft.- Ich behaupte
es ist die erste wo Männer aus den verschiedensten
Einzelnländern und Ländchen sich in, ich glaube sagen [zu] dürfen
nicht etwa blos harmloser, sondern in wirklicher und
tiefgefühlter Überzeugungseintracht als Deutsche, als
sich gegenseitig achtende und liebende deutsche Männer
Brüder Frauen und Schwestern, auch - nach dem heiße-
sten Überzeugungskampf wo alles schwankend auf der
Spitze stand - doch am Ende ohne die leiseste Trübung
selbst im Verborgensten des Herzens in Liebe und
Ein[i]gung zusammen fanden. Nun Du hast wohl die Dank-
sagung von dem Wortführer der Versammlung Dr Lommer
aus Salzungen in der Dorfzeitung vom Gestrigen (den 2en 
Septbr) oder in dem jüngsten Rudolstädter Wochen-
blatte (ich glaube vom gleichen Datum oder vom 4 Septbr[)]
gelesen. Aus dieser Danksagung wird Dir das rein
menschliche, ächt deutschsinnige brüderliche Zusammenleben
und so die Einigung zwischen dem Bürger und dem Erzieher
und Lehrer seiner Kinder hervorgehen. Das Bewußt- /
[35R]
seyn in mir diesen Tag und diese Tage in unserem schö-
nen Schillerthale hervorgerufen zu haben, im rein-
sten menschlichen Vertrauen auf die gute und wahre
wie gerechte Sache der Kindheit - ohne die mindeste
vorgesuchte Stütze - hervorgerufen zu haben, dieses Be[-]
wußtseyn ist mir die schönste Blüthe meines bis[-]
herigen Lebens. Und - wie vieles knüpft sich noch daran
an durch Verbindungen nach allen Richtungen, - wie vieles
keimt und knospet noch daraus hervor was alles erst
im Werden in der Entwickelung begriffen ist. So z.B.
hat es mir - wie denn all unsere ehrwürdigen und hoch-
achtungswerthen fürstlichen Frauen durch Nachfrage und
Erkundigung bis in das Kleinste für den regsten wie
wärmsten Antheil an dem Ganzen der Verhandlungen
genommen haben - so hat es mir, als ich vor wenig Tagen
zufällig Abends spät in den Schloßgarten kam, noch
spät am Abend eine Zusammenkunft und eine nur dem Ge[-]
genstande der frühesten Kindererziehung betreffende Be[-]
sprechung mit der verwittw: Frau Erbgroßherzogin
von Mecklenburg
herbei geführt.- Wäre das Leben dieser
edlen, wirklich ehrwürdigen fürstlichen Frauen nicht so viel[-]
seitig und tief gebrochen, wären ihre Mittel nicht so ge-
waltig beschränkt so glaube ich würden Sie [sc.: sie] jetzt wohl für
eine Sache mit Ernst und Hingabe wirken, welche sie frü-
her wenigstens nicht von solcher durchgreifenden wie
so weithin wirkenden Wichtigkeit erkannten.-
Die Frau Erbgroßh[erzo]g[in] ist jetzt wieder nach Eisenach. Sieht
Deine liebe Schwester dieselbe wohl in der Zeit ihres dasigen
Aufenthaltes?- Ich wünschte es, wie ich wünschte, daß
dann auch der Gegenstand früher Kinderpflege und nament-
lich der Kindergärten zwischen ihnen zur Sprache käme.
Wie ich überhaupt wünschte daß Ihr beide, besonders Deine
treffliche, geist- und gemüthvolle Schwester Marie
Zeugin aller dieser Tage gewesen wäre, gewiß den Gedanken
und das Streben, wie den Willen und die Kraft einen Kindergarten
ins Leben zu rufen würde sie nicht haben zurück drängen können. /
[36]
Um Dir und Deiner Theilnahme, lieber Hermann aber
auch zu zeigen, wie ich nach andern Seiten hin und zwar
mit denen über die Sache denke und spreche, welche nicht
nur die Versammlungen und Verhandlungen theilten, son-
dern in denselben auf das entschiedenste und kräftigste
mitkämpften, erlaube ich mir Dir angeschlossen die Ab-
schrift eines Briefes mitzutheilen, welchen ich eben vor
dem Deinen, an einen der Hauptkämpfer für die Sache
der Kindergärten und zwar in der Gründlichkeit, Allsei-
tigkeit und Reinheit wie ich solche in mir trage - schrieb.
- Die Sache, das Ganze muß jetzt mit allem Ernst und Ei-
fer betrieben und gefördert werden, jetzt wo sie im
Keimen, ja vielleicht da und dort schon im Wachsen und
Grünen, vielleicht da oder sch dort schon im Blühen ist itzt
muß sie gepflegt, behackt, d.h. der Boden um sie her auf[-]
gelockert, gedüngt, begossen überhaupt genährt werde[n,]
damit nicht, wie der Landmann bei trocknem Wetter
von seinem Getreide sagt: Die Ähre wegen Mangel an
Nahrung im Halm stecken bleiben. Darum meine ich
ganz ernstlich auch Du mußt die Feder für die Sache ergrei[-]
fen, jetzt kommen für Dich gewiß einige Tage der Ruhe[.]
Stoff giebt Dir deine liebe Marie und Deine Vaterschaft
soviel und so trefflichen daß Du ihn gar nicht allen bewäl-
tigen kannst; Alle Theilnehmer verlangen aber nach
Mittheilungen und Belehrungen über die Sache, besonders
in vielgelesenen Localblättern z.B. dem Allgem. Anz. d[.] D[.]
besonders auch in der jetzt in Hildburghausen herauskommenden
trefflichen "Volksleuchte" - ein ächt belehrendes Volksblatt.
Oder auch nur in Eurer Sonntagszeitung oder in einem sonst
tüchtigen Sprechsaal für das doch gar nicht unbedeutende
waimarsche Land, oder auch in jedem anderen wackern Blatte.
- Doch was wirst Du von mir denken und sagen; ich komme
auch mit einer ganz anderen Bitte zu Dir und Dein ganzes
geehrtes Haus: - Auf den 29n u 30' dieses Monats ist
eine noch größere Lehrer[-] und Erzieherversammlung wieder /
[36R]
wie ich höre, selbst aber noch nicht gelesen habe, nach Eurem
freundlichen Eisenach ausgeschrieben. Es ist mir fast ban-
ge daß diese liebe Stadt, wegen ihrer entgegenkommenden
Gastfreundlichkeit schon wieder in Anspruch genommen
wird; wer kann es nun aber ändern, es ist nun ein-
mal so; hält man es nun für nothwendig, ja Pflicht
daß man diese Versammlung auch besuche, so muß ein
Mensch wie ich, welcher schon die vorige Versammlung bei Euch
besuchte fast unbescheiden seyn und fragen: - Darf ich
denn aber auch zu dieser Lehrerversammlung wiederkommen?
und darf ich wieder bei Euch einsprechen?- Ich weiß nun
freilich gar nicht, unter welchen Verhältnissen die Lehrer
nach Eisenach kommen und unter welchen sie aufgenom-
men werden, allein für mich möchte ich wohl Eure
Gastfreundschaft wieder [in] Anspruch nehmen; besonders
wenn Ihr jedenfalls einen oder einige der Lehrer gastfreund[-]
lich bei Euch aufnähmet. Ja im letzteren Fall möchte
ich sogar so unbescheiden seyn zu bitten, daß, wenn
Ihr doch jedenfalls einen zweiten Lehrer zu Euch bekä[-]
met und Ihr diesen Platz nicht schon für einen Eurer
Bekannten bestimmt ha[b]t, denselben gütigst für einen
jungen Mann aus Dänemark zu reserviren, welcher
das was ihm sein Studienaufenthalt in den letzteren Jahren
zu Berlin gab, jetzt seit einem Halbjahr hier verarbeitet
und sich besonders mit Volkserhebung durch Volkserziehung
und Bildung beschäftigend, auch meine Erziehungsansicht
und Weise, wie Mittel in Beziehung darauf prüfend kennen
zu lernen sucht. Jedoch sprach und spreche ich diese Bitte nur
auf den einzigen Fall aus wenn Eure Güte sich so schon
auf zwei Personen erstrecken würde, nehme solche aber
sogleich zurück, wenn Ihr höchstens für einen Mann in
Anspruch genommen werden sollte[t]. <Selzers> und Andere
haben sich schon früher zu freundlicher Aufnahme erboten,
darum bitte ich Dich und Euch daß Ihr mir offen sagt, wenn
die Erfüllung meiner Bitten, selbst in Beziehung auf mich, Euch unbequem
 /
[37]
wäre.
Schon bei meiner jüngsten Anwesenheit bei Euch er-
wähnte ich eine Schrift - "Die Kindergärten" welche
von Middendorff unter der Feder wäre, als ein Er-
gebniß unserer beiderseitigen Erfahrungen und gegen-
seitigen Mittheilungen wie gemeinsamen Besprechung
dieses Gegenstandes.- Eben zum Schluß der mehrgedachten
Versammlung hat diese Schrift die Presse verlassen.
Ich erlaube mir Dir und Euch ein Exemplar derselben
bekommend [sc.: beykommend ?] zu übersenden, mit der Bitte, S sie zu einem
Gegenstande doppelter Lectüre für Dich und Euch zu machen;
einmal wünschte ich, daß Du ihr wiederkehrend und zwar
Deine recht ernste, prüfende Aufmerksamkeit schenktest;
dann aber auch daß Ihr solche alle gemeinsam, also Du sel-
bige mit Deinem verehrten Frauenkreise gemeinsam zur
Unterhaltung und ich glaube auch zur Klärung des Urtheils
und der Einsicht in diesen Gegenstand läset. Nach mei-
nem Dafürhalten wird Euch die Schrift hinsichtlich der
Art der Behandlung und des Geistes derselben befriedigen;
Willst Du das Schriftchen durch Euer Sonntagsblatt
oder durch den allgemeinen Anz: d. D. oder sonst durch
ein Dir dazu schicklich erscheinendes Blatt in ein größeres
Publikum einführen, so soll es mich freuen. Ich glau-
be besonders, daß das Schriftchen dazu vielseitig ent-
sprechende Auszüge gestattet und wir geben gern,
indem es sich uns eben um die allgemeinere Bekannt-
machung und Besprechung des Gegenstandes handelt, die
Erlaubniß dazu. Solltest Du zur Erfüllung Muße und
Neigung haben, so würde es mich freuen, davon in E Kennt-
niß gesetzt zu werden.
Einen herzlichen Gruß und Kuß Deinem lieben Töchterlein[.]
Herzliche Grüße den verehrten Frauen Deines ganzen
lieben Familienkreises, wie Deinem verehrten Schwager
und Bruder. Freuen wird sich recht bald wieder erfreu[-]
liche Kunde von Dir und Euch zu Erhalten Dein
FriedrichFröbel

[37R]
Vergessen habe ich noch Dir mitzutheilen, daß heute
sogar bei Gelegenheit der Fahnenweihe der Wehrmann-
schaft unseres Pfarrspieles und Thales von einem Land-
mann in einer ganz selbst aus sich geschaffenen Rede
die Wichtigkeit der Volkserziehung zur Erringung ächter
Volksthümlichen Bildung, sondern sogar die Wichtigkeit
der Kindererziehung vor der Schulpflichtigkeit und zwar
in der von mir angebahnten Weise der Kindergärten
aussprach [sc.: ausgesprochen wurde]. Ich gestehe daß ich darüber ganz erstaunt
war, also bis zum einfachen Landmann herab ist
doch nun schon die Anerkennung der Wichtigkeit unserer
und meiner erziehenden Bestrebungen gedrungen. So
wird sie nun doch auch überhaupt endlich im Volke und
sey es auch nur zunächst in den der Einsicht und dem Geiste
nach überlegenen Städten Wurzel schlagen.-
Von dem speziellen Gange unserer Verhandlungen
wird Dir hoffentlich Dr Mai, welchen ich noch besonders
darum gebeten habe - Kunde gegeben haben.-
DO.